Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Anlage als Weg

Vorwort

Fragen

Die Entsprechungen zwischen Menschenwelt, Mikrokosmos und Makrokosmos waren schon oft in der Geschichte ein Forschungsgebiet; sie wurden aber meistens in den Untergrund verdrängt, um nicht das Weltbild der Epoche zu sprengen; ausserdem fehlten die exakten Daten, zur logischen Verifizierung, die erst durch die moderne Naturwissenschaft beigestellt wurden. Wenn nun unser Denken die faktische Grundlage der Natur über deren mathematische und logische Prinzipien erfaßt, kann es auch die Beschaffenheit des menschlichen Bewußtseins aufzeigen. Damit kann das Studium des Horoskops auch kritisch sinnvoll werden — bisher fehlte der Astrologie bei aller Bemühung um Wissenschaftlichkeit die philosophische Basis; sie hatte den Schritt vom Mythos zum Logos noch nicht vollzogen. Nur wenn uns dieses gelingt, dann kann eine philosophische Astrologie dem Menschen sein geistiges Feld, den Zusammenhang von All und Allem eröffnen, auf daß sich der einzelne wieder als Teil des Ganzen versteht.

Und der Glaube, spielt er keine Rolle mehr?
Doch — aber in anderer Form. Einerseits wird er zur Voraussetzung: ohne das Vertrauen, daß es etwas zu erkennen gibt, daß also die Existenz sinnvoll sein kann, wird sich keiner darum bemühen; andererseits konkretisiert er sich zur Überzeugung und Erfahrung.

Aber kann man das Göttliche, das Unerschöpfliche überhaupt verstehen? Heißt es nicht bei Lao Tse: Der Name, den man nennen kann, ist nicht der ewige Namen?

Sicher kann man mit dem Denken nicht das Unerschaffen-Schaffende (Johannes Scottus Eriugena) erfassen, aber es kann uns bis an die Nahtstelle der Erfahrung heranführen; bis an den Punkt, wo wir es nicht mehr brauchen.

Ist es notwendig, die Bhagavad Gita, die Bibel oder Lao Tse zu lesen, wenn man den Sinn der Welt begreifen will? Nicht unbedingt; nicht jeder ist begabt, in diesen Schriften bis an die Urgründe, bis an die prinzipiellen Zusammenhänge vorzustossen und in den Traditionen mehrtausendjährige Weisheiten von ebenso ehrwürdigen Irrtümern zu unterscheiden.

Freilich können viele aus den Werken der Vergangenheit Inspiration und Mut schöpfen, sich in ihrer Strebensrichtung bestätigt fühlen und auch wesentliche Einsichten gewinnen. Zur Integration der Erkenntnis ist jedoch ein neuer Raster nötig und ich glaube, daß neu denken lernen damit anfängt, daß wir uns direkt daran machen, diesen Raster zu ergründen. Wir müssen mit den Mitteln unserer Zeit — seit 1962 sind wir im Zeitalter des Wassermann, des Körper-denkens und bleiben es für weitere 2.160 Jahre — die Grundlagen aufdecken, an denen weitere Erkenntnisse und Verwirklichungen ansetzen können. Der Weg von Einstein zurück zur Bhagavad Gita ist wesentlich kürzer als der von der Bhagavad Gita zu Einstein.

Die Entdeckung dieses Rasters und seine Darstellung im Rad ist unser wesentliches Anliegen. Was gilt es nun zu erkennen, damit die Vielfalt der Erfahrung sich bewußt und unbewußt diesem Raster, der Struktur des eigenen Bewußtseins, eingliedern könnte?

Dieser Raster bewirkt, daß Fehlschlüsse ausgesiebt werden, daß jede Erfahrung ihren Platz im Ganzen findet und damit bedeutsam wird. Die Wahrheit liegt in unserer Zeit nicht mehr in Glaubenssätzen oder Ideologien, sondern in der Grundstruktur selbst, der Systemik des Wissens. Die Vielfalt der Erscheinungen läßt sich auf eine endliche Anzahl von Prinzipien zurückführen, die mathematisch aus der Null entstehen. Null steht hier für Leere, für Spontaneität des Bewußtseins. Daher ist es Aufgabe unseres Denkens, alle Linien bis zur Null durchzuziehen. Es geht darum, daß alles, was dem Menschen bisher offenbar wurde oder von ihm entdeckt worden ist, jetzt über das Denken auf einer nie erreichten Ebene der Integration als Kritik der Voraussetzungen im Zusammenhang geklärt wird.

Vielen gilt das Denken als Gefahr, und es besteht keine Frage, daß der heutige übertriebene Rationalismus zu einer Bedrohung geworden ist. Doch das gleiche Denken stört nur solange das Gleichgewicht des Lebens, als es sich auf die materiellen Gegebenheiten der Existenz beschränkt und nicht bis an die wesentlichen Zusammenhänge vordringt.

Daß das Denken zur Grundlage unserer Zeit wird, bedeutet also nicht, daß es unser Leben überwuchern muß. Es verlangt vielmehr eine Beschränkung auf das Denkrichtige und Denknotwendige, auf das Ursprüngliche. Alles mechanische, wiederholbare Denken kann bereits besser von Computern verrichtet werden. Dem Menschen obliegt die Wahl der richtigen Grundeinstellung, die Entscheidung. Jeder Planung muß die spontane Entscheidung gegenüberstehen, und in diesem Schritt zur tatsächlichen Spontaneität liegt die höchste Möglichkeit unserer Zeit. Im wirtschaftlichen Leben hat sich diese Entwicklung schon als notwendig erwiesen, wie der Versuch eines Kreativitätstrainings zeigt. Im persönlichen Dasein merkt man noch nicht viel von einer bereinigenden Wirkung des Denkens, von einer klärenden Rückkehr zu den Grundlagen. Es scheinen sich vielmehr neue Ideenkomplexe mit vergangenen zu verquicken, die das Leben unnötig erschweren.

Manche Grüne lehnen das Denken überhaupt ab und möchten auf eine natürliche Lebensweise zurückgreifen. Die große Entdeckung, wie das persönliche Leben über Erkenntnis einerseits und Spontaneität andererseits zur Freude werden kann, steht bei vielen noch aus.

Erkenntnis setzt eine gewisse Denkarbeit aber nicht, daß alle viel mehr arbeiten müssen; doch die persönliche Entfaltung steht unter dem Aspekt Vorgang-Resultat, was das Spezifische der Arbeit ausmacht. Zum Verständnis der eigenen Anlage genügt es nicht, reinen Herzens Vorlesungen beizuwohnen; man muß sie sich erarbeiten wie die Kenntnis einer Maschine.

Was ist aber dann diese Spontaneität, nach der sich so viele sehnen? Besagt sie, daß man ißt, wenn einen hungert, liebt, wenn einen die Sehnsucht überkommt — den inneren Regungen folgt?

Nein — sie bedeutet nicht, daß man dieser oder jener Regung folgt, sondern vielmehr, daß man von Augenblick zu Augenblick als Ganzheit, also seiner gesamten Anlage und der Lage entsprechend aus jener Mitte entscheidet und handelt. Dieses Bekenntnis zu sich selbst, dem eigenen Wer als letzte Autorität, diese innere Verantwortlichkeit, das Akzeptieren der eigenen Anlage als Gegebenheit, als Material, um Leben zu gestalten, erfordert eine Einstellung, die in vergangenen Epochen dem Strebenden in verschiedener Weise als Heilsweg beschrieben und nahegelegt wurde.

Viele Übungen und Disziplinen des Yoga, des Zen wollen zeigen, wie diese Ganzheit, dieses Bewußtsein, das spontan in der Wirklichkeit west, erreicht werden könnte, und wie Hindernisse zu beseitigen wären. Aber erst heute ist der Mensch in der Evolution seiner Gattung so weit mündig geworden, daß dieser Zugang zur eigenen Leere, zur inneren Stille — der die Entscheidung entspringt — zur Voraussetzung, zur dringenden Notwendigkeit und Grundbedingung sowohl des persönlichen Lebens als auch der menschheitlichen Entwicklung wird. Nichts stärkt den Menschen so sehr als eben dieser Zugang zum eigenen Kraftfeld, der das eigenste mit dem All-gemeinsten verbindet, da er den Zugang zur Kraft an sich, das Schöpfen aus dem Nichts bedeutet.

Aber wie kann man tatsächlich zu diesem Kraftfeld vorstossen? Was kann man dazu tun? Muß man nicht auch experimentieren und erfahren, wie die Hindernisse zu überwinden sind? Diese Notwendigkeit spüren viele, die sich bemühen in tiefere Bewußtseinsschichten einzudringen, sei es über Drogen oder Übungen. Aber auch eine Entspannung durchzuführen, muß gelernt und gekonnt werden. In unserer Arbeit im Kriterion in Wien bemühen wir uns um die Erweiterung der Wahrnehmungsfähigkeit, um das Erwecken der Kraft der Aufmerksamkeit, also um den Weg der Erfahrung, der in Ergänzung zum Weg der Erkenntnis den Zugang zur eigenen Mitte, dem Wer eröffnet.

Und wo bleibt die Liebe? Liebe ist das Medium des Lebens. Man braucht und kann sich nicht direkt darum bemühen. Und doch:

Ohne Liebe keine Verwirklichung. Die Liebe ist der Weg jedes einzelnen; sie ist Allgegenwart, Allverbrennen, Allbewußtheit. Liebe ist das Eine Bleibende, das Wunder, das jeden ergreift, der sich mit vollem Bewußtsein in ihren Strom hineinwirft. Wer sich dem Fluß der Liebe öffnet, verliert sein Heim: er west im All. Liebe vermag viel; doch nicht immer ist der Zugang offen.
Mensch im All

Diese Liebe ist dem Fühlen nicht näher als dem Denken; keines der Tierkreiszeichen beinhaltet sie mehr als ein anderes. Sie ist die Urschwingung, die allem zugrundeliegt, die aber nicht das Tun oder die Arbeit am Verstehen ersetzt, sondern beide durchwirkt und trägt.

Wilhelmine Keyserling
Anlage als Weg · 1988
Theorie und Methodik der Astrologie der Wassermannzeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD