Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

II. Mantik · Das Tor des Ostens

I Ging

Die bildhafte Bedeutung des genetischen Codes wurde durch die chinesische Kultur entwickelt, deren Sprachstruktur keine Grammatik aufwies, sondern auf dem Einklang mit dem Tao, der Evolution beruhte. Sie hat ihren Niederschlag im I Ging, dem Buch der Wandlungen gefunden, das durch Jahrtausende kommentiert, von Richard Wilhelm meisterhaft übersetzt, den Schlüssel zur Ordnung der Inspirationen, der bildhaften Instinkte gibt.

Richard Wilhelm war Mitarbeiter meines Vaters in der Schule der Weisheit — ich wuchs mit dem Buch auf. Auch unser Lehrer Josef Matthias Hauer hat sich sein Leben lang damit beschäftigt und aus ihm das Verhältnis der Musik zur Wirklichkeit erkannt. Doch viele der Begriffe des Buches sind nur im Rahmen der chinesischen Kultur verständlich. Wir wollen uns deswegen auf jene Kriterien beschränken, die sich analog zum Rad verstehen lassen.

Der Ursprung des Lebens ist das All, dargestellt in einem leeren Kreis, Wu Chi; der unendliche Weltenborn, dem alles entstammt.

W u C h i

Sobald etwas entsteht, ist es im Gleichgewicht mit der ganzen Schöpfung symbolisiert im Tai Chi, das das Zusammenwirken beider Kräfte, des Yang und des Yin aufzeigt.

T a i C h i

Alles ist von der Inspiration her gesehen entweder Yang oder Yin. Dies ist das große Geheimnis; werden die Erscheinungen auf das Wechselverhältnis beider Kräfte hin untersucht, dann sind sie dem Verstehen zugänglich. Die Dualität äußert sich in verschiedener Weise im Bereich von Himmel, Mensch und Erde. Yang ist Licht, Yin ist Dunkel. Yang ist die Gerechtigkeit, Yin ist die Liebe. Yang ist fest, Yin weich.

  • Yang ist Verwandlung von Energie in Masse,
  • Yin die Verwandlung von Masse in Energie.

Nur in diesen beiden Erscheinungsweisen wird Zeit überhaupt wahrnehmbar.

  • Yang ist der kreisende Kreis,
  • Yin der rechte Winkel und die gerade Richtung.
  • Yang ist der Himmel,
  • Yin ist die Erde mit ihrer Achse.
  • Yang ist zentripedal, positiv, akzeptiert das Kommende, nimmt Energie auf,
  • Yin ist zentrifugal, gibt Energie ab.
  • Yang ist die linke Körperhälfte,
  • Yin ist die rechte.
  • Im Kreislauf ist Yang im Uhrzeigersinn — in Richtung des Himmels,
  • Yin im Gegensinn der Eigendrehung der Erde.

Das eine gibt als Bewegungsform tatsächlich Energie, das andere nimmt sie weg, wie jeder weiß, der sich mit chinesischen Kriegskünsten beschäftigt hat. Ferner wandelt sich Yang dauernd in Yin und umgekehrt. Diese Wandlung gilt als des Geheimnisses noch tieferes Geheimnis, dessen Verstehen den Menschen zum wahren Bewußtsein befreit.

Die Dualitäten sind aus dem tonal-europäischen Denken schwer zu begreifen; sie sind nur existentiell in der Einübung, im Ritus zu verstehen wie etwa beim Tai Chi Chuan.

  • Der Kopf des Menschen entspricht dem Yang, ist positiv, aufnehmend;
  • der Unterleib mit dem Bewegungszentrum ist Yin, gibt aus — Kraft, Samen, Exkremente und Kinder.
  • Zwischen beiden das Herz, seelischer Schwerpunkt des Menschen, ist neutral, bildet die Verbindung.

Das entfremdete Bewußtsein hat den Schwerpunkt im Kopf; die Affektivität im Herzen ist auf diesen als Ichbild bezogen, und es ist vom Sacrum, dem Unterleib abgeschnitten. Daher rührt die Bedeutung aller körperlichen Techniken: wird der Zugang nach unten eröffnet, dann ist der Mensch dem Kosmos gleich, bildet die große Triade mit Himmel und Erde.

