Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

58. Dui - Das Heitere, der See

Kernzeichen:Sun und Li
Die beiden Yinstriche sind die konstituierenden Herren des Zeichens, aber sie vermögen nicht die beherrschenden Herren des Zeichens zu bilden. Die beherrschenden Herren sind der zweite und der fünfte Strich. Darum heißt es im Kommentar zur Entscheidung: Das Feste ist in der Mitte, und das Weiche ist außen. Heiterkeit, und dabei ist fördernd Beharrlichkeit.
Die Reihenfolge
Wenn man in etwas eingedrungen ist, dann freut man sich. Darum folgt darauf das Zeichen: das Heitere. Das Heitere bedeutet sich freuen.
Vermischte Zeichen
Das Heitere ist offenbar.
Dui ist der See, der alle Wesen erfreut und erfrischt. Dui ist ferner der Mund. Wenn die Menschen einander durch ihre Gefühle erfreuen, so wird das offenbar durch den Mund. Eine Yinlinie wird offenbar oberhalb von zwei Yangstrichen; das deutet an, wie die beiden Prinzipien einander erheitern und das nach außen offenbar wird. Auf der andern Seite ist Dui dem Westen und dem Herbst zugeordnet. Sein Wandlungszustand ist das Metall. Das Schneidende, Zerstörende ist die andere Seite des Aspekts. Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen.
Das Urteil
Das Heitere. Gelingen. Günstig ist Beharrlichkeit.
Kommentar zur Entscheidung
Das Heitere bedeutet Freude. Das Feste in der Mitte, das Weiche außen. Sich freuen und dabei als fördernd die Beharrlichkeit zu haben, so fügt man sich dem Himmel und entspricht den Menschen.
Wenn man fröhlich dem Volk vorangeht, so vergißt das Volk seine Mühsale. Wenn man fröhlich dem Schweren entgegentritt, so vergißt das Volk den Tod. Das Größte bei der Erheiterung des Volkes ist, daß das Volk sich gegenseitig in Zucht halt.
Das Feste in der Mitte sind die beiden Striche auf zweitem und fünftem Platz, das Weiche außen sind die Sechs auf drittem Platz und die obere Sechs. Das ist die rechte Freude, die fest im Innern, nach außen milde ist. Diese Freude ist auch das beste Mittel der Staatsregierung.
Das Bild
Aufeinander beruhende Seen: das Bild des Heiteren.
So tut sich der Edle mit seinen Freunden zusammen zur
Besprechung und Einübung.
Dui bedeutet See und Mund. Die Wiederholung des Mundes bedeutet die gemeinsame Besprechung, die Wiederholung des Sees die Einübung.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Zufriedene Heiterkeit. Heil!
  2. Das Heil der zufriedenen Heiterkeit besteht darin, daß der Wandel noch nicht zweifelhaft geworden ist.

Festigkeit und Bescheidenheit sind die Vorbedingungen einer harmonischen Freude. Beide sind in dem starken Strich an niedriger Stelle erfüllt. Wenn das Lichte ans Schattige gebunden ist, so gibt es viele Zweifel und Bedenken, die die Heiterkeit stören. Der Anfangsstrich ist noch fern von allen derartigen Verwicklungen, daher ist ihm das Heil gewiß.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Wahrhaftige Heiterkeit. Heil! Die Reue schwindet.
  2. Das Heil wahrhaftiger Heiterkeit besteht im Vertrauen auf den eigenen Willen.

Dieser Strich ist in naher Beziehung zu dem dritten, schattigen Strich, daher könnten Zweifel und Reue sich einstellen. Allein da er zentral und stark ist, ist die Wahrhaftigkeit seines Wesens und seiner Stellung stärker. Er vertraut sich selbst, ist wahrhaftig gegen die andern und findet daher auch Glauben.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Kommende Heiterkeit. Unheil!
  2. Das Unheil der kommenden Heiterkeit kommt davon, daß der Platz nicht der gebührende ist.

Eine schwache Linie auf starkem Platz, auf der Höhe der Heiterkeit: da fehlt die Beherrschung. Weil man innerlich sich öffnet, kommen die Zerstreuungen von außen herbeigeströmt und dringen ein, und das Unheil ist gewiß, da man sich von den herbeigezogenen Freuden überwältigen läßt.

Neun auf viertem Platz bedeutet:
  1. Überlegte Heiterkeit ist nicht beruhigt.
    Nach Abtun der Fehler hat man Freude.
  2. Die Freude der Neun auf viertem Platz hat Segen.

Der Strich ist in der Mitte zwischen dem starken Herrn, Neun auf fünftem Platz, zu dem er in Beziehung des Empfangens steht, und der weichen Linie Sechs auf drittem Platz, die zu ihm in der Beziehung des Zusammenhaltens steht und ihn zu verführen sucht. Aber obwohl er in dieser Lage noch nicht ohne weiteres zur Ruhe gekommen ist, so besitzt doch sein Leben genügend innere Kraft, um sich zu überlegen, wem er folgen will, und die Beziehungen zur Sechs auf drittem Platz abzutun. Dadurch kommen Heil und Segen für ihn und andere.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Wahrhaftigkeit gegen das Zersetzende ist gefährlich.
  2. Wahrhaftigkeit gegen das Zersetzende.
    Der Platz ist korrekt und gebührend.

Das Zersetzende ist die obere Sechs. Die Neun auf fünftem Platz, die stark und korrekt ist, steht auch ihr gegenüber so, daß sie ihr Vertrauen schenkt. Das ist gefährlich. Aber diese Gefahr kann dennoch abgewendet werden, da die Natur und die Stellung des Strichs so stark sind, daß jene Einflüsse überwunden werden.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Verführende Heiterkeit.
  2. Daß die obere Sechs zur Freude verführt, kommt daher, daß sie nicht lichtvoll ist.

Diese Linie ist ähnlich wie die Sechs auf drittem Platz. Aber während jene im inneren Zeichen ist und die Freuden durch ihre Lust herbeilockt, ist die obere Sechs im äußeren Zeichen und verlockt andere zur Freude. Die verführende Heiterkeit bezieht sich nicht auf den das Orakel Befragenden, sondern zeigt eine vor ihm liegende Situation. Ob er sich verführen läßt, das liegt bei ihm. Es ist aber wichtig, sich solchen unklaren Situationen gegenüber zu hüten.
Eine etwas andere Deutung liegt dem a-Text zugrunde, die ebenfalls in der chinesischen Literatur zum I Ging fundiert ist.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
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