Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

III. Numerologie · Das Tor des Nordens

Dimensionen

Dimension heißt Ausdehnung und beruht auf der Wechselwirkung von Yang und Yin, Kreis und rechter Winkel, Zeit und Raum, endlich und unendlich, unstetig und stetig, den beiden Grundgegebenheiten der Welt in ihrem Urzusammenhang. Alle Dimensionen des Denkens schließen sich zum achtfältigen Kreis, dessen Bedeutung wir als Lichtkreis experimentell verifizieren und als Kreis der Urzeichen des Buchs der Wandlungen erleben, doch nun vom Bewußtsein und damit vom göttlichen Ursprung her verstehen können. Es gibt vier Yang-Zeitdimensionen und vier Yin-Raumdimensionen.

D i m e n s i o n s k r e i s

Die nullte Dimension ist räumlich der Punkt, zeitlich der Moment, der Augenblick. Den räumlichen Punkt gibt es nicht, er ist eine Abstraktion. Den zeitlichen Augenblick gibt es ja; er ist die Urerfahrung des Bewußtseins. Dauer, Sinn wird durch den wandelnden Moment geschaffen, der definitionsgemäß außerhalb der zyklischen Zeit ist. Bricht ein Wesen in seiner Bewußtheit zu diesem Augenblick durch, dann ist es im Zustand der Seligkeit, der Freude, wie wir ihn früher beschrieben haben.

Durch die Negation — das Nicht-Dasein — ist der Augenblick als Subjekt mit dem göttlichen Subjekt, dem Weltenursprung, identisch. Er ist Teilhabe am Pleroma, am Tao, am Ursprung des Sinnes. Durch die Fähigkeit des Nichts, der Leere, fließt in den Augenblick die Energie des Schöpferischen ununterbrochen ein. Sie gliedert sich in jene Art von Zahlen, deren Veranschaulichung keiner Ausdehnung bedarf: die natürlichen Zahlen oder Ziffern, 1 - 9 und 0, die Buchstaben der Zahlenwelt.

0. Dimension Natürliche Zahlen ·

0123456789

Eine natürliche Zahl, die durch den Vorgang des Zählens zustande kommt, durch das Aussprechen einer Ziffer, ist in der Definition von Frege eine Klasse: 3 ist die Klasse aller Dinge, die drei Bestandteile aufweisen.

Durch Wahl einer Ziffer richtet sich die Aufmerksamkeit in beiden Richtungen des Holon, dem Tonal und dem Nagual zu, auf das, was durch diese Ziffer erfaßt werden kann. Nur die neun Ziffern und die Null haben den Zugang zum Pleroma. Daher sind sie seit jeher zur Beschreibung des göttlichen Urgrundes verwendet worden und die religiösen Bekenntnisse ebenso wie die philosophischen Systeme unterscheiden sich voneinander durch die Ziffer, von der sie ausgehen; es gibt in der Metaphysik Monisten, Dualisten, Trinitarier, wie wir früher beschrieben haben. Innerhalb des Bekenntnisses ist dieser Ziffernursprung unbewußt und nicht zu erfahren. Man muß jenseits seiner treten, in das Nichts, in das, was die Bedeutung schafft.

Diese Betrachtungsweise der Zahlenwelt bezeichnet man als Numerologie, deren größter Anwendungsbereich die Kabbala gewesen ist in all ihren Ausprägungen, von der jüdischen über die arabische, ägyptische und den Tarot bis zu dem germanischen Futhork, dessen Bedeutung ich an anderer Stelle geschildert habe.

Numerologie bestimmt den Urgrund des Bewußtseins. Die Zahl, die mir aufscheint, schafft meine raumzeitliche Gestaltung, oder in anderer Richtung die Art und Weise, wie ich dem Nagual zugewandt bin. Jede Numerologie hat Sinn und Bedeutung. Weinreb hat recht, wenn er in der jüdischen Kabbala und Gnosis eine wahrheitsgemäße Beschreibung des Gefüges der Welt vermutet. Doch ist es der Aufbau eines möglichen Verhältnisses zwischen Diesseits und Jenseits, die tibetische oder ägyptische Numerologie zeigt andere Komponenten, bezieht andere Erlebensbereiche des All ein.

