Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

49. Go - Die Umwälzung, (die Mauserung)

Kernzeichen:Kiën und Sun
Der Herr des Zeichens ist die Neun auf fünftem Platz, denn man muß auf geehrtem Platz weilen, um die Autorität für eine Umwälzung zu haben. Wer zentral und korrekt ist, der vermag das ganze Gute einer solchen Umwälzung herauszubringen. Darum heißt es von diesem Strich: Der große Mann ändert wie ein Tiger.
Die Reihenfolge
Die Einrichtung eines Brunnens muß notwendig mit der Zeit umgewälzt werden; darum folgt darauf das Zeichen: die Umwälzung.
Ein Brunnen muß von Zeit zu Zeit ausgeräumt werden, damit er nicht verschlammt. Darum folgt auf das Zeichen Brunnen, das eine ständige Einrichtung bedeutet, das Zeichen Umwälzung, das die notwendigen Änderungen festgewordener Einrichtungen zeigt, damit sie nicht erstarren.
Vermischte Zeichen
Die Umwälzung bedeutet die Entfernung des Veralteten.
Das Zeichen ist so organisiert, daß die Wirkungen der beiden Halbzeichen einander entgegenstehen; daher entsteht mit Notwendigkeit eine Umwälzung. Das Feuer unten wird noch angefacht durch das Kernzeichen Sun, das Wind oder Holz bedeutet. Das obere Kernzeichen, Kiën, gibt die nötige Festigkeit. Die ganze Bewegung des Zeichens ist nach oben gerichtet.
Das Urteil
Die Umwälzung.
Am eigenen Tag, da findest du Glauben.
Erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.
Die Reue schwindet.
Kommentar zur Entscheidung
Die Umwälzung: Wasser und Feuer dämpfen einander. Zwei Töchter wohnen beisammen, aber ihre Gesinnungen verstehen einander nicht. Das bedeutet: Umwälzung.
Am eignen Tag, da findest du Glauben:
man bewirkt eine Umwälzung, und man findet dabei Vertrauen.
Aufklärung und dadurch bewirkte Heiterkeit: du schaffst großen Erfolg durch Gerechtigkeit. Wenn man bei einer Umwälzung das Rechte trifft, so schwindet Reue.
Himmel und Erde bewirken Umwälzung, und die vier Jahreszeiten vollenden sich dadurch.
Tang und Wu bewirkten staatliche Umwälzungen, indem sie hingebend waren gegenüber dem Himmel und den Menschen entsprachen.
Die Zeit der Umwälzung ist wahrlich groß.
Die Mauserung beruht auf festen Gesetzen, sie ist vorbereitet. Dasselbe muß der Fall sein mit den staatlichen Umwälzungen. Der Ausdruck am eignen Tag weist — ähnlich wie das beim Zeichen Gu, die Arbeit am Verdorbenen, Nr. 18, der Fall war — auf eines der zehn zyklischen Zeichen hin. Die zehn zyklischen Zeichen sind:
1. Gia, 2. I, 3. Bing, 4. Ding, 5. Wu, 6. Gi, 7. Gong, 8. Sin, 9. Jen, 10. Gui. Wie bei Nr. 18 schon erwähnt, hat das 8. dieser Zeichen, Sin, die Nebenbedeutung des Erneuerns, das 7., Gong, bedeutet Verändern. Das Vorhergehende nun ist Gi. Also am Tag, ehe die Veränderung eintritt, findet man Glauben (daher in der Übersetzung der eigne Tag; Gi bedeutet auch eigen). Wenn man die zyklischen Zeichen mit den Himmelsrichtungen der acht Diagramme des späteren Himmels zusammenstellt, so findet man, daß Gi zusammen mit Kun — es bedeutet Erde — im Südwesten steht, mitten zwischen Dui im Westen und Li im Süden, d. h. eben zwischen den beiden Halbzeichen des Diagramms, die sich bekämpfen und dämpfen. Die Erde in der Mitte gleicht ihre Wirkungen aus, so daß die Klarheit des Feuers (Li) und die Heiterkeit des Wassers (Dui) getrennt in die Erscheinung treten können. Daher Aufklärung und Heiterkeit als Bedingung des zu einer Umwälzung nötigen Vertrauens der Bevölkerung.
Wie die Umwälzungen in der Natur nach festen Gesetzen sich vollziehen und dadurch das Jahr in seinem Kreislauf entsteht, so müssen auch die politischen Revolutionen, die zur Beseitigung verrotteter Zustände zuweilen notwendig werden können, sich nach ganz bestimmten Gesetzen richten:
  1. Es muß der richtige Zeitpunkt abgewartet werden können.
  2. Man muß in der richtigen Weise vorgehen, so daß man die Sympathie der Bevölkerung auf seiner Seite hat und Ausschreitungen vermieden werden.
  3. Man muß ganz frei von allen selbstsüchtigen Absichten und korrekt sein.
  4. Die Änderung muß einem wirklichen Bedürfnis entsprechen.
So waren die großen Umwälzungen, die die Herrscher Tang und Wu im Lauf der Geschichte vollbracht haben.
Das Bild
Im See ist Feuer: das Bild der Umwälzung.
So ordnet der Edle die Zeitrechnung
und macht die Zeiten klar.
Das Feuer im See bewirkt eine Umwälzung. Das Wasser löscht das Feuer, das Feuer verdunstet das Wasser. Die Ordnung der Zeitrechnung des Kalenders wird nahegelegt durch das Zeichen Dui, das einen Zauberer, einen Kalendermacher bedeutet. Das Klarmachen wird nahegelegt durch das Zeichen Li, das Klarheit zur Eigenschaft hat.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Man wird eingewickelt in das Fell einer gelben Kuh.
  2. Man wird eingewickelt in das Fell einer gelben Kuh.
    Man soll so nicht handeln.

Das Zeichen Li hat die Kuh als Tier. Das Fell (go) wird durch den Namen des Zeichens, der Fell oder Mauserung bedeutet, nahegelegt. Gelb ist die Farbe des mittleren, zweiten Strichs, durch den dieser erste festgehalten wird. An sich ist der Strich stark. Das Zeichen Li, dem er angehört, drängt nach oben; so liegt die Versuchung nahe, daß er eine Umwälzung beginnen will. Aber die Neun auf viertem Platz steht nicht in Beziehung zu ihm, ebensowenig die Sechs auf zweitem Platz, so daß der Zeitpunkt zum Handeln noch nicht gekommen ist.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Am eigenen Tag, da mag man umwälzen.
    Aufbruch bringt Heil. Kein Makel.
  2. Am eignen Tag, da mag man umwälzen.
    Das Handeln bringt schönen Erfolg.

Der Strich ist korrekt, zentral und klar. Der Platz ist der des Beamten. Nach oben hin steht er zum Herrn des Zeichens, Neun auf fünftem Platz, in der Beziehung des Entsprechens, darum hat er die Möglichkeit des erfolgreichen Handelns. Hier ist der Zeitpunkt, der im Urteil zum Gesamtzeichen als der rechte Zeitpunkt bezeichnet wurde, da man Glauben findet. Über die Bedeutung der eigne Tag (Gi Ji) vgl. oben. Hier ist die Konstellation besonders deutlich. Der Tag wird nahegelegt durch das Zeichen Li, der mittlere Strich ist der entsprechende Platz der Erde, die im Südwesten neben Li (Westen) steht.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Aufbruch bringt Unheil. Beharrlichkeit bringt Gefahr.
    Wenn die Rede von der Umwälzung dreimal ergangen ist,
    dann mag man sich ihr zuwenden und wird Glauben finden.
  2. Wenn die Rede von der Umwälzung dreimal ergangen ist, dann mag man sich ihr zuwenden: wohin will man es sonst kommen lassen?

Der Strich ist stark und klar am Platz des Übergangs. Doch ist durch diese Verhältnisse die Gefahr der Überstürzung nahegelegt. Darum gilt es zu warten, bis die Zeit gekommen ist. Die Beziehung zum obersten Strich kommt hier nicht in Betracht, da jener durch den fünften bereits gebunden ist. Darum würde ein voreiliges Hingehen Gefahr bringen. Wenn das Feuer gegen das Wasser etwas ausrichten will, so muß es in seiner ganzen Entschlossenheit wirken. Alle drei Striche einheitlich zusammengefaßt: dann erst ist der Erfolg möglich.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Die Reue schwindet. Man findet Glauben.
    Die Staatsordnung zu wechseln bringt Heil.
  2. Das Heil des Wechsels der Staatsordnung beruht darauf, daß man für seine Gesinnung Glauben findet.

Der Strich ist als starker Strich auf weichem Platz harmonisch ausgeglichen. Er steht zum Herrn des Zeichens in gleicher Art und Verbundenheit, daher findet er Glauben. Hier ist die Zeit zur Änderung gekommen. Wenn es im Text nicht nur Umwälzung, sondern Wechsel und Änderung heißt, so hat das den Sinn, daß durch die Umwälzung nur das Alte beseitigt wird, die Änderung aber gleichzeitig auf das eingeführte Neue deutet.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Der große Mann ändert wie ein Tiger.
    Noch ehe er das Orakel fragt, findet er Glauben.
  2. Der große Mann ändert wie ein Tiger: seine Zeichnung ist deutlich.

Der Strich steht zur Sechs auf zweitem Platz in Beziehung, daher hat er die Klarheit von Li zu seiner Verfügung. Das Zeichen Dui, in dessen Mitte der Strich steht, steht im Westen, dem Platz des weißen Tigers; die entsprechende Jahreszeit ist der Herbst, da die Haare der Tiere wechseln.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Der Edle ändert wie ein Panther.
    Der Geringe mausert sich im Gesicht.
    Aufbruch bringt Unheil.
    In Beharrlichkeit weilen bringt Heil.
  2. Der Edle ändert wie ein Panther. Seine Zeichnung ist feiner.
    Der Geringe mausert sich im Gesicht:
    er ist hingebend und gehorcht dem Fürsten.

Der Strich steht mit dem Herrn des Zeichens im Verhältnis des Zusammenhaltens, daher die genauere Detailausführung ihm übertragen ist. Die Streifen des Panthers sind feiner als die des Tigers. Der Geringe ändert sich wenigstens äußerlich durch den überwiegenden Einfluß der Edlen.

Richard Wilhelm
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