Schule des Rades

Richard Wilhelm

I Ging · Das Buch der Wandlungen

Drittes Buch: Die Kommentare — Zweite Abteilung

I D E O G R A M M

61. Dschung Fu - Innere Wahrheit

Kernzeichen:Gen und Dschen
Das konstituierende Merkmal des Zeichens ist, daß es in der Mitte leer ist; darum sind die Sechs auf drittem Platz und die Sechs auf viertem Platz die konstituierenden Herren des Zeichens. Aber die Wahrheit beruht andererseits darauf, daß die Mitte wirklich ist; darum sind die Neun auf zweitem Platz und die Neun auf fünftem Platz die beherrschenden Herren des Zeichens. Da aber ferner der Gedanke zugrunde liegt, daß man durch innere Wahrheit das ganze Reich umgestaltet, so gehört zu diesem Geschäft der geehrte Platz. Darum ist der eigentliche Herr des Zeichens die Neun auf fünftem Platz.
Die Reihenfolge
Indem die Dinge beschränkt werden, werden sie zuverlässig gemacht. Darum folgt darauf das Zeichen: Innere Wahrheit.
Vermischte Zeichen
Innere Wahrheit bedeutet Zuverlässigkeit.
Das Zeichen hat ebenfalls dieselbe innen geschlossene Struktur wie die beiden vorigen, nur daß hier die beiden äußersten Striche stark sind. Es sind die älteste und die jüngste Tochter, die in der richtigen Stellung hier beisammen sind, darum wird das gegenseitige Vertrauen nicht gestört. Die Eigenschaften der Zeichen sind sehr schön in Harmonie: oben Sanftheit, unten Heiterkeit, und die Kernzeichen Ruhe und Bewegung; dazu ist der ganze Bau des Zeichens sehr harmonisch und symmetrisch, und zwar so, daß die weichen Linien innen, die festen außen sind. Das alles sind sehr günstige Umstände. Daher hat das Zeichen auch ein sehr günstiges Urteil.
Das Urteil
Innere Wahrheit. Schweine und Fische. Heil!
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Fördernd ist Beharrlichkeit.
Kommentar zur Entscheidung
Innere Wahrheit. Die Weichen sind im Innern, und doch halten die Starken die Mitte. Heiter und sanft: dadurch wird wahrhaft das Land umgestaltet. Schweine und Fische. Heil!
Die Macht des Vertrauens erstreckt sich selbst auf Schweine und Fische.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Man bedient sich der Höhlung eines hölzernen Schiffs. Innere Wahrheit und die Beharrlichkeit zur Förderung: damit entspricht man dem Himmel.
Die Weichen im Innern sind die dritte und die vierte Linie. Die Starken in der Mitte der beiden Zeichen sind der zweite und der fünfte Strich. Durch die Weichen in der Mitte entsteht eine Leere. Diese Leere des Herzens, diese Demut, ist nötig, um das Gute herzuziehen. Auf der anderen Seite sind zentrale Festigkeit und Stärke nötig, um die nötige Zuverlässigkeit zu haben. So ist das Ineinander von Weichheit und Stärke die Grundlage, auf der sich das Zeichen aufbaut.
Heiterkeit und Sanftheit sind die Eigenschaften der beiden Zeichen: Dui, Heiterkeit in der Nachfolge des Guten, und Sun, sanftes Eindringen in die Herzen der Menschen. So gewinnt man die Grundlage des Vertrauens, die nötig ist, um ein Land umzugestalten.
Schweine und Fische sind die ungeistigsten Geschöpfe. Wenn selbst sie beeinflußt werden, zeigt das eine große Macht der Wahrheit.
(Bemerkung: Eine andere Auffassung gibt Dschou I Hong Gie. Er nimmt die beiden Worte zusammen als Schweinsfische = Delphine. Die Delphine entstehen im Meer (Dui) und zeigen den Schiffen (Sun) an, wenn ein Wind kommt. Sie sind zuverlässige Sturmboten, daher das Symbol der inneren Wahrheit. Der Wind, der kommt, macht sich durch sichere Zeichen erst bemerkbar, so daß die Delphine an die Oberfläche kommen. So ist innere Wahrheit das Mittel, die Zukunft zu verstehen. Der Gedanke ist sehr gut. Nur entstammt das Buch der Wandlungen einer Zeit, da das Meer noch nicht in den Gesichtskreis Chinas eingetreten war.)
Holz und Wasser, Holz und Höhlung werden als Bild des Schiffes gedeutet, mit dem man den großen Strom durchqueren mag.
Das Bild
Über dem See ist der Wind:
das Bild der inneren Wahrheit.
So bespricht der Edle die Strafsachen,
um Hinrichtungen aufzuhalten.
Dui ist das Bild des Mundes, daher das Besprechen. Sun ist das Sanfte, Zögernde, daher das Aufhalten der Hinrichtungen. Sun hat übrigens auch in anderen Zeichen die Bedeutung von Befehlen. Dui hat das Töten und Richten als Eigenschaft.

Die einzelnen Linien

Anfangs eine Neun bedeutet:
  1. Bereit sein bringt Heil.
    Sind Hintergedanken da, so ist das beunruhigend.
  2. Das Bereitsein der Anfangsneun bringt Heil:
    der Wille hat sich noch nicht verändert.

Das Zeichen, das mit bereit übersetzt ist, bedeutet ursprünglich das Opfer am Tag nach der Beerdigung, und von da aus gewinnt es die Bedeutung der Vorbereitung. Das Zeichen Yen, Ruhe (in beunruhigend), heißt eigentlich Schwalbe, wird aber seit alters im Sinne von An, Ruhe, mit verwendet. Der Strich ist stark und zuverlässig, in sich ruhend und bereit. Sein Wille ist von außen her unbeeinflußt. Die Hintergedanken werden nahegelegt durch die Beziehung des Entsprechens zur Sechs auf viertem Platz. Aber im Zeichen innere Wahrheit sollen keine geheimen Sonderbeziehungen stattfinden.

Neun auf zweitem Platz bedeutet:
  1. Ein rufender Kranich im Schatten.
    Sein Junges antwortet ihm.
    Ich habe einen guten Becher. Ich will ihn mit dir teilen.
  2. Sein Junges antwortet ihm.
    Das ist die Zuneigung des innersten Herzens.

Der Kranich ist ein Seevogel, der im Herbst ruft. Dui bedeutet See und Herbst. Das Kernzeichen Dschen bedeutet Neigung zum Rufen, daher das Bild des rufenden Kranichs. Er ist unterhalb des Kernzeichens Berg, im Schatten von zwei Yinstrichen, inmitten des Sees, daher im Schatten. Sein Sohn ist die Anfangsneun, die mit ihm gleicher Art ist und zum selben Körper (dem unteren Zeichen) gehört. Nach einer anderen Auffassung würde die Beziehung zur Neun auf fünftem Platz gehen. Dies — die Wirkung in die Ferne — wird eigentlich durch die Erklärung Kungtses (vgl. Buch I) noch mehr nahegelegt. Der Becher und das Trinken werden aus der Bedeutung von Dui = Mund abgeleitet.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:
  1. Er findet einen Genossen,
    bald trommelt er, bald hört er auf.
    Bald schluchzt er, bald singt er.
  2. Bald trommelt er, bald hört er auf. Der Platz ist nicht der gebührende.

Eine weiche Linie auf festem Platz auf dem Gipfel der Heiterkeit läßt die Selbstbeherrschung vermissen. Die Linie wird angezogen von der oberen Neun, findet aber — da Anziehungen gegen den Geist des Zeichens sind — keine feste Stellung; aber ebensowenig zu der benachbarten und gleichgearteten Sechs auf viertem Platz, die wohl mit dem Genossen gemeint ist. Trommeln war im chinesischen Altertum das Zeichen zum Vormarsch; der Rückzug, das Aufhören des Angriffs, wurde durch das Schlagen eines metallnen Gongs bezeichnet. Der Strich steht in den beiden Kernzeichen Dschen und Gen, von denen das eine Erregung, das andre Stillehalten bedeutet. Der Wechsel von Schluchzen und Lachen ist durch das Zeichen Dui und das Kernzeichen Dschen bedingt.

Sechs auf viertem Platz bedeutet:
  1. Der Mond, der beinahe voll ist.
    Das Gespannpferd geht verloren.
    Kein Makel.
  2. Das Gespannpferd geht verloren.
    Er trennt sich von seiner Art und wendet sich nach oben.

Das Gespannpferd ist die Sechs auf drittem Platz. Aber die Gleichartigkeit wirkt nicht bestimmend. Der Strich ist korrekt an seinem Platz und in der Beziehung des Empfangens zum Herrn des Zeichens, der Neun auf fünftem Platz, dem sie als Minister zur Seite steht. Daher die Abwendung vom Artgenossen und die Hinwendung zum Höheren.

Neun auf fünftem Platz bedeutet:
  1. Er besitzt Wahrheit, die verkettet.
    Kein Makel.
  2. Er besitzt Wahrheit, die verkettet.
    Der Platz ist korrekt und gebührend.

Das Verketten als Bild kommt von der Bedeutung des oberen Zeichens Sun = Strick und des oberen Kernzeichens Gen = Hand. Im übrigen ist durch die korrekte, zentrale und geehrte Stellung die Wirkung des Strichs als Herr des Zeichens gezeigt.

Oben eine Neun bedeutet:
  1. Hahnenruf, der zum Himmel dringt.
    Beharrlichkeit bringt Unheil.
  2. Hahnenruf, der zum Himmel dringt.
    Wie könnte der lange dauern?

Sun hat als Tier den Hahn. Der Hahn will zum Himmel fliegen, aber das kann er nicht. So kommt nur der Ruf hinaus (Sun bedeutet das Ausrufen, das wie der Wind überall hindringt). Das bedeutet eine Übertreibung. Die Äußerung ist stärker als das Gefühl. Das gibt falsches Pathos, weil es mit der inneren Wahrheit nicht zu vereinigen ist. Das führt auf die Dauer zum Unheil. Der Strich ist zu stark an der exponierten Stelle und wird von der Kraft des Zeichens nicht mehr getragen, daher dieses Unheil.

Richard Wilhelm
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