Die Kabbala entstammt, weil in den alten Sprachen Zahlen durch Buchstaben dargestellt wurden und man aus dem Zusammenhang des Satzes erkennen mußte, ob Zahl oder Wort gemeint sei. So ist auf hebräisch Aleph gleich eins, Beth gleich zwei, Gimel gleich drei usw. und die fünf Bücher Mosis sind nach dieser Struktur geschrieben. Hierbei ist die Rolle der Ziffern dem Nagual und dem Tonal zu verschieden, die nagualische Rolle ist etymologisch, die tonale Rolle Hinweis.

Die Numerologie befähigt uns, im Denken Bekenntnisse und Wissenschaften zu transzendieren. Persönlich kann eine numerologisch-psychologische Arbeit etwa den verschütteten Zugang zur Kreativität freilegen, wie ich an anderer Stelle gezeigt habe. Doch gibt es einen Urgrund: den tonalen Aspekt der Numerologie haben wir in der Grammatik als Ursprung der Metaphysik gefunden; den nagualischen werden wir bei der Besprechung der Magie kennenlernen.

Die nullte Dimension ist Träger des Bewußtseins jenseits der Inkarnation, ihr Erreichen bedeutet die Erleuchtung: die Aufmerksamkeit selbst als Fähigkeit des Wählens wird in bewußter Teilhabe am Urgrund zum Subjekt, das die Bewußtseinsinhalte versteht. Diese selbst haben ihre numerologische Basis in den weiteren Dimensionen, die wir geometrisch, arithmetisch und qualitativ betrachten wollen.

Die erste Dimension ist zeitlich die Bahn: ein schreitender Moment erzeugt eine Bahn aus unendlich vielen Augenblicken. Räumlich ist es die Linie, die eine unendliche Anzahl gedachter Punkte umfaßt. Im Bewußtsein wird die Linie durch den Vorgang der Addition erzeugt. Der Zahlenbereich der ersten Dimension sind die ganzen Zahlen: 1 ist sowohl Einheit als auch Schritt. Diese Linie muß eine Gerade sein, denn nur sie läßt sich auf den Punkt zurückprojizieren.

An dieser Stelle verstehen wir den Zusammenhang von Chi und Rad: die Achse von Addition und Subtraktion bildet die waagrechte Linie vom Chi. Die Subtraktionsachse ist im negativen Feld, reicht über das Rad hinaus in das Gamma. 0 bildet die Mitte zwischen Addition und Subtraktion, ist der Ausgleich zwischen beiden.

1. Dimension Ganze Zahlen ·

G a n z e - Z a h l e n

Addition ist die numerologische Grundlage des Empfindens; alle Sinnesdaten befinden sich zwischen zwei Schwellen, innerhalb der sie erfahrbar und meßbar werden, wie wir früher ausführten. Ferner lassen sich Farben durch Addition, mechanische Mischung, aus den drei Grundfarben erzeugen. Die Fähigkeit der linearen Beobachtung — Subjekt zu Objekt — erzeugt das Empfinden, das nur dann wirklichkeitsgemäß ist, wenn es unassoziativ bleibt, also keine denkerischen Strukturen in die Beobachtung hineinlegt.

Subtraktion ist die numerologische Grundlage des Geistes. In allen Überlieferungen wird Geist als Weg verstanden, der ins Ungewisse führt und aus der Frage, der Leere, dem Nichts anhebt. Daher beginnt das Empfinden mit der Wirklichkeit, den Sinnesdaten, etwas Gegebenem und ist positiv; der Geist dagegen hebt von der ungegebenen Möglichkeit an, der Subtraktion, und ist negativ. Zeit ist mathematisch nur negativ zu verstehen: die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und in der Gegenwart ist das einzige Bewußtsein der Augenblick. Auch das Verhalten im Gegenwärtigen kann unbewußtAddition^sein, man ertappt sich zum Beispiel dabei, eine Seite gelesen zu haben, ohne zuzuhorchen.

Wenn ein Kind in der Schule im Subtrahieren Schwierigkeiten hat, kann man es ihm durch Rückwärtsgehen beibringen. Physiologisch erfordert dies Mut und Wagnis; wem diese beiden fehlen, dem mag die Dimension des Geistes verschlossen bleiben.

Die zweite Dimension der Zeit ist der Umlauf. Eine Bahn kreist um einen Punkt oder um eine andere, und füllt somit den Raum einer Scheibe aus, wobei wie beim Walzertanzen beide der Überzeugung sein können, daß der andere sich um ihn dreht, in der Astronomie sind der heliozentrische und geozentrische Gesichtspunkt gleichberechtigt; es ist eine Frage der Anschauung, von welchem Körper aus man die Bewegung beschreibt. Eine unendliche Anzahl der Positionen der Bahn, die um einen Mittelpunkt kreist, erzeugt den Umlauf.

