Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

34. Da Dschuang - Des Großen Macht

Kernzeichen:Dui und Kiën
Der Herr des Zeichens ist der Yangstrich auf dem vierten Platz; denn die vier Yangstriche begründen die Macht des Zeichens, und der vierte steht an ihrer Spitze.
Die Reihenfolge
Die Dinge können sich nicht dauernd zurückziehen, darum folgt darauf: des Großen Macht.
Vermischte Zeichen
Des Großen Macht zeigt sich darin, daß man innehält.
Beigefügte Urteile
Im höchsten Altertum wohnten die Menschen in Höhlen und Wäldern. Die Heiligen späterer Zeit verwandelten das in Gebäude. Oben war ein Firstbalken, abwärts davon ein Dach, um Wind und Regen abzuhalten. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen Des Großen Macht.
Die vier starken Striche zusammen werden auch im Zeichen Da Go (Nr. 28) als Firstbalken betrachtet. Die zwei geteilten Striche oben stellen Regen und Wind dar.
Das Zeichen ist seiner Form nach das verdoppelte Zeichen Dui. Dui hat als Tier das Schaf (bzw. die Ziege) beigeordnet, daher haben die einzelnen Striche mehrfach als Bild den Ziegenbock. Die beiden oberen Striche sind dabei die Hörner.
Was der Sinn des Zeichens zum Ausdruck bringt, ist der Gegensatz von Macht und Gewalt.
Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Des Großen Macht. Fördernd ist Beharrlichkeit.
Kommentar zur Entscheidung
Des Großen Macht bedeutet, daß die Großen mächtig sind. Stark in der Bewegung, darauf beruht die Macht. Des Großen Macht. Fördernd ist Beharrlichkeit, denn das Große muß recht sein.
Groß und recht: so vermag man die Verhältnisse von Himmel und Erde zu schauen.
Dem ersten Monat ist das Zeichen
Tai beigeordnet. Obwohl darin die lichten Striche im Vordringen sind, sind sie doch noch nicht in der Überzahl. Dem dritten Monat ist das Zeichen Guai beigeordnet. Hier sind die lichten Striche zwar sehr stark in der Überzahl, aber schon steht auch der Niedergang bevor: Beides kann man nicht als Macht bezeichnen. Aber die Anwesenheit von vier Yangstrichen zeigt die Macht. Die Stärke ist die Eigenschaft des inneren Halbzeichens, des Schöpferischen, die Bewegung ist die Eigenschaft des äußeren Halbzeichens, des Erregenden. Die Stärke bewirkt, daß man die Selbstsucht der sinnlichen Triebe besiegen kann, die Bewegung bewirkt, daß man seinen festen Willensentschluß zur Ausführung bringt. Auf diese Weise läßt sich alles erreichen. Hierauf beruht eben die Macht. Wenn es heißt, das Große muß recht sein, so ist damit gesagt, daß groß und recht nicht zwei Dinge sind, sondern ohne Rechtsein gibt es keine Größe. Die Verhältnisse von Himmel und Erde sind eben nur groß und recht.
Das Bild
Der Donner ist am Himmel oben:
das Bild der Macht des Großen.
So tritt der Edle nicht auf Wege,
die nicht der Ordnung entsprechen.
Das obere Halbzeichen ist Dschen, der Donner, das untere Kiën, der Himmel. Der Donner oben am Himmel zeigt die Macht des Großen in voller Entfaltung. Das Zeichen Dschen hat als Bild auch den Fuß, das Zeichen Kiën als Eigenschaft groß und recht. Der Fuß tritt also auf das Große und Rechte und wandelt darauf. Die Stärke des Zeichens Kiën gibt der Bewegung des Zeichens Dschen die Kraft zum entschlossenen Guten, und darauf beruht die große Macht.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Macht in den Zehen.
    Fortmachen bringt Unheil.
    Das ist gewißlich wahr.
  2. Macht in den Zehen.
    Das führt gewißlich zu Mißerfolg.

Der Anfangsstrich hat wie häufig die Bedeutung der Zehen (vgl. Nr. 31), während die oberen Striche die Hörner bedeuten.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Beharrlichkeit bringt Heil.
  2. Daß die Neun auf zweitem Platz durch Beharrlichkeit Heil findet, kommt daher, daß sie an zentraler Stelle ist.

An sich ist die Neun als starker Strich auf dem zweiten, d. h. einem schwachen Platz nicht korrekt, und man sollte daher denken, daß Beharrlichkeit nicht anempfohlen würde. Aber der Platz ist zentral, zudem im Zentrum des Zeichens Himmel, daher an sich stark. Außerdem ist eine feste Entsprechung zur Sechs auf fünftem Platz da. Das alles deutet darauf, daß Beharrlichkeit auf dem eingenommenen Platz heilvoll wirkt.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Der Gemeine wirkt durch Macht, der Edle wirkt nicht so.
    Fortmachen ist gefährlich.
    Ein Ziegenbock stößt gegen eine Hecke
    und verwickelt seine Hörner.
  2. Der Gemeine braucht seine Macht. Das tut der Edle nicht.

Es ist mit diesen Worten der erste Satz der Orakelworte erklärt. Das Bild dieser Linien ist ein Ziegenbock, der gegen eine Hecke stößt und sich dabei mit den Hörnern verwickelt. Das hängt damit zusammen, daß diese Linie die unterste des oberen Kernzeichens Dui ist, dessen Tier das Schaf bzw. die Ziege ist. Da vor ihm ein starker Strich steht, so erweckt das die Vorstellung, daß er gegen eine Hecke stößt und mit den Hörnern hängenbleibt.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Beharrlichkeit bringt Heil.
    Die Reue schwindet.
    Die Hecke öffnet sich, es gibt keine Verwicklung.
    Die Macht beruht auf der Achse eines großen Wagens.
  2. Die Hecke öffnet sich, es gibt keine Verwicklung. Er kann nach oben hin.

Dieser Strich ist der Herr des Zeichens als oberster der vier vorandrängenden lichten Striche. Er findet vor sich einen geteilten Strich, der das Vordringen nicht weiter hemmt. Darum kann er ungehindert nach oben vordringen.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Verliert den Bock in Leichtigkeit.
    Keine Reue.
  2. Verliert den Bock in Leichtigkeit.
    Denn der Platz ist nicht der gebührende.

Der Platz ist stark, ja der Platz des Fürsten. Aber die Natur des Striches ist weich, so daß der äußere Platz der inneren Natur nicht entspricht. Deshalb entledigt sich der Strich ganz leicht seines bockigen Wesens.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Ein Bock stößt gegen eine Hecke:
    Er kann nicht zurück, er kann nicht voran.
    Nichts ist fördernd.
    Merkt man die Schwierigkeit, so bringt das Heil.
  2. Er kann nicht zurück. Er kann nicht voran.
    Das ist nicht glückbringend.
    Merkt man die Schwierigkeit, so bringt das Heil.
    Der Fehler ist nicht von Dauer.

Der Strich ist auf der Höhe der Bewegung, an der Spitze der Gestalt des Bockes, die das Zeichen zum Bild hat. Daher wird der Gedanke des Stoßens mit den Hörnern nahegelegt. Aber da er am Ende ist, kann er nicht mehr weiter, daher Verwirrung und Schwierigkeiten. Aber der Strich ist seiner Art nach weich. Darum verhärtet er sich nicht in dem bockigen Wesen, sondern gibt nach, und dadurch wird der Fehler nicht zu einem dauernden gemacht.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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© 1998- Schule des Rades
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