Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

1. Das kosmische Denken

Gilgamesch Epos

In der Krebszeit wurde das Sonnen-Mond-Jahr als Zeitrahmen zum rituellen Nacherleben von Tod und Auferstehung gebraucht; die vier Kernzeichen des Tierkreises, wieder die biblischen Erzengel, galten als unüberwindliche Hüter der Schwelle zum Paradies. Im Gilgamesch-Epos tritt die Bedeutung der zwölf Konstellationen und damit der astrale Mythos hinzu. Die Zahlen zwölf und sieben, verstanden als geistiger Weg und Stufen der Läuterung, das Sonnenmaß des Jahres und das gevierteilte Mondmaß der Woche gliedern das Epos in gedanklich unterscheidbare Bedeutungseinheiten. Das erste Bild entfaltet sich im Zeichen des Widders und das letzte schließt mit dem Symbol der Fische als Schwelle des Jenseits. Somit war die Zwillingszeit die Geburtsstunde der Kalenderkulturen, wie sie sich gleichsinnig auf der ganzen Erde als Stammesgründungen zeigten, und deren letzte südamerikanische Vertreter, die Mayas und Azteken, erst vor wenigen Jahrhunderten durch die spanische Eroberung vernichtet wurden.

Laut Mythos war Gilgamesch zu zwei Drittel Gott, zu einem Drittel Mensch: Körper und Geist waren von himmlischer Kraft und Schönheit, doch die triebhafte Seele blieb an die Unterwelt verkettet: so blieb auch der Tod sein Los.

Zu Anfang des Epos erschaffen die Götter für Gilgamesch den Gefährten, den Tiermenschen Enkidu, der am ganzen Körper behaart war — dessen Bewußtsein also noch nicht aus der Identifikation mit dem Tierreich erwacht gewesen ist. Die Tiere erkannten ihn als einen der ihren an, und so verteidigte er sie dank seiner überlegenen Intelligenz wirksam gegen die Jäger der Stadt Uruk.

Die Jäger wandten sich um Hilfe an Gilgamesch, König von Uruk; auf Rat seiner Mutter sandte dieser Enkidu eine Tempelprostituierte des Ischtar-Heiligtums, also der Venus, die nun durch sieben Tage und Nächte in Liebe mit ihm vereint ist. Dadurch wird seine Kommunion mit dem Tierreich durchbrochen. Enkidu zieht in die Stadt, um mit Gilgamesch zu kämpfen, der ihn besiegt. Doch im Sieg erkennt er den Fremdgeborenen als echten Zwilling; die Mutter heiligt die Brüderschaft, und nun wird Enkidu sein Freund und Gefährte; zusammen besiegen sie den Herrn des Waldes Chumbaba und auch den wilden Himmelsstier, den die Göttin Ischtar, deren Liebe Gilgamesch zurückgewiesen hatte, aus Zorn zur Verwüstung seines Landes sandte.

An diesem letzten Bild, zusammen mit der heiligen Hure, erkennen wir, daß das Epos bewußt zwei kosmische Epochen zusammenfaßt: die Zwillingszeit und die Stierzeit, letztere auch versinnbildlicht in der geheiligten Stadt im Gegensatz zur Stammeseinheit der Kalenderkulturen. Gilgamesch war Herr über Uruk, einer tatsächlichen Siedlung, deren archäologische Überreste auf 45° Länge und 31° Breite im Zweistromland ausgegraben wurden. Das Epos ist also kein reiner Mythos, sondern eine Sage; tatsächliche Geschehnisse eines Heldenlebens wurden mit mythischen Vorstellungen ergänzt.

Im siebten Abschnitt des Epos, also im Sonnenjahreskreis in der Waage nach Erreichung des Herbstpunktes, der vom unbewußten Bereich zum Tages- Wachbewußtsein überleitet — stirbt der Tiermensch Enkidu auf Veranlassung der Göttin Ischtar, durch deren Priesterin er einst die tierische Kommunion verloren hatte; diese Schwelle läßt sie ihn nicht mehr überwinden. Gilgamesch ist im achten Abschnitt, im Todeshaus, verzweifelt und will Enkidu mit allen zu Gebote stehenden Mitteln wieder zum Leben erwecken; er fertigt selbst eine Statue von ihm an; doch der Leib Enkidus geht in Verwesung über.

