Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

31. Hiën - Die Einwirkung, (die Werbung)

Kernzeichen:Kiën und Sun
Die Neun auf viertem Platz ist an der Stelle des Herzens. Das Herz ist der Herr der Einwirkung, darum ist der vierte Strich der Herr des Zeichens. Aber die Neun auf fünftem Platz ist an der Stelle des Rückens und bedeutet daher inmitten der Einwirkung das Stillehalten. Sie zeigt inmitten der Bewegung die Fähigkeit, ruhig zu bleiben, und ist daher in noch höherem Maße Herr des Zeichens.
Die Reihenfolge
Nachdem es Himmel und Erde gibt, gibt es die einzelnen Dinge. Nachdem die Einzeldinge ins Dasein getreten sind, gibt es die beiden Geschlechter. Nachdem es das männliche und das weibliche Geschlecht gibt, gibt es die Beziehung zwischen Gatte und Gattin. Nachdem die Beziehung zwischen Gatte und Gattin vorhanden ist, gibt es die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Nachdem die Beziehung zwischen Vater und Sohn vorhanden ist, gibt es die Beziehung zwischen Fürst und Diener. Nachdem die Beziehung zwischen Fürst und Diener vorhanden ist, gibt es den Unterschied von hoch und niedrig. Nachdem der Unterschied von hoch und niedrig vorhanden ist, können die Regeln der Ordnung und des Rechts eingreifen.
Vermischte Zeichen
Die Einwirkung vollzieht sich rasch.
Das Urteil
Die Einwirkung. Gelingen.
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Ein Mädchen nehmen bringt Heil.
Kommentar zur Entscheidung
Die Einwirkung bedeutet Anregung. Das Schwache ist oben und das Starke unten. Ihre beiden Kräfte beeinflussen und antworten einander, so daß sie sich vereinigen.
Stillehalten und Heiterkeit. Das Männliche gibt sich herunter unter das Weibliche. Das ist der Grund, warum es heißt: Gelingen. Fördernd ist Beharrlichkeit. Ein Mädchen nehmen bringt Heil.
Himmel und Erde beeinflussen einander, und alle Dinge gestalten sich und entstehen. Der Berufene beeinflußt die Herzen der Menschen, und die Welt kommt in Frieden und Ruhe. Wenn man die ausgehenden Einflüsse betrachtet, so kann man die Natur von Himmel und Erde und allen Wesen erkennen.
Hiën unterscheidet sich von dem Wort Gan anregen dadurch, daß es nicht wie das letztere als Bestandteil das Herz hat. Es wird also der unbewußte, unwillkürliche Einfluß dargestellt, nicht der absichtlich bewußte; es handelt sich um objektive Beziehungen allgemeiner Art, nicht um subjektive Sonderfälle.
Das Schwache, das oben ist, ist das Zeichen Dui, die jüngste Tochter; seine Eigenschaft ist die Heiterkeit, sein Bild der See; das Starke, das unten ist, ist Gen, der jüngste Sohn; seine Eigenschaft ist das Stillehalten, sein Bild der Berg.
Zur Erklärung des Urteils sind die Organisation des Zeichens (das Schwache oben, das Starke unten), die Eigenschaften und Symbole (jüngster Sohn, jüngste Tochter) benützt.
Das Bild
Auf dem Berge ist ein See:
das Bild der Einwirkung.
So läßt der Edle durch Aufnahmebereitschaft die
Menschen an sich herankommen.
(Wörtlich: So nimmt der Edle durch Leere die Menschen auf.)
Der See auf dem Berg gibt dem Berg von seiner Feuchtigkeit ab. Der Berg sammelt Wolken, durch die der See gespeist wird. So stehen ihre Kräfte in wechselseitiger Einwirkung. Das Verhältnis der beiden Bilder zueinander zeigt, wie diese Einwirkung zustande kommt: nur indem der Berg auf seinem Gipfel leer, d. h. vertieft ist, kann sich der See bilden. So nimmt der Edle durch Leere die Menschen auf. Der Edle wird mit dem Berg, die Menschen mit dem See verglichen. Das Verhältnis bildet sich infolge der Initiative des Bergs bzw. des Edlen.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Die Einwirkung äußert sich in der großen Zehe.
  2. Einwirkung in der großen Zehe: der Wille ist nach außen gerichtet.

