Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

9. Das idealistische Denken

Friedrich Nietzsche

Der letzte Philosoph dieser Reihe war Friedrich Nietzsche. Er wurde 1844 im Pfarrhaus Röcken bei Lützen geboren und besuchte die Schule in Pforta, deren Schwerpunkt auf der Philosophie lag, während die Naturwissenschaften vernachlässigt wurden. Die Sprache wurde nun auch das wesentliche Medium seiner Gestaltung, hinter dem das systematische Denken zurücktrat. Das geringe systematische Rüstzeug, dessen er zur Bestimmung seiner Aufgabe bedurfte, fand er bei Schopenhauer. Doch bald wandte er sich von der reinen Philosophie zu seinem prophetischen Anliegen: der Rehabilitierung der Sinnlichkeit und Lebenskraft und des Willens zur Macht als Ursprung aller Individualität.

Der Feind, gegen den es die ursprüngliche Lebenskraft zu verteidigen galt, war die christliche Moral, die der natürlichen Entwicklung Fesseln auferlegt. Als Ursprung dieser Moral erkannte er die Lehre Zarathustras von Gut und Böse als metaphysische Prinzipien, wobei das Gute mit dem Geist und dem Denken, das Böse mit dem Körper und den Trieben identifiziert worden war. Deshalb wählte er auch Zarathustras zum Verkünden seiner persönlichen Offenbarung: nur jener Prophet, der diese falsche Unterscheidung aus Sorge um die rechte Entwicklung des Menschen­geschlechts geprägt hatte, könne sie auch wieder rückgängig machen.

Den Ansatz für die Unterscheidung der beiden Sphären als Geschichtsmächte fand Nietzsche in der griechischen Polarität von Dionysos und Apollo: das Griechentum konnte darum schöpferisch sein, weil es aus der Spannung zwischen dem orphisch-dionysischen rauschhaften Urgrund und der kristallinen apollinischen Heiterkeit getragen wurde. Sobald die Spannung nach dem Sieg über die Perser durch die Vernunft gebändigt wurde, war es mit der großen dichterischen Leistung der Griechen — deren Höhepunkt er in den Tragödien des Aischylos erblickte — endgültig vorbei.

Nietzsche wurde mit dreiundzwanzig Jahren als Professor der Philologie nach Basel berufen und lehrte dort zusammen mit Jakob Burckhardt, der ebenfalls aus einer Wiedererweckung des griechischen Geistes eine Befreiung aus der Erstarrung des akademischen idealistischen Denkens erhoffte. Aber in Nietzsches Verherrlichung des rauschhaft-intensiven dionysischen Prinzips witterte er eine größere Gefahr für seine am klassischen Sinn für Maß orientierte Existenz als in der bürgerlichen Erstarrung, und so wandelte sich die anfängliche Freundschaft in Gegnerschaft. Nietzsche, erst begeistert von seinen Kollegen in Basel empfangen, fühlte sich immer mehr vereinsamt. Nach seinem Buch Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, das er Richard Wagner widmete, begannen auch die Fachkollegen seine philologische Deutung anzugreifen. Bald mußte er erkennen, daß auch Wagner keineswegs eine Wiedergeburt des von ihm verehrten Geistes der Tragödie bedeutete und lebte fortan nur noch seiner Aufgabe, den Eigenwert des dionysischen Lebens und des Willens zur Macht zu verkünden. 1883 erschien seine ekstatische Dichtung Also sprach Zarathustra. Dieser steht jenseits von Gut und Böse. Er hat diese Lehre, die für den Durchschnittsmenschen als Übergang geprägt war, abgelegt, und predigt die Herankunft des Übermenschen, der sich aus der Vollkraft seines Lebens zum Geist erhebt.

Nietzsche betrachtete sich als echten Schüler des Dionysos und wurde von deren klassischem Schicksal getroffen: 1889 wurde er vom Wahnsinn geschlagen. Seine Schwester betreute den geistig Umnachteten in Weimar bis zu seinem Tode 1900.

Mit Nietzsche ist die Reihe der großen idealistischen Philosophen abgeschlossen, die aus dem goetheschen Impuls das kantische Erbe zum Leben erweckten. Zwar gab es idealistische Philosophen noch weiter in großer Zahl; doch diese blieben Vertreter des akademischen gebildeten Bürgertums ohne historische Wirksamkeit. Jene kam von einer anderen Seite: aus dem Werk von Karl Marx und Friedrich Engels, das die hegelsche philosophische Dialektik mit der feuerbachschen kommunistischen Menschwerdung in eine Synthese brachte.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
9. Das idealistische Denken
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