Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

Vorwort

Die Frage

Jede Geschichte ist eine Antwort auf eine bestimmte Frage, mag diese dem Verfasser bewußt oder unbewußt gewesen sein. Dies gilt auch für eine philosophische Geistesgeschichte. Der Stoff, den es dabei zu sichten gilt, ist unermeßlich groß; und erst aus der klaren Erkenntnis, wozu die Geschichte dienen soll und was von ihr erwartet wird, gewinnt er seine Gestalt.

Die Frage, mit der ich an die Geistesgeschichte herangetreten bin, hat zwei Komponenten: einerseits bildet dieses Buch die Grundlage von Vorlesungen an der Akademie für Angewandte Kunst in Wien; diese soll angehenden Künstlern den historischen Hintergrund ihrer heutigen Situation klarlegen — die verschiedenen Probleme, die sie auch heute noch betreffen, in ihrem Ursprung erfassen und die gebotenen Lösungen verständlich machen. Andrerseits suche ich in der Geschichte der Philosophie die Entfaltung des Systems der Welt-Elemente, das den Menschen befähigen würde, die Gesamtheit der Wirklichkeit unter Einschluß der eigenen Persönlichkeit als eine bestimmte Kombination zu erfassen, und somit das Verhältnis von Analyse und Synthese endgültig zu klären; ein System, das nicht eine dichterische Weltanschauung bedeutet, sondern dem Einzelnen die volle Freiheit seiner Entfaltung läßt, im gleichen Sinne wie die Gesetze der Sprache, von Wortbildung, Grammatik und Syntax keinen Dichter an seiner persönlichen Aussage gehindert haben, sondern im Gegenteil die Handhabe zu ihr lieferten. Ich suche also nicht Philosophie als Wissenschaft im Sinne des 19. Jahrhunderts zu verstehen, sondern als Kunst; ich will die Prinzipien des Gestaltens aufzeigen, die für Subjekt und Objekt, Weltgestaltung und Selbstverwirklichung in gleichem Maße verbindlich sind. Damit greife ich aus der Vielfalt der philosophischen Formulierungen jene heraus, die einen echten Fortschritt in der Erkenntnis der systematischen Wahrheit bedeutet haben und nicht durch den nächsten Denker überholt wurden — es sei denn, daß eine einseitige These sich dialektisch als notwendiger Umweg zu einer echten Erkenntnis erwies.

Das Buch richtet sich an Leser, bei denen keine philosophischen Vorkenntnisse vorausgesetzt werden. Doch berücksichtigt es Traditionen des Ostens und Westens, der offiziellen Wissenschaft und der Esoterik in gleichem Maße, um das Bild der geschichtlichen Wirklichkeit zu vermitteln, das dem nunmehr planetarischen Bewußtsein des Menschen gerecht wird.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
Vorwort
© 1998- Schule des Rades
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