Eine unendliche Anzahl von Geraden wird durch die quadratische Fläche umfaßt. Diese entsteht geometrisch durch drei Punkte, wie die Linie durch deren zwei. Die kürzeste Verbindung dreier Punkte, die nicht in einer Linie liegen, schafft die ebene Fläche.

2. Dimension Rationale Zahlen ·

R a t i o n a l e - Z a h l e n

Die Fläche ist die Ebene der Division und damit der rationalen Zahlen. Division und Multiplikation — die Rechnungsart des Umlaufes — schaffen ein Kontinuum. Zwischen zwei ganzen Zahlen kann ich durch Addition oder Subtraktion nie eine weitere oder einen Bruch einschieben; das Ergebnis sind immer Schritte, vorwärts oder rückwärts. Hingegen kann ich bei Multiplikation oder Division den Vorgang weiter fortführen:

144
6
:
×
6
6
=
=
24
24
:
×
6
6
=
=
4 : 6 = 1,5 usw.
144  usw.

Division ist der Ursprung des Denkens in der Gleichung, das Ur-Teilen. Nur die Fläche ist rational verständlich, wie der möbiussche Ring und die kleinsche Flasche beweisen, die nur eine Oberfläche haben. Gerät das Denken in andere Dimensionen, so führt es zu Ungereimtheiten. Desgleichen kann man die Beziehung von mehr als zwei Körpern nicht mehr rational bestimmen. Empfinden und Geist sind linear zu begreifen, denken und Seele, die Dimension der personalen Begegnung, sind flächig zu verstehen. Durch die Tatsache der möglichen Fortsetzung der Division liegt hier die Grundlage des unendlich speicherfähigen holographischen Gedächtnisses, das im Denken durch die cartesische Unterscheidung von clare et distincte, kantisch von Anschauung und Begriff zu Schlüssen kommt. Sein Urbild ist folgende Gleichung: 12 : 4 = 3. Wir teilen die Gleichung in drei Komponenten 12 : 4 ist Analyse, Begreifen; 3 ist Synthese, Verstehen; ist oder ist nicht, das Urteil. Logik und Mathematik sind die zwei Aspekte des Denkens. So vollzieht sich das Denken tonal notwendig innerhalb des Lambdoma, geht immer von einer vorgegebenen Einheit aus, die es klärt und gliedert.

Das Urbild der Seele und ihrer Beziehungen, die im energetischen nagualischen Kontinuum stattfinden, ist die Synergie, die Multiplikation des Umeinanderkreisens. Zwei Wesen, die einander begegnen, erzeugen nicht die Summe, sondern ein Vielfaches der persönlichen Kraft, da sie beide zum Durchgangstor der kosmischen Energie werden. Und während das Denken flächig unendlich viel Wissen speichert, kann die Seele unendlich viele Verhaltensweisen integrieren.

Die dritte Dimension ist zeitlich die Drehung um eine Achse: nach einer halben Drehung der Scheibe des Umlaufs ist der Raum einer Kugel ausgefüllt, wobei erstere unendlich viele Positionen einnimmt. Räumlich enthält der Kubus das Volumen, eine unendliche Anzahl von Flächen.

Ein Kubus verlangt zu seiner Erzeugung drei rechte Winkel, besteht aus vier Punkten. Desgleichen hat die Kugel vier Koordinaten. Dies bringt uns zu den irrationalen oder reellen Zahlen: für den Raum die Proportionen, für die Zeit die Funktionen.

Im Raum werden die Beziehungen der reellen Zahlen durch die Diagonalen des Lambdoma dargestellt. Sie sind analog: 1/2 = 2/4 = 3/6 usw. Dies erklärt nichts, es ist die Grundlage einer anderen Funktion, jener des Fühlens. Fühlen vollzieht sich analog: eine Kuh verhält sich zum Kalb wie der Apfelbaum zum Apfel.

