Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

53. Dsiën - Die Entwicklung, (allmählicher Fortschritt)

Kernzeichen:Li und Kan
Das Zeichen Entwicklung hat die Verheiratung eines Mädchens als Grundgedanken. Unter allen Strichen ist nur die Sechs auf zweitem Platz zu der Neun auf fünftem Platz in der Beziehung des Entsprechens. Sie ist das Bild des Mädchens, das verheiratet wird. Daher ist die Sechs auf zweitem Platz der Herr des Zeichens. Aber die Entwicklung hat ferner die Bedeutung des Fortschreitens, und die Neun auf fünftem Platz ist fortgeschritten, weilt an hoher Stelle und hat einen festen und zentralen Charakter; darum ist die Neun auf fünftem Platz ebenfalls Herr des Zeichens.
Die Reihenfolge
Die Dinge können nicht dauernd innehalten, darum folgt darauf das Zeichen: die Entwicklung. Entwicklung bedeutet Fortschreiten.
Vermischte Zeichen
Die Entwicklung zeigt, wie das Mädchen verheiratet wird und dabei auf die Handlungen des Mannes warten muß.
Das Zeichen zeigt ebenso wie das Zeichen Dsin, der Fortschritt (Nr. 35), und Schong, das Empordringen (Nr. 46), einen Fortschritt; aber während Nr. 35 der Fortschritt ist wie die Ausbreitung der über die Erde aufgehenden Sonne und Nr. 46 einen Baum zeigt, der durch die Erde empordringt, so ist hier das langsame Wachstum gemeint, das ein Baum auf einem Berg zeigt. Auf der andern Seite ist das Zeichen eines von denen, die von der Verbindung zwischen Mann und Frau handeln, und ist so am nächsten mit dem Zeichen Hiën, die Einwirkung, Nr. 31, verwandt. (Aber während es dort die jüngste Tochter ist, die von dem jüngsten Sohn beeinflußt wird, eine Einwirkung, die rasch und allseitig sich zeigt, also mehr die natürliche Anziehung der Geschlechter zum Ausdruck bringt, ist es hier die reife ältere Tochter, die vom jüngsten Sohn beeinflußt wird. Darum kommen hier mehr die Sitten in ihrer hemmenden Wirkung zur Darstellung. So wird hier erinnert an die langsame Entwicklung bei der Heirat, zu der im Lauf der Zeit die Vollendung von sechs Bräuchen nötig war. Im übrigen vgl. das nächste Zeichen.)
Das Urteil
Die Entwicklung. Das Mädchen wird verheiratet. Heil!
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Kommentar zur Entscheidung
Der Fortschritt der Entwicklung bedeutet das Heil der Verheiratung des Mädchens. Fortschreiten und dabei den rechten Platz erlangen: Hingehen hat Erfolg. Fortschreiten im Rechten, so mag man das Land richten. Sein Platz ist fest und hat die Mitte erreicht. Stillehalten und Eindringen: das gibt der Bewegung Unerschöpflichkeit.
Nachdem der Sinn des Namens erklärt ist durch die Anwendung des ersten Satzes des Urteils, werden die weiteren Worte des Urteils aus der Gestalt des Zeichens klargemacht. Die beiden Herren des Zeichens, der zweite und der fünfte Strich, zeigen ein Fortschreiten, so daß sie den rechten, ihrer Natur entsprechenden Platz erlangen. Dem Erlangen des gebührenden Platzes entspricht die korrekte Gesinnung. Auf diese Weise sind Unternehmungen von Erfolg begleitet, und der Staat kann in Ordnung gebracht werden. Es wird hier die Verbindung von persönlichem, sittlichem Streben und der Kraft, das Staatswesen in Ordnung zu bringen, betont. Besonders der Herr des Zeichens, der an fünftem, herrschendem Platz steht und dabei Stärke und zentrale Korrektheit verbindet, kann solche Erfolge erringen. Zum Schluß wird im Anschluß an die beiden Teilzeichen gezeigt, daß die Unerschöpflichkeit des Fortschreitens der innerlichen Ruhe verbunden mit Anpassung an die Verhältnisse entspringt. Ruhe ist die Eigenschaft des inneren Zeichens Gen, Anpassung die des äußeren Zeichens Sun.
Das Bild
Auf dem Berge ist ein Baum: das Bild der Entwicklung.
So weilt der Edle in würdiger Tugend, um die Sitten zu bessern.
Der Baum auf dem Berg vergrößert sich langsam und unmerklich. Er geht in die Breite, spendet Schatten und beeinflußt so durch sein Wesen seine Umgebung. So ist er ein Beispiel für die wirkende Kraft, die durch die konsequente Pflege der eignen Tugend die Sitten der Umgebung bessert. Der Baum auf dem Berg ist ähnlich wie der Baum auf der Erde (Guan, der Anblick, Nr. 20) ein wirkendes Beispiel. Dabei ist das Stillehalten des Bergs das Bild für das Weilen in würdiger Tugend und das Eindringende des Holzes (bzw. Windes) das Bild der guten Wirkung, die von dem guten Beispiel ausgeht.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Die Wildgans zieht allmählich dem Ufer zu.
    Der junge Sohn ist in Gefahr.
    Es gibt Gerede. Kein Makel.
  2. Die Gefahr des kleinen Sohnes ist ihrer Bedeutung nach ohne Makel.

Das Kernzeichen Li bedeutet einen fliegenden Vogel, daher das Bild der Wildgans. Der Anfangsstrich steht neben dem Kernzeichen Kan, das Abgründige, daher das Bild des Ufers.
Gen, das untere Halbzeichen, ist das Bild des jüngsten Sohnes. Es enthält das Kernzeichen Kan, Gefahr. Die Worte kommen vielleicht von dem oberen Zeichen Sun, Wind, der rauscht und tönt.
Der Strich ist weich auf festem Platz. Er ist daher nicht stürmisch in seinem Vordringen, ist sich der Gefahr bewußt. Wenn daher auch andere über ihn reden, bleibt er doch frei von Schuld.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Die Wildgans zieht allmählich dem Felsen zu.
    Essen und Trinken in Frieden und Eintracht. Heil!
  2. Essen und Trinken in Friede und Eintracht. Er ißt sich nicht einfach nur satt.

Gen ist der Berg, daher das Bild des Felsens. Das Kernzeichen Kan führt auf Essen und Trinken. Wenn die Wildgans zu essen findet, ruft sie ihre Kameraden. Der Strich ist weich und in Beziehung zur Neun auf fünftem Platz, den er herbeiruft. Er ißt sich also nicht einfach nur für seine Person satt, sondern denkt auch gleich an die andern mit.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Die Wildgans zieht allmählich der Hochebene zu.
    Der Mann zieht aus und kehrt nicht wieder.
    Die Frau trägt ein Kind, aber bringt es nicht zur Welt.
    Unheil!
    Fördernd ist es, Räuber abzuwehren.
  2. Der Mann zieht aus und kehrt nicht wieder. Er verläßt die Schar der Gefährten.
    Die Frau trägt ein Kind, aber bringt es nicht zur Welt.
    Sie hat den rechten Weg verloren. Fördernd ist es, Räuber abzuwehren. Hingebung und gegenseitiger Schutz.

Der Strich weist als oberster des Zeichens Gen auf einen hohen Platz, daher die Hochebene. Der Strich ist stark auf starkem Platz, daher nicht gemäßigt in der Bewegung: das Bild des Menschen, der von seiner Richtung nicht abläßt, daher hingeht, ohne zurückzukehren. Er steht zu den zwei oberen starken Strichen in Beziehung ohne Entsprechen. Der Strich steht ferner inmitten des Kernzeichens der Gefahr. Daher ist er von seinesgleichen getrennt (oben und unten ein dunkler Strich). Da der Strich sonach nicht wiederkommt, hinterläßt er das Zeichen Kun, das durch seinen Weggang unten entsteht, ohne Kind. Die Frau hat auf diese Weise ihren Weg verloren. Nur insofern als der starke Strich die beiden schwachen unter ihm vor Räubern schützt, hat dieser Strich etwas Förderndes.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Die Wildgans zieht allmählich dem Baume zu.
    Vielleicht bekommt sie einen flachen Ast. Kein Makel.
  2. Vielleicht bekommt sie einen flachen Ast. Sie ist hingebend und sanft.Vielleicht bekommt sie einen flachen Ast. Sie ist hingebend und sanft.

Der Strich ist in das obere Zeichen Sun, Holz, eingetreten, daher das Bild der allmählichen Annäherung an den Baum. Der Baum bietet der Wildgans an sich keinen Anhaltspunkt. Ihre Füße sind nicht zum Anklammern geeignet. Vielleicht findet sie einen flachen Ast durch die Anpassung und Hingebung. Der Strich ist schwach auf schwachem Platz, also korrekt. Er ist daher anpassend und vorsichtig und findet so zunächst einen Ruheplatz.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Die Wildgans zieht allmählich dem Gipfel zu.
    Die Frau bekommt drei Jahre lang kein Kind.
    Endlich kann sie nichts verhindern. Heil!
  2. Endlich kann nichts das Heil verhindern. Man erlangt seinen Wunsch.

Der Strich ist der obere Herr des Zeichens, daher der Gipfel, dem die Wildgans zuzieht. Er steht in Beziehung zum unteren Herrn des Zeichens, Sechs auf zweitem Platz, zu dem Entsprechung des Gatten zur Gattin vorhanden ist. Daher auch der Gedanke, daß endlich Vereinigung eintritt. Aber es dauert drei Jahre lang. Der Strich ist durch das Kernzeichen Kan, Gefahr, von der Sechs auf zweitem Platz getrennt. Aber die Vereinigung beruht auf der Naturbeziehung des Wesens, darum kann sie verzögert, aber nicht dauernd verhindert werden.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Die Wildgans zieht allmählich den Wolkenhöhen zu.
    Ihre Federn können zum heiligen Tanz verwendet werden.
    Heil!
  2. Ihre Federn können zum heiligen Tanz verwendet werden. Heil!
    Man kann ihn nicht aus der Fassung bringen.

Der oberste Platz ist die Wolkenhöhe. Das Zeichen Lu, das eigentlich Hochebene heißt (vgl. Neun auf drittem Platz), ist hier ein Schreibfehler für ein anderes, das höchste Höhen bezeichnet.
Das Zeichen Sun bedeutet Wind. Das legt den Gedanken der durch die Wolken führenden Luftreise nahe. Der Strich ist stark und schon außerhalb der Weltgeschäfte. Er wird nur von den andern als Vorbild betrachtet und bewirkt dadurch das Heil. Er selbst läßt sich nicht mehr in die Wirren der Weltgeschäfte ein. Die erwähnten Tänze waren heilige Pantomimen, bei denen Federn von besonderer Art gebraucht wurden. Der Gedanke, der diesem Strich zugrunde liegt, erinnert an den Gedanken des obersten Strichs von Guan, der Anblick, Nr. 20. Auch dort ist der Strich als solcher außerhalb der Weltgeschäfte und nur noch schauend beteiligt.

Richard Wilhelm
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