Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

42. I - Die Mehrung

Kernzeichen:Gen und Kun
Der Gedanke der Mehrung kommt zum Ausdruck durch die Minderung des unteren Strichs des oberen Zeichens, wodurch der unterste Strich des unteren Zeichens gemehrt wird. Darum sind die Sechs auf viertem Platz und die Anfangsneun die konstituierenden Herren des Zeichens. Da aber die Minderung des Oberen und Mehrung des Unteren vom Fürsten gespendet und vom Beamten empfangen wird, so sind die Neun auf fünftem Platz und die Sechs auf zweitem Platz die herrschenden Herren des Zeichens.
Die Reihenfolge
Wenn die Minderung dauernd fortgeht, so wirkt sie sicher Mehrung. Darum folgt darauf das Zeichen: die Mehrung.
Vermischte Zeichen
Die Zeichen Minderung und Mehrung sind der Anfang von Blüte und Untergang.
Die beiden Zeichen, die am Anfang des zweiten Teils stehen, die Einwirkung und die Dauer, werden durch zehnmalige Veränderung zu den Zeichen die Minderung und die Mehrung, ebenso wie die beiden Anfangszeichen des ersten Teils, das Schöpferische und das Empfangende, nach zehnmaliger Veränderung zu den Zeichen der Friede und die Stockung werden. Die Zeichen Friede und Stockung stehen zu den Zeichen Minderung und Mehrung in innerem Zusammenhang, da durch Übertragung eines starken Strichs aus dem unteren ins obere bzw. aus dem oberen ins untere Halbzeichen die beiden Zeichen Minderung und Mehrung entstehen. So entsteht das Zeichen Mehrung, indem von dem Zeichen Pi, die Stockung der untere Strich des oberen Halbzeichens nach unten versetzt wird. Daß durch fortwährende Minderung schließlich ein Umschlag herbeigeführt wird und Mehrung eintritt, liegt im Lauf der Natur, der erkannt werden kann am abnehmenden und zunehmenden Mond und an allen regelmäßigen Naturvorgängen.
Das Zeichen besteht aus den Halbzeichen Wind und Donner, die einander mehren. Durch die Verringerung des Oberen und Verstärkung des Unteren wird eine Sicherheit erzielt, die für das Ganze eine Mehrung bedeutet. Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Beigefügte Urteile
Als der Bau-Hi-Klan vorüber war, kam der Klan des göttlichen Landmanns auf. Er spaltete ein Holz als Pflugschar und bog ein Holz als Pflugstange und lehrte den Vorteil des Öffnens der Erde mit dem Pflug der ganzen Welt. Das entnahm er wohl dem Zeichen: die Mehrung.
Die beiden Teile des Zeichens haben als Symbol das Holz. Das äußere Halbzeichen bedeutet Eindringen, das innere bedeutet Bewegung. Die mit Eindringen verbundene Bewegung brachte der Welt die größte Mehrung.
Die Mehrung zeigt die Fülle des Charakters. Die Mehrung zeigt das Wachstum der Fülle ohne Kunstgriffe. So schafft die Mehrung Förderung des Nützlichen.
Das Urteil
Die Mehrung. Fördernd ist es, etwas zu unternehmen.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Kommentar zur Entscheidung
Die Mehrung: das Obere mindern und das Untere mehren:
So freut das Volk sich grenzenlos.
Von oben stellt sich’s unters Untre:
Das ist der Weg des großen Lichts.
Und fördernd ist’s zu unternehmen:
Zentral, korrekt und segensvoll.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren:
Der Weg des Holzes schafft Erfolg.
Die Mehrung regt sich, sanft und milde:
Täglicher Fortschritt grenzenlos.
Der Himmel spendet, Erde gebiert:
dadurch vermehrt sich’s allenthalb.
Der Weg der Mehrung allerorten
Geht mit der Zeit harmonisch fort.
Der Name des Zeichens wird aus der Gestalt erklärt. Die Mehrung des Unteren auf Kosten des Oberen ist Mehrung schlechthin, denn sie kommt dem ganzen Volk zugute. Indem die vierte Linie aus dem oberen Zeichen sich ins Untere auf den untersten Platz herabläßt, zeigt sich eine Selbstverleugnung, die der Beweis von großer Klarheit ist. In Zeiten der Mehrung ist es günstig, etwas zu unternehmen, weil die Herren des Zeichens, Neun auf fünftem Platz und Sechs auf zweitem Platz, in zentraler Stellung und korrekt, d. h. stark auf starkem, schwach auf schwachem Platz sind. Die Durchquerung des großen Wassers wird nahegelegt durch das obere Zeichen Sun, das Holz bedeutet und so den Gedanken des Schiffes darstellt, während das untere die Bewegung des Schiffes verbürgt. Die Eigenschaften der Halbzeichen Dschen, Bewegung, und Sun, Sanftheit, verbürgen einen dauernden Fortschritt.
Der Gedanke der Mehrung auf kosmischem Gebiet kommt dadurch zum Ausdruck, daß der Anfangsstrich des Himmels sich unter die Erde stellt, wodurch das Zeichen Dschen entsteht, in dem alle Wesen ins Dasein treten. Auch dieser Vorgang der Mehrung ist an die richtige Zeit gebunden, innerhalb deren er sich vollzieht.
Das Bild
Wind und Donner: das Bild der Mehrung.
So der Edle: Sieht er Gutes, so ahmt er es nach,
hat er Fehler, so legt er sie ab.
Wind und Donner erzeugen und verstärken einander gegenseitig. Der Donner entspricht seiner Natur nach dem lichten Prinzip, das er in Bewegung setzt; der Wind ist seiner Natur nach mit dem schattigen Prinzip verbunden, das er zerteilt und auflöst. Das Lichte entspricht dem Guten, das erreicht wird, indem man sich darauf zu bewegt — entsprechend dem Zeichen Dschen. Das Schattige entspricht dem Schlechten, das beseitigt wird, indem es sich zerteilt und auflöst — wie der Wind, Sun, die Wolken zerteilt. Beides dient zur Mehrung; denn auf moralischem Gebiet ist das Gute gleich dem Positiv-Lichten, dessen Förderung Mehrung bedeutet.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Fördernd ist es, große Taten zu vollbringen.
    Erhabenes Heil! Kein Makel.
  2. Erhabenes Heil! Kein Makel.
    Die Unteren benützen es nicht zu ihrer eigenen Bequemlichkeit.

