Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Erste Abteilung

I D E O G R A M M

29. Kan - Das Abgründige, das Wasser

Kernzeichen:Gen und Dschen
Die Herren des Zeichens sind die beiden Yangstriche auf zweitem und fünftem Platz, und zwar ist der fünfte in besonderem Maße Herr, denn das Wasser läuft weiter, wenn es seinen Raum ausgefüllt hat.
Die Reihenfolge
Die Dinge können nicht dauernd im Übergewichtszustand sein. Darum folgt darauf das Zeichen: das Abgründige. Das Abgründige bedeutet eine Vertiefung.
Vermischte Zeichen
Das Abgründige ist nach unten gerichtet.
Die Bewegung des Wassers geht von oben nach unten. Das Wasser stammt von der Erde, befindet sich aber am Himmel, daher ist seine Tendenz, nach unten zurückzukehren.
Das Zeichen ist eines der acht verdoppelten Grundzeichen. Es hat den mittleren Strich des Schöpferischen in sich und ist daher unter den Zeichen der innerweltlichen Reihenfolge nach Norden gerückt, wo unter den Zeichen der vorweltlichen Reihenfolge das Schöpferische selbst seinen Platz hatte. Daher steht es zusammen mit dem nächsten Zeichen Li, das in ähnlicher Beziehung zum Empfangenden steht wie Kan zum Schöpferischen, am Ende des ersten Teils, an dessen Anfang das Schöpferische und das Empfangende stehen.
Das Urteil
Das wiederholte Abgründige.
Wenn du wahrhaftig bist, so hast du im Herzen Gelingen,
und was du tust, hat Erfolg.
Kommentar zur Entscheidung
Das wiederholte Abgründige ist die verdoppelte Gefahr. Das Wasser fließt und häuft sich nirgends an, es geht durch gefährliche Stellen und verliert nicht seine Zuverlässigkeit. Du hast im Herzen Erfolg: denn die Festen bilden die Mitte. Was du tust, hat Erfolg: das Fortschreiten schafft Werke. Des Himmels Gefahr besteht darin, daß man ihn nicht ersteigen kann. Die Gefahr der Erde sind die Berge und Flüsse, Hügel und Höhen. Die Könige und Fürsten benützen die Gefahr, um ihr Reich zu wahren. Die Wirkungen der Zeit der Gefahr sind wahrlich groß.
Das Zeichen wird auf doppelte Weise erklärt:
  1. Der Mensch befindet sich in der Gefahr wie das Wasser inmitten des Abgrundes. Da zeigt das Wasser, wie man sich zu benehmen hat: es fließt und häuft sich nirgends an, auch an den gefährlichen Stellen verliert es nicht seine zuverlässige Art. Auf diese Weise wird die Gefahr überwunden. Das Zeichen Kan ist ferner das Herz. Im Herzen ist das göttliche Wesen innerhalb der natürlichen Neigungen und Veranlagungen eingeschlossen und kommt dadurch in die Gefahr, in Begierden und Leidenschaften zu versinken. Auch hier besteht die Überwindung der Gefahr darin, daß man die ursprünglich gute Anlage festhält. Das wird angedeutet dadurch, daß die festen Striche die Mitte bilden. Daraus ergibt sich dann, daß das Handeln Erfolg im Guten hat.
  2. Die Gefahr dient als Schutzmaßregel: dem Himmel, der Erde, dem Fürsten. Nie aber ist sie Selbstzweck, darum heißt es: Die Wirkungen der Zeit der Gefahr sind groß.
Das Bild
Das Wasser fließt ununterbrochen und kommt ans Ziel:
das Bild des wiederholten Abgründigen.
So wandelt der Edle in dauernder Tugend
und übt das Geschäft des Lehrens.
Das Wasser ist dauernd in seinem Fließen; so ist der Edle dauernd in seiner Tugend wie der feste Strich inmitten des Abgrunds. Und wie das Wasser immer weiterfließt, so benützt er die Übung und Wiederholung beim Geschäft des Lehrens.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Wiederholung des Abgründigen.
    Man gerät im Abgrund in ein Loch. Unheil.
  2. Wiederholung des Abgründigen.
    Man gerät in den Abgrund, weil man den Weg verloren hat; das bringt Unheil.

Der Strich ist ganz unten, ein geteilter Strich, also unten im Abgrund noch ein Loch. Diese Wiederholung der Gefahr führt zur Gewöhnung. Da der Strich schwach ist, besitzt er nicht die innere Stärke, einer solchen Versuchung zu widerstehen. So kommt er gleich zu Anfang vom rechten Weg ab.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Der Abgrund hat Gefahr.
    Man soll nur Kleines zu erreichen streben.
  2. Man soll nur Kleines zu erreichen streben.

Man hat nämlich die Mitte noch nicht überschritten. Der Strich ist stark und zentral und könnte daher an sich wohl Großes erreichen. Aber er ist noch inmitten der Gefahr eingeschlossen, darum läßt sich nichts machen. Und seine Stärke beruht gerade darin, daß er nicht Unmögliches will, sondern sich den Verhältnissen anzupassen versteht.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Vorwärts und rückwärts, Abgrund über Abgrund.
    In solcher Gefahr halte zunächst inne,
    sonst kommst du im Abgrund in ein Loch.
    Handle nicht so.
  2. Vorwärts und rückwärts Abgrund über Abgrund:
    da ist endgültig kein Werk möglich.

Der Strich ist schwach, nicht auf seinem Platz, mitten in der Gefahr und dazuhin in der Mitte des Kernzeichens Dschen, Bewegung, daher noch in aller Gefahr voll innerer Unruhe. Deshalb die Warnung, nicht zu handeln, wie es die Natur des Strichs nahelegt.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Ein Krug Wein, eine Reisschale als Zugabe, Tongeschirr,
    einfach zum Fenster hineingereicht.
    Das ist durchaus kein Makel.
  2. Ein Krug Wein, eine Reisschale als Zugabe.
    Es ist die Grenze von Fest und Weich.

Das Zeichen Kan bedeutet Wein. Das Kernzeichen Dschen bedeutet Opfergefäße. Das Ganze ist als einfaches Opfer gedacht. Das Zeichen Kan steht im Norden und wird häufig mit dem Gedanken des Opfers verbunden. Trotz der Einfachheit wird das Opfer angenommen, da die Gesinnung wahr ist. Der vierte Strich steht in der Beziehung des Zusammenhaltens mit dem oberen Herrn des Zeichens, daher die engen Beziehungen, die der umständlichen äußeren Form entbehren können.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Der Abgrund wird nicht überfüllt,
    wird nur bis an den Rand gefüllt.
    Kein Makel.
  2. Der Abgrund wird nicht überfüllt,
    denn der zentrale Strich ist noch nicht groß.

Der Herr des Zeichens, der zudem stark auf starkem Platz ist, könnte sich wohl groß und stark fühlen. Aber daran wird er durch seine zentrale Stellung verhindert. Darum genügt es ihm, gerade aus der Gefahr herauszukommen. Auf diesen Strich bezieht sich der Satz des Kommentars zur Entscheidung: Das Wasser fließt und häuft sich nirgends an.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Mit Stricken und Tauen gebunden,
    eingeschlossen zwischen dornumhegten Kerkermauern;
    drei Jahre lang findet man sich nicht zurecht.
    Unheil!
  2. Die obere Sechs hat den Weg verloren.
    Dies Unheil währt drei Jahre lang.

Im Unterschied zur Anfangssechs, die innerhalb des Abgrunds noch in einem Loch steckt, ist diese Linie auf der Höhe, daher durch eine Mauer eingeschlossen, die von Dornen umhegt ist, wie das in China die Kerkermauern sind, um das Ausbrechen zu verhüten. Dornen werden durch das Zeichen Kan angedeutet. Die üble Lage der Linie ergibt sich daraus, daß sie auf dem harten Strich Neun auf fünftem Platz ruht. Bei leichteren Sünden wurde nach einem Jahre im Fall der Reue Amnestie erteilt, bei schwereren nach zwei, bei ganz schweren nach drei Jahren, so daß es sich hier also um eine sehr weitgehende Verwicklung handelt.

Anmerkung:
Das ganze Zeichen das Abgründige geht von der Idee aus, daß die lichten Striche zwischen den dunklen eingeschlossen und durch sie gefährdet sind. Nachdem aber diese Idee der Gefahr erst einmal dem Zeichen seinen Charakter gegeben hat, haben die Einzelstriche alle den Gedanken des Hineingeratens in eine Gefahr. Dabei zeigt es sich dann, daß die beiden starken Striche (zwei und fünf) noch besser wegkommen und die Hoffnung haben, aus der Gefahr herauszukommen, während die Anfangssechs und Sechs auf drittem Platz in Abgrund über Abgrund geraten, die obere Sechs gar für drei Jahre keinen Ausweg sieht, so daß also die Gefahr, die den dunkeln Linien droht, noch schlimmer ist. Es kommt aber häufig vor, daß die Gedanken des Zeichens und der Einzelstriche sich verschieden ausdrücken.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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