Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

27. I - Die Mundwinkel, (die Ernährung)

Kernzeichen:Kun und Kun
Die Herren des Zeichens sind die Sechs auf fünftem Platz und die obere Neun. Auf sie bezieht es sich, wenn es im Kommentar zur Entscheidung heißt: Er ernährt den Würdigen und erreicht so das ganze Volk.
Die Reihenfolge
Wenn die Dinge festgehalten werden, dann gibt es Ernährung. Darum folgt darauf das Zeichen: die Mundwinkel. Die Mundwinkel bedeuten: Ernährung.
Vermischte Zeichen
Mundwinkel bedeutet Ernährung des Rechten.
Die Bewegung der beiden Zeichen ist gegeneinander gerichtet. Gen, das obere, bleibt stehen, Dschen, das untere, bewegt sich nach oben. Das deutet auf die beiden Kiefer mit ihren Zähnen. Der Oberkiefer ist unbeweglich, der Unterkiefer beweglich, daher die Bezeichnung des Zeichens als Mundwinkel. Im Unterschied zum Zeichen Sü, Warten, Nr. 5, das auch die Ernährung behandelt, aber mehr die Abhängigkeit von der Nahrung zeigt, hat das Zeichen I mehr die menschlich aktive Seite der Ernährung zum Gegenstand mit der Nebenbedeutung der Ernährung der Würdigen in erster Linie, um dadurch die Ernährung auch dem Volk zukommen zu lassen. So zeigen die beiden Zeichen die Ernährung als Naturvorgang (Sü, das Warten) und als gesellschaftliches Problem (I, die Mundwinkel). Ein ähnlicher Gegensatz besteht zwischen den beiden Zeichen, die die Nahrung bezeichnen: Nr. 48, Dsing, der Brunnen, das zur Nahrung nötige Wasser, und Nr. 50, Ding, der Tiegel, die zur Nahrung nötige Speise.
Das Urteil
Die Mundwinkel. Beharrlichkeit bringt Heil.
Sieh auf die Ernährung und womit einer selbst sucht
seinen Mund zu füllen.
Kommentar zur Entscheidung
Die Mundwinkel. Beharrlichkeit bringt Heil. Wenn man das Rechte ernährt, so bringt das Heil. Sieh auf die Ernährung, d. h. sieh zu, was einer ernährt.
Womit er selbst sucht, seinen Mund zu füllen, d. h. sieh zu, womit sich einer selbst ernährt. Himmel und Erde ernähren alle Wesen. Der Heilige ernährt die Würdigen und erreicht so das ganze Volk. Wahrlich groß ist die Zeit der Ernährung.
Das Zeichen wird als Bild im ganzen aufgefaßt: das Bild eines geöffneten Mundes; daher bedarf es keiner Erläuterung, woher die Bedeutung der Ernährung stammt. Es wird nur betont, daß für die Art der Ernährung alles darauf ankommt, daß sie im Einklang mit dem Rechten ist. Entsprechend dem Charakter der beiden Halbzeichen — Bewegung und Stillehalten — findet die Beziehung des Entsprechens zwischen den in Betracht kommenden Linien des unteren und oberen Zeichens nicht statt. Das untere Zeichen sucht Nahrung für sich, das obere gewährt Nahrung für andre.
Das Bild
Unten am Berg ist der Donner: das Bild der Ernährung.
So hat der Edle acht auf seine Worte
und ist mäßig im Essen und Trinken.
Der Donner ist das Zeichen, in dem Gott hervortritt, der Berg ist das Zeichen, in dem alle Dinge vollendet werden. Das ist das Bild der Ernährung. Aus dem Gesamtzeichen, das einen offenen Mund darstellt, werden dessen Bewegungen, Reden und Nahrungsaufnahme, entnommen. Diese Bewegung entspricht dem Charakter des Zeichens Dschen. Sie muß gemäßigt werden, um korrekt zu sein. Das entspricht dem Charakter des Zeichens Gen.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Du läßt deine Zauberschildkröte fahren
    und blickst nach mir mit herabhängenden Mundwinkeln.
    Unheil!
  2. Du blickst nach mir mit herabhängenden Mundwinkeln.
    Das ist wahrlich nicht ehrenwert.

