Schule des Rades

Leo Frobenius

Paideuma

III. Das Paideuma der Völker

13. Der Lebensraum (Die Umwelt)

An der bemerkenswerten Stelle, an der Spengler auf das gemeinsame Ausgangsland des Kontrapunktes, der Ölmalerei und des gotischen Stiles hinweist, spricht er von einem letzten Geheimnis alles Menschentums: der Verbundenheit der Seele mit der mütterlichen Erde, aus der alle Mythen sie hervorgehen und zurückkehren lassen. Es erhebt sich also die Frage, inwieweit jedes Raumgefühl seinem Lebensraum entspringt, d. h. inwieweit die paideumatische Umwelt überhaupt zu den verschiedenen Lebensformen des Paideuma in Beziehung steht.

Goethe hat sich über die Bedeutung des Lebensraumes, der paideumatischen Umwelt, mehrfach ausgesprochen. So sagt er:

Daher kommt es denn auch, dass man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluss auf die Gemütsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiss! wer sein Leben lang von hohen, ernsten Eichen umgeben wäre, müsste ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge. Nur muss man bedenken, dass die Menschen im allgemeinen nicht so sensibler Natur sind, als wir andern, und dass sie im ganzen kräftig vor sich hingehen, ohne den äußeren Eindrücken so viel Gewalt einzuräumen. Aber so viel ist gewiss, dass außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Charakter eines Volkes zu vollenden.

An anderer Stelle sagt er, oben am Rande des Unstruttales stehend und in die weite, schöne Landschaft hinausblickend:

Hier fühlt man sich groß und frei wie die große Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.

Und an einer dritten Stelle:

Alle Arten von Bequemlichkeit sind eigentlich ganz gegen meine Natur. Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfertigen lassen. Eine Umgebung von bequemen, geschmackvollen Möbeln hebt meine Gedanken auf und versetzt mich in einen behaglichen, passiven Zustand. Ausgenommen, dass man von Jugend auf daran gewöhnt sei, sind prächtige Zimmer und elegante Hausgeräte etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen.

Goethe hat hier drei verschiedene Gesichtspunkte. Der erste lässt ihn den Einfluss der Landschaft auf die Entwicklung der Völker betonen; der zweite betrifft seine eigene persönliche Seelenbeschaffenheit; der dritte endlich geht von der Frage der Beeinflussung des Schöpfungsvermögens durch den Raum aus. Es handelt sich also einmal um die Bildung und zweitens um den Ausdruck des Paideuma, einmal um die erzieherische Kraft der Formenfülle um das Individuum und zweitens um die Abschließung des Individuums zur Erleichterung schöpferischer Arbeit. In meiner Sprache ausgedrückt: Bedeutung der Umwelt einmal für das Dämonische und zweitens für die Ideale.

Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören; es ist, als ob der Geist Gottes den Menschen dort unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluss ausübte —

sagt abermals Goethe und stellt damit die Einwirkung der Natur den künstlicheren Reizwirkungen der den Menschen von Kindheit an umgebenden Kultur gegenüber. Schon das kleine Kind bringt seine ersten Entdeckungen, etwa die Fähigkeit, einen blinkenden Gegenstand zu sehen und ihn aus dem großen allgemeinen Raum herauszuschälen, zum Ausdruck, indem es danach greift; im Beginn des Sprechens äußert es seine Freude an irgendwelchen auffallenden Dingen durch das bekannte haben, haben, das ich in den Sprachen sämtlicher Völker Afrikas, soweit ich darauf achtete, vorfand. Fast könnte es so aussehen, als ob der Aneignungstrieb die erste Quelle aller paideumatischen Entwicklung wäre. Denn ein Besitzergreifen liegt auch in den ersten Namengebungen. Eine in ihrer Fülle geradezu erschreckende Reihe von Sitten und Gebräuchen, von der primitiven Namenanwendung an durch alle Zauberformeln und Bannversuche hindurch bis zu den hohen Formen wissenschaftlicher Erkenntnis und philosophischer Weisheit — ja, alles bedeutende Streben scheint wie durch eine gemeinsame Kraft mit jenem ursprünglichen haben, haben in einer ununterbrochenen Verbindung zu stehen, die somit alle kulturellen Errungenschaften zuletzt als Ergebnis eines unheimlichen Aneignungstriebes erscheinen lassen könnte. Diese vom Ich auf die Umwelt gerichtete, physikalisch gesprochen zentripetale Form der paideumatischen Entwicklung bezeichne ich als paideumatischen Subjektivismus. Ihr entgegen wirkt eine andere, zentrifugale Lebenstendenz. Es ist allgemein bekannt, dass die ununterbrochene Ausübung eines Berufes den Menschen in bestimmter Weise umbildet. Ich erinnere an den Typus des Schusters, dem der Studentenscherz in tiefer Weisheit den des Schneiders gegenübersetzt. Das heißt aber: Das Objekt, ob Umwelt oder Arbeit, übt eine wesentliche Macht aus. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet und in solchem Gedankengang ist es sehr wohl möglich, von der Besitzmacht jedes Objektes und alles Wahrgenommenen auf das Subjekt zu sprechen. Diese Tendenz bezeichne ich als paideumatischen Objektivismus.

Um diese beiden Grundbegriffe dem Verständnis näher zu bringen, sei ein Beispiel angefügt: die Wirkung eines Naturwaldes im Gebirge gegenüber der eines Kulturwaldes in der Ebene.

Im Naturwalde wirken Unebenheiten des Erdbodens, Gestrüpp und Gebüsch, verwildertes Unterholz, Erdrutsche, umgefallene Bäume, abgestorbene Äste, Artenreichtum der Pflanzen, große Mannigfaltigkeit im Alter der Gewächse auf uns ein und wecken unwillkürlich die Empfindung des Entstehens und Vergehens. Es kommt gewissermaßen der Eindruck des Lichten gegenüber dem Dunklen, des Werdenden gegenüber dem Gewesenen zur Erscheinung. — Auf der anderen Seite der in geraden Reihen aufgezüchtete Kulturwald der Ebene mit seinem sauber gehaltenen, kahlen Boden, seinen gereinigten Kronen, seinen geraden Stämmen, der Gleichaltrigkeit der Gewächse, dem Fehlen jedes morschen oder gar toten Geästes! Eine solche Erscheinung gleicht der Schilderung einer Person, von welcher nur Lobendes ausgesagt wird, und der wir demzufolge keinerlei Reliefwirkung, keinen Begriff ihres Lebens abzugewinnen vermögen. Eine Wanderung durch den typischen Kiefernwald der Mark Brandenburg hat eine überzeugende Wirkung. Wer die dieser Pseudonatur täglich zuströmenden Menschenmassen der Großstadt beobachtet hat, wird gesehen haben, wie jede knorrige, krumme Kiefer als auffallende Erscheinung alle Beschauer fesselt. Die einen fühlen sich dem Anblick der natürlichen Verschiedenartigkeit verwandt, erleben sie nur gemütsmäßig; die anderen empfinden dagegen die künstliche Regel als Selbstverständlichkeit, und ihre Aufmerksamkeit erwacht erst durch abnorme Eindrücke. Die ersteren erleben die Tatsachenwelt, die letzteren wissen sie. Bei ersteren wird also die Naturwirkung mehr der Betonung des Du, dem paideumatischen Objektivismus, bei letzteren der Betonung des Ich, dem paideumatischen Subjektivismus zuneigen.

Ähnliche Unterschiede im Verhältnis des Ich zum Lebensraum habe ich bei allen Völkern, primitiven und zivilisierten, wahrgenommen. Die beiden Gegensätze treten allenthalben hervor. Nie habe ich im deutschen Hochlande einen, wenn nicht von der Kulturwelt dazu angeregten Bauern über die Schönheit seiner Berge und Wälder sprechen hören. Im Kriege sah ich aber solche, die vor Heimweh nach ihren Bergen wie die Kinder weinten. Diese Leute waren und blieben ihrer neuen Umgebung fremd. Ihr Gemütsleben war als Objekt der Besitzmacht der Heimatlandschaft verfallen.

Im Gegensatz hierzu kennt jeder die Städter, welche im Frühjahr die Riviera aufsuchen, im Sommer an die Nordsee reisen, im Winter sich auf den Schneebergen tummeln und überall sogleich Schönheiten verstehen, zergliedern und erklären können. Wie die ersteren Beispiele für die Besitzmacht des Objektes darstellen, so die letzteren für den Aneignungstrieb des wissenden Paideuma. In diesem Sinne hat der Sprachgebrauch längst zwischen dämonischen, genialen, Natur-, Gemüts-menschen und Tatsachen-, Verstandes-, Gehirn-menschen unterschieden.

Damit wird es ohne weiteres klar, warum Goethe das Sichergehen in der Natur für die Entwicklung des Gemütes forderte und sich für das geistige Arbeiten und Schaffen in einen möglichst schmucklosen Raum zurückzog.

In Afrika ist dieser Gegensatz aber in seiner primitivsten Gestalt noch heute zu beobachten. Jedes Mitglied der kleinen äthiopischen Splitterstämme kennt nur den heimatlichen Boden; wenige nur sind ausnahmsweise irgendwann einmal einige Kilometer darüber hinausgekommen. Jeder einzelne steht also absolut im Banne der umgebenden Natur, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass jedem auffallenden Felsblocke, jedem kleinen Gewässer, jedem besonders gewachsenen oder mächtigen Baum, jedem Hügel Opfer dargebracht werden. Diese Völker sind durchaus noch nicht imstande, derartige Bräuche irgendwie kausal zu erklären. Mythen gibt es noch nicht. Aber es ist selbstverständlich, dass, sobald diese Stämme seelisch in das Stadium der Ideale treten würden, sogleich Mythenbildungen emporsprießen müssten. Die Grundlagen sind jedenfalls vorhanden. Die mythologische Vorstellungsweise erscheint also unter dem Einfluss der subjektiven Natur als paideumatischer Objektivismus. Den Vorgang der eigentlichen Mythenbildung würde ich nach dem Beispiel des Kindes, das aus einem Streichholz eine Hexe entstehen lässt, erklären, d. h. die Lebensform des Paideuma muss unmittelbar vor der Mythenbildung noch durchaus die dämonische sein, daher denn auch das Unlogische, ja oft Sinnwidrige der aufkeimenden Mythen. Erst im Stadium der das jugendliche Leben durchgeistigenden Ideale können demnach die logisch konsequenten Kosmogonien und Kosmologien entstehen, nicht aber, wie oftmals irrtümlich geschlossen wurde, umgekehrt.

Leo Frobenius
Paideuma · 1921
Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre
© 1998- Schule des Rades
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