Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

55. Fong - Die Fülle

Kernzeichen:Dui und Sun
Der Herr des Zeichens ist die Sechs auf fünftem Platz. Wenn es im Urteil heißt: Der König erreicht es. Sei nicht traurig. Du mußt sein wie die Sonne am Mittag, so bezieht sich das auf die Sechs auf fünftem Platz; denn das ist der Platz des Königs. Der Strich ist weich und weilt in der Mitte: das ist der Charakter der Sonne am Mittag.
Die Reihenfolge
Was einen Platz bekommt, wo es daheim ist, das wird sicher groß. Darum folgt darauf das Zeichen: die Fülle. Fülle bedeutet Größe.
Vermischte Zeichen
Die Fülle bedeutet viele Anlässe.
Das Zeichen setzt sich zusammen aus dem nach oben strebenden Dschen und dem ebenfalls nach oben sich bewegenden Li. Die Kernzeichen sind das heitere Dui, der See, und das eindringende Sun, der Wind. Wind und Wasser, Donner und Blitz sind daher alle beisammen. Das alles deutet auf viel Kraft. Ein gewisser Höhepunkt ist dadurch gegeben, daß das stärker sich bewegende Dschen oben ist; während es sich bei Schï Ho, das Durchbeißen, Nr. 21, um die Überwindung eines Hindernisses handelt, ist hier das Hindernis schon überwunden. Der Gipfel der Größe legt aber auch die Gefahr des Rückgangs nahe. Das Licht wird durch das innerhalb des Zeichens stehende Kernzeichen Sun, Holz, in verschiedenem Grade verdunkelt. Das Zeichen ist eines von denen, die auf die Veränderlichkeit alles Irdischen Bezug nehmen. Dies ist auch wohl der Sinn des Wortes: Die Fülle bedeutet viele Anlässe, nämlich Anlässe zur Sorge und Trauer.
Das Urteil
Die Fülle hat Gelingen.
Der König erreicht sie.
Sei nicht traurig; du mußt sein wie die Sonne am Mittag.
Kommentar zur Entscheidung
Die Fülle bedeutet Größe. Klarheit bei der Bewegung, darum Fülle.
Der König erreicht sie.
Dadurch wird die Größe betont.
Du mußt sein wie die Sonne am Mittag.
Man soll den ganzen Erdkreis bestrahlen.
Wenn die Sonne am Mittag steht, so neigt sie sich; wenn der Mond voll ist, so nimmt er ab. Des Himmels und der Erde Vollsein und Leersein nimmt in der Zeit ab und zu; wieviel mehr ist es so bei den Menschen oder den Geistern und Göttern!
Fong ist eine Zeit, da durch Klarheit und Fortschritt Größe und Blüte des öffentlichen Lebens erreicht werden. Dazu bedarf es einer starken leitenden Persönlichkeit, die die andern Gleichgesinnten an sich zieht. Darum kommt nicht die Beziehung des Entsprechens, sondern der Gleichartigkeit unter den Strichen in Betracht (vgl. Anfangsneun und Neun auf viertem Platz, Sechs auf zweitem Platz und Sechs auf fünftem Platz). Eine solche Zeit höchster Kulturblüte birgt aber auch Gefahren. Nämlich nach dem allgemeinen Weltgesetz des Geschehens folgt auf jede Zunahme eine Abnahme, auf jede Fülle eine Leere. Es gibt nur ein Mittel, in Zeiten der Größe Festigkeit der Grundlagen zu gewinnen: die geistige Expansion. Jede Beschränkung rächt sich bitter. Nur dadurch, daß immer weitere Kreise hineingezogen werden in die Fülle, kann sie dauern; denn nur so lange kann die Bewegung weitergehen, ohne in ihr Gegenteil umzuschlagen.
Das Bild
Donner und Blitz kommen beide: das Bild der Fülle.
So entscheidet der Edle die Prozesse und führt die Strafen aus.
Das Bild ist — namentlich in Verbindung mit dem Zeichen Durchbeißen zusammengehalten — ohne weiteres verständlich. Die beiden Figuren Li, Klarheit, und Dschen, Erschütterung, Schrecken, geben die Vorbedingung für das luftreinigende Gewitter des Strafprozesses.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Wenn man seinem bestimmten Herrn begegnet,
    so mag man zehn Tage beisammen sein,
    und es ist kein Fehler.
    Hingehen findet Anerkennung.
  2. Man mag zehn Tage beisammen sein, und es ist kein Fehler. Mehr als zehn Tage ist vom Übel.