3. Dimension Reelle Zahlen ·

R e e l l e - Z a h l e n

In der Zeit bilden die Diagonalen der reellen Zahlen die Funktionen des Gamma, denenzufolge sich die Materie gemäß der Atomstruktur gliedert; die mittlere Diagonale mit den Abständen der Elektronenschalen, die zweite mit der Schalenkapazität. Sowohl im Lambdoma als auch im Gamma ist die Anzahl der Erzeugungsprinzipien auf den Umkreis der Ziffern, auf 10 beschränkt, geht also nicht ins Unendliche. Die dritte Dimension der Zeit vermittelt daher das Erleben des Körpers als eines beharrenden Zeitwirbels.

Die dritte Dimension ist die letzte der Zeit. Die vierte Dimension ist nur räumlich, sie bestimmt die Fähigkeit der Resonanz, der kontinuierlichen Bezüglichkeit, des Beharrens in den Lichtschwingungen und Tonschwingungen. Zu deren Veranschaulichung wird der Schnittpunkt der Einserdiagonale des Lambdoma mit zwei Loten von beiden Punkten 10 zum Zentrum des Rades. Die nullte Dimension als Moment, als Subjekt der Zeit, nimmt die Mitte des Rades ein. Dieser Punkt steht im rechten Winkel zu den 8 Ecken des Kubus. Sein Gesetz sind die komplexen Zahlen. Dies ist die Grundlage des Wollens, des Entscheidens von außen nach innen, und Entschließens von innen nach außen. Zur Veranschaulichung gliedern sich um dieses Zentrum die sieben Kreise im Abstand der Atomzahlen. Darum bildet sich das Rad, das in den Abschnitten im Quintenzirkel der Töne und flächig die Farben und Gegenfarben des Lichtes zeigt.

Das Rad ist die Gesamtheit aller Gesetze, die dem Denken erkennbar sind. Das Volumen schneidet das energetische Kontinuum des Allraumes im gleichen Sinne, wie die Fläche den Kubus, die Linie die Fläche und der Punkt die Linie. Tatsächlich ist das Rad nichts anderes als die Veranschaulichung aller geometrisch und arithmetisch verifizierbaren Gesetze der flächigen, rationalen Geometrie.

4. Dimension Komplexe Zahlen ·

K o m p l e x e - Z a h l e n

Die Zahlenart der vierten Dimension, die komplexen oder imaginären Zahlen, bestimmen das Verhältnis zweier Gegebenheiten zueinander, wie zweier Töne eines Intervalls; nur über das Erleben des Mitwesens oder des Allwesens, aus welchem alle Energie herrührt, erreicht der Mensch seine Mitte.

Das linke Gehirn ist linear und tonalisch. Das rechte Gehirn ist dreidimensional und nagualisch, um echte Traumvisionen und Erlebnisse des imaginalen Bereichs kann man herumgehen, sie von allen Seiten betrachten. Das hintere Hirn des Denkens als Klären, als Gleichgewicht von Analyse und Synthese im Urteil ist flächig, und folgt den Gesetzen der analytischen Geometrie. Das Wollen der vierten Dimension ist nur aus der Mitte, dem Augenblick heraus zu vollziehen.

Nach diesen Ausführungen wird offensichtlich, das die Kenntnis des Rades den Menschen befähigt, jede Wissenschaft, jede Kultur, jede Religion zum Sein, zur Liebe hin zu transzendieren und ihrer falschen Substantialität zu entkleiden. Dies erklärt den Haß, von welchem die Kenner des Rades, die Chakravartins von den Machthabern aller Kulturen verfolgt wurden, weshalb sie in die Esoterik ausweichen mußten. Heute ist die Lage anders geworden. Durch Verstehen des Rades ist es möglich, die denkerischen Probleme zu erledigen, sie den Menschen und der Liebe unterzuordnen und zu entgiften; ferner die Hölle der Experten, der falschen Hierarchien und verzweifelten Ichbilder zu überwinden, indem man von jedem Sprechenden vollständige Klarheit verlangt und keine Ausflüchte gelten läßt. Doch um diese Reinheit des Denkens zu erreichen und zu wahren, muß der Mensch fähig werden, die Mitte des Rades, der Erde, den Zustand der Liebe und Erleuchtung dauerhaft zu machen. Durch das Tor des Nordens erreicht er theoretisch die Himmelsmitte seines Verstehens, wird zum Nordstern, findet seine echte Macht. Doch nur durch das Tor des Westens verwirklicht er die Liebe zu sich selbst, zum Nächsten und zur Welt, was den Gegenstand der mystischen Befreiung bildet.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD