Schule des Rades

Arnold und Wilhelmine Keyserling

Ars Magna

IV. Mystik · Das Tor des Westens

Bewußtseinsstruktur

Die Inkarnation des Wesens läßt sich rechtsläufig im Uhrzeigersinn begreifen, sie ist ein Sein zum Tode, das Leben des Menschen ist, wie der Buddha es formulierte, ein langes Sterben. Daher gilt es diesen Weg zurückzugehen und ihn in all seinen Stufen zu erkennen; der Weg der Befreiung ist der Erdumdrehung entsprechend gegen den Uhrzeigersinn. Er verlangt ferner die Schaffung des Kreuzes im Rad, das vierfältige Verstehen der Bewußtseinsstruktur.

Y O G A S U T R A

  1. Gewahrsein: Das Wesen ist im Großen Rund, dem Nagual, und spürt die Neigung zur Inkarnation aufgrund seiner erreichten Struktur. Hier gibt es keine Belohnung und Bestrafung, all das sind Projektionen menschlich-hierarchischer Verhältnisse des entfremdeten Bewußtseins auf das Jenseits. Was einem im letzten Leben gefehlt hat, das wird im neuen zur Motivation, wobei aber darüber hinaus die Sehnsucht nach einem geistigen Weg, einer Intention, in das Leben eingebracht werden kann.
  1. Geist: Befruchtung. Ein Same, Yin, vereint sich mit einem Ei, Yang, das ihn in sich positiv hineinläßt und sich danach abschließt. Befruchtung ist auf griechisch gleich Erkenntnis, Gnosis: das Wesen, das Gewahrsein tritt als drittes zur Vereinigung hinzu.
    Grof hat in unzähligen Regressionen gezeigt, daß praktisch jeder Mensch bis zu den Augenblicken 1 und 0 zurückgeführt werden kann. Das Bewußtsein mit seiner Erinnerung besteht bis zum Beginn des Geburtsvorgangs; dann tritt ein Schleier vor die Erinnerung, der erst später psychologisch oder meditativ gelüftet werden kann.
  1. Seele: Polarisation. Die elterlichen Chromosomen legen sich längs des Äquators der Zelle, sie zeigen die beiden Wurzeln des Körpers. Ihre Vereinigung bleibt die seelische Problematik für das ganze Leben, ob man sie dramatisch im Mythos von Freud als ödipal bezeichnet, oder einfach als die Notwendigkeit ein Ich zwischen rechts, der Möglichkeit und links der Wirklichkeit (Großhirn), zwischen Mutter und Vater zu bilden.

7 und 6 sind noch nicht individuell, die Individualität tritt erst mit der Urzelle auf.

  1. Körper: Urzelle. Aus der Vereinigung beider Chromosomenketten bildet sich die Urzelle. Sie teilt sich gemäß dem Oktavgesetz, und es entstehen die drei Keimblätter:
    • das Entoderm mit den Gedärmen, das auf Triebbefriedigung ausgerichtet ist, in indischer Terminologie Tamas.
    • Das Mesoderm, aus dem sich Muskeln, Bänder und das Skelett bilden, die Grundlage von Bewegung und Handlungsfähigkeit, Rajas;
    • das Ektoderm, das Nervensystem und die Haut, welche den Kontakt zur Umwelt schaffen, Sattwa.

    Zwischen den dreien gibt es keine Hierarchie, sie entsprechen astrologisch dem Schwerpunkt in körperlichen, seelischen und geistigen Zeichen.

    • Laut indischer Überlieferung kann ein [Entoderm] Mensch des Tamas nach dem Göttlichen nur streben, wenn es ihm als größerer Genuß als die körperliche Befriedigung erscheint; Tamas wird zu Kama, der Sinneslust.
    • Einer des Mesoderm sucht die Anstrengung, die soziale Anerkennung, die Erfüllung von Rajas in Artha, dem Erringen von Wohlstand und gesellschaftlicher Stellung.
    • Einer des Ektoderm erreicht die Befriedigung in geistiger Klärung, im Zuschauen, in der Verfeinerung des Verstehens und erlebt Moksha, die Befreiung als Ziel.

