Schule des Rades

Leo Frobenius

Paideuma

Einleitung

1. Persönliches – Mechanistische und intuitive Forschung

Im Jahre 1894 war mir die Aufgabe zugefallen, Oskar Baumanns Werk Durch Massailand zur Nilquelle zu besprechen. Die kleine Arbeit verfaßte ich aus dem Gefühl einer großen Verehrung für diesen scharf beobachtenden und unternehmenden Entdeckungs- und Forschungsreisenden, gab auch all meinen warmen Empfindungen Ausdruck, konnte mich aber nicht enthalten, meiner abweichenden Meinung über die Behandlung des Nilquellproblems Ausdruck zu geben. (Die späteren Werke Richard Kants haben mir Recht gegeben.) Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf mich eine harte und kränkende Entgegnung des bedeutenden Mannes, die mir den ganzen Grimm verletzter Eitelkeit zeigte. Ich fühlte mich im Innersten meiner Seele und meiner wissenschaftlichen Denkweise betroffen. Eine tiefe Niedergeschlagenheit ergriff mich. Ich war so erfüllt von dem großen Beruf eines Forschungsreisenden, der Notwendigkeit einer weiten Auffassung, daß mir das Kleinliche erst gar nicht begreiflich war, um so weniger, als ich erst viele Jahre später hörte, daß Oskar Baumann schon damals an der entnervenden Krankheit litt, die ihm ein allzu frühes Ende gebracht hat. Ich selbst bereitete mich seit Jahren auf die Forschertätigkeit in Afrika vor, hatte in ihr immer mehr das Große und Hohe zu sehen gelernt, liebte meine Heroen der Forschung über alles und hatte schon so oft bei dem Gedanken, ob ich es ihnen je werde gleich tun können, gezittert, so daß ich unter dieser ersten Erkenntnis menschlicher Schwäche innerlich zusammenbrach. Damals waren mir in Dresden die Professoren Schneider, Sophus Ruge und Lindemann fördernde Freunde. Diese drei waren es, die durch gütige Zuspräche die in mir auftauchenden Zweifel zu zerstreuen suchten, die mit allerhand Beispielen aus der Geschichte der Wissenschaft und der Gelehrtenschicksale mich lehren wollten, auch die Schlacken, die unter jedem großen menschlichen Feuer niedersinken, zu verstehen; sie führten mich von der Überschätzung wissenschaftlicher Persönlichkeiten wieder zurück zu den Fragen und Stoffen aufbauenden, verstehenden und erlebenden Schaffens.

Mit der ganzen Leidenschaft einer jungen Seele versenkte ich mich nun in die Arbeit; allerdings: zunächst war die Ruhe gestört, alle Sachlichkeit erschüttert, die Erregung so bedeutend, daß sie sich nur im Erfassen des Ganzen äußern konnte. Alle Aufzeichnungen, die bis dahin für künftige Arbeit aus der Literatur und auf Museumsbeobachtungen hin gemacht waren, wurden gesiebt; es war mir der feste Wille erwachsen, dem Persönlichen gegenüber das Sachliche als allein Entscheidendes aufzustellen. Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer ganz neuartigen Ordnung des ungeheuren Stoffes trat hierbei immer wahrnehmbarer hervor. Im Geiste tauchte der Gedanke einer großen Einrichtung auf, in der alle Quellennachweise, wohlgeordnet, durch inneren Sinn gegliedert und durch ein festes Gerüst, gleichsam ein steinernes Heim für das Wesen menschlichen Werdens, vor der menschlichen Schwäche geschützt, für die Geschichte der Kultur aufzuspeichern seien. Bei einem benachbarten Tischler wurden die ersten entsprechenden Kästen bestellt, bei einem Buchbinder die Kartons und fein säuberlich zugerichtete Einlagen.

In dieser Weise Tag und Nacht hindurch nach objektiven Grundlagen sichtend, ordnend und aufbauend, lernte ich zum erstenmal den Zauber kennen, der in dem ständigen Umgang mit einer organischen Materie beruht. In diesen Tagen war es zum erstenmal, daß ich nicht mich, sondern das unmittelbare lebendige Dasein dessen erlebte, was mich so vollkommen fesselte: das aber war die Kultur als ein die Menschen innerlich formendes Wesen. Die einzelnen Phasen meiner Entwicklung sind mir nicht zum Bewußtsein gekommen. Als ich aber am 9. November des Jahres 1894 einen prüfenden Blick über die Tätigkeit und Ergebnisse der letzten Jahre warf, da fand ich den Plan eines umfangreichen Archives für Völker- und Kulturkunde vollendet; da waren die grundlegenden Einrichtungen getroffen; da war die Erkenntnis gezeitigt, daß die menschliche Kultur ein selbständiges organisches Wesen sei. Im Frühjahr 1895 war der erste Entwurf einer Lehre von der organischen Kultur niedergeschrieben und somit jene Arbeit begonnen, die seitdem mein Leben erfüllt hat.

