Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

I. Astrologie

Sinn des Lebens

Philosophie ist Suche nach dem Sinn des Lebens. Das Wort Sinn hat viele Bedeutungen: Zusammenhang, Intensität, Vertrauen, Richtung, Erklärung und Orientierung. Man kann Sinn darin finden, sich als Teil eines Ganzen zu sehen, einer Geschichte oder einer Vorstellung, mag diese freudig oder traurig, hoffnungsvoll oder angstvoll sein. Sinn bedeutet, daß ich etwas zu mir rechnen kann. Aber die Tatsache, daß mir etwas sinnvoll scheint, heißt noch nicht, daß es dies auch ist. Ein Sinn mag ein falscher oder vorläufiger Zusammenhang sein; aber erst, wenn ich herausgefunden habe, was richtig ist, erkenne ich den vorigen Zusammenhang als falsch oder unvollständig. So kommt als weitere Forderung hinzu, daß der Sinn vollständig sein sollte, alle Aspekte dessen, was mich betrifft, umschließt. Mich betrifft: wiederum haben wir eine weitere Komponente des Sinnes. Dieser ist Bezug auf ein Subjekt, auf ein Wer. Aber wer ist dieser Wer? Wieder kann ich mich irren. Ich kann glauben, ich sei Glied eines Volkes, Bekenner einer Weltanschauung, jemand mit einer bestimmten Geschichte: Auch das mag vorläufig sein, mir den Weg zu einem tieferen Sinn zeigen. Aber wenn ich immer weiter tiefer schürfe, dann komme ich schließlich aus allen Vorstellungen und Interpretationen an eine andere Art von Sinn; nämlich die Fähigkeit, überhaupt Sinn zu erfassen. Und dieser Sinn ist nicht mehr ein Etwas, etwas Beschreibbares, sondern ein Nichts: Das Nichts.

Nichts und Etwas: Der Sinn ist also nicht statisch, sondern dynamisch; ein dauerndes Werden. Dieses Werden muß einen Ursprung haben; einen Quell, der notwendig unerschöpflich ist; diesen Quell allen Sinnes heiße ich Gott. Ohne diesen Quell kann ich nur von Bestehendem Sinn aufnehmen und wahrnehmen. Nur wenn ich diesen Quell postuliere, kann ich in mein eigenes Nichts hinein und damit den Weg zur echten Fülle des Sinnes finden.

Dieser Sinn, der aus Gott heraus wirkt, ist allgegenwärtig, mit allem in Beziehung. Diese Beziehung heiße ich Sein, in ihm bin ich verwurzelt. Aber ich bin ein Wesen, jemand, der eine Geschichte hat, und durch diese Geschichte bin ich beschränkt; sie hätte auch anders sein können.

Wesen ist geprägte Vergangenheit, die mir eine gewisse Höhe des Wirkens in der Welt ermöglicht. Denke ich nur an diese Höhe der Verwirklichung und fühle mich losgelöst, als Funktion, dann bin ich nur Ich, nicht Wesen. Denke ich aber an Gott als die Wurzel des All, dann kann ich immer wieder einen neuen Sinn zu meinem Wesen hinzufügen, ja darüber hinaus mich als Mitwirkender des All, als Freund Gottes erleben.

Bin ich in Gott und in meinem Wesen, dann erlebe ich mich als rein Werdender. Betrachte ich mein Wesen aus dem Ich, dann bin ich in der Zeit bestehend, ein Daseiender, und damit ein Bestimmter. Diese Bestimmung kann nun falsch oder richtig sein. Wie kann ich erkennen, ob ich in einer richtigen oder falschen Bestimmung lebe, ob ich mir mit meinen Gedanken den Weg vom Wesen zum Sein, von mir zu Gott versperre oder eröffne? Ich kann es nur dann, wenn ich Wegzeichen aufstelle, wenn ich Pfeiler bestimme, die mir die Richtigkeit meiner Gedanken und Handlungen erweisen. Die Pfeiler dieser Richtigkeit sind die Kriterien, jene Inbegriffe, die als Wegweiser ihren Wert unter Beweis gestellt haben. Die Stoiker nannten sie rationes seminales, logoi spermatikoi, keimhafte Worte: Begriffe, die sowohl ein Prinzip der Natur als auch eines des Bewußtseins bestimmen. Somit gibt es oberhalb der Wissenschaften ein Wegwissen vom Menschen zu Gott, die Summe oder die Ordnung der Kriterien des Menschen, und diese ist es worauf seit Sokrates alle Philosophie gezielt hatte.

Sokrates nannte die beiden Weisen zur Ergründung des Wegwissens Anamnese und Maieutik, die Struktur des Wissens ist unbewußt und muß aufgedeckt werden, gleich wie der Bildhauer die verborgene Figur aus dem Steine löst. Wenn sie gelöst ist, dann muß sie zum Leben erweckt werden, selbständig handeln, was er als Maieutik bestimmte. Aus seiner Herkunft war Sokrates diese Einstellung vorgegeben, da sein Vater Bildhauer, seine Mutter Hebamme war. Aber diese Zweiheit ist viel älter, bestimmt die beiden Menschen, die einem zur Reife verhelfen können, den Lehrer und den Wohltäter in Castanedas Interpretation. Beide fügen dem Wissen des Menschen im Unterschied zu einem methodischen Lehrer einer Wissenschaft nichts hinzu, sondern — wie es auch der indische Begriff Guru meint — sie räumen nur Hindernisse weg, auf daß der Mensch seinen Ursprung wieder finde.

Für die wissenschaftliche Philosophie entstammt alles Wissen der Erfahrung, also dem, was der Mensch tastend, experimentierend, Theorien bildend, sie auch immer wieder verwerfend, an Strategien zur Meisterung des Daseins und der gesellschaftlichen Funktion vollzieht. Für die Religion — die Suche nach der Rückbindung vom Wesen zum Sein, vom Ich zu Gott — entstammen die Kriterien der Offenbarung; sie existieren in jedem, es gilt sie freizulegen, indem man sie von Fremdkörpern oder aus falschen Zusammenhängen löst. In diesem Sinne ist in den Worten Kants die Vernunft gleichsam die Polizei der Wissenschaften, die für ordnungsgemäßen Verkehr zwischen Mensch und Gott, Mitmensch und Welt zu sorgen hat.

Das Grundproblem der Philosophie ist, daß die gleiche Sprache sowohl falsche als auch richtige Zusammenhänge schildert, ich also hinter sie als das Werkzeug treten muß, das ich selbst verwende, mich gleich Baron Münchhausen an meinen Haaren aus dem Sumpf ziehen muß. Daher ist das erste Kriterium des Philosophierens, wie ich falsche Zusammenhänge von echten unterscheiden kann.

Hier müssen wir eine weitere Bestimmung einführen, die der zwei Welten: der Mensch lebt zwischen körperlicher Erfahrung und geistiger Imagination, der Welt des Imaginalen, in der indianischen Terminologie Tonal und Nagual. Der Zugang zur körperlichen Welt ist objektiv gegeben, der Zugang zur geistigen Welt ist projektiv, immer aus der Möglichkeit ergänzend, wie dies Young so schön bestimmt hat. So ist das Gewahrwerden als Träger aller Bewußtheit zwischen vier Welten.

Gott
Sein
Sinn
Wirklichkeit
objektiv
verifizierbar
Möglichkeit
projektiv
imaginal
Wesen
Strategie
Ich

Gott erreiche ich, wenn es mir gelingt, die innere Leere zu verwirklichen; dann zwinge ich, in den Worten Meister Eckharts, seine Fülle in mich hinein. Das Wesen erkenne ich, wenn ich mich der Welt stelle, erfolgreich bin oder scheitere. Die Möglichkeit ist frei ergänzend; also ist der einzige Zugang, wo ich inhaltlich sinnvoll von sinnlos unterscheiden kann, die objektive Wirklichkeit, jene, die ich experimentell nachprüfe und in der ich im Wissen Schritt für Schritt weitergehe.

Dies ist der Weg der abendländischen Philosophie. Während anfänglich nur Logik und Mathematik die Kriterien der Sinnfindung bildeten — also sprachliche Klärung — trat seit Bernardinus Telesius im 16. Jahrhundert das Experiment und die daraus verallgemeinerte Theorie hinzu. Alles Experiment setzt vom Gegebenen an, und somit ist die erste Frage allen Philosophierens, wie ich das Gegebene bestimmen kann. Ansatz aller Erfahrung sind die Sinnesdaten als das, was überhaupt bewußt wird. Aber sie sind nicht alles: alle Schlüsse, die auf ihnen fußen oder von ihnen abgeleitet werden können, sind berechtigt und vermitteln ein wahres Bild der Wirklichkeit. So gilt es, den Weg des Wissens von der Eigenständigkeit der Logik und Mathematik zu lösen und auf der tatsächlichen sinnlichen Erfahrung zu gründen: Ansatz echter Philosophie ist weder Induktion noch Deduktion, sondern die Phänomenologie.

Das Wort stammt von Goethes Ausspruch zu Eckermann:

Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre.

Die Logik und die Mathematik können nur dann zur Sinnfindung beitragen, wenn sie auf die Sinne, deren Sosein und deren Gesetze geeicht werden.

Ernst Mach hat in seiner Analyse der Empfindungen gezeigt, daß jeder Sinn in seiner Funktionsweise eine gewisse Mathematik aufweist und diese als Wissenschaftslehre — als induktive Metaphysik, wie er es nannte — zu bestimmen wäre, um zu einer wirklichkeitsgemäßen Epistemologie also Erkenntnistheorie zu kommen. Doch ging er nicht weiter als bis zum Postulat, und erst Edmund Husserl brachte den nächsten Schritt in der phänomenologischen Bestimmung. Die Gesetze des Wesens, also des inhaltlichen Bewußtseins, sind die natürlichen Systeme aller Sinneswahrnehmungen, wie immer diese beschaffen seien. Der Wahrnehmungsprozeß ist ein Diesda; ich bestimme eine Beobachtung. Alsdann schließe ich mich von dieser ab, klammere sie aus, und widme mich ihrem inneren Zusammenhang, wie der Ton ein Teil der Töne des Tonsystems, die Farbe ein Teil des Farbsystems ist; und in diesen Systemen der Sinnesqualitäten, die richtig oder falsch, vollständig oder lückenlos sein können, spanne ich die Struktur meines Wesens aus, aus der sich dann die denkerischen Strategien meines Daseins ergeben.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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