Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

36. Ming I - Die Verfinsterung des Lichts

Kernzeichen:Dschen und Kan
Das Zeichen hat als Charakteristikum die Sonne, die unter die Erde gesunken ist. Die obere Sechs ist die dickste Anhäufung der Erde und somit der Strich, der das Licht der andern verletzt und verfinstert. Er ist der Herr, der das Zeichen bestimmt. Die Sechs auf zweitem Platz und die Sechs auf fünftem Platz haben beide die Eigenschaften des zentralen und hingebenden Wesens, sie sind diejenigen, die verletzt werden. Sie sind die Herren, die das Zeichen beherrschen. Darum heißt es im Kommentar zur Entscheidung: Der König Wen hat das erlebt, der Prinz Gi hat das erlebt.
Die Reihenfolge
Expansion wird sicher auf Widerstand und Beschädigung stoßen. Darum folgt darauf das Zeichen: die Verfinsterung des Lichts. Verfinsterung bedeutet Beschädigung, Verletzung.
Vermischte Zeichen
Verfinsterung des Lichts bedeutet Verletzung.
Das ganze Zeichen hat einen historischen Hintergrund. Zu der Zeit nämlich, als König Wen die Urteile zu den einzelnen Zeichen schrieb, waren die Verhältnisse in China so, wie sie das Zeichen schildert. In den Urteilen zu den einzelnen Strichen erwähnt der Herzog von Dschou als Beispiel für die Situation den Prinzen Gi. Kungtse führt das im Kommentar zur Entscheidung weiter aus, indem er das Beispiel des Königs Wen hinzufügt. Später hat man — vollkommen sinngemäß — für sämtliche Striche historische Persönlichkeiten genannt. Der finstere Herrscher war Dschou Sin, der letzte König aus dem Hause Yin. Er ist symbolisiert durch die obere Sechs. Unter ihm hatten sämtliche tüchtigen Fürsten des Reichs schwer zu leiden. Ihre Schicksale spiegeln sich in den einzelnen Strichen wieder. Der hochgesinnte Bo I zog sich mit seinem Bruder Schu Tsi in die Verborgenheit zurück. Er wird bezeichnet durch die Anfangsneun. Die Sechs auf zweitem Platz zeichnet den König Wen, der damals als der erste unter den Lehnsfürsten von dem Tyrannen lange gefangengehalten wurde und in Lebensgefahr schwebte. Die Neun auf drittem Platz zeichnet seinen Sohn, den nachmaligen König Wu von Dschou, der den Tyrannen stürzte. Die Sechs auf viertem Platz zeichnet die Lage des Prinzen We Dsi, der sich noch rechtzeitig ins Ausland flüchten konnte. Die Sechs auf fünftem Platz endlich zeichnet die Lage des Prinzen Gi, der sich nur durch äußerliche Verstellung das Leben retten konnte.
Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Die Verfinsterung des Lichts.
Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein.
Kommentar zur Entscheidung
Das Licht ist in die Erde hineingesunken: Verfinsterung des Lichts. Innen schön und klar, außen weich und hingebend und so der großen Not ausgesetzt: so war der König Wen. Fördernd ist es, in der Not beharrlich zu sein: das bedeutet, daß man sein Licht verhüllt. In der nächsten Verwandtschaft von Schwierigkeiten umgeben, aber dennoch seinen Willen auf das Rechte gerichtet haltend: so war der Prinz Gi.
Das innere Zeichen ist Li, das Licht, dessen Eigenschaften die Schönheit und Klarheit sind, das äußere Zeichen ist Kun, das Empfangende, dessen Eigenschaften Weichheit und Hingebung sind. König Wen, der diese Eigenschaften vereint zeigt, ist durch einen Herrn des Zeichens, die Sechs auf zweitem Platz, gezeichnet.
Prinz Gi wird durch die Sechs auf fünftem Platz gezeichnet. Auch er befindet sich in Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten werden dargestellt durch das Kernzeichen Kan das Abgründige, dessen Eigenschaft die Gefahr ist. König Wen wird von diesem Kernzeichen sozusagen zugedeckt. Für die Sechs auf fünftem Platz liegen die Schwierigkeiten innen, d. h. unten. Sie wird nicht davon überwältigt, denn sie befindet sich auf der Höhe des oberen Kernzeichens Dschen, Bewegung; durch Bewegung kommt sie aus den Schwierigkeiten heraus, und das gefährdete Licht kann doch nicht zum Aufhören gebracht werden.
Das Bild
Das Licht ist in die Erde hineingesunken:
das Bild der Verfinsterung des Lichts.
So lebt der Edle mit der großen Menge:
er verhüllt seinen Schein und bleibt doch hell.
Das obere Zeichen Kun bedeutet die Menge. Unter dieser Menge befinden sich die beiden beherrschenden Herren des Zeichens als die Edlen. Ihr Benehmen wird aus der Stellung der beiden Einzelzeichen erklärt: indem die Erde über dem Licht steht, wird der Gedanke der Verhüllung nahegelegt. Aber das untere Zeichen Li wird durch diese Kombination in seiner Natur nicht beeinträchtigt. Sein Schein ist nur verhüllt, aber nicht erloschen.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Verfinsterung des Lichts im Fluge.
    Er senkt seine Flügel.
    Der Edle auf seiner Wanderschaft ißt drei Tage nichts.
    Aber er hat, wohin er geht.
    Der Wirt hat über ihn zu reden.
  2. Der Edle auf seiner Wanderschaft hat die Verpflichtung, nichts zu essen.

Das Zeichen Li hat als Symboltier den Fasan, daher die Idee des Fliegens. Der Strich als starker ist im Begriff voranzuschreiten. Aber das darüber stehende Kernzeichen ist Kan, die Gefahr. Daher wird er in seinem Flug behindert. Er verzichtet darauf, unter Preisgabe seiner Prinzipien sich einen Lebensunterhalt zu verschaffen, sondern hungert lieber, als ehrlos zu essen.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Die Verfinsterung des Lichts verletzt ihn am linken Schenkel.
    Er wirkt Hilfe mit der Macht eines Pferdes. Heil.
  2. Das Heil der Sechs auf zweitem Platz kommt daher, daß sie hingebend an die Regel ist.

Man sollte aus der Situation Unheil erwarten, und doch ist als Orakel Heil beigefügt. Das kommt daher, daß der Strich als weicher und korrekter und an seinem Platz befindlicher Strich das zu tun vermag, was seine Lage verlangt. Auf diesen Strich bezieht sich die erste Hälfte des Kommentars zur Entscheidung, die durch König Wen ihre Bezeichnung findet.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Die Verfinsterung des Lichts auf der Jagd im Süden.
    Man bekommt ihr großes Haupt.
    Man darf nicht zu eilig Beharrlichkeit erwarten.
  2. Die Absicht der Jagd im Süden hat großen Erfolg.

Die Absicht ist auf die Jagd gerichtet. Daß der Erfolg eintritt, daß das große Haupt der Verfinsterung gefangen wird, ist unbeabsichtigt und daher ein um so größerer Erfolg. König Wu hatte nicht die Absicht, persönlich Macht zu erwerben und das Weltreich an sich zu reißen, sondern es fiel ihm kraft seines Wesens zu. Der Strich ist stark an starker Stelle, daher bringt er seine Absicht zustande. Das obere Kernzeichen, Dschen, hat das Pferd zugeordnet, das untere, Kan, den Wagen: daher der Gedanke der Jagd. Li, an dessen Spitze der Strich steht, ist der Süden.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Er dringt in die linke Bauchhöhle ein.
    Man erhält das Herz der Verfinsterung des Lichts
    und verläßt Tor und Hof.
  2. Er dringt in die linke Bauchhöhle ein,
    d. h. er erfährt die innerste Gesinnung des Herzens.

Kun, das obere Halbzeichen, bedeutet den Bauch, Dschen, das obere Kernzeichen, die linke Seite: daher die linke Bauchhöhle. Der Strich steht dem Herrn der Finsternis nicht fern, daher erfährt er seine innerste Gesinnung und kann sich rechtzeitig der Gefahr entziehen. Wollte man bleiben, so würde man sich nutzlos aufopfern.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Verfinsterung des Lichts wie beim Prinzen Gi.
    Fördernd ist Beharrlichkeit.
  2. Die Beharrlichkeit des Prinzen Gi zeigt, daß das Licht nicht zum Aufhören gebracht werden kann.

Auf diesen Strich, der zentral und weich ist, bezieht sich die zweite Hälfte des Kommentars zur Entscheidung. Der Prinz von Gi versteckte seine Beharrlichkeit, die er innerlich doch festhielt. Ebenso wird das Sonnenlicht wohl zeitweilig verhüllt, aber es kann nicht erlöschen. Das obere Kernzeichen Dschen, an dessen Spitze der Strich steht, bedeutet Erregung, Vorwärtsdringen. So läßt sich das Licht nicht dauernd unten halten, sondern es dringt machtvoll vor, wenn die Zeit gekommen ist.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Nicht Licht, sondern Dunkel.
    Erst stieg er zum Himmel empor,
    dann stürzte er in die Tiefen der Erde hinunter.
  2. Erst stieg er zum Himmel empor:
    da hätte er die Länder aller vier Himmelsgegenden erleuchten können.
    Dann stürzte er in die Tiefen der Erde hinunter, weil er die Regel verloren hatte.

Erst hatte er eine Stellung, durch die er hätte alles Volk erleuchten können. Statt dessen aber machte er sich zur Aufgabe, die Menschen zu schädigen, und übertrat damit die Regel des Herrschers; infolgedessen bereitete er sich selbst seinen Sturz.
Der Strich steht ganz oben, wo die Erde die Sonne am dichtesten verhüllt. Aber er ist auch der erste, der in seinem finstern Wesen entlarvt wird, wenn die Sonne wiederkommt.

Richard Wilhelm
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