Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

23. Bo - Die Zersplitterung

Kernzeichen:Kun und Kun
Der Herr des Zeichens ist die obere Neun. Obwohl das Schattige das Licht zersplittert, läßt sich das Lichte doch nicht vollkommen zersplittern, darum ist es der Herr des Zeichens.
Die Reihenfolge
Wenn man die Zierde zu weit treibt, dann erschöpft sich das Gelingen. Darum folgt darauf das Zeichen: die Zersplitterung. Zersplitterung bedeutet Zerfall.
Vermischte Zeichen
Zersplitterung bedeutet Verwesung.
Der Gedanke, mit dem des nächsten Zeichens zusammengenommen, zeigt den Zusammenhang zwischen Verwesung und Auferstehung. Die Frucht muß verwesen, ehe der neue Keim sich entwickeln kann.
Die sinkende Tendenz des Zeichens ist sehr stark. Beide Kernzeichen sowie das untere Halbzeichen sind Kun, dessen Bewegung abwärts geht. Demgegenüber steht das obere Halbzeichen, Gen, bewegungslos stille. Dadurch entsteht eine Lockerung der Struktur. Nimmt man die Tendenz der fünf Yinstriche, so bringen sie das obere Yang dadurch zu Fall, daß sie sich nach unten senken und ihm so den Boden entziehen. Auch hier ist die Grundtendenz des Buchs der Wandlungen zum Ausdruck gebracht darin, daß das Lichte als unbesiegbar dargestellt wird, indem es im Fall neues Leben erzeugt wie das in die Erde sinkende Weizenkorn.
Das Urteil
Die Zersplitterung. Nicht fördernd ist es, wohin zu gehen.
Kommentar zur Entscheidung
Die Zersplitterung bedeutet Zerfall. Das Weiche verändert das Feste.
Nicht fördernd ist es, wohin zu gehen: die Gemeinen wachsen.
Hingebung und Stillestehen ist die Folge der Betrachtung des Bildes. Der Edle achtet auf den Wechsel von Abnahme und Zunahme, Fülle und Leere; denn es ist der Lauf des Himmels.
Das Weiche verändert das Starke durch unmerkliche allmähliche Einwirkung. Die Yinstriche sind im Begriff, sich zu mehren. Daraus ergibt sich die aus den einzelnen Zeichen erfolgende Haltung des Edlen in solchen Zeiten. Er ist hingebend entsprechend der Eigenschaft des Zeichens Kun und stille entsprechend der Eigenschaft des Zeichens Gen: das heißt, er unternimmt nichts, weil es nicht an der Zeit ist. Damit fügt er sich dem Lauf des Himmels, der zwischen Ab- und Zunahme wechselt in der Weise, daß das jeweils Volle abnimmt und das jeweils Leere zunimmt.
Das Bild
Der Berg ruht auf der Erde: das Bild der Zersplitterung.
So können die Oberen nur durch reiches Spenden an die
Unteren ihre Stellung sichern.
Der Berg ist um so weniger der Zersplitterung ausgesetzt, je breiter er auf der Erde ruht. Es wird hier nicht sowohl der Zustand der Zersplitterung vorgeführt als der Zustand, der die Zersplitterung vermeiden läßt. Es kommt daher auch nicht die Abnahme des Lichten und Zunahme des Schattigen in Betracht, sondern die Beziehungen der Dicke der Unterlage. Durch reiches Spenden, wie es in der Art der Erde (Kun) liegt, wird die sichere Ruhe, wie sie in der Art des Berges (Gen) liegt, erreicht.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Das Bett wird zersplittert am Bein.
    Die Beharrlichen werden vernichtet. Unheil.
  2. Das Bett wird zersplittert am Bein, um die Unteren zu vernichten.

Die Anfangsposition bedeutet als unterster Platz das Bein. Das, was zersplittert wird, ist der Ruheplatz, daher das Bild des Bettes. Die Zersplitterung fängt unten an. Darin besteht die Gefahr.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Das Bett wird zersplittert am Rand.
    Die Beharrlichen werden vernichtet. Unheil.
  2. Das Bett wird zersplittert am Rand, weil man keinen Genossen hat.

Die Zersplitterung steigt vom Bein des Bettes höher. Es wird schon der Rand zersplittert. Der Strich ist allein. Er steht zu den umgebenden weder in der Beziehung des Entsprechens noch in der des Zusammenhaltens. Hier tritt der Angriff aus der Verborgenheit schon in die Sichtbarkeit hervor.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Er zersplittert sich mit Ihnen. Kein Makel.
  2. Er zersplittert sich mit ihnen. Kein Makel. Er verliert den Nachbar oben und unten.

Der Strich steht in der Beziehung des Entsprechens zur oberen Neun. Darum zerfällt er mit seiner Umgebung, da er diesen ursprünglichen Beziehungen treu bleibt. Weil die Beziehung zur oberen Neun da ist, ergibt sich die Trennung von den beiden Nachbarstrichen, zu denen keine Beziehungen des Zusammenhaltens vorliegen.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Das Bett wird zersplittert bis zur Haut. Unheil.
  2. Das Bett wird zersplittert bis zur Haut. Unheil. Das ist ernstes und nahes Unglück.

Das Zeichen Kun unten stellt das Bett, den Ruheplatz dar. Das Zeichen Gen oben stellt den Ruhenden dar. Hier greift die Zersplitterung vom Ruheplatz auf den Ruhenden selber über. Darum ist das Unheil unmittelbar nahe.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Ein Zug Fische. Durch die Palastdamen kommt Gunst.
    Alles ist förderlich.
  2. Durch die Palastdamen kommt Gunst. Das ist endgültig kein Fehler.

Wenn der Strich sich wandelt, so erscheint oben das Zeichen Sun, das Fisch bedeutet. — Der Fisch ist übrigens an sich ein dem Schattigen zugeordnetes Wesen. — Der Strich ist auf dem Platz des Herrschers, hier jedoch, da die Tätigkeit der Yinkraft ausgesprochen in die Erscheinung tritt, nicht Fürst, sondern Königin. Der Strich steht zum oberen in der Beziehung des Zusammenhaltens, daher keine feindliche Wirkung, sondern auf der Höhe der Wirksamkeit Unterwerfung unter das Yang, dem sie sich an der Spitze der vier übrigen Yinlinien wie ein Zug Fische naht. Die freundlichen Verhältnisse werden unter dem Verhältnis des Herrschers zu den Hofdamen und seiner Königin dargestellt.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Eine große Frucht ist noch ungegessen da.
    Der Edle erhält einen Wagen.
    Dem Gemeinen zersplittert sein Haus.
  2. Der Edle erhält einen Wagen.
    Er wird vom Volk getragen.
    Dem Gemeinen zersplittert sein Haus.
    Er ist endgültig unbrauchbar.

Der eine starke Strich in der Höhe, der die Lebenskeime für die Zukunft enthält, wird unter dem Bild einer großen Frucht gesehen. Das Zeichen Kun bedeutet einen Wagen. Das Zusammenbrechen des Strichs durch seine Veränderung in einen Yinstrich wird mit dem Zusammenbrechen der Hütte des Gemeinen verglichen. Der Strich ist sozusagen das Dach des ganzen Zeichens. Indem er auseinanderfällt, stürzt das Ganze zusammen.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Erste Abteilung
© 1998- Schule des Rades
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