Der Strich steht in Beziehung zur Neun auf viertem Platz im äußeren Halbzeichen. Das Bild der Zehe ist als unterster Bestandteil gewählt. Der Wille ist nach außen gerichtet, ohne daß es sich zeigt; denn die Bewegung der Zehe ist von außen nicht zu sehen.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Die Einwirkung äußert sich in den Waden. Unheil!
    Verweilen bringt Heil!
  2. Wenn auch Unheil droht, so ist Verweilen von Heil. Durch Hingebung kommt man nicht zu Schaden.

Der Strich steht in Beziehung zur Neun auf fünftem Platz. Wenn er nicht mit der Anfangssechs sich zusammenbewegt, sondern verweilt, bis die Anregung von oben, der Neun auf fünftem Platz, kommt, so kommt er nicht zu Schaden. Er hat die Möglichkeit hierzu durch seine zentrale Stellung.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Die Einwirkung äußert sich in den Schenkeln.
    Hält sich an das, was ihm folgt.
    Weitermachen ist beschämend.
  2. Die Einwirkung äußert sich in den Schenkeln. Er kann eben auch nicht stillehalten.
    Wenn der Wille darauf gerichtet ist, woran sich die Nachfolger halten, so ist das sehr niedrig.

Während die beiden unteren Linien ihrer Natur nach schwach sind und es weiter nicht verwunderlich ist, daß sie sich von andern beeinflussen lassen, könnte dieser Strich als starker sehr wohl sich selbst beherrschen und nicht jeder Anregung von unten her nachgeben. Dadurch, daß er sich nach den Absichten der beiden Linien unter ihm, seiner Nachfolger, richtet, macht er sich verächtlich.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Beharrlichkeit bringt Heil! Die Reue schwindet.
    Wenn man aufgeregt hin und her denkt,
    so folgen nur die Freunde,
    auf die man bewußte Gedanken richtet.
  2. Beharrlichkeit bringt Heil! Die Reue schwindet. Denn man regt auf diese Weise nichts Schädliches an. Aufgeregtes Hin- und Herdenken:
    Dadurch zeigt man, daß man noch kein helles Licht hat.

Der Strich ist stark auf schwachem Platz; darum hat er doppelte Möglichkeit. Entweder er kann beharrlich bleiben und die Versuchung zu Sondereinwirkungen meiden und ruhig als einer der Herren des Zeichens durch sein Wesen wirken; dann regt er nichts Schädliches an, weil er im Einklang mit dem Rechten ist. Oder aber er kann der Wirkung der Anfangssechs nachgeben, zu der Beziehung vorhanden ist; damit beschränkt er seine Wirkung, und alles verlegt sich ins Bewußtsein, und das innere Licht verdunkelt sich. Diese Möglichkeit wird dadurch nahegelegt, daß der Strich der unterste des Zeichens Dui ist, also am tiefsten im Schattigen (Dui ist ein Yinzeichen, also dunkel).
Kungtse sagt über diesen Strich: Was bedarf die Natur des Denkens und Sorgens? In der Natur kehrt alles zum gemeinsamen Ursprung und verteilt sich auf die verschiedenen Pfade. Durch eine Einwirkung wird die Frucht von hundert Gedanken verwirklicht. Was bedarf die Natur des Denkens, was des Sorgens?

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Die Einwirkung äußert sich im Nacken.
    Keine Reue.
  2. Die Einwirkung äußert sich im Nacken.
    Der Wille ist auf die Verzweigungen gerichtet.

Der Nacken ist unbeweglich. Die Einwirkung ist wurzelhaft echt. Wo aber die Wurzel echt ist, sind auch die Verzweigungen echt. Die Einwirkung ist also gut. Der Strich ist stark und zentral und Herr des Zeichens, darum wirkt er durch vollkommene Ruhe inneren Gleichgewichts; dabei ist aber der Wille nicht träge, sondern durch die organischen Hauptwirkungen erzielt er auch Ordnung in den Einzelheiten.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Die Einwirkung äußert sich in Kinnladen,
    Wangen und Zunge.
  2. Die Einwirkung äußert sich in Kinnladen, Wangen und Zunge.
    Er macht den Mund auf und schwätzt.

Eine schwache Linie, die an sich nicht viel Einfluß hat. Das Zeichen Dui bedeutet den Mund. Die oberste Linie ist geteilt, also die Öffnung des Mundes.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
© 1998- Schule des Rades
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