Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

35. Dsin - Der Fortschritt

Kernzeichen:Kan und Gen
Das Zeichen hat als Charakteristikum das Licht, das aus der Erde aufsteigt. Sechs auf fünftem Platz ist der Herr des Zeichens Li (Licht), in dem sie auf dem mittleren Platz des Himmels ist. Darum ist sie der Herr des Zeichens, auf den sich der Satz des Kommentars zur Entscheidung bezieht: Das Schwache schreitet fort und geht nach oben.
Die Reihenfolge
Die Wesen können nicht dauernd im Zustand der Macht verharren, darum folgt das Zeichen: der Fortschritt. Fortschritt bedeutet Expansion.
Vermischte Zeichen
Fortschritt bedeutet den Tag.
Die Zeichen Dsin, Schong, Dsiën haben alle die Bedeutung des Fortschreitens. Das Zeichen Dsin, Fortschritt, hat als Bild die Sonne, die über die Erde emporsteigt. Es ist das schönste unter diesen drei Zeichen. Schong, das Empordringen (Nr. 46), ist symbolisiert durch das Holz, das über die Erde aufsteigt. Dsiën, die Entwicklung (Nr. 53), zeigt einen Baum auf dem Berg, der sich noch langsamer weiter entwickelt. Allerdings hat die allzu rasche Expansion auch ihre Gefahren, wie sich beim nächsten Zeichen zeigt. In der menschlichen Gesellschaft deutet das Zeichen auf einen weisen Herrscher, dem folgsame Diener zur Seite stehen.
Das Urteil
Der Fortschritt:
Der starke Fürst wird geehrt durch Pferde in großer Menge.
An einem Tag wird er dreimal empfangen.
Kommentar zur Entscheidung
Fortschritt bedeutet Vorankommen. Die Klarheit steigt über die Erde empor. Hingebend und haftend an der; großen Klarheit schreitet das Schwache fort und geht nach oben; darum heißt es: Der starke Fürst wird geehrt durch Pferde in großer Menge. An einem Tag wird er dreimal empfangen.
Die Gestalt des Zeichens deutet auf Fortschritt, und zwar auf allseitigen, auf Expansion. Das Hingebende ist das untere Zeichen Kun, das hier den Diener bedeutet. Die große Klarheit ist das obere Zeichen Li, das hier den Herrscher bedeutet. Das Schwache, das fortschreitet, ist der mittlere Strich von Kun, der den Mittelplatz des oberen Zeichens, das ursprünglich als Vater Kiën war, einnimmt, daher der Herr des Zeichens, der weise Fürst, ist. Der Herrscher bedarf der Treue seiner Diener, die er in großer Weisheit entsprechend zu belohnen weiß. Damit werden die Worte des Urteils erklärt.
Das Bild
Die Sonne steigt über die Erde empor:
das Bild des Fortschritts.
So macht der Edle selbst seine klaren Anlagen hell.
Das Bild wird ohne weiteres erklärt durch die gegenseitige Stellung der beiden Zeichen, von denen das Zeichen Li, Licht, oberhalb des Zeichens Kun, Erde, steht. Das Beispiel für die Lebensweisheit liegt in dem Emporsteigen des ursprünglich Lichten über das Verdunkelnde, was aus eigner Kraft möglich ist, da die Kraft des Lichts von der Erde, die hingebend in ihrem Wesen ist, nicht gehemmt wird.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Fortschreitend, aber zurückgewiesen.
    Beharrlichkeit bringt Heil.
    Wenn man kein Vertrauen findet, so bleibe man gelassen.
    Kein Fehler.
  2. Fortschreitend, aber zurückgewiesen. Einsam geht er im Rechten.
    Gelassenheit ist kein Fehler.
    Noch hat man die Berufung nicht bekommen.

Dem unteren Strich, der an sich schwach ist, gebietet das darüber sich bildende Kernzeichen Gen Stillstand. Daher wird er in seiner Tendenz zum Fortschritt aufgehalten. Aber er geht einsam den Weg der Pflicht und wartet gelassen die Zeit ab, die sicher kommen wird.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Fortschreitend, aber in Trauer:
    Beharrlichkeit bringt Heil.
    Man bekommt dann großes Glück von seiner Ahnfrau.
  2. Man bekommt großes Glück.
    Infolge der zentralen und korrekten Stellung.

Der Strich ist gleichen Wesens mit dem Herrn des Zeichens, Sechs auf fünftem Platz. Dieser erscheint unter dem Bilde der Ahnfrau, weil nach alter Sitte der Enkel dem Großvater zugeordnet war, nicht dem Vater. Da beide Striche schwach sind, ist das Bild hier weiblich: Enkelfrau und Ahnfrau. Der Strich ist am Fuß des Kernzeichens Gen, Stillstand, darum ebenfalls im Fortschritt gehemmt.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Alle sind einverstanden. Die Reue schwindet.
  2. Alle sind einverstanden:
    denn der Wille ist es, nach oben zu gehen.

Der Strich ist dem oberen Zeichen Li, Klarheit, ganz nahe, darum werden die Mißverständnisse aufgeklärt. An der Spitze der Gleichgesinnten ist ihm der Fortschritt möglich.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Fortschritt wie ein Hamster.
    Beharrlichkeit bringt Gefahr.
  2. Ein Hamster kommt bei Beharrlichkeit in Gefahr: der Platz ist nicht der gebührende.

Der Strich ist an der Spitze des Zeichens Gen, dem die Ratten usw. zugeordnet sind. Die Ratten und Hamster verstecken sich bei Tag und bewegen sich nur bei Nacht. Nun steht der Strich schon im Zeichen der Sonne, deren Licht er nicht erträgt. Da es Fortschrittszeit ist, mischt er sich unter die Menge und tut mit. Aber sein Platz ist nicht der gebührende (starker Strich auf schwachem Platz). Darum bringt Weitermachen Gefahr, denn er ist zugleich der mittlere Strich des oberen Kernzeichens Kan (Gefahr).

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Die Reue schwindet.
    Gewinn und Verlust nimm nicht zu Herzen.
    Unternehmungen bringen Heil.
    Alles ist fördernd.
  2. Gewinn und Verlust nimm nicht zu Herzen. Unternehmung bringt Segen.

Ein Yinstrich auf Yangplatz sollte eigentlich Reue veranlassen, aber er ist im Zentrum des großen Lichts, darum ist keine Reue nötig. Der Strich ist ferner leer, d. h. in der Mitte geteilt. Das ist das Zeichen, daß er Gewinn und Verlust nicht zu Herzen nimmt, weil er nicht an Äußerem hängt. Das Feuer hat keine bestimmte Gestalt, es flammt auf und erlischt: daher das Bild des Gewinns und Verlustes. Der Strich ist ferner im Kernzeichen Kan der oberste. Kan ist das Abgründige, das Trauer nahelegt. Allein weil der Strich der Herr des Zeichens ist, ist diese Trauer nicht nötig.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Fortschreiten mit den Hörnern darf man nur,
    um sein eigenes Gebiet zu strafen.
    Bewußtsein der Gefahr bringt Heil.
    Kein Makel.
    Beharrlichkeit bringt Beschämung.
  2. Man darf es nur, um sein eigenes Gebiet zu strafen. Der Weg ist noch nicht im Hellen.

Der obere Strich ist stark. Das legt das Bild der Hörner nahe. Da es eine Zeit des Fortschritts ist, ist hier zum Schluß noch der Versuch gewaltsamen Fortschritts gezeigt. Allein der Strich steht isoliert. Denn unter ihm senkt sich das Abgründige, das im oberen Kernzeichen da ist, in die Tiefe, so daß er verlassen ist. Er ist auf sich selbst angewiesen, nur die eigne Stadt kann er züchtigen.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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© 1998- Schule des Rades
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