Das war vor fünfundzwanzig Jahren, und deshalb ist die vorliegende Schrift zugleich eine Jubiläumsskizze, in der der Verfasser sich darüber klar werden will, welche Wandlungen seine Anschauung der Dinge in ihm selbst und in der Umwelt während der dazwischenliegenden fünf Lustren erlebt hat, eine Zeit, in der seine Gedanken eine stille, aber tiefe Wirkung auf die Kulturforschung namentlich des Auslandes geübt haben.

Eine innere Erschütterung hatte also im Herbst 1894 das Afrika-Archiv und eine skizzenhafte Lehre von der organischen Eigenart der Kulturen ins Leben gerufen. In die weitere Öffentlichkeit trat diese mit der Arbeit Stilgerechte Phantasie (1896) und, nach Vollendung der ersten Vorarbeiten während der Jahre 1897/99, mit den Veröffentlichungen in Petermanns Mitteilungen, dem Ursprung der afrikanischen Kulturen und der Naturwissenschaftlichen Kulturlehre. Ihre Grundlage, die seitdem als Kulturkreislehre (siehe Deutsche Kolonialzeitung 1913 S. 690) eine immer weitergehende Anwendung gefunden hat, geht davon aus, die Kultur ihren menschlichen Trägern gegenüber als selbständigen Organismus aufzufassen, jede Kulturform als ein eignes Lebewesen zu betrachten, das eine Geburt, ein Kindes-, ein Mannes- und ein Greisenalter erlebt. Die Kulturformen sind eigenen Wachstumsprozessen unterworfen, die dem Entwicklungsgange des menschlichen Individuums entsprechen. Plump und unbeholfen gebärden sie sich in ihrer Jugend, energisch und zielbewußt im Mannesalter, kindisch sind die Greisenkulturen usw. Vor allem: nicht der Wille des Menschen bringt die Kulturen hervor, sondern die Kultur lebt auf den Menschen. (Heute möchte ich sagen: sie durchlebt den Menschen.) Die Kultur ist ihren Formen nach an bestimmte Gebiete gebunden, die Kulturkreise; die Formen bilden sich bei der Verpflanzung um und bringen in der Vermählung neue Formen hervor. Meine Ansicht von 1898 unterscheidet Morphologie, Anatomie und Physiologie der Kulturformen. Sie ist also durchaus naturwissenschaftlich. Zwar gliederte sie schon die Kultur als drittes Reich der organischen und anorganischen Natur an, sie war aber in ihrer Beweisführung noch so durchaus der damaligen naturwissenschaftlichen Beobachtungsweise unterworfen, daß sie unfähig blieb, die spezifische Eigenart des Sonderdaseins einzelner Kulturen zu erfassen. Immerhin stellte sie einen Fortschritt dar. Die Geburt der Völker- und Kulturkunde als das jüngste Kind der modernen Wissenschaft hatte sich erst kürzlich vollzogen. Sie tauchte auf in einer mechanistischen Periode und mit halbwissenschaftlichen Vorarbeiten schwer überbürdet. Glänzend hat das Heinrich Schurtz gesagt:

Man könnte an allem wahren Wert der Arbeiten auf diesem Gebiete verzweifeln. Überall mischt sich das launenhafte Subjektive in die gesetzliche Entwicklung ein. Alles schwankt und schillert in tausend Farben. Alle Regeln werden durch Ausnahmen zersetzt, bis endlich das niederschmetternde Bewußtsein, nie auch nur die kleinste feste Wahrheit erreichen zu können, die einzige Frucht unermüdlicher Arbeit zu sein scheint, bis das bittere Gefühl aufsteigt, daß es hundertmal besser sein würde irgendein schlichtes Handwerk zu treiben, als mit diesem täuschenden, unfaßbar unter den Händen zerfließenden Problem zu ringen.