Die untere Neun bedeutet das niedere Volk. Indem die Sechs auf viertem Platz, der Minister, sich heruntergibt — er steht im Verhältnis des Entsprechens zum Anfangsstrich —, wird der untere Strich in den Stand gesetzt, Großes zu vollbringen, da er die Gnade, die ihm von oben erwiesen wird, nicht selbstsüchtig für sich behält. Der Strich ist unten im Zeichen Dschen und bewegt sich deshalb nach oben. Daher das große Heil.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Es mehrt ihn wohl jemand.
    Zehn Paar Schildkröten können dem nicht widerstreben.
    Dauernde Beharrlichkeit bringt Heil.
    Der König stellt ihn dar vor Gott. Heil!
  2. Es mehrt ihn wohl jemand.
    Das kommt von außen.

Die Vermehrung des inneren Zeichens kommt vom äußeren. Sie gilt daher als unerwartet, von selbst kommend. Das Zeichen I ist das umgekehrte Zeichen Sun, daher entspricht diese Linie im Text der Sechs auf fünftem Platz des vorigen Zeichens. Die Mehrung kommt, weil in der eigenen Korrektheit, zentralen Stellung und Weichheit des Strichs die Vorbedingungen gegeben sind und die starke Neun auf fünftem Platz im Verhältnis der Entsprechung zu dieser Linie steht. Die Mahnung zu dauernder Beharrlichkeit steht da, weil durch die Weichheit der Linie, zu der die Weichheit des Platzes hinzukommt, eine gewisse Schwachheit sich ergeben könnte, die durch Willensentschluß ausgeglichen werden muß. Die Mehrung ist dreifach: durch Menschen, durch Götter (angedeutet durch die Schildkröten, durch die sich der Wille der Götter kundtut) und durch den höchsten Herrn des Himmels, der den Mann, der ihm beim Opfer dargebracht wird, gnädig annimmt. Das Zeichen I bezieht sich auf den ersten Monat, in dem die Opfer auf dem Anger vollzogen wurden.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Man wird gemehrt durch unheilvolle Ereignisse.
    Kein Makel, wenn du wahrhaftig bist
    und in der Mitte wandelst
    und dem Fürsten berichtest mit einem Siegel.
  2. Man wird bereichert durch unheilvolle Ereignisse. Das ist etwas, das einem gewißlich zugehört.

