Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

56. Lü - Der Wanderer

Kernzeichen:Dui und Sun
Der Herr des Zeichens ist die Sechs auf fünftem Platz; darum heißt es im Kommentar zur Entscheidung: Das Weiche erlangt die Mitte im Äußeren und ferner: Stillehalten und Haften an der Klarheit. Die Fünf weilt im äußeren Zeichen: das ist das Bild des Wanderers im Ausland. Sie ist auf dem mittleren Platz als Herr des Zeichens Li: das ist das Bild des Erlangens der Mitte und Haftens an der Klarheit.
Die Reihenfolge
Woran die Größe sich erschöpft, das ist sicher, daß sie ihre Heimat verliert. Darum folgt darauf das Zeichen: der Wanderer.
Vermischte Zeichen
Wessen Freunde wenig sind, das ist der Wanderer.
Das Zeichen ist so organisiert, daß die beiden Halbzeichen auseinanderstreben. Die Flamme geht nach oben, der Berg drückt nach unten. Die Vereinigung ist nur vorübergehend. Der Berg ist die Herberge, das Feuer der Wanderer, der nicht lange darin weilt, sondern weiter muß. Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Der Wanderer. Durch Kleinheit Gelingen.
Dem Wanderer ist Beharrlichkeit von Heil.
Kommentar zur Entscheidung
Der Wanderer. Durch Kleinheit Gelingen:
das Weiche erlangt die Mitte im Äußeren und fügt sich dem Festen. Stillehalten und Haften an der Klarheit; darum: kleines Gelingen.
Dem Wanderer ist Beharrlichkeit von Heil.
Der Sinn der Zeit des Wanderers ist wahrlich groß.
Der Herr des Zeichens ist die Sechs auf fünftem Platz. Sie ist weich, daher stellt sie das Zurückhaltende, Sich-nicht-Groß machende dar. Sie ist in der Mitte, daher kann sie nicht beschämt werden, obwohl sie im Äußeren, im fremden Lande ist. Sie fügt sich den festen Linien oben und unten, daher zieht sie sich kein Unheil zu. Das untere Zeichen Gen deutet auf Stillehalten, innere Zurückhaltung, das obere Zeichen Li auf Haften nach außen hin. Die richtige Stellung als Wanderer in fremdem Land ist nicht leicht zu finden, darum ist es etwas Großes, den Sinn der Zeit zu treffen.
Das Bild
Auf dem Berg ist Feuer: das Bild des Wanderers.
So ist der Edle klar und vorsichtig in der Anwendung von
Strafen und verschleppt keine Streitigkeiten.
Sonst ist immer dann von Strafsachen die Rede, wenn Klarheit und Bewegung zusammentreffen (Durchbeißen und Fülle). Hier ist ebenfalls Klarheit vorhanden im oberen Zeichen. Die Ruhe des Berges gibt die Vorsicht in der Anwendung der Strafen. Auch in diesem Zeichen ist übrigens die Raschheit der Erledigung der Strafsachen angedeutet in dem gegenseitigen Verhältnis der beiden Zeichen. Das Feuer weilt nicht auf dem Berg, sondern geht rasch vorüber.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Sechs bedeutet:
  1. Wenn der Wanderer sich mit kleinlichen Dingen abgibt,
    so zieht er sich dadurch Unglück zu.
  2. Wenn der Wanderer sich mit den kleinlichen Dingen abgibt
    dann erschöpft sich sein Wille, und das ist ein Unglück.

Ein schwacher Strich ganz unten am Fuß des Zeichens Gen, daher das Unwürdige, Kleinliche: Gen ist Stehenbleiben. Der Strich ist von dem Zeichen Li, Klarheit, weit entfernt, daher hat er keinen Weitblick und erschöpft seinen Willen im Kleinlichen. Die Beziehung zur Neun auf viertem Platz wirkt darum nicht erleuchtend, sondern schädigend, wie denn im ganzen Zeichen das Feuer vorwiegend als brennend, schädigend in Betracht kommt.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Der Wanderer kommt zur Herberge.
    Er hat seinen Besitz bei sich.
    Er erlangt eines jungen Dieners Beharrlichkeit.
  2. Er erlangt eines jungen Dieners Beharrlichkeit. Das ist endgültig kein Fehler.