Bei der Eigenart dieser Materie konnte es nicht ausbleiben, daß zunächst zwei entgegengesetzte Anschauungen miteinander um ein Vorrecht stritten, diejenige Bastians, die alle kulturellen Vorgänge auf gesetzmäßige Funktionen des menschlichen Geistes und diejenige Ratzels, die alle Vorgänge auf geographischen Eigenarten und der Enge des menschlichen Bewußtseins aufbaute. Unter diesen Umständen war die Kulturkreislehre von 1897 zweifellos ein Fortschritt, indem sie die Kultur als Subjekt dem Menschen als Objekt gegenüberstellte und die Abgrenzung ihrer landschaftlichen Ausdehnung als ein Mittel zur Erkenntnis der morphologischen Artunterschiede, die Altersstufen aber als Mittel zum Verständnis der physiognomischen Lebensformen heranzog.

Aber die Lehre von 1897/99 war schwer belastet. Einmal durch einen technischen Mißgriff, sozusagen eine psychologische Unart, und zum zweiten durch eine allerdings zeitgemäße naiv-materialistische Auffassungsweise. Beides hatte seinen letzten Grund in der Weltabgeschiedenheit und der damaligen Einzelstellung ihres Urhebers. Denn nach dem Streite mit Oskar Baumann hatte er sich fast von jedem Verkehr zurückgezogen. Er lebte nur seiner Arbeit, nur der Gelehrsamkeit, was um so widersinniger war, als er von Natur ein geselliger und lebendiger Mensch und fähig zum Erleben ist.

Die psychologische Unart bestand in einer durch die Erregungen von 1894 nun einmal erweckten und durch dann folgende Beobachtungen verstärkten Lust an der Polemik. Das war schlimm und zwar noch mehr innerlich wie äußerlich. Im Zorne über menschliche Mißgriffe, wie sie wohl die Geschichte jeder Wissenschaft erleben muß, in der Erbitterung darüber, daß mangelndes Wissen und ungenügende Vorbereitung von der Kollegenwelt nicht gerügt wurden, ließ ich mich zu höhnischen Urteilen hinreißen, die meiner Jugend jedenfalls nicht anstanden und die naturgemäß das Übelwollen der Rezensenten nicht allein gegen mich, sondern nach menschlicher Art auch gegen die von mir aufgestellte Lehre lenken mußte. Ich war damals so unter dem Staub der Bücherweisheit vergraben, daß ich es nicht vermochte, mir die Erbärmlichkeit klar zu machen, die im rücksichtslosen Einreißen und Zerstören, womit jede Polemik verbunden ist, liegt. Es ist mir gründlich heimgezahlt worden, und wenn ich damals auch kein Verständnis für all die nun niederprasselnden Rezensionen hatte, die das Kind mit dem Bade ausschütteten, so wurde ich doch durch solche Erfahrungen dazu gedrängt, möglichst bald die fernen Länder aufzusuchen, um den segnenden Einfluß des Erlebens zu genießen und am lebendigen Objekte die Berechtigung meiner Darlegungen nachzuprüfen. Wenige Tage vor dem Aufbruch zur ersten Reise der Deutschen Inner- Afrikanischen Forschungs-Expedition (D.I.A.F.E.), die ich damals ins Leben rief, erlebte ich es, daß meine Lehre die prinzipielle Anerkennung anderer fand, die meinen Arbeitswegen streng sondierend nachgegangen waren. (Sitzung der Berliner anthropologischen Gesellschaft 5. Dezember 1904.) Als nun meine Auffassungsweise aber aus dem Munde anderer widerklang, wurde ich mir der zweiten Schwäche jener Lehre von 1897/99, wenn zunächst auch nur ganz im allgemeinen, bewußt. Ich bin dann aber im Lauf der folgenden Jahre zumeist im Verkehr mit anderen Völkern und Menschen anderer Kulturen gewesen, habe im langsamen Wachsen des Archives bis zum Forschungsinstitut das Erleben über das Wissen zu stellen gelernt, habe Gelegenheit gehabt, an unendlich vielen Beispielen die alte Betrachtungsweise zu prüfen und mit lebendigen Tatsachen zu vergleichen, habe die Kultur in allen ihren großartigen, zuweilen auch in ihren jämmerlichen Äußerungen, den Menschen aber immer mehr als den kleinen Träger der gewaltigen Erscheinungswelt der Kultur kennen gelernt.

Und heute glaube ich diese zweite Schwäche von damals zu kennen: die Weltanschauung, aus der sie entsprang, war eine mechanistische; das organische Leben im dritten Reiche, das Kulturleben ist aber seiner Natur entsprechend lediglich der lebendigen Intuition zugänglich.

Mechanistisch und intuitiv bezeichnen hier zwei Arten von Weltauffassung. Die mechanistische sucht die einzelnen Vorgänge und Erscheinungen des Wirklichkeit- und Seelenlebens durch Aufstellung von Gesetzen zu erfassen. Ihre Stärke beruht eben in der Herausschälung der Gesetze, ihre Schwäche darin, daß ein nicht in der Natur des Gegenstandes liegender Gegensatz entsteht, indem nämlich unwillkürlich das Gesetzmäßige dem Ungesetzmäßigen, das Normale dem Anormalen, die Regel der Ausnahme gegenüber gestellt wird. Hierdurch wird das Ungesetzmäßige, das Unnormale und die Ausnahme gewissermaßen in eine zweite Klasse abgesondert, und so verliert diese Anschauungsweise die Fähigkeit, allumfassend und dabei gleichwertig urteilend zu sein. Das Prinzip führt zwar wie ein Schienenstrang schneller zu einem vorgesteckten Ziele, macht dagegen die freie Beweglichkeit und Umschau auf der großen Fläche unmöglich.

Dem gegenüber geht die intuitive Weltanschauung von der Vorstellung eines Planes aus, begnügt sich damit, die bedeutsamen Phänomene zu finden und ihren Platz im Gesamtaufbau des Daseins verständnisvoll festzustellen. Darum kann die Intuition für jede Veränderung im Wirklichen ihr uneingeschränktes Verständnis bewahren.

Die mechanistische Weltauffassung sieht vor sich ein System von Tatsachen, das sie nach Ursache und Wirkung, nach Element und Verbindung zerlegt und aus dem sie vermeintlich allgemeingültige Beziehungen ableitet. Sie wird und kann das Leben nur biologisch oder psychologisch erfassen, nämlich indem sie bis zu Eiweiß- oder Assoziations-Prozessen, zu Affekten, Triebfedern, Ganglienzellen, Nervensubstanzen vordringt und dann starre Formeln aufstellt. Der intuitive Forscher dagegen sucht den ganzen regellosen Reichtum lebendiger, seelischer Regungen mitzuerleben; er unterscheidet das Bedeutsame vom Unbedeutenden, den Sinn einer Ausdrucksbewegung von ihren Mitteln. Er versenkt sich in die innere Logik alles Werdens, Wachsens, Reifens, die durch Experiment und System nicht erfaßt werden kann und findet statt starrer Gesetze Typen des lebendigen Seins und Werdens und statt der Formeln symbolische Ereignisse.

Unter Mechanistik verstehe ich also die heute vorherrschende, und ihr gegenüber unter Intuition eine heute selten gewordene, der ersteren genau gegensätzliche Weltauffassung. Mechanistik und Intuition sind hier durchaus nicht im Sinne philosophischer Lehren gemeint. Beide bedeuten etwas Umfassendes, Durchgreifendes, fast Zwangsmäßiges, das als Wesentliches die Allgemeinheit beherrscht. Ich betone aber ausdrücklich, daß die intuitive Weltauffassung hier weder als irgend etwas Neues oder auch nur als etwas Richtiges gelten soll. Neu sicherlich nicht. Auch Goethes Weltanschauung war eine durchaus intuitive, deren Auswirkung jedoch unter dem Einfluß der stets wachsenden Spezialisierung im neunzehnten Jahrhundert immer mehr eingeengt wurde, so daß er für dieses durchaus Recht hatte mit dem Ausspruche, daß seine Werke niemals populär werden könnten, — wenn auch alle Welt den Faust zitiert. Und zweitens das Richtige betreffend: Alle Kulturen schwankten bisher in ihrer Weltauffassung zwischen den beiden Polen der Mechanistik und der Intuition. Wenn ich aber die Theorie des nahen Beginnes einer neuen Kulturperiode (siehe 14. Kapitel) aufstelle, die sich nicht systematisch beweisen, sondern nur intuitiv gewiß machen läßt, so muß ich die ersten Regungen wiedererwachender Intuition fördern, — zumal die ersten Vertreter solcher Weltanschauung je eher desto erfolgreicher und zielsicherer geopfert werden. Auch muß betont werden, daß es weder eine absolut mechanistische, noch eine absolut intuitive Weltauffassung geben kann. Es handelt sich vielmehr, wie eingangs schon gesagt wurde, um eine Richtlinie, um Vorwiegen der einen oder anderen Anschauungstendenz, oder, um es mit zwei Grundbegriffen dieser Schrift zu bezeichnen, die bald näher erklärt werden sollen : um den Vorrang des Tatsachensinnes oder des Dämonischen im Menschen.

Das Jahr 1904 führte mich nun hinaus unter andere Völker, in den Bannkreis der afrikanischen Kulturen. Damit begann ein Leben, das so reich und fast übermäßig mit Erlebnissen und Eindrücken gesegnet war, daß ich heute glaube, nicht dankbar genug sein zu können. Zeiten freien ungebundenen Daseins, in denen mir die ganze Verantwortung selbständiger Lebensführung für mich und viele mir anvertraute Menschen beschert war, und in denen mir wissenschaftliche Stoffmassen, Erkenntnisse und Erlebnisse in ungeahnter Fülle zuströmten, wechselten seitdem mit entsprechenden Zwischenräumen, die ein emsiges Heimatstudium und die Arbeit an dem stets wachsenden Archiv ausfüllten. Die mir beschiedene Ernte war überreich. Ich werde selbst nie fähig sein, sie im ganzen Umfange der Welt mitzuteilen. Aber um so strenger mußte die Bearbeitung der Sammlungen und die Ordnung der Manuskripte sein. Immer mehr Gehilfen wurden draußen und daheim notwendig. Aus der kleinen Gelehrtenstube von 1894 wurde eine Forschungsanstalt, die es nun wieder sowohl daheim als auch vom Arbeitsfelde da drüben aus zu leiten und in ständigem Leben zu erhalten galt. Das draußen Erlebte wollte mit den neu eingetroffenen Beschreibungen und mit den Angaben der vorhandenen Literatur verglichen, das anderweitig beschaffte Museumsmaterial berücksichtigt werden. An die Stelle von Exzerptkästen traten Schränke; an die Stelle von Bücherschränken Bibliothekzimmer. Die wenigen Gesichtspunkte der ersten Zeit vermehrten sich zu Hunderten; der Stab von Mitarbeitern wuchs ständig; die vordem kleine Arbeit des Einzelnen forderte mehr und mehr eine allen zugängliche Übersichtlichkeit. Das Ganze war ein großer Organismus geworden.

Es konnte nicht ausbleiben, daß diese Entwicklung auch meine Ansichten von 1895 beeinflußte. Allerdings hatte ich mich nach einigen weitumfassenden Übersichten (Geographische Kulturkunde und Zeitalter des Sonnengottes, beide 1904) auf Afrika und die europäische Urgeschichte beschränkt. Aber einerseits brachte die Bearbeitung der Kulturen des roten Erdteiles im ständigen Wechsel der Reisegebiete das Typische und Organische mehr in den Vordergrund als das Spezielle und Einzelartige, und andrerseits brachte die wachsende Vertrautheit mit jenem Erdteil einen schärferen Blick auch für die oft recht lange nicht erlebten und nur aus der Ferne gesehenen modern-europäischen Kulturformen mit sich.

Mehr noch! Auch die Distanz zwischen Mensch und Kultur vergrößerte sich fortgesetzt. Ich habe drüben große starke Kulturformen bei dunklen, wenig beachteten Rassen, in Europa kleine und kümmerliche Kulturreste bei großen, hochgestellten Menschen gesehen — und umgekehrt — , habe dort weite und freie Anschauungsweise, tiefe und innere Religiosität, große und formenwahre Dichtkunst in düsteren Völkerwinkeln und hier, just neben dem Bedeutenden, auch erbärmliche Kleinlichkeit, Neid und was sonst Pandoras Gefäß einst unter Verschluß hielt, kennen gelernt. Bessere Menschen gibt es weder hier noch dort. Die Frage der Güte der Menschen geht vom falschen Gesichtspunkt aus; denn die Menschen sind, bis auf eine kleine Anzahl aus der Kultur vererbter Eigenschaften, hier die gleichen wie dort — die gleichen bis auf die Kulturform. Und diese muß ich im Jahre 1920 noch mehr einen selbständigen Organismus nennen als Anno 1895. Die Kultur erscheint mir heute in ihrer großen Organität noch unabhängiger vom Menschen als damals.

Darin bestärkt mich nicht allein alles Selbsterlebte, auch die Forschungen anderer sind in der Zwischenzeit der Lehre von 1895 näher und näher gekommen, bis zuletzt Oswald Spengler in seinem bisher allein erschienenen 1. Band Der Untergang des Abendlandes auf gleichem Wege zum im Prinzip gleichen Resultat gekommen ist.

Dieses Werk ist auch Kultur- oder Völkerkunde im umfassenden Sinne des Wortes. Spengler hat allerdings nur den beglaubigten Teil der Geschichte auf Sinn und Wesen des Kulturorganismus hin untersucht, also jene Kulturformen, die der ablaufenden Gestaltungsperiode angehören und die ich im 14. Kapitel als monumentale bezeichne. Die Leistung Spenglers ist eine eminente, aber, infolge der Begrenzung, nach oben wie nach unten ein Torso. Immerhin konnte meiner Lehre kaum eine wesentlichere Mitarbeiterschaft erwachsen, und kaum konnte eine bemerkenswertere Bestätigung der Stichhaltigkeit jener älteren Anschauung eintreten als die seine. Auch er geht davon aus, daß die Kulturen Lebewesen höchsten Ranges (S. 29) sind. Auch er sagt: Kulturen sind Organismen (S. 150). Unwillkürlich ist er zu den Bezeichnungen der Lehre von 1895 gekommen. Der große Unterschied gegen damals beruht aber darin, daß Spengler die Materie intuitiv behandelt und somit auf dem Wege weitergegangen ist, den ich 1916 in dem Vortrage Orient und Okzident in der Asiatischen Gesellschaft in Berlin eingeschlagen hatte. Persönlich bin ich ihm zu warmem Danke verpflichtet, da er manchen Ratschlag gab, der der Terminologie dieser Schrift zugute gekommen ist.
Was ich Spengler im einzelnen zu sagen habe, ist zumeist im 14. Kapitel zusammengefaßt.

Was nun das Spezielle anbelangt, so sei hier vor allen Dingen eines betont: die nachfolgende Arbeit ist als ein skizzenhafter Versuch aufzufassen. Es ist nahezu unmöglich, das Material, das hier zugrunde liegt, auch nur annähernd in Bälde zu veröffentlichen. Eine große Anzahl von Einzelarbeiten, die mehr oder weniger nur noch der letzten Abschleifung bedürfen, liegt im Archiv zum Austritt in die Welt bereit. Diese Arbeiten werden etwa vom Typus des kürzlich veröffentlichten Kleinafrikanischen Grabbaues sein, d. h. also: allen übereiligen Hypothesen fern, in ihren Einzelheiten zunächst mehr dem Spezialforscher dienen. Gerade deshalb erscheint es jedoch geboten, diesen Einzelschriften gewissermaßen als Wegweiser heute schon die vorliegende Betrachtung vorauszusenden, damit dann im Laufe der Zeit und bei dem Erscheinen der zu erwartenden Monographien jeder für das Ganze Interessierte wissen kann, wo er im allgemeinen und im Riesenbau der Kultur für jede Einzelheit das Unterkommen zu suchen hat.

Des weiteren : Die nachfolgende Ausführung soll in keiner Weise eine Schilderung irgendwelcher Kulturen, sie soll vielmehr ein Versuch sein, den Leser sich in das Seelenhafte oder, wie ich es mit dem Hauptbegriff dieses Buches nenne, das Paideuma des Wesens der Kultur einleben, einfühlen zu lassen. Alles Folgende ist kein: Es ist so, sondern ein: So ist es verständlich. Mit der modernen Psychologie oder gar Physiologie hat sie nichts zu tun; sie geht ihren eigenen Weg, muß diesen gehen, um das Gröbste, oft anscheinend Unüberwindliche aus dem Wege räumen zu können.

Es ist eine anspruchslose, der Wissenschaft in gewissem Sinne fernstehende Arbeit. Ihre Vereinsamung kommt auch in der Sprache, die dem Gegenstande entsprechend oft nicht leicht sein kann, und in der Verwendung eigener Bezeichnungen zum Ausdruck. Vor allem sah ich mich gezwungen. das Wort Kultur in einem speziellen Sinn und für ein spezielles Bedeutungsgebiet durch das eben genannte Wort Paideuma zu ersetzen.

Der Innenaufbau geht aus vom Erlebten und sucht von da aus zum Verständnis zu führen. Wie das Ganze nur ein Auszug ist, so sind hier aus der Fülle eines reichen Lebens auch nur wenige zum Verständnis notwendige Einzelheiten geboten, zumal im 3. bis 5, und im 14. Kapitel.

Leo Frobenius
Paideuma · 1921
Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME