Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

38. Kui - Der Gegensatz

Kernzeichen:Kan und Li
Die Herren des Zeichens sind die Sechs auf fünftem Platz und die Neun auf zweitem Platz. Darum heißt es im Kommentar zur Entscheidung: Das Weiche schreitet fort und geht nach oben, erhält die Mitte und findet Entsprechung beim Festen.
Die Reihenfolge
Wenn der Weg der Sippe zu Ende ist, so kommen Mißverständnisse. Darum folgt darauf das Zeichen: der Gegensatz. Gegensatz bedeutet Mißverständnisse.
Vermischte Zeichen
Gegensatz bedeutet Entfremdung.
Beigefügte Urteile
Die Männer der Vorzeit bespannten ein Holz als Bogen und härteten ein Holz im Feuer als Pfeil. Der Nutzen von Bogen und Pfeil besteht darin, die Welt in Furcht zu halten. Das entnahmen sie wohl dem Zeichen: der Gegensatz.
Das obere Zeichen Li bedeutet Waffen, das untere Dui hat den Westen, das Metall, das Töten beigeordnet; daher der Gedanke von Bogen und Pfeil, um die Welt in Furcht und Schrecken zu halten*.
In dem Zeichen kommt sehr viel auf die Entsprechung der einzelnen Linien an. Die Situation in allen einzelnen Linien ist die des Gegensatzes, aber die Tendenz geht überall auf Ausgleichung der Mißverständnisse. So bezieht sich hierauf das Nichtsuchen des Pferdes beim Anfangsstrich, das von selber wiederkommt; beim vierten Strich, daß man einen Gleichgesinnten trifft; beim zweiten Platz heißt es: Man begegnet seinem Herrn; dementsprechend beim fünften Platz: Der Gefährte beißt sich durch die Hülle. So steht beim dritten Platz das Kein guter Anfang, aber ein gutes Ende in Beziehung zu dem Beim Hingehen fällt Regen des oberen Platzes.
Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Der Gegensatz. In kleinen Sachen Heil.
Kommentar zur Entscheidung
Der Gegensatz: das Feuer bewegt sich nach oben. Der See bewegt sich nach unten.
Zwei Töchter wohnen beisammen, aber ihre Gesinnung ist nicht auf das Gemeinsame gerichtet.
Heiterkeit und Beruhen auf Klarheit. Das Weiche schreitet fort und geht nach oben, erhält die Mitte und findet Entsprechung beim Festen. Darum ist in kleinen Sachen Heil.
Himmel und Erde bilden einen Gegensatz, aber ihr Wirken ist gemeinsam. Mann und Frau bilden einen Gegensatz, aber ihr Streben geht auf Vereinigung. Alle Wesen stehen im Gegensatz zueinander, und ihre Wirkungen werden dadurch in Ordnung gegliedert. Groß wahrlich ist die Wirkung der Zeit des Gegensatzes.
Zuerst wird der Name des Zeichens abgeleitet aus den Verhältnissen, die aus der Bewegung der beiden Teilzeichen entstehen. Das Feuer flammt nach oben, das Wasser sickert nach unten: ruhend kann sich ihre Bewegung vereinen, in Bewegung kommen sie immer weiter auseinander. Die beiden Töchter sind anfangs im selben Elternhaus beisammen. Durch das Heranwachsen trennen sich ihre Wege, wenn sie in verschiedene Familien heiraten. So führt die Bewegung immer weiter in den Gegensatz hinein. Aber da es sich um eine natürliche Bewegung handelt, kommt sie von selbst zur Wende, wenn sie am Äußersten angelangt ist. Das Zeichen Dui hat Heiterkeit als Eigenschaft, das Zeichen Li Beruhen auf Klarheit. Heiterkeit führt zusammen, Klarheit findet den rechten Weg dazu. Ferner sind die Verhältnisse der beiden Herren des Zeichens günstig, so daß sich die Möglichkeit des Erfolgs wenigstens im Kleinen ergibt.
Aber KUNG geht noch weiter. Er zeigt, wie der Gegensatz geradezu naturgemäße Bedingung für die Vereinigung ist. Infolge des Gegensatzes entsteht das Bedürfnis zu seiner Überbrückung, so bei Himmel und Erde, so bei Mann und Frau; ebenso sind die Besonderheiten aller Dinge die Ursache, daß sie deutlich unterschieden und darum geordnet werden können. Das ist die Wirkung der — zu überwindenden — Phase des Gegensatzes.
Das Bild
Oben das Feuer, unten der See:
das Bild des Gegensatzes.
So behält der Edle bei aller Gemeinschaft seine Besonderheit.
Die Bilder der Teilzeichen, die in ihren Tendenzen einander widerstreben, erzeugen den Zustand des Gegensatzes. Ihre Eigenschaften führen zu seiner Überwindung. Die Heiterkeit von Dui ist das Bild der Gemeinschaft, die Klarheit von Li ist das Bild der deutlich erkennbaren Besonderheit.
Die beiden Töchter führen deshalb zum Gegensatz, weil die älteste nicht dabei ist, die durch ihre Autorität für Ordnung sorgen würde.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Die Reue schwindet.
    Wenn du dein Pferd verlierst, so lauf ihm nicht nach.
    Es kommt von selber wieder.
    Wenn du böse Menschen siehst, so hüte dich vor Fehlern.
  2. Wenn du böse Menschen siehst, vermeide Fehler.

Solange der Gegensatz noch nicht vergiftet ist, läßt er sich ausgleichen. Ein Fehler entsteht nur dadurch, daß man ihn zu weit gehen läßt. Der Strich steht in Verbindung zum vierten. Der vierte Strich steht im Kernzeichen Kan, das Pferd bedeutet. Er steht nicht in Entsprechung zu ihm, darum geht das Pferd verloren. Der Anfangsstrich ist fest, kann sich beherrschen, darum läuft er nicht nach. Das Pferd kommt von selber wieder, eben wenn sich der Gegensatz ausgelaufen hat. Der vierte Strich, der gleichzeitig den Kernzeichen Kan gefährlich und Li aufgeregt angehört, ist das Bild des schlechten Menschen. Durch die Heiterkeit des Zeichens Dui wird vermieden, daß der Gegensatz verschärft wird und so Fehler gemacht werden.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Man begegnet seinem Herrn in enger Gasse.
    Kein Makel.
  2. Wenn man seinem Herrn in enger Gasse begegnet, so hat man seinen Weg nicht verfehlt.

Auf krummen Wegen etwas erreichen zu wollen, ist ein Verfehlen des Wegs. Aber die Neun auf zweitem Platz ist fest und zentral, so ist sie nicht auf ein Treffen unter allen Umständen aus. Das Treffen ist, wenn auch unformell, also nicht ganz der Regel entsprechend, zufällig bzw. vom Herrn veranlaßt, so daß man sich nichts vorzuwerfen hat.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Man sieht den Wagen nach hinten gezerrt,
    die Rinder festgehalten,
    dem Menschen Haare und Nase abgeschnitten.
    Kein guter Anfang, aber ein gutes Ende.
  2. Man sieht den Wagen nach hinten gezerrt: das kommt, weil der Platz nicht der rechte ist. Kein guter Anfang, aber ein gutes Ende: das kommt, weil man einem Festen begegnet.

Der Platz ist nicht der rechte, denn die schwache Sechs steht auf dem starken dritten Platz, außerdem weilt die schwache Linie zwischen den zwei starken auf zweitem und viertem Platz, die sich deswegen Übergriffe erlauben, weil sie auch nicht an ihrem Platz sind. Das Kernzeichen Kan bedeutet einen Wagen; das Kernzeichen Li, in dessen Mitte der Strich steht, ist in Beziehung zur Kuh. Daß ein gutes Ende erreicht wird, kommt von den Beziehungen zu dem starken oberen Strich, der die Mißverständnisse löst.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Durch Gegensatz vereinsamt,
    trifft man einen Gleichgesinnten,
    mit dem man in Treue verkehren kann.
    Trotz der Gefahr kein Makel.
  2. Verkehr in Treue, ohne Makel:
    das bedeutet, daß der Wille sich auswirkt.

Der Gefährte, den man findet, ist der starke Anfangsstrich, der gleichen Wesens mit der Neun auf viertem Platz ist. Beide haben den Willen, die Mißverständnisse zu überwinden, und es gelingt ihnen auch. Der Strich ist vereinsamt durch die äußeren Verhältnisse. Er weilt nämlich zwischen zwei dunklen Strichen, die Gemeine repräsentieren. Hier ist zum ersten Strich nicht das Verhältnis des Entsprechens vorhanden, sondern das des Gleichgeartetseins.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Die Reue schwindet.
    Der Gefährte beißt sich durch die Hülle.
    Wenn man hingeht zu ihm, wie wäre das ein Fehler?
  2. Der Gefährte beißt sich durch die Hülle. Wenn man hingeht, bringt das Segen.

Der Gefährte ist die Neun auf zweitem Platz. Die Sechs auf fünftem Platz steht im oberen Halbzeichen Li, die Neun auf zweitem Platz steht in dem unteren Kernzeichen Li, ist also gleicher Art wie die Sechs auf fünftem Platz. Durch Verwandlung der Neun auf zweitem Platz entsteht das Zeichen Durchbeißen, dessen zweiter Strich ebenfalls durch die Haut durchbeißt. Hier ist der Führer gezeichnet, der einen tüchtigen Gehilfen findet zur Beseitigung der Mißverständnisse. Der Höhere muß hingehen, dem Gefährten entgegen. So fordert es die Regel. Ein tüchtiger Mann wird sich nicht von sich aus anbieten.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Durch Gegensatz vereinsamt, sieht man seinen Gefährten
    wie ein schmutzbeladenes Schwein,
    wie einen Wagen voll Teufel.
    Erst spannt man den Bogen nach ihm,
    dann legt man den Bogen weg.
    Nicht Räuber er ist, will freien zur Frist.
    Beim Hingehen fällt Regen, dann kommt Heil.
  2. Das Heil des Regenfalles bedeutet, daß die Schar der Zweifel schwindet.

Das Kernzeichen ist Kan, das Schwein bedeutet, ebenso einen Wagen und Hinterlist, Gefahr. Das Zeichen Li bedeutet Bogen, Kan bedeutet außerdem Räuber. Da aber die dritte Linie, auf die sich alles bezieht, zu der oberen Neun im Verhältnis des Entsprechens steht, so ist das alles Täuschung. Es handelt sich nicht um einen feindlichen Überfall, sondern um eine gutgemeinte Annäherung zu gegenseitiger Verbindung. Sowie das erkannt ist, schwinden die Zweifel, und die Mißverständnisse lösen sich.

Anmerkung:
*Man vergleiche die Pfeile des Helios.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
© 1998- Schule des Rades
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