Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

60. Dsië - Die Beschränkung

Kernzeichen:Gen und Dschen
Der Herr des Zeichens ist die Neun auf fünftem Platz; denn Maß und Grad aufzustellen, damit die Welt in Schranken gehalten werde, das vermag nur jemand, der geehrt ist und die Geisteskraft dazu hat. Darum heißt es im Kommentar zur Entscheidung Auf dem gebührenden Platz, um zu beschränken, zentral und korrekt, um zu vereinigen.
Das Zeichen ist die Umkehrung des vorigen. Die innere Struktur und das Verhältnis der Kernzeichen zueinander sind bei beiden gleich. Es ist hier nur der See, der das Wasser beisammenhält, während im vorigen Zeichen der Wind das Wasser auflöste.
Die Reihenfolge
Die Dinge können nicht dauernd auseinander sein, darum folgt darauf das Zeichen: die Beschränkung.
Vermischte Zeichen
Beschränkung bedeutet Festhalten.
Das Urteil
Beschränkung. Gelingen.
Bittere Beschränkung darf man nicht beharrlich üben.
Kommentar zur Entscheidung
Beschränkung: Gelingen.
Die Festen und Weichen sind gleich verteilt, und die Festen haben die Mitte erlangt.
Bittere Beschränkung darf man nicht beharrlich üben,
denn ihr Weg erschöpft sich.
Heiter im Durchschreiten der Gefahr, auf dem gebührenden Platz, um zu beschränken, zentral und korrekt, um zu vereinigen.
Himmel und Erde haben ihre Beschränkungen, und die vier Jahreszeiten kommen zustande.
Beschränkung beim Schaffen von Einrichtungen schafft, daß die Güter nicht beeinträchtigt und die Menschen nicht geschädigt werden.
Yang- und Yinstriche bilden je die Hälfte und sind außerdem gleichmäßig verteilt: 2+2+1+1. Daher stehen starke Striche auf den beiden zentralen Plätzen 2 und 5.
Bittere Beschränkung, dauernd festgehalten, würde zu Mißerfolg führen. Aber durch die zentrale und maßvolle Haltung des Herrn des Zeichens, Neun auf fünftem Platz, ist diese Gefahr überwunden. Heiterkeit ist die Eigenschaft des unteren Zeichens Dui, Gefahr die des oberen Zeichens Kan. Die Beschränkung des Herrn des Zeichens wird durch die beiden Yinstriche, zwischen denen er steht, bewirkt. Aber durch seine zentrale und korrekte Stellung wird die durchgehende Wirkung erreicht. Die Beschränkung — Einteilung in Abschnitte — ist das Mittel zur Zeitteilung. So ist das Jahr in China in 24 Dsië Ki geteilt, die — im Einklang mit atmosphärischen Erscheinungen — es dem Menschen ermöglichen, mit seinen landwirtschaftlichen Tätigkeiten sich so einzurichten, daß sie mit dem Gang der Jahreszeiten in Einklang kommen. Die Beschränkung bzw. sachgemäße Verteilung von Arbeit und Verbrauch war eines der wichtigsten Probleme einer guten Regierung im alten China. Auch hierfür sind in diesem Zeichen Grundsätze angedeutet.
Das Bild
Oberhalb des Sees ist Wasser:
das Bild der Beschränkung.
So schafft der Edle Zahl und Maß und untersucht,
was Tugend und rechter Wandel ist.
Zahl und Maß sind angedeutet durch das gegenseitige Verhältnis von Wasser und See. Dem Zeichen Kan entspricht das Schaffen, dem Zeichen Dui, das Mund bedeutet, das Untersuchen, wörtlich Besprechen. Zahl und Maß, das Ruhende, Feste, entspricht dem oberen Kernzeichen Gen; Tugend und Wandel, das Bewegliche, Handelnde, entspricht dem unteren Kernzeichen Dschen.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Nicht zu Tür und Hof hinausgehen ist kein Makel.
  2. Nicht zu Tür und Hof hinausgehen ist ein Zeichen, daß man weiß, was offen und zu ist.

Der Strich steht ganz am Anfang. Gen, das Kernzeichen oben, bedeutet Tor, hier ist man noch weit davon entfernt; vom äußeren, zweiflügligen Tor ist noch nicht die Rede, sondern von der inneren, einflügligen Tür. Vor sich sieht man verschlossene Türen, darum hält man sich zurück. Nicht aus Tür und Hof gehen deutet auf Verschwiegenheit, die den Anfang jedes erfolgreichen Werks bilden muß.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Nicht zu Tor und Hof hinausgehen bringt Unheil.
  2. Nicht zu Tor und Hof hinausgehen bringt Unheil.
    Denn man versäumt die höchste Zeit.

Hier ist die Lage anders. Man hat vor sich geteilte Striche, das Bild einer offenen, zweiflügligen Hoftür. Es ist nun die höchste Zeit hinauszugehen, nicht egoistisch zurückzuhalten mit dem angesammelten Vorrat. (Das Kernzeichen Dschen, an dessen Beginn der Strich steht, deutet auf Bewegung; darum bringt Zögern Unheil.)

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Wer keine Beschränkung kennt, wird zu klagen haben.
    Kein Makel.
  2. An der Klage über das Versäumnis der Beschränkung — wer ist da schuld?

Die Sechs auf drittem Platz ist schwach und steht an der Spitze des Zeichens Dui, Heiterkeit. Darum versäumt sie die Beschränkung, die nötig wäre. Das Zeichen Dui bedeutet Mund, das Kernzeichen Dschen bedeutet Furcht, Kan bedeutet Trauer, daher der Gedanke des Klagens. An dieser Folge ist man aber selbst schuld.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Zufriedene Beschränkung. Gelingen.
  2. Das Gelingen zufriedener Beschränkung kommt davon, daß man den Weg des Oberen empfängt.

Der korrekte, weiche Strich steht zu dem Herrn des Zeichens in der Beziehung des Empfangens. Er fügt sich zufrieden in diese Stellung, darum hat er Erfolg im Anschluß an den Oberen, Neun auf fünftem Platz, dem er folgt.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Süße Beschränkung bringt Heil.
    Hingehen bringt Achtung.
  2. Das Heil der süßen Beschränkung kommt davon, daß man zentral auf seinem Platz weilt.

Die zentrale, starke und korrekte Haltung des Herrn des Zeichens macht ihm selbst die Zurückhaltung leicht (er steht auf der Höhe des Kernzeichens Gen), und durch sein Beispiel macht er den andern die Beschränkung süß. Der Berg Gen hat die Erde als Aggregatzustand, deren Geschmack süß ist.

Oben eine Sechs bedeutet:
  1. Bittere Beschränkung: Beharrlichkeit bringt Unheil.
    Reue schwindet.
  2. Bittere Beschränkung. Beharrlichkeit bringt Unheil. Ihr Weg erschöpft sich.

Hier am Ende der Zeit der Beschränkung sollte man nicht gewaltsam die Beschränkung fortsetzen wollen. Der Strich ist schwach und auf der Spitze des Zeichens Kan, Gefahr. Was man hier erzwingen will, wirkt bitter und kann nicht fortgesetzt werden. Es muß also eine neue Richtung eingeschlagen werden, dann schwindet die Reue.

Richard Wilhelm
I Ging · Das Buch der Wandlungen
Zweite Abteilung
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