Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Frankreich

Gefühlskultur

Um zur Endbestimmung dessen zu gelangen, was Frankreich in der neuentstehenden Welt bedeuten kann, müssen wir noch einige Betrachtungen über die Sonderart des französischen Geistes anstellen. Die Franzosen sind keine philosophische, keine eigentlich politische, auch keine allgemein künstlerische, dafür aber die literarische Nation. Nirgends in der modernen Welt spielt die Literatur auch annähernd die Rolle. In Frankreich allein ist ja das Schrifttum gegen 700 Jahre alt. Die relativ wenigen anerkannten Schriftsteller leben rein für sich; aber jeder muss sie lesen; letztendlich bestimmen sie. Und hier findet jede Nuance Beachtung. Ich wunderte mich, wieso André Gide, doch ein im ganzen mittelmäßiger Geist, für die heutige Generation eine Bedeutung zu haben scheint, die über das spezifische Bedürfnis französischer Junger, ihren Vaterkomplex en donnant du cher maître abzureagieren, hinausgeht. Es wurde mir erwidert: er hat eine bestimmte Art der Erzählung und Problemstellung eingeführt, die es vorher nicht gab. Gleichsinnig beruht die unverhältnismäßig überragende Stellung eines anderen, den ich von Jugend auf als wenig bedeutsam kannte, darauf, dass er als Causeur bis dahin unbekannte Nuancen gefunden hatte. In diesem Miniaturverstande erkennt kein Volk besser Originalität wie das französische. Angesichts der Reife und Überreife seiner Kultur ist es auch natürlich, dass es seine Aufgabe heute in letzter Klärung und Differenzierung sieht; daher das hohe Repräsentantentum Prousts, der einen Schwanengesang bedeutet. Doch eine Gefahr liegt darin, dass keinem heutigen Volk der Sinn für echte Originalität mehr fehlt. Wahre Originalität beruht nie auf erscheinungsmäßig Neuem, sei es hinsichtlich des Inhalts oder der Form, sondern in der Belebung der Erscheinung, sei diese im übrigen bekannt oder unbekannt, von neuer Sinnestiefe her. Dies nun versteht das traditionelle Frankreich gar nicht. Ihm ist Definition das Α und Ω der Erkenntnis — es sieht nicht ein, dass man nur definieren kann, was man schon weiß oder was aus anerkannten Voraussetzungen heraus prinzipiell begreifbar ist, und dass Klarheit in französischem Verstand beim Erfassen des irrationalen und dunklen und blinden Teils der Wirklichkeit, welcher über drei Viertel derselben ausmacht, grundsätzlich unerzielbar ist. Von hier aus wird denn klar, warum Frankreich echte Originalität und Neues überhaupt so schwer versteht, was seinem Verständnisvermögen enge Grenzen setzt. Will der Mensch wesentlich Neues begreifen, so muss er sich zunächst ohne Vorurteil hingeben, bis dass sich die erforderlichen neuen Erkenntnisorgane gebildet haben. Um das Irrationale geistig zu erleben, was sehr wohl möglich ist, da der psychische Organismus dieses Irrationale mitverkörpert, so muss er sich nach innen zu öffnen. Der französische Intellektuelle ist nach innen zu vollkommen abgeschlossen. Er ist zwar kein Insekt, wie der Amerikaner, wohl aber ein Krustentier. Er ist ein richtiger Krebs nicht allein wegen seiner Weltabgeschlossenheit, sondern vor allem, weil er rückwärts schaut, wo er vorwärts will. Was er von Vorweltkriegs-Voraussetzungen nicht verstehen kann, definiert er vom zweiten Kaiserreiche her; was aus diesem heraus nicht einleuchtet, vom 18. Jahrhundert her usf. Von hier aus erhellt denn der letzte Sinn der französischen Beschränktheit. Von hier aus erhellt, wie völlig missverständlich es ist, am Franzosen den Geist als Verstehensorgan zu preisen. So scharf und konzentriert er als formeller Denker sei — als Verstehender ist er nicht minder oberflächlich wie der Amerikaner. Auch Logik und Dialektik gehören zur Mechanik des Geistes; präzises Definieren gehört ähnlicher Ordnung an, wie das Montieren eines Automobils. Dies und nicht etwa geistige Überlegenheit erklärt denn, warum Frankreich seit Versailles so vielfach recht behalten und damit seine Stellung gestärkt und befestigt hat: es denkt routinemäßig, von uralten Voraussetzungen her. Die Welt und der Mensch verändern sich sehr wenig: also muss der recht behalten, der an alter Erfahrung festhält, wenn er die Macht hat, Neubildungen zu verhindern; dieses Rechthaben hat genau den gleichen Sinn wie der amerikanische Erfolg, der auf vollständiger Anpassung der Freiheit an die Normen der toten Natur beruht. Des Franzosen universalistische Gedanken aber sind nie Produkte inneren Wachstums dank Einsicht in fremdes Wesen, sondern der Verallgemeinerung und Extrapolierung dessen, was er von Natur aus ist. Einem Franzosen, der sich darüber beklagte, dass die Welt noch immer nicht Vernunft annimmt und sich zur Ruhe setzt, erwiderte ich: Die wahre Schwierigkeit für Sie Franzosen ist, dass Frankreich nicht das Weltall einschließt. Er musste zustimmen.

Nein, der Franzose ist gewiss kein geistiger Versteher. Deshalb verzeiht er dem Philosophen, dass er Philosoph ist, allenfalls dann, wenn dieser überdies ein großer Schriftsteller ist, wie Descartes und Bergson es waren. Nur deshalb kann er in Paul Valéry einen großen Geist verehren, wo dieser, als Denker, in Wahrheit ein lebender Leichnam ist, ein Sophist, wie ihn gleich übel Hellas nie hervorgebracht. Seine Devise — die Tatsache ist wenig bekannt, doch ich garantiere die Richtigkeit der Behauptung — ist faire sans croire. Ernste Bücher liest in Frankreich nur eine verschwindend geringe Minorität (eine sehr viel geringere, als in der doch in hohem Maß analphabetischen spanischen Welt), wenn sie nicht in der üblichen Form des petit volume à 12 francs serviert werden; so standardisiert in bezug auf Geistiges ist selbst Amerika nicht. Deshalb werden dort vollkommen bornierte Kritiker wie Souday und Thérive tief ernst genommen; als Logiker und Dialektiker sind sie tatsächlich tüchtige Monteure, ob sie auch nichts verstehen. Deshalb müssen dort die unglücklichen Romanciers noch immer die gleichen Romane schreiben, wie vor fünfzig Jahren, wenn sie leben wollen. Dass der Franzose im literarischen Wert das Α und Ω geistiger Norm sieht, beweist im übrigen einmal mehr, dass seine Grundfunktion nicht das Denken, sondern das Gefühl ist, weshalb ihm Schönheit mehr bedeuten muss als Wahrheit. Noch einmal, die Bedeutung des Franzosentums liegt nicht in seinem verstehenden Geist, sondern seiner Gefühlskultur, die sich unter anderem in seinem Geschmack auf dem Gebiet des Intellektuellen äußert. Seine geistige Anlage stellt die Umgrenzung seines Positiven dar. Sobald es den Akzent auf sein Rationelles legt, erscheint Frankreich hart und trocken und kleinlich — weit mehr so als Amerika. Deshalb beruht seine ganze positive Zukunftsmöglichkeit darauf, dass wieder das Frankreich der Generosität und nicht das der Sicherheit (zu der auch die geistige Definition gehört) national bestimme.

Doch es ist schwer zu glauben, dass sich seine heutige Einstellung im europäischen System in Bälde ändern wird. Das wird die nächste junge Generation kaum schon bewirken, so viel europäischer sie sei, denn auch sie ist geistig hart und unschmiegsam, wie es eben Franzosen sind; auch sie wird keine Vorzugsstellung ungezwungen preisgeben. So stellt sich denn die schicksalsschwangere Frage: wie soll sich Frankreich, so wie es heute ist, einstellen, um, so wie es ist, wieder Gutes zu bedeuten für die Menschheit, und wie sollen die anderen es sehen, um Positives von ihm zu haben? — Diese Frage können wir jetzt beantworten. Nur müssen wir uns vorher nochmals der schlechthin positiven Bedeutung dessen erinnern, dass Frankreich allein heute noch die alte Kultur ungebrochen und undegeneriert verkörpert. Entscheidet sich das traditionelle Frankreich für die Poincarésche Einstellung, so ist es als Verkörperer geistiger Werte todgeweiht, weil es so dem Sinn der neuen Ära widerspricht; entscheiden sich die anderen dafür, es dauernd so zu sehen, gleichviel, wie es tatsächlich ist, so wird es gänzlich unfruchtbar für sie. Ganz anders aber liegen die Dinge, wenn Frankreichs Traditionalismus und seine Statik als integrierende Bestandteile der neuwerdenden Menschheit betrachtet werden; wenn also Frankreich nicht mehr grundsätzlich gegen das Neue ankämpft und die jungen Völker in ihm nicht mehr den Feind sehen, sondern beide den notwendigen Hemmschuh am zur Zeit wild dahinrasenden Gefährt der weißen Menschheit. Mit diesem Augenblick wird sich der todbringende Kampf erledigen. Mit diesem Augenblick wird fruchtbare Polarisierung aus ihm werden, eine Polarisierung, dank der das Junge sich auf die Dauer auf die alten Wurzeln beziehen und das Alte sich umgekehrt verjüngen kann. So können sich die beiden sich gegenseitig fordernden und bedingenden Pole Europas, der statische und dynamische, aneinander neu konstituieren.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Frankreich
© 1998- Schule des Rades
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