Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

46. Schong - Das Empordringen

Kernzeichen:Dschen und Dui
Der Herr des Zeichens ist die Sechs auf fünftem Platz. Auf sie bezieht es sich, wenn es im Kommentar zur Entscheidung heißt: Das Weiche dringt mit der Zeit empor. Die Sechs auf fünftem Platz ist die geehrteste Linie unter den empordringenden. Aber das Empordringen beginnt sicher unten. Das Zeichen hat als Bild das Holz, das inmitten der Erde wächst. Nun ist aber die Anfangssechs der Herr des Halbzeichens Sun und die Wurzel des Holzes, darum ist die Anfangssechs wenigstens ein konstituierender Herr des Zeichens.
Die Reihenfolge
Das Sichanhäufen nach oben heißt Empordringen. Darum folgt das Zeichen: das Empordringen.
Vermischte Zeichen
Das Empordringende kommt nicht zurück.
Das Zeichen ist an sich sehr günstig organisiert. Das obere Zeichen, Kun, hat die Bewegungsrichtung nach unten; das untere Zeichen, Sun, das Eindringen bedeutet und als Bild das Holz hat, dringt darum ungehemmt nach oben. Immerhin ist das Empordringen nicht so leicht und expansiv wie der Sonnenaufgang des Zeichens Fortschritt. Die Richtung der Bewegung nach oben wird noch verstärkt durch die Kernzeichen Dschen und Dui, die beide nach oben gerichtet sind. Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Das Empordringen hat erhabenes Gelingen.
Man muß den großen Mann sehen.
Fürchte dich nicht!
Aufbruch nach Süden bringt Heil.
Kommentar zur Entscheidung
Das Weiche dringt mit der Zeit empor. Sanft und hingebend.
Das Feste ist in der Mitte und findet Entsprechung, darum erlangt es großes Gelingen.
Man muß den großen Mann sehen.
Fürchte dich nicht, denn es bringt Segen.
Aufbruch nach Süden bringt Heil.
Der Wille geschieht.
Das Weiche, das von der Zeit getragen empordringt, ist die weiche Anfangslinie, die die Wurzel des unteren Zeichens Holz bedeutet. Sanft ist das untere Zeichen, hingebend das obere. Das sind die Vorbedingungen in der Zeit, die dem starken Strich auf zweitem Platz, der bei dem schwachen Strich auf dem Platz des Herrschers Entsprechung findet, es ermöglichen, großen Erfolg zu erringen. Es heißt: Man muß den großen Mann sehen und nicht: Fördernd ist es, den großen Mann zu sehen, wie das sonst gewöhnlich ist; denn der Herr des Zeichens ist nicht der große Mann, er ist vielmehr weich. Die Ursache des Gelingens ist nicht eine soziale, sondern eine transzendente. Darum heißt es auch: Fürchte dich nicht und Es bringt Segen. Diese aus dem Unsichtbaren stammende Gunst der Verhältnisse muß man aber durch Arbeit ausnützen. Der Aufbruch nach Süden bedeutet Arbeit. Der Süden ist die Himmelsrichtung zwischen Sun und Kun, den beiden Bestandteilen, aus denen sich das Gesamtzeichen zusammensetzt.
Das Bild
Inmitten der Erde wächst das Holz:
das Bild des Empordringens.
So häuft der Edle hingebenden Wesens Kleines,
um es zu Hohem und Großem zu bringen.
Die Anhäufung des Kleinen, der stetige, unmerkliche Fortschritt, wird angedeutet durch die Art, wie das Holz unter der Erde allmählich und unsichtbar wächst. Das hingebende Wesen entspricht dem Zeichen Kun, die Höhe und Größe dem Zeichen Sun, dessen Bild der Baum ist.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Empordringen, das Zutrauen findet, bringt großes Heil.
  2. Empordringen, das Zutrauen findet, bringt großes Heil:
    die Oberen stimmen im Willen überein.

Der weiche Strich am Anfang stimmt in seiner Wesensart mit den weichen Strichen des oberen Zeichens Kun überein. Darum findet er Zutrauen und hat Erfolg bei seinem Empordringen: wie die Wurzel des Baums, die in der Erde steckt und mit der Erde in Verbindung ist und durch diese Verbindung das Wachstum des Baums ermöglicht.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Wenn man wahrhaftig ist,
    so ist es fördernd, ein kleines Opfer zu bringen.
    Kein Makel.
  2. Die Wahrhaftigkeit der Neun auf zweitem Platz bringt Freude.

Der Strich ist der unterste des Kernzeichens Dui, das Freude bedeutet. Das Orakel ist dasselbe wie beim zweiten Strich des vorigen Zeichens. Dort war es ein schwacher Strich, der in inniger Verbindung zu dem König auf fünftem Platz stand. Hier ist es ein starker Strich, der in ebenso inniger Beziehung zu dem schwachen Strich auf fünftem Platz steht. Beide Male ist die Wesensbeziehung so intim, daß äußerlich die Gaben gering sein können, ohne daß dadurch das gegenseitige Vertrauen gestört würde.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Man dringt empor in eine leere Stadt.
  2. Man dringt empor in eine leere Stadt: es ist kein Grund zu Bedenken da.

Der Strich ist stark auf starkem Platz, zudem am Anfang des oberen Kernzeichens Dschen, das als Charakter die Bewegung hat. Dazuhin sind vor ihm die geteilten Linien des Zeichens Kun, die wie leer und geöffnet sind, so daß sich dem Fortschritt kein Hemmnis entgegenstellt. Dieser leichte Fortschritt könnte zu Bedenken Anlaß geben, aber da er in Übereinstimmung ist mit der Zeit, so gilt es voranzudringen und die Zeit auszunützen.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Der König bringt ihn dem Berg Ki dar. Heil. Kein Makel.
  2. Der König bringt ihn dem Berg Ki dar: das ist die Art des Hingebenden.

Die Linie ist schwach auf schwachem Platz. Sie steht auf der Spitze des Kernzeichens Dui, das den Westen bedeutet und so den Berg Ki andeuten mag. Der König ist die Sechs auf fünftem Platz, die vierte Linie stellt den Minister dar. Der König ist gleichen Wesens mit ihm, darum verschafft er ihm die Wirkungsmöglichkeit.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Beharrlichkeit bringt Heil. Man dringt empor auf Stufen.
  2. Beharrlichkeit bringt Heil. Man dringt empor auf Stufen. Man erlangt vollkommen seinen Willen.

Das Empordringen geht vom ersten Strich an bis zu diesem stufenmäßig weiter. Der erste findet Zutrauen, der zweite bedarf nur kleiner Opfer, der dritte dringt empor in eine menschenleere Stadt, der vierte endlich findet Zugang selbst in jenseitige Gebiete. Das sind die Stufen des Fortschritts, die alle im Herrn des Zeichens zusammengefaßt sind. Da ist es nun von größter Wichtigkeit, daß man beharrlich bleibt bei solch glänzendem Gelingen.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Empordringen im Dunkeln.
    Fördernd ist es, unablässig beharrlich zu sein.
  2. Empordringen im Dunkeln.
    Oben ist Abnahme und nicht Reichtum.

Die Linie ist auf dem Gipfel des Zeichens Kun. Sie kann nicht weiter vordringen. Das Ende des Schattigen deutet auf Dunkelheit. Wenn man nichts mehr erkennen kann, ist es notwendig, die Beharrlichkeit unterhalb des Bewußtseins festzuhalten, damit man nicht vom Wege abkommt.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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