Die Linie ist schwach auf starkem Platz, auf der Spitze der Erregung (unteres Zeichen Dschen), dazu nicht zentral: das alles deutet auf Unheil. Da es aber die Zeit der Mehrung ist, muß auch dieses Unheil, das nicht zufällig, sondern aus inneren Gründen einem zuteil wird, zum besten dienen. Der Strich ist in der Mitte des unteren Kernzeichens Kun und gleichzeitig an der Spitze des unteren Halbzeichens Dschen, Bewegung, was die Idee der Bewegung, des Wandelns in der Mitte erzeugt. Das Siegel ist ein runder Nephrit, der als Legitimationsabzeichen verliehen wurde.
Eine Erklärung gibt den Zusammenhang folgendermaßen: Wenn zur Zeit der Mehrung der Himmel Unheil schickt, wie Mißwachs und dergl., so wird ein mitleidiger Fürst den davon betroffenen Untertanen Erleichterung gewähren durch Steuernachlaß und dergl., und der Beamte, der sie ankündigt, hat zur Bestätigung seiner Autorität ein solches Nephritabzeichen.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Wenn du in der Mitte wandelst
    und dem Fürsten berichtest,
    so wird er folgen.
    Fördernd ist es, benützt zu werden
    bei der Verlegung der Hauptstadt.
  2. Wenn du dem Fürsten berichtest, wird er folgen, weil dadurch seine Gesinnung gemehrt wird.

Der vierte Platz ist der Platz des Ministers. Sechs auf viertem Platz ist die unterste Linie des Zeichens Sun, das Wind und Eindringen bedeutet. Der Strich hat dementsprechend Einfluß. Aber da er in der Mitte des oberen Kernzeichens Gen ist, so benützt er diesen Einfluß nicht für persönliche Zwecke; ist es doch der Strich, dessen Minderung das untere Zeichen mehrt. Er stellt daher einen Mann dar, der als Vermittler zwischen Fürst und Volk imstande ist, des Fürsten Willen dem Volk klarzumachen. Solche Persönlichkeiten sind bei gefahrvollen, wichtigen Unternehmungen (Durchqueren des großen Wassers, hier Verlegung der Hauptstadt, was unter der Schangdynastie fünfmal vorkam) von großer Wichtigkeit.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Wenn du wahrhaftig ein gütiges Herz hast,
    so frage nicht. Erhabenes Heil!
    Wahrhaftig wird Güte als deine Tugend erkannt werden.
  2. Wenn du ein gütiges Herz hast, so frage nicht. Wenn Güte als deine Tugend anerkannt wird, so hast du deine Absicht ganz erreicht.

Der Herr des Zeichens, stark und zentral auf rechtem, starkem Platz, hat ein wahrhaft gütiges Herz und sucht die Unteren zu mehren. Da bedarf es keiner Frage: Die Wirkung muß günstig sein, und damit, daß die gute Absicht anerkannt wird, ist alles gut.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Er gereicht niemand zur Mehrung.
    Es schlägt ihn wohl gar jemand.
    Er hält sein Herz nicht dauernd fest. Unheil!
  2. Er gereicht niemand zur Mehrung:
    das ist ein Wort, das die Einseitigkeit bezeichnet.
    Es schlägt ihn gar jemand:
    das kommt von außen.

Der Strich ist halsstarrig und nicht dauernd darauf bedacht, die Unteren zu mehren; trotz der Beziehung zur Sechs auf drittem Platz zeigt sich dort kein Einfluß des oberen Strichs. Daher ist er einseitig und abseits. Diese falsche Stellung bringt dann automatisch — ohne daß jemand die Absicht hat — das Unheil herbei, weil seine Gesinnung nicht dauernd, d. h. nicht in Einklang mit den Forderungen der Zeit ist.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD