Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

22. Bi - Die Anmut

Kernzeichen:Dschen und Kan
Die Herren des Zeichens sind die Sechs auf zweitem Platz und die obere Neun. Auf sie bezieht es sich, wenn es im Kommentar zur Entscheidung heißt: Das Weiche kommt und formt das Feste, das Feste steigt empor und formt das Weiche.
Die Reihenfolge
Die Dinge dürfen sich nicht ohne weiteres rücksichtslos vereinigen, darum folgt darauf das Zeichen: die Anmut. Anmut ist soviel wie Zierde.
Vermischte Zeichen
Anmut bedeutet Ungefärbtheit.
Die höchste Anmut besteht nicht in äußerer Verzierung, sondern im Hervortreten des ursprünglichen Materials, das durch Gestaltung verschönert wird. Das obere Zeichen Gen, Berg, hat die Tendenz des Stillehaltens. Von unten flackert das Feuer empor und beleuchtet den Berg. Diese Bewegung wird verstärkt durch das Kernzeichen Dschen, dessen Bewegungsrichtung ebenfalls nach oben geht, während das ruhig Lastende des Berges durch das untere Kernzeichen Kan in eine fallende Bewegung übergeleitet wird. So zeigt die innere Struktur des Zeichens zwar einen harmonischen Ausgleich der Bewegung, ohne jedoch nach einer Seite hin einen Kräfteüberschuß zu ergeben. Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Anmut hat Gelingen.
Im Kleinen ist es fördernd, etwas zu unternehmen.
Kommentar zur Entscheidung
Anmut hat Gelingen. Das Weiche kommt und formt das Feste, darum: Gelingen. Ein abgelöstes Festes steigt empor und formt das Weiche, darum: Im Kleinen ist es fördernd, etwas zu unternehmen. Das ist die Form des Himmels. Formvoll, klar und ruhig: das ist die Form der Menschen. Wenn man die Form des Himmels betrachtet, so kann man daraus die Veränderung der Zeiten erforschen. Wenn man die Formen der Menschen betrachtet, so kann man die Welt gestalten.
Der Text des Kommentars scheint nicht ganz intakt zu sein. Namentlich scheint vor Das ist die Form des Himmels ein Satz zu fehlen. Wang Bi sagt: Das Feste und Weiche verbindet sich abwechselnd und bildet Formen; das ist die Form des Himmels. Man nahm das als den ursprünglichen, jetzt fehlenden Text, doch widerspricht dem Mau Ki Ling und sieht darin nur eine Erklärung des vorangehenden Satzes. Sachlich muß aber doch irgend etwas Derartiges vorausgesetzt werden.
Das Weiche, das kommt, ist die Sechs auf zweitem Platz. Sie stellt sich zwischen die beiden festen Striche und gibt ihnen Gelingen, gibt ihnen Form. Das Starke, das sich ablöst, ist die obere Neun; sie stellt sich an die Spitze der beiden oberen weichen Linien und gibt ihnen die Möglichkeit zur Verwirklichung der Form. In allen Fällen ist das Yangprinzip der Gehalt und das Yinprinzip die Form. Aber während im ersten Fall direkt die Yinlinie die Form gibt und daher Gelingen bewirkt, gibt die nach oben gehende Yanglinie nur indirekt durch Verleihung des Gehalts das Material, an dem sich die sonst leere Form der Yinlinien auswirken kann. Darum ist die Wirkung davon, daß es für das Kleine fördernd ist, etwas zu unternehmen.
Die Form des Himmels ist symbolisiert durch die vier konstituierenden Figuren des Zeichens: die untere Figur Li ist die Sonne, das untere Kernzeichen Kan ist der Mond, das obere Kernzeichen Dschen repräsentiert durch seine Bewegung den großen Bären, die obere Figur Gen durch ihre Ruhe die Sternbilder. Wenn man die Drehung des großen Bären betrachtet, so weiß man den Gang des Jahres, durch Betrachtung des Laufs der Sonne und der Phasen des Mondes erkennt man die Tages- und Monatszeiten.
Die Form des Menschenlebens ergibt sich aus den klaren (Li) und festen (Gen) Regeln der Sitte, in denen das Lichte der Liebe und das Schattige der Gerechtigkeit die Kombinationen von Gehalt und Form bilden. Auch hier ist die Liebe der Gehalt und die Gerechtigkeit die Form.
Das Bild
Unten am Berg ist das Feuer: das Bild der Anmut.
So verfährt der Edle bei der Klarstellung
der laufenden Angelegenheiten,
aber er wagt es nicht, danach große Streitfragen zu entscheiden.
Das Zeichen ist das vorige in seiner umgekehrten Gestalt. Dort war Helligkeit und Bewegung. Die deuteten auf rasche Erledigung der Strafen nach klar erkannten Gesetzen. Hier ist außen Stillstand, innen Klarheit. Das ist eine theoretische, nicht eine praktische Geistesverfassung. Darum genügt dieser Zustand zwar für die Anwendung der festen Regeln laufender Geschäfte, aber nicht, um Außergewöhnliches zu unternehmen. Der eine der Herren des Zeichens ist zu schwach, der andre zu weit außerhalb, als daß sie aktiv eingreifen könnten.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Macht seine Zehen anmutig, verläßt den Wagen und geht.
  2. Er verläßt den Wagen und geht;
    denn es entspricht der Pflicht, nicht zu fahren.