Das ganze Zeichen erinnert in seiner Struktur an das Zeichen Li, das Haftende, daher das Bild der Schildkröte.
Das Zeichen hat drei Gedanken: sich selbst nähren, andre nähren, von andern genährt werden. Der obere starke Strich, der Herr des Zeichens, ernährt die andern. Die mittleren schwachen Linien sind auf das Ernährtwerden durch andre angewiesen. Der untere starke Strich sollte eigentlich imstande sein, sich selbst zu ernähren (Zauberschildkröte: die Schildkröte bedarf nicht der irdischen Nahrung, sondern kann sich von Luft ernähren). Statt dessen bewegt er sich auch auf die allgemeine Nahrungsquelle zu und will mitgefüttert werden. Das ist verächtlich und unheilvoll. Das du ist die Anfangsneun; das ich die obere Neun.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Nach dem Gipfel sich wenden um Ernährung.
    Vom Wege abweichen, um von dem Hügel
    Ernährung zu suchen:
    wenn man so fortmacht, bringt es Unheil.
  2. Wenn die Sechs auf zweitem Platz so fortmacht, bringt es Unheil; denn sie verliert beim Gehen ihre Art.

Die Sechs auf zweitem Platz könnte von ihresgleichen, der Anfangsneun, Ernährung suchen. Statt dessen weicht sie von diesem Weg ab und sucht Ernährung auf dem Gipfel, d. h. bei dem oberen Herrn des Zeichens. (Das obere Zeichen ist Gen, der Berg.) Das ist unheilvoll.
Andere Auffassung: Umgekehrt Ernährung suchen (nämlich bei Anfangsneun) oder vom Wege abweichend beim Hügel Ernährung suchen (nämlich bei der oberen Neun) ist unheilvoll.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Abweichen von der Ernährung.
    Beharrlichkeit bringt Unheil.
    Zehn Jahre handle nicht danach. Nichts ist fördernd.
  2. Zehn Jahre handle nicht danach:
    denn es widerspricht allzusehr dem rechten Weg.

Auch dieser Strich, der auf dem Gipfel des Zeichens Bewegung steht, sucht seine Ernährung statt bei der unteren Neun bei der Neun oben. Die zehn Jahre kommen davon, daß das Kernzeichen Kun ist, dessen Zahl zehn ist. Der Grund, warum dieses Betragen so scharf getadelt wird, ist, daß der Strich auf Grund seines Verhältnisses des Entsprechens (das in diesem Zeichen nicht gilt) persönliche Vorteile sucht.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Nach dem Gipfel sich wenden um Ernährung bringt Heil.
    Mit scharfen Augen wie ein Tiger umherspähen
    in unersättlichem Begehren. Kein Makel.
  2. Das Heil des Sich-nach-dem-Gipfel-Wendens um Ernährung beruht darauf, daß der Obere Licht verbreitet.

Der Strich wendet sich ebenfalls an die obere Neun um Ernährung; aber da er demselben Zeichen angehört, bringt das — anders als bei Sechs auf zweitem Platz — Heil. Das Umherspähen mit scharfen Augen ergibt sich aus der an Li erinnernden Form des Gesamtzeichens. Li ist auch das Auge.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Abweichen vom Weg.
    Bleiben in Beharrlichkeit bringt Heil.
    Man soll nicht das große Wasser durchqueren.
  2. Das Heil des Bleibens in Beharrlichkeit beruht darauf, daß er hingebungsvoll dem Oberen folgt.

Der Strich ist auf dem Platz des Herrschers, aber als weicher, hingebender Strich steht er in der Beziehung des Empfangens zu dem starken oberen. Darum gibt er sich hingebend unter diesen herunter. (Wenn das Zeichen in das folgende übergeht, so wird das obere Zeichen Gen zu Dui, der See. Der fünfte Strich kommt dann in die Mitte des Wassers; daher nicht günstig, das große Wasser zu durchqueren.)

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Die Quelle der Ernährung.
    Bewußtsein der Gefahr bringt Heil.
    Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
  2. Die Quelle der Ernährung. Bewußtsein der Gefahr bringt Heil.
    Er hat großen Segen.

Die Gefahr kommt von der verantwortungsvollen Stellung an der Spitze des Zeichens und daher, daß der Strich noch dazuhin beauftragt und geehrt von dem weichen Herrscher auf fünftem Platz ist. Aber in dieser Stellung spendet er großen Segen. Indem der Strich so der Gefahr bewußt ist, kann er große Werke, wie das Durchqueren des Wassers, unternehmen. (Beim Übergang des Zeichens in das folgende ist dieser Strich an der Oberfläche des Zeichens Dui, daher nicht wie der vorhergehende in Gefahr des Ertrinkens.)

Richard Wilhelm
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