Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

52. Gen - Das Stillehalten, der Berg

Kernzeichen:Dschen und Kan
Eigentlich sind auch beim Zeichen Gen die beiden lichten Striche die Herren des Zeichens. Aber die Bedeutung des Zeichens der Stillstand beruht eben darauf, daß das Lichte stillesteht. Darum gilt der dritte Strich nicht als Herr, sondern nur der oberste.
Die Reihenfolge
Die Dinge können sich nicht dauernd bewegen, man muß sie innehalten machen. Darum folgt darauf das Zeichen: das Stillehalten. Stillehalten bedeutet innehalten.
Vermischte Zeichen
Stillehalten bedeutet innehalten.
Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen. Es ist das Doppelzeichen von Gen, das den jüngsten Sohn, den Berg, bedeutet. Der Platz von Gen ist der Nordosten zwischen Kan im Norden und Dschen im Osten. Es ist der geheimnisvolle Ort, wo aller Dinge Anfang und Ende ist, wo Tod und Geburt ineinander übergehen. Die Eigenschaft des Zeichens ist das Stillehalten, weil die starken Striche, deren Tendenz nach oben geht, am Ziele angelangt sind.
Das Urteil
Stillehalten seines Rückens,
so daß er seinen Leib nicht mehr empfindet.
Er geht in seinen Hof und sieht nicht seine Menschen.
Kein Makel.
Kommentar zur Entscheidung
Stillehalten bedeutet innehalten.
Wenn es Zeit ist, innezuhalten, dann innehalten.
Wenn es Zeit ist, voranzuschreiten, dann voranschreiten:
so verfehlen Bewegung und Ruhe nicht die rechte Zeit, und ihr Lauf wird hell und klar.
Sein Innehalten stillhalten, das ist soviel wie an seinem Platz innehalten. Die Oberen und Unteren stehen in gegensätzlicher Beziehung und haben nichts miteinander gemein.
Darum heißt es: Er empfindet nicht seinen Leib.
Er geht in seinen Hof und sieht nicht seine Menschen. Kein Makel.
Das Zeichen bedingt seiner Natur nach eine Trennung des oberen und des unteren Halbzeichens. Das wird auch durch die divergierende Bewegung der Kernzeichen, von denen das obere aufwärts, das untere abwärts sich bewegt, angedeutet. Stillehalten ist der Sinn des Zeichens selbst, Bewegung ist der Sinn der Kernzeichen, darum ist die Erklärung gegeben, daß Bewegung und Innehalten zur rechten Zeit beides zur Ruhe gehört: das eine ist die Beharrung im Ruhezustand, das andere Beharrung im Bewegungszustand. Das Zeichen Gen hat einen inneren Glanz, da der lichte Strich oben über den beiden dunklen ist, so daß er nicht verdunkelt wird; daher der Ausdruck: Ihr Lauf wird hell und klar. Der Rücken ist der hintere Teil des Körpers, der für das Ich unsichtbar ist, daher das Stillehalten des Rückens, das Symbol für das Stillemachen des Ichs ist. Das untere Halbzeichen deutet auf dieses Stillehalten des Rückens, so daß man seinen Körper, d. h. seine Persönlichkeit, nicht mehr gewahr wird. Das obere Zeichen bedeutet den Hof. Die einzelnen Linien stehen in keiner Beziehung zu den entsprechenden Linien des unteren Zeichens, daher drehen das obere Zeichen und das untere einander gleichsam den Rücken zu. So sieht man im Hof die andern Menschen nicht*
Das Bild
Zusammenstehende Berge: das Bild des Stillehaltens.
So geht der Edle mit seinen Gedanken nicht über seine Lage hinaus.
Bei allen Doppelzeichen stehen die entsprechenden Linien des oberen und unteren Halbzeichens nicht in Beziehung des Entsprechens, und doch ist es nur beim Zeichen Stillehalten ausdrücklich vermerkt, daß die Berge nur äußerlich vereinigt sind, während bei den andern Doppelzeichen immer ein Hin und Her der Bewegung vorausgesetzt wird. Der Grund ist, daß im Stillehalten eben der Gegensatz zu Bewegung und Austausch gegeben ist. Dementsprechend ist die Lehre, die aus dem Bild genommen wird, eben die Beschränkung auf den Umkreis der eigenen Stellung.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Stillehalten seiner Zehen.
    Kein Makel. Fördernd ist dauernde Beharrlichkeit.
  2. Stillehalten seiner Zehen.
    Das Rechte ist noch nicht verloren.

Die einzelnen Linien erinnern in ihren Bildern an die einzelnen Linien des Zeichens Nr. 31, Hiën, die Einwirkung. So ist die unterste Linie das Symbol der Zehen. Der Strich ist schwach, darum ist das Stillehalten durchaus der Zeit entsprechend und kein Fehler. Es ist nur von Wichtigkeit, daß die schwache Natur nicht ungeduldig wird, sondern Ausdauer genug zum Stillehalten besitzt.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Stillehalten seiner Waden.
    Er kann den nicht retten, dem er folgt.
    Sein Herz ist nicht froh.
  2. Er kann den nicht retten, dem er folgt:
    denn er kehrt sich nicht nach ihm, daß er auf ihn hört.

Der Strich, dem die Sechs auf zweitem Platz folgt, ist die Neun auf drittem Platz. Die Sechs auf zweitem Platz ist korrekt und zentral und möchte nicht nur sich, sondern auch den, dem sie folgt, retten. Aber die Neun auf drittem Platz ist stark, auf dem Platz des Übergangs, der untere Strich des Kernzeichens Dschen, Erregung, daher aufs äußerste unruhig; zugleich ist er im Kernzeichen Kan, das Abgründige, das Ohrenleiden bedeutet, daher das mangelnde Hören. Andererseits ist Kan das Sinnbild des Herzens, daher: Sein Herz ist nicht froh.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Stillehalten seiner Hüften.
    Steifmachen seines Kreuzbeins.
    Gefährlich. Das Herz erstickt.
  2. Stillehalten seiner Hüften.
    Es ist Gefahr, daß das Herz erstickt.

Der Strich ist in der Mitte des Kernzeichens Kan, daher das Herz. Andererseits ist es der eine lichte Strich zwischen den beiden dunklen, wodurch Gefahr und Eingeschlossenheit angedeutet werden. Erfolgt nun in dieser Situation ein Stillehalten, so ist Gefahr da. Wenn der Rücken stillegehalten wird, so gewinnt man die Herrschaft über den ganzen Leib. Die Hüften sind aber die Grenze zwischen den Bewegungen der lichten und der dunklen Kräfte. Erfolgt hier ein Starrmachen, so wird das Herz sich ziellos bewegen, die Nervenbahnen werden dadurch unterbrochen, und ein Ersticken des Herzens ist zu befürchten.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Stillehalten seines Rumpfes.
    Kein Makel.
  2. Stillehalten seines Rumpfes.
    Er hält innerhalb seines eignen Leibes inne.

Der vierte Platz ist der Rumpf. Er ist sehr schwach. Eine schwache Linie steht darüber. Zur Zeit des Stillehaltens ist es durchaus richtig, wenn man sich rechtzeitig zu beschränken versteht.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Stillehalten seiner Kinnladen.
    Die Worte haben Ordnung.
    Die Reue schwindet.
  2. Stillehalten seiner Kinnladen:
    infolge der zentralen und korrekten Haltung.

Während bei Nr. 31 die Kinnladen erst auf dem obersten Platz als Bild erscheinen, so hier schon auf dem fünften, weil der obere Platz der Herr des Zeichens ist.
Der Strich ist als zentral zugleich korrekt. Da er dem Zeichen Gen, Stillehalten, und dem Kernzeichen Dschen, Bewegung, gleichzeitig angehört, wird durch ihn die Möglichkeit angedeutet, seine Kinnladen zu bewegen und zu reden wie der Donner. Das wird aber vermieden durch die zentrale Haltung der Linie und ihre Zugehörigkeit zu dem oberen Halbzeichen das Stillehalten.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Großzügiges Stillehalten. Heil!
  2. Das Heil des großzügigen Stillehaltens kommt davon her, daß ein reichlicher Abschluß da ist.

Der Strich ist zum Abschluß stark, daher als reichlicher Abschluß gedacht. Der Herr des Zeichens ist auf der Höhe des Bergs, da, wo der Berg am reichlichsten (dicksten) aufeinandergeschichtet ist: als oberster Strich hat er spontanes Licht, das eben infolge des ruhigen Stillehaltens zur Geltung kommen kann. Daher ist hier das Heil erreicht. Da der starke Strich nicht weiter nach oben strebt, sondern sich ruhig auf seinem Platz hält, ist er im Gegensatz zu andern starken Strichen auf oberem Platz nicht ungünstig.

Anmerkung:
*Der Satz im Kommentar: Sein Innehalten stillhalten (chin. Gen Ki Dschï) ist Textfehler seit Wang Bi; es muß heißen wie im Urteil: Seinen Rücken stillhalten (Gen Ki Be). Das ergibt sich aus der Vergleichung der älteren Erklärungen.
Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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