Der Strich ist stark und klar. Der für ihn bestimmte, gleichgeartete Herr, den er trifft, ist die Neun auf viertem Platz. Das Wort Sun bedeutet einen Zeitraum von zehn Tagen, eine volle Periode. Man mag trotz des Zustands der Fülle eine volle Periode mit einem gleichgearteten Freund zusammensein, ohne daß ein Fehler zu befürchten ist. Darum mag man ruhig hingehen und ihn suchen, wenn er auf hohem Platz ist. Der Kommentar warnt jedoch davor, diese Zeit zu überschreiten und auch nach dem Abschluß des Werks sich noch festzuklammern. Das ist vom Übel. Gerade in Zeiten von Fülle muß man rechtzeitig aufhören können.
Die Sung-Interpreten nehmen das Wort Sun im Sinn von gleichartig, so daß es eine weitere Betonung des Pe: gleichgeartet, für jemand bestimmt wäre.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Der Vorhang ist von solcher Fülle,
    daß man am Mittag die Polsterne sieht.
    Durch Hingehen erreicht man Mißtrauen und Haß.
    Wenn man durch Wahrheit ihn erweckt, kommt Heil.
  2. Wenn man durch Wahrheit ihn erweckt,
    d. h. man muß durch Zuverlässigkeit seinen Willen erwecken.

Durch das Kernzeichen Sun, Holz, werden die von ihm bedeckten Striche verfinstert, und zwar ist die Verfinsterung hier und bei der Neun auf viertem Platz geringer, dagegen bei der Neun auf drittem Platz als dem Zentrum besonders stark. Da der Strich schwach ist, findet er nur Zweifel und Haß, wenn er sich dem zu ihm gehörigen Fürsten, Sechs auf fünftem Platz, der ebenfalls schwach ist, zuwendet. Aber da er zentral und korrekt ist, wird es ihm gelingen, durch die Macht innerer Wahrheit die Trennung zu überwinden und den Willen des Herrschers zu erwecken.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Das Gestrüpp ist von solcher Fülle,
    daß man am Mittag die kleinen Sterne sieht.
    Er bricht seinen rechten Arm. Kein Makel.
  2. Das Gestrüpp ist von solcher Fülle,
    daß man keine großen Geschäfte tun kann.
    Er bricht seinen rechten Arm:
    endgültig darf man nichts machen wollen.

Die Verfinsterung ist hier auf ihrer Höhe. Zum Kernzeichen Sun kommt hier noch das Kernzeichen Dui, See, dadurch wird die an sich vorhandene Möglichkeit, Großes zu leisten, beschränkt. Das Kernzeichen Dui bedeutet zerbrechen. Der rechte Arm ist die schwache obere Sechs, die, entsprechend den Beziehungen in diesem Zeichen, nicht als Gehilfe der starken Neun auf drittem Platz in Betracht kommt. Falls man sich vom Handeln zurückhält in Erkenntnis seiner Unmöglichkeit, so bleibt man frei von Makel.
Das mit Gestrüpp wiedergegebene Wort Pe bedeutet auch eine Wassermasse; das mit kleine Sterne wiedergegebene Mo bedeutet auch Schaum, Nieselregen. Doch scheint die Deutung, die oben befolgt wurde, besser zum Zusammenhang zu passen.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Der Vorhang ist von solcher Fülle,
    daß man am Mittag die Polsterne sieht.
    Er begegnet seinem gleichen Herrn. Heil!
  2. Der Vorhang ist von solcher Fülle.
    Der Platz ist nicht der gebührende.
    Am Mittag sieht man die Polsterne.
    Er ist dunkel und nicht hell.
    Er begegnet seinem gleichen Herrn. Heil!
    Das heißt Handeln.

Die erste Hälfte lautet gleich wie bei der Sechs auf zweitem Platz, dort der Anfang, hier das Ende des Kernzeichens Sun, Holz. Der Platz ist nicht gebührend: weil harter Strich auf weichem Platz. Der Strich ist nicht mehr im Zeichen Li, darum von Natur nicht mehr hell. Das Licht ist unterhalb. Aber durch Bewegung wird erreicht, daß er dem gleichgearteten, d. h. ebenfalls starken Strich am Anfang begegnet. So kommt durch das Handeln Licht (denn die Anfangsneun ist licht, weil sie im Zeichen Li ist) und damit Heil.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Es kommen Linien, es naht Segen und Ruhm. Heil!
  2. Das Heil der Sechs auf fünftem Platz kommt daher, daß sie Segen spendet.

Die Linie steht in Beziehung zur Sechs auf zweitem Platz. Dort heißt es hingehen, hier heißt es kommen. Die Linien sind das Helle, Klare, das eben durch das Zeichen Li, Licht, dessen Zentralstrich die Sechs auf zweitem Platz ist, naht und so Segen und Ruhm ermöglicht.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Sein Haus ist in Fülle.
    Er verdeckt seine Sippe.
    Er späht durch das Tor und merkt niemand mehr.
    Drei Jahre lang sieht er nichts. Unheil!
  2. Sein Haus ist in Fülle.
    Er treibt sich an der Grenze des Himmels umher.
    Er späht durch das Tor und merkt niemand mehr.
    Er verdeckt sich selbst.

Die schwache Linie auf der Spitze der Bewegung geht zu weit. So kommt sie scheinbar immer höher hinauf, aber eben dadurch verliert sie immer mehr den Halt und kommt immer weiter vom Lichtweg, zumal da sie selbst ja die Neun auf drittem Platz verdunkelt. So kommt sie in eine hoffnungslos vereinsamte Lage, die sie sich selber zuzuschreiben hat.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
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