Die Linie ist weich und zentral, inmitten des Zeichens Gen, das Tür und Hütte bedeutet; daher das Symbol der Herberge. Das Kernzeichen Sun bedeutet Markt und Gewinn, daher der Gedanke, daß er seinen Besitz bei sich hat. Der junge Diener ist die Anfangssechs.

Neun auf drittem Platz bedeutet:
  1. Dem Wanderer verbrennt seine Herberge.
    Er verliert die Beharrlichkeit seines jungen Dieners.
    Gefahr.
  2. Dem Wanderer verbrennt seine Herberge.
    Das ist für ihn selbst ein Schade.
    Wenn er als Fremder mit seinem Untergebenen verkehrt, so verliert er ihn mit Recht.

Der Strich ist zu hart, weil hart auf starkem Platz. Darum ist er nicht hingebend gegen seinen Oberen, darum hilft ihm der Obere nicht, und es verbrennt seine Wohnung. Durch seine Härte ist er unfreundlich gegen seine Unteren und verliert dadurch ihre treue Zuneigung, was natürlich Gefahr bedeutet. Der Strich ist an der Spitze des Zeichens Gen, das Hütte bedeutet, darüber unmittelbar das Feuer, daher der Gedanke, daß die Hütte verbrennt. Der Diener ist die Anfangssechs.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Der Wanderer ruht an einem Unterkunftsort.
    Er erlangt seinen Besitz und eine Axt.
    Mein Herz ist nicht froh.
  2. Der Wanderer ruht an einem Unterkunftsort.
    Er hat noch nicht seinen Platz erlangt.
    Er erlangt seinen Besitz und eine Axt.
    Doch ist er im Herzen noch nicht froh.

Der Unterkunftsort ist nur vorübergehend, weil der Strich außerhalb des Zeichens Gen ist. Er ruht, weil er seinen Platz — er ist stark, der Platz ist schwach — noch nicht erreicht hat, nur vorübergehend aus. Obwohl er Besitz hat, braucht er auch eine Axt zur Verteidigung (Li bedeutet Waffen, das Kernzeichen Dui bedeutet ebenfalls Metall und Schädigung). Darum ist er im Herzen noch nicht froh.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Er schießt einen Fasan, auf den ersten Pfeil fällt er.
    Schließlich kommt dadurch Lob und Amt.
  2. vSchließlich kommt er durch Lob und Amt empor.

Die Linie, weich auf dem Zentralplatz im Äußern, ist hier der Wanderer. Weil er zentral ist und hingebend, gelingt es ihm, unten (Neun auf viertem Platz) Freunde zu finden und oben (obere Neun) ein Amt; so kommt er empor.
Das Zeichen Li bedeutet einen Fasan und Waffen. Das Kernzeichen Dui ist Metall, daher der Gedanke des Schießens. Dui ist auch der Mund, daher Lob.
Dschu Hi deutet den zweiten Satz: Ein Pfeil geht verloren, was grammatikalisch natürlich auch möglich ist.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Dem Vogel verbrennt sein Nest.
    Der Wanderer lacht erst,
    dann muß er klagen und weinen.
    Er verliert die Kuh im Leichtsinn. Unheil!
  2. Als Wanderer oben zu sein, das führt mit Recht zum Verbrennen.
    Er verliert die Kuh im Leichtsinn.
    Er hört endgültig nichts.

Der starke Strich oben, dessen Bewegung noch dazuhin nach oben geht, verliert die Grundlagen, und so führt alle Heiterkeit nur zu Verlusten, weil er die Pflichten des Wanderers allzusehr vernachlässigt und selbst durch Schaden nicht klug wird.
Li ist ein Vogel, es ist die Flamme. Der Platz ist hoch oben, über dem Kernzeichen Sun, daher das Nest. Lachen kommt von dem Kernzeichen Dui, das Heiterkeit und Mund bedeutet; das Klagen kommt von der zerstörenden Kraft, die in Dui lauert. Li ist die Kuh, sie geht hier durch die Heiterkeit und den Leichtsinn an hoher Stelle verloren. Der Strich ist hoffnungslos, kommt nicht zur Besinnung, weil er nur immer weiter nach oben strebt, ohne sich irgendwie auf die Rückkehr zu besinnen.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
© 1998- Schule des Rades
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