Der Strich als unterster entspricht den Zehen. Das Kernzeichen Kan bedeutet einen Wagen. Er ist aber unterhalb dieses Kernzeichens, darum fährt er nicht. Die Sechs auf zweitem Platz ist der Herr des Zeichens; die Anfangsneun ist in keiner Beziehung zu ihm, so daß es ihr nicht zukommt, zu fahren. Andererseits besitzt sie genügend innere Stärke als Yangstrich, um sich in das damit gegebene Los zu finden.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Macht seinen Kinnbart anmutig.
  2. Macht seinen Kinnbart anmutig;
    das heißt, er steigt mit dem Oberen auf.

Der dritte Strich ist das Kinn, der zweite ist diesem gleichsam nur zugefügt; die Aufwärtsbewegung, die Anmut hervorruft, erfolgt nun mit diesem Oberen zusammen. Das Weiche kann das Starke zieren, ihm aber nichts Selbständiges beifügen. — Dieser Strich ist nur im Zeichen als Ganzem von Bedeutung, als einzelner ist er nicht besonders wichtig.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Anmutig und feucht.
    Dauernde Beharrlichkeit bringt Heil.
  2. Das Heil dauernder Beharrlichkeit ist endgültig nicht zu beschämen.

Die Neun auf drittem Platz hat Gehalt durch ihre Stärke und den entsprechenden Platz, die Sechs auf zweitem Platz steht im Verhältnis des Zusammenhaltens und ziert, daher Anmut. Das Kernzeichen, in dessen Mitte der Strich steht, ist Kan, das Wasser, daher Feuchtigkeit. Feuchtigkeit ist höchste Anmut, wie der Strich auch auf der Spitze der Figur Li, Klarheit, steht. Aber da er andererseits mitten im Kernzeichen Kan, das auch Abgrund bedeutet, steht, liegt die Gefahr des Versinkens nahe. Daher das Lob dauernder Beharrlichkeit als Schutz gegen diese Gefahr.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Anmut oder Einfachheit?
    Ein weißes Pferd kommt wie geflogen:
    Nicht Räuber er ist, will freien zur Frist.
  2. Die Sechs auf viertem Platz ist ihrem Platz entsprechend im Zweifel.
    Nicht Räuber er ist, will freien zur Frist.
    Schließlich bleibt man frei von Makel.

Die Sechs auf viertem Platz ist außerhalb der unteren, zu Beginn der oberen Figur; daher entsteht bei der Schwäche des Strichs eine gewisse Unsicherheit. Die wird gelöst durch den herbeieilenden Anfangsstrich, zu dem das Verhältnis der Entsprechung vorhanden ist. Das Zeichen Dschen bedeutet ein weißes Pferd, daher wird er unter diesem Bild gesehen. Weiß ist die Farbe der Einfachheit. An sich ist die Absicht des Kommenden nicht klar, da die schwache Sechs auf viertem Platz auf dem Gipfel des Kernzeichens der Gefahr steht. Doch ist nichts zu befürchten, da die innere Beziehung zu dem Ankommenden überwiegt. Er hilft, die Gefahr übertriebener Anmut abzuwenden und zur Einfachheit zurückzukehren.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Anmut in Hügeln und Gärten.
    Das Seidenbündel ist ärmlich und klein.
    Beschämung, doch schließlich Heil.
  2. Das Heil der Sechs auf fünftem Platz hat Freude.

Das obere Zeichen Gen bedeutet einen Berghügel, das Kernzeichen Dschen bedeutet ein Gehölz. Durch Veränderung des Strichs entsteht Sun, das Seidenbündel bedeutet. Der fünfte Platz ist eigentlich auf den zweiten angewiesen. Aber mit dem dortigen Strich, der ebenfalls schwach ist, besteht keine Beziehung. Daher der Anschluß an den starken oberen Strich, dem man sich anschließt, um mit ihm Anmut zu genießen.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Schlichte Anmut.
    Kein Makel.
  2. Schlichte Anmut. Kein Makel. Der Obere erlangt seinen Willen.

Der obere Strich steht außerhalb, auf der Höhe des Zeichens Berg. Seine starke Natur läßt ihn auf allen Schmuck verzichten. Das schlichte Weiß ist es, das er wählt. Indem die Sechs auf fünftem Platz sich ihm anschließt, gelingt es ihm, seinen Willen zur Einfachheit durchzuführen.

Anmerkung:
In dem Zeichen kommen die Beziehungen des Entsprechens und Zusammenhaltens vor. So stehen Sechs auf viertem Platz und Anfangsneun im Verhältnis des Entsprechens, die Anfangsneun verläßt den Wagen und geht hin, und die Sechs auf viertem Platz sieht sie als Flügelpferd herankommen. Die zweite Linie steht zu der dritten in der Beziehung des Zusammenhaltens, ebenso die fünfte zu der oberen. Auf diese Weise sind die einzelnen Striche alle irgendwie in Beziehung, und zwar ist es immer ein fester und ein weicher, durch deren gegenseitige Beziehung die Anmut hervorgebracht wird. Zu beachten ist auch die Tendenz, die durch das ganze Zeichen geht, dem Überwiegen der Form durch den Gehalt entgegenzutreten.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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