So macht er sich im neunten Abschnitt auf eine Reise in die Totenwelt, vorbei an den beiden Skorpion-Menschen; sie waren vor einer tiefen langen Schlucht, deren Durchquerung zwölf Doppelstunden erforderte; er muß also einen Kreislauf des Tages bis zurück zum Ausgangspunkt durchschreiten, um damit die Zeit zu besiegen. Jenseits der Schwelle findet er als zehnte Aufgabe im Land der Seligen einen Fährmann, der ihn nach großen Schwierigkeiten übersetzt. Gilgamesch muß die Steine, die zum späteren Landen dienen sollten, durch Holz ersetzen, das er selbst zu fällen hat — also etwas Lebendiges anstelle etwas Totem für die Überfahrt opfern. Im Wassermann, dem elften Hause, kommt er dann zu seinem Vorfahren, dem einzigen Menschen, der mit seiner Frau die Unsterblichkeit erreicht hat, Utnapischtim — Noah, der sich aus der Krebszeit über die Sintflut mit seiner Arche in die Zwillingszeit gerettet hatte.

Die Symbolik ist eindeutig: der Bau der Arche stellt die Bemächtigung des Bewußtseins dar, dank der er sich auf dem Meer des Unbewußten erhalten kann, das alles wegschwemmt, was in eine der beiden gegensätzlichen Haltungen verfallen war: die Naturverhaftung des Abel oder die einseitige Zivilisierung des Kain. Gilgamesch könnte das gleiche erreichen, wenn er noch weitere sieben Tage und Nächte durchwachte — anders ausgedrückt, wenn er die sieben Bewußtseinsstufen oder sieben Himmel erstiege. Doch Gilgamesch, von der Anstrengung erschöpft, schläft sieben Nächte und sieben Tage durch; um ihn, nachdem er erwachte, davon zu überzeugen, zeigte ihm die Frau sieben Brote, die sie Tag für Tag für ihn gebacken hatte, deren Härtegrad nun den Beweis seines siebentägigen Schlafes bildete.

Die bewußte Erlangung der Unsterblichkeit hat Gilgamesch also verfehlt; doch sagt ihm Utnapischtim ein Mittel, um die natürliche Unsterblichkeit zu erlangen: ein Strauch, der am Meeresgrund oder im Grundwasser wächst, könnte ihm wenigstens die ewige Jugend auf Erden bringen. Gilgamesch taucht nach dieser Wasserblume auf den Meeresgrund, der den Seelengrund symbolisiert, und bringt sie zu Tage. Auf dem weiteren Heimweg kommt er an einen Brunnen, an dessen Wasser er sich laben will. Eine dort wohnende Schlange, Symbol des Geschlechts und damit der einzigen Unsterblichkeit in der Fortpflanzung, an welcher der irdische Mensch teilhat, raubt ihm das Kraut und erlangt in der sofortigen Häutung die ewige Jugend.

Gilgamesch kehrt traurig, weil unverrichteter Dinge, heim. Und in der letzten Tafel — dem zwölften Abschnitt der Fische, der wieder zur Geburt im Lebenskreis zurückführt — beschwört er den Geist Enkidus aus der Unterwelt, der ihm nun das traurige Schicksal der Verstorbenen berichtet, das jeder nach Maßgabe seiner Todesart findet: das beste Los hat noch der Krieger, der in der Schlacht stirbt. Damit endet das Epos.

Zwillingszeit und Stierzeit sind im Gilgamesch-Epos vereint. Die Aufgabe der Zwillingszeit war die Verbindung des Naturhaften mit dem Zivilisierten, des Sterblichen mit dem Unsterblichen, um auch das erstere in den Himmel zu erheben, was auch später dem Kastor mit Pollux gelingt, wie auch dem Herakles nach Erledigung seiner zwölf Arbeiten. Die kosmische Thematik der Stierzeit bedeutet aber eine weitere Initiation: die Lösung aus dem Unbewußten und der Kommunion mit dem Tierreich über das geheiligte, von seiner reproduktiven Funktion gelöste Geschlecht in der Tempelprostitution.

In seiner Bemühung um die Wahrung der Kontinuität von Zwillingszeit und Stierzeit beschränkt sich das babylonische Epos auf die Darlegung des Gegensatzes von Denken und Geschlecht, sowie der beiden Stufenordnungen, der zwölf und der sieben, in der Bibel später dargestellt im Regenbogen und in der Jakobsleiter. Doch die volle Ausbildung der kosmischen Thematik der Stierzeit finden wir erst in Ägypten, dessen ganzes Trachten die Überwindung des Todes im Leben durch Festigung des Bewußtseins war.

Die direkte Überlieferung in Form der Aufzeichnungen beginnt erst in der Stierzeit in Ägypten und Babylon. Dennoch sind uns die Formen der frühen Denkstile vertraut: sie wirken selbst heute noch unterschwellig, als Aberglaube und im Spiel fort. Wenn z. B. die Kinder heute Himmel und Hölle spielend von einem Feld zum anderen hüpfen, dann ahmen sie die Stufen der eleusinischen Mysterien nach; unser Fußball stammt von den Inkas und symbolisiert den Kampf zwischen Tag und Nacht, Sonne und Mond — die unterliegende Mannschaft wurde geköpft. Ebenso hat sich das Wissen der Ägypter zum Teil in den Riten der Gnostiker und Freimaurer erhalten, wenn auch nur in Andeutungen; so vor allem die Betrachtung der Geometrie und Architektur als Läuterungsmittel der Seele.

Die Pyramiden gelten heute allgemein als Grabmäler; und es besteht auch kein Zweifel, daß der Schwerpunkt des ägyptischen Bauens, vor allem in der späteren Widderzeit — gleich den Babyloniern vereinten die Ägypter zwei Denkstile in ihrer Religion — auf den Tod bezogen blieb. Doch waren die Pyramiden keineswegs als Grabmäler im Sinne eines prachtvollen Mausoleums gedacht, wie etwa der Taj Mahal des Shal Jehan für seine Frau in Agra in Indien zur persönlichen Gedächtnisstätte diente: die Königsgräber, der Leichnam des Fürsten, diente vielmehr zur Illustration der geometrischen Ordnung. Die Cheopspyramide wurde nicht zur Erinnerung an die Person des Cheops gebaut, sondern sein Leichnam nahm nach dem Tod die geometrische Mitte des Bauwerks ein, zum Zeichen, daß es ihm gelungen war, das entsprechende Bewußtsein und damit Unsterblichkeit zu erreichen.

Den Schlüssel zu dieser Mentalität bildet das platonische Zitat aus Ägypten, daß Arithmetik der Erkenntnis der Natur diene, die Geometrie dagegen der Erkenntnis der Sittlichkeit als Baugrund der Seele. Das Anliegen der Menschheitsjugend war keineswegs eine rationale Einteilung der Wirtschaftsgüter im Staat — die objektive Wissenschaft ist einzig und allein ein Erzeugnis des europäischen Geistes in den letzten Jahrhunderten — sondern die Sehnsucht nach Befreiung aus der Übermächtigkeit der todgeweihten Triebhaftigkeit; also der bewußte Bau eines Tempels. Am Ende der Krebszeit, mit dem Wasser als Mythosträger, war dies die Arche Noah; in der Zwillingszeit die abenteuerliche Reise und die Erkenntnis der Raum-Zeit-Struktur. Im Erdzeichen Stier verkörperte sich der Weg des Zeitalters im konkreten Städtebau in Stein, um die Strukturen selbst dreidimensional erlebbar zu machen, damit sich das Bewußtsein ihnen einordnen kann; denn nur über die geometrische Form gelingt es dem Menschen, die Vorstellung zu ordnen und aus seinem stromhaften Unbewußten auf einen festen Grund als Baugrund der Seele überzuwechseln. Die Ägypter bezeichneten die beiden Sphären der Unterwelt und der Himmelswelt als zwei Seelen: gelingt es der höheren Seele, dem Ka, die untere anzujochen, dann kann ihr der Übergang gelingen. So sind die Baudenkmäler Ägyptens mathematische Kompendien; viele Erkenntnisse, so die Zahl Pi, die genaue Entfernung der Erde zur Sonne und das exakte Maß der Präzession des Frühlingspunktes war in ihnen dargestellt. Das Leben der Menschen auf der Erde — und zwar nicht aller, sondern nur der Reichen, die Zeit genug hatten, um das Wissen zu erwerben — war dem Erleben des nachtodlichen Weges geweiht, der Befreiung des Ka aus den Verstrickungen der niederen Seele. Alle ägyptische Wissenschaft, so die Verwandlung von Stoffen als Beginn der Chemie, war aus dieser Zielsetzung heraus begründet worden, wie sich ja auch noch bis in die Renaissance die Alchemie auf die ägyptische Tradition berufen sollte.

Doch die wesentliche Entdeckung der Stierzeit — sowohl in Ägypten als auch in Babylon — war die Erfindung der Schrift. Dank dieser wurde es möglich, das Bewußtsein auf einer vom Strom der Triebe und Instinkte unabhängigen Ebene zu fixieren, in welcher die Vorstellung frei die Gebilde des Bewußtseins — also die Welt der Geschichte, des Mythos, der Märchen und der Erkenntnis — zu einer Gestaltung, zu einer eigenen Synthese zusammenfassen konnte.

Was immer wir an schriftlichen Quellen der Vorzeit besitzen, entstammt frühestens der Stierzeit und wurde deshalb, wie wir dies schon beim Gilgamesch-Epos beobachteten, in deren Geist interpretiert. Doch nicht nur die Sprache, sondern alle Künste bildeten zusammen gleichsam das Alphabet, die Bauten wie die Tänze und auch die Zeremonien, wenn auch das Schreiben — wie z. B. die bevorzugte Darstellung der Schreiber auf den ägyptischen Reliefen des alten Reichs zeigt — den Schwerpunkt darstellte. Und mit fortschreitender Zeit entfalteten sich die verschiedenen Kulturen der Stierperiode — wo meist lange Alleen von Stierstatuen zum Allerheiligsten führten — immer individueller, zu persönlicherer Sprache und Kultur, wodurch schließlich die Verständigung zwischen ihnen unmöglich wurde, wie dies das biblische Gleichnis vom Turmbau von Babel zeigt, dessen Vorbild allerdings nicht die ägyptischen Bauten, sondern die Türme der babylonischen Ischtarheiligtümer waren.

Babylon verband im Gilgamesch-Epos Zwillingszeit und Stierzeit, Ägypten dagegen Stierzeit mit der 2300 v. Chr. beginnenden Widderzeit. In Babylon scheint sich der Widder-Mythos nur in geringem Maß ausgeprägt zu haben; bis zuletzt steht das Bild des geheiligten Stiers an prominenter Stelle. Ägypten dagegen, der Präzession in noch höherem Maße bewußt, bezog im Isis-Osiris-Kult sogar die vergangene Krebszeit und in der Wahrung des Kalenders als rituellen Rahmen auch die Zwillingszeit ein. Doch der Übergang in das mythische Denken, das die eigentliche Widderkultur kennzeichnet, mißlang: der Versuch Echnatons, im 13. Jahrhundert eine naturhafte Sonnenreligion zu schaffen, wurde von den Priestern der nächsten Generation zunichte gemacht.

Dem König Hermes Trismegistos von Heliopolis — laut seinem griechischen Namen — gelang eine letzte Zusammenfassung des kosmischen Denkens, der sieben Einweihungsstufen und der zwölf Tierkreiszeichen; selbst die Neunzahl der Planeten im Verhältnis zur Sonne als Zentralkörper scheint ihm bewußt gewesen zu sein. Die Stelle des geheiligten Stiers nahm der Widder ein, und die Religionsform des Widderdenkens, das Orakel, wurde gepflegt. Doch damit war die schöpferische Kraft der ägyptischen Kultur erschöpft; mit dem Ende der Widderzeit verwandelte sich der kosmische Denkstil in Astral-Aberglauben als den Versuch das persönliche Leben nutzbringend zu lenken, also gerade im Sinne der niederen Seele; und in dieser Form lebte es als Volksaberglaube durch die ganze Fischezeit unterschwellig weiter, bis erst in den letzten hundert Jahren seine wahre und echte Bedeutung wieder herausgeschält wurde. Die geschichtliche Entwicklung hingegen setzte sich in einem neuen Denkstil fort: dem mythischen Denken.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
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