    Alle drei haben die Göttervorstellungen der Trimurti:

    • Brahma als Schöpfer zeigt den Weg des Tantra, der Heiligung des Körpers, der Erkenntnis seiner göttlichen Kräfte.
    • Artha hat als Gott Vishnu, den Erhalter aller Ordnung, und als Weg Bhakti, die liebende Nachfolge des Heiligen in der Nachahmung;
    • und Sattwa hat als Gott den meditierenden Shiva, den Zerstörer, und als Weg Gnana, die Überwindung des gezweiten, erklärenden Bewußtseins.
  1. wollen: Kreislauf. Nach Ausbildung der Organsysteme beginnt als Stufe 4 der Herzschlag, die Abstimmung aller Energien, aller Rhythmen aufeinander.
  1. fühlen: Stoffwechsel. Als nächste Stufe beginnt der Stoffwechsel im Einklang mit dem mütterlichen Organismus durch die Nabelschnur. Der Embryo ist in einem paradiesischen Zustand, warm und gesichert, nach dem sich seine Triebe das ganze Leben wieder zurücksehnen; jene Einheit mit der Natur, die auch in den Mythen das Paradies vor dem Sündenfall kennzeichneten.

Nun kommt die Geburt mit ihren drei Stufen: den Wehen, die dem kindlichen Organismus als Qual erscheinen: das Verlassen des Mutterleibs, das in der Regression als Austritt aus einem Tunnel ins Licht nacherlebt wird, und das schmerzhafte Öffnen der Bronchien mit dem ersten Atemzug: in diesem Augenblick rastet im Gehirn die Zeitstruktur, das Horoskop als potentieller Rahmen des Tonal ein.

  1. denken: Atmung. Mit dem ersten Schrei beginnt das Lautgeben, die Grundlage des Denkens. Die Identität des Wesens wird zum Urwort, mit dem sich das Kind bemerkbar macht.
  1. empfinden: Sinneskoordination. Die letzte Stufe ist die Koordination der Sinne, die drei weitere Monate von der Geburt an braucht. Erst dann ist das Großhirn neuronisch verknotet. Hier ist die künftige Begabung des Menschen von der Vielzahl der Assoziationen abhängig, der Sinneserfahrung, die das Kind in diesem Zeitraum erlebt. Wer ihn in klinischer Atmosphäre ohne, akustische, visuelle und taktile Eindrücke verbringt, dessen Intelligenz leidet, und diese Verarmung ist nur zum Teil durch psychologische Methoden wieder gut zu machen.

Die schmerzhafte Erinnerung an die Geburt bleibt die Schwelle, die der Mensch überwinden muß, um seine Mitte zu erreichen und aus ihr heraus zu leben. Nach indischer Überlieferung ist es den Göttern gleichgültig, ob ein Mensch den Weg nach innen zur Befreiung geht oder nicht. Da alle Inspirationen aus dem Lebensborn kommen und ihre Entfaltungszeit auf Erden haben, wirkt sich die Waltung entweder als Lichtwaltung oder Dunkelwaltung aus; des Himmels Willen geschieht auf jeden Fall. Der Mensch hat die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit der Befreiung. Er kann die Seligkeit erreichen, wenn er bewußter Mitarbeiter des All wird. So ist das Tor des Westens von jedem Einzelnen aufzustoßen, und der Widerstand ist nicht nur die eigene Trägheit zusammen mit dem Trauma der Geburt, die die Erinnerung auf die tonale Welt beschränken, bis der Durchbruch erreicht wird, sondern auch die Mitwelt all jener, die dunkel spüren, daß sie diesen Weg gehen sollten, doch Angst davor haben, ihn zu beginnen; jeder Mutige bleibt für sie ein lebender Vorwurf, und als einfachste Lösung erscheint, ihn auszuschalten — was auch immer wieder in der Geschichte passiert ist.

Arnold und Wilhelmine Keyserling
Ars Magna · 1982
Kriterien der Offenbarung
© 1998- Schule des Rades
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