Jedes Holon läßt sich dreifältig betrachten, besteht aber notwendig aus einem Verhältnis von Yang und Yin. Yang wird dargestellt als gerader Strich, Yin als gebrochener. Zusammen mit den drei Plätzen von Erde, Mensch und Himmel ergibt die Verbindung dieser zwei Gesetze die 8 Urzeichen des Buchs der Wandlungen, die sich im Lichtkreis anordnen.

T R I G R A M M E

Jedes der Zeichen ist von vier Gesichtspunkten aus zu verstehen: im Bild des Empfindens, dem Motiv des Fühlens, der Struktur des Denkens und dem Impuls des Wollens, der als Urteil beschrieben wird und für alle Zeichen gilt. Hierbei liest man von unten nach oben.

1. Sun: Der schwache Strich ist unten-außen. Dies ist die Welt der Sinne, des Empfindens. Sein Motiv ist das Eindringende, das Sanfte, und sein Bild der Wind und das Gras, die Wiese, deren imaginales Bild im Traum und in der Phantasie das persönliche Verhältnis zu dieser Funktion zeigt.
2. Li: Der schwache Strich zwischen zwei starken, die Welt des Denkens, der Sprache. Das Motiv ist das Haften, die Identifikation mit einem Problem, das Bild ist das Holz und das Feuer, die menschliche Person, das Haus. Denken soll nur so lange sich vollziehen, bis das Problem gelöst, das Holz verbrannt ist, und nicht darüber hinaus.
3. Dui: Der schwache Strich oben-innen, die Welt des Fühlens, der Triebe. Das Motiv ist die Heiterkeit, die Mitfreude, die aus der Befriedigung der Triebe entsteht, und das Bild ist der See, der durchsichtig bis auf den Grund oder trübe den affektiven Zustand veranschaulicht.
4. Kun: Drei schwache Striche, die Welt des Wollens, des Wählens, der Kraft. Das Motiv ist das Aufnehmen im inneren der Erde, das Befruchtet-werden, das Bild die Erde selbst, die Höhle, das Dunkel, welches das Wesen trägt.
5. Gen: Ein starker Strich oben-innen, ist die Welt des Stofflichen, des Körpers. Das Motiv ist das Stillehalten, es wird durch den geraden Rücken, die Achse zur Erdmitte bewußt, und das Bild ist der Berg in seiner Ruhe, der seine Lage fraglos akzeptiert.
6. Kan: Ein starker Strich in der Mitte ist die Welt der Seele, der personalen Beziehung. Das Motiv ist die Gefährdung, eine Seele ohne intensive Spannung neigt zum Stagnieren. Das Bild ist der Fluß von der Quelle bis zum Meer, der Ablauf des Lebens. Diesen gilt es umgekehrt aufwärts zu schreiten, indem man die seelische Beziehung aus der horizontalen Ichbildbestätigung in vertikales Lehren und Lernen verwandelt.
7. Dschen: Ein starker Strich unten-außen, bedeutet den Geist, die Energie, die Teilhabe am Imaginalen. Geist ist immer zukommend, immer heiliger Geist. Was man gewöhnlich unter geistig versteht ist nichts anderes als die Welt des Denkens. Das Bild ist Blitz und Donner, die die Atmosphäre reinigen, und das Motiv das Erregende und Erschütternde; das mysterium tremendum et fascinosum der Religionen.
8. Kiën: Alle Striche stark, ist das Göttliche, der Zeitgeist, das Pleroma der Gnostiker, die Fülle, der sich der Mensch als Kun öffnet. Das Motiv ist das Schöpferische, die Teilhabe am Keimhaften, das Bild ist der Himmel in seiner ewigen Bewegung.

Damit ist der Lichtkreis geschlossen. Zu den vier ursprünglichen subjektiven Himmelsrichtungen — Kiën · Osten, Kun · Westen, Li · Norden, Kan · Süden — treten die Zwischenrichtungen der objektiven Gegebenheiten, an denen der Mensch teilhat: Dschen · im Südosten, der Geist; Gen · im Südwesten, der Körper; Dui · im Nordwesten das Fühlen, und schließlich Sun · im Nordosten, das Empfinden.

Diese Ordnung ist nicht die klassische chinesische der Widderzeit und Fischezeit, sondern gehört zur Altsteinzeit und Wassermannzeit, wie wir später erkennen werden. Das Buch der Wandlungen ist in jedem Zeitalter anders interpretiert worden, und seine Verfasser hießen diese Tatsache im Gegensatz zu anderen Religionen ursprünglich gut, wie es das Ende des vierten Kapitels der Großen Abhandlung zeigt:

Darum ist der Geist an keinen Ort gebunden und das Buch der Wandlungen an keine Gestalt.

Jeder Mensch ist der Inspiration zu, im Osten, ein Holon; er hat eine Haltung zu sich selbst, nach unten-innen, eine andere zum All, nach oben-außen. Jede Haltung kann eines der acht Urzeichen sein. Infolgedessen gibt es eine Klaviatur der möglichen Lebenssituationen von 64 Hexagrammen. Gelingt es dem Menschen festzustellen, in welcher Lage er sich befindet, dann kann er diese ebenso verstehen wie ein Chemiker, der das Gesetz des Achterkreises zur Verbindung der Elemente verwertet.

Die Gefahr ist, sich mit einem einzigen Bild als Mythos zu identifizieren und diesen zum Ichbild zu erheben. Daher haben die Chinesen seit alters her das Orakel entwickelt, mit Stäbchen oder Münzen, in dem der Mensch das Jenseits fragt mittels einer Tätigkeit, die sonst dem Zufall unterworfen wäre, auf daß aus dem Nagual die Antwort kommt, die die Lage ergänzt und in den ewigen Wandel führt.

Das Subjekt ist oberhalb der Lage. Jener, der mit Worten und Handlungen das Buch fragt — die Art und Weise ist in der wilhelmschen Übersetzung genau geschildert — hat damit bereits das Gefängnis des Tonal durchbrochen. Darüber hinaus ist es aber möglich, die ganze Ebene möglicher Situationen zu verstehen und dauernd in der Welt der Inspiration zu leben, wenn man die Gesamtheit der Zeichen überblickt. Das Innere des Rades entsteht aus dem Lambdoma, beruht mathematisch auf der Division und ist auf die Einserdiagonale, die Ganzheit bezogen. Das Gamma ist das Feld der Multiplikation; es zeigt im mikrokosmischen Bereich die Zeitstrukturen, derzufolge sich Materie bilden kann, und im lebendigen und geistigen Bereich die Klaviatur der Situationen. Diese lassen sich daher im Gamma ordnen und verstehen.

Wir haben die Urzeichen vom Denken, Fühlen und Empfinden aus betrachtet, vom Wollen her sind die Urteile die folgenden:

  • Heil bedeutet, eine Lage ist ohne Zutun des Menschen förderlich,
  • Unheil das Gegenteil.
  • Erhaben bedeutet, daß man die Anfänge beachtet.
  • Beharrlichkeit zeigt an, daß man konsequent die Richtung verfolgen muß.
  • Fördernd bedeutet, jedem Wesen zu seinem Ort und seiner Kompetenz im Weltganzen zu verhelfen.
  • Gelingen heißt, daß die Handlung vom Himmel gesegnet ist, es ‘regnet’, das Wachstum geht von selbst.
  • Das Große Wasser zu durchqueren, die eigene Handlung historisch einzugliedern.
  • Kein Makel heißt, daß einen keine Schuld an der Lage trifft.
  • Reue bedeutet, daß man von einem ursprünglich richtigen Weg abgewichen ist und ihn wiederfinden muß,
  • Scham, daß der Weg falsch ist und man die Folgen zu tragen hat. Hierbei bedeutet gut und schlecht Einklang mit der Evolution oder Abspaltung; nur im Einklang ist die Wirkung gut. Was aber für den materiellen Erfolg gut ist, läßt einen Menschen leicht übermütig werden, während Leiden ihn zu sich selbst bringt.

Was gut für das Leben ist, ist nicht gut für den Tod und umgekehrt — die Integration des Wesens im Tod ist ein ebenso wesentliches Ziel wie die Erfüllung der Anlage. So haben manche schwierige Situationen eine doppelte Interpretation im Buch; eine für den praktisch am Erfolg interessierten Menschen, eine andere für jene, die sich auf dem Weg der Integration befinden, also die zweite Geburt erlebt haben.

Für die Chinesen war alles Wissen in diesem Buch eingeordnet, da ihre Sprache keine Grammatik kannte und in der Fischezeit in China die individuelle Entwicklung nicht im Vordergrund stand. Für den einzelnen Menschen der Wassermannzeit, der seine Inspiration erreichen will, können wir uns auf die Bedeutung des I Ging als Tor des Ostens beschränken. Doch ohne Praxis der Orakelbefragung wird es einem schwerlich gelingen, die Weisheit des Buches zu vertiefen. Konfuzius seufzte mit siebzig Jahren, wenn ihm noch einige Jahre vergönnt wären, das Buch zu studieren, dann würde er frei von den gröbsten Fehlern bleiben.

Zum Verständnis der 64 Zeichen müssen wir noch die Reifestufen und Wandlungsstufen einbeziehen.

W a n d l u n g s st u f e n

Holz, die Inspiration, ist der Beginn; der Einfall wird zur Intention. Feuer verbrennt das Holz: die Intention muß dem Gegensatz ausgesetzt werden, ja man muß alle Gegensätze aufsuchen. Das Feuer macht die Erde fruchtbar: man kann nur das verwirklichen, was im Augenblick unter Berücksichtigung der Gegensätze möglich ist. In der Erde wächst das Metall. Die getroffene Entscheidung wandelt Gewissenshöhe und Kompetenz. Metall kondensiert das Wasser: es gilt sich auf neuer Integrationshöhe der Welt hinzugeben, sich zur Verfügung zu stellen, auf daß ein neuer Einfall zur Intention werden könne.

Im Weltganzen entsprechen diese Stufen — aus denen die chinesische Akupunktur entstanden ist — die als einzige Gefahr des Menschen die Stagnation sieht — fünf Reifestufen.

  • Der Gemeine geht von seinen Motiven aus, die seine Intentionen tragen; sie sind der Ansatz des Holzes.
  • Der Würdige sieht sich im Gegensatz zu anderen, die eine höhere Stufe erreicht haben, er bemüht sich im Feuer um den Aufstieg.
  • Der Edle ist der normale Mensch: er weiß, daß das Leben keinen Sinn an sich hat, sondern versucht diesen durch die Vereinigung von Te und Tao von Xing (Triebstruktur) und Ming (Aufgabe) zu aktualisieren; er ist im Einklang mit der Erde.
  • Doch manchmal sind die Verhältnisse so, daß nicht jeder ein Edler werden kann. Hier greift der Berufene ein, um die sozialen Bedingungen im Metall — dem geprägten Wissen — zu verwandeln,
  • und die letzte höchste Stufe ist der Heilige Weise im Sinnbild des Wassers, dessen ganzes Dasein dem Wohl der anderen dient.

Die letzte entscheidende Figur der Wandlungen ist der Große Mann; kein Beamter oder König, sondern ein einfacher Mensch, der das Buch in seiner kosmischen Bedeutung versteht und imstande ist, dem Ratsuchenden zum Einklang mit der Inspiration, dem Tao zu verhelfen, damit dieser seinen eigenen Weg findet.

Betrachten wir das Gamma vom Ostpunkt her nach außen und oben, so gibt es uns die Möglichkeit, die Klaviatur der Wandlungen zu erfassen. Wir werden hierbei die Zahlen der Wilhelm’schen Ausgabe beibehalten, damit der Leser das entsprechende Zeichen studieren kann und auch versteht, wie sich dieses in den wechselnden Linien in andere verwandelt. Die Ordnung folgt der Reihenfolge der Yin-Yang-Zeichen senkrecht und waagrecht im Lichtkreis. Hierbei zeigt das obere Zeichen, der Gattung Mensch und dem Geist zugewandt, den Charakter der Lage, das untere die Reihenfolge der Integration.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD