Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

2. Das mythische Denken

Jainismus

Von der ursprünglichen dravidischen und Jaina-Kultur ist den Archäologen nur wenig bekannt. Die Funde von Mohenjo Daro aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend zeigen einerseits eine Verwandtschaft mit dem gleichzeitigen babylonischen Kulturkreis; andrerseits aber weisen sie Symbole und typische Gegenstände der heutigen Jainas auf, die sich selbst als die Vertreter der Urreligion Indiens bezeichnen und deren Lehre in wesentlichen Zügen vom Hinduismus abweicht. Diese Lehre, die heute die viertgrößte Religionsgemeinschaft Indiens prägt, wird uns ermöglichen, das indische mythische Denken in seiner Ganzheit als Verschmelzung der drei Kulturen zu verstehen.

Jaina heißt Überwinder: der Jainismus erhielt seine heute noch gültige Form durch Mahavira im sechsten vorchristlichen Jahrhundert und wurde anschließend von mehreren Lehrern schriftlich fixiert. Die Jainas selbst bezeichnen Mahavira ausdrücklich als den letzten 24. Propheten ihrer Religion und besitzen eine ausführliche Überlieferung über Lehren und Taten seiner Vorgänger.

Die Grundlehre des Jainismus ist weder kosmisches Denken noch mythische Heldensage. Sie bedeutet die erste Naturphilosophie. Die Welt deren Herkunft unbekannt ist oder ewig und auch nicht weiter erörtert wird ist das Ergebnis einer Verschmelzung von Uratomen. Diese Atome beginnen eine aufsteigende Ordnung; sie bilden sich zu Gesteinen und Mineralien, zu Pflanzen und entfalten sich dann weiter zu Tieren, von den niedersten Insekten zu Säugetieren, bis schließlich zu ihrer vollendetsten Form im Menschen.

Atom bedeutet hier nicht einen leblosen Ball im Sinne der klassischen Physik, sondern eher eine leibnizschen Monade; ein Seelenatom, das im Laufe einer Evolution fähig wird, Träger eines Bewußtseins zu werden. Der große evolutive Sprung liegt zwischen der Pflanzenwelt und der Tierwelt; alles atmende Leben vom Insekt bis zum Menschen bildet für die Jainas ein einziges Reich. Oberstes Gebot ist daher Ahimsa: kein Lebewesen zu verletzen, Ehrfurcht vor allem Lebendigen, was natürlich Enthaltsamkeit von aller fleischlichen Nahrung bedeutet.

Alle Seelenatome, alle Lebewesen sind der Wiedergeburt unterworfen, die zwischen Leben auf der Erde und jenseits der Todesschwelle alterniert. Bei den unteren Lebewesen und den Tieren erfolgt die Wiedergeburt von selbst in aufsteigender Richtung. Doch nicht mehr beim Menschen ihn drängt der naturhafte Instinkt nicht, sich weiter zu vervollkommnen. Dies kann er nur aus eigenem Willen, eigener Entscheidung anstreben. Er kann die Erlösung von der Erde erreichen und in eine kosmisch höhere Existenz aufsteigen, welche teils in negativer Weise gleich dem Nirvana der Buddhisten, teils in positiver Weise als eine himmlische Existenz vorgestellt wird.

Das Streben geht von Anfang an gegen die Naturtriebe und Instinkte, die der Befreiung entgegenstehen; daher ist die Religion asketisch. Führer auf dem Weg können nur die Menschen sein, die aus eigener Kraft, eigener Bemühung das Jenseits erreichten: die Tirthankaras, die Überwinder. Göttliche Inkarnationen lehnen die Jainas als Vorbilder ab; denn wenn sie vom Himmel gekommen sind, kennen sie ja nicht die Schwierigkeiten des Menschen auf Erden; wie sollten sie dann echte Führer auf dem Weg zur Befreiung abgeben können?

Die Befreiung wird beinahe naturwissenschaftlich interpretiert: der menschliche Wesenskern, Jiva, sei an die blinde Lebenskraft verhaftet, die sich vor allem in dem relativ unsterblichen Keimplasma, der Geschlechtsenergie der Gattung manifestiert. Die Befreiung kann daher nur durch Lösung aus Trieben und Instinkten erfolgen, also über die Askese, ohne aber das Leben selbst abzulehnen; da jedes Seelenatom, jedes Wesen den gleichen Weg zur Vollendung vor sich hat, gilt es, ihrer zu schonen und ihnen das Beispiel der Befreiung vorzuleben. So ist ein bevorzugtes Mittel noch heute unter den Jainas der freiwillige Hungertod; kann ein Mensch den Naturtrieb nach Nahrung überwinden, der dank seiner Verquickung mit der Traumsphäre die Hauptwurzel der irdischen Verhaftung darstellt, dann ist ihm die Befreiung sicher. So waren große Menschen die Verehrungsmitte der Jainas; jeder Tempel war und ist einem der vierundzwanzig überlieferten Überwinder geweiht.

Die Führer der Jainas waren Menschen, keine göttlichen Inkarnationen. Die letztere mythische Form des menschgewordenen Gottes findet sich im vorarischen Denken der Draviden: er offenbart sich als die zehn göttlichen Manifestationen des Welterhalters Vishnu, von denen die achte, Krishna, ausdrücklich in blauschwarzer Hautfarbe, also als dravidisch beschrieben wird. Dieser Mythos hat sich bereits so innig mit dem indoarischen verbunden, daß es kaum mehr möglich ist, beide auseinander-zu-halten; schon im zehnten Jahrhundert vor Christus bildete das brahmanische Denken ein Ganzes.

Die Chinesen, deren mythisches Urbild im Tierkreiszeichen Zwillinge das Paar der Gegensätze Yang und Yin ist, legten das Hauptaugenmerk auf die denkerische Durchdringung der Wirklichkeit, vor allem der Geschichte; die Frühlings- und Herbstannalen des Konfuzius wurden das große Vorbild aller künftigen Berichterstattung. Den Indern, bei denen die Erringung des Wachbewußtseins in der Gegenwart, das körperliche Empfinden des Tierkreiszeichens Stier das Ziel bildete noch heute ist die Kuh in Indien geheiligt dachten niemals historisch, sondern von Anfang an erkenntniskritisch; auf das Ergebnis kam es ihnen vor allem an. Deshalb ist es auch beim indischen mythischen Denken unmöglich, die verschiedenen Entwicklungsstufen geschichtlich zu datieren; man kann nicht einmal genau sagen, ob und wann der mythische Begründer der Kastenordnung Manu gelebt hat. Eine solche Frage wäre den Indern auch sinnlos vorgekommen; da Ziel und Weg des Lebens im Brahmanismus eindeutig bestimmt wurden, bedeutete der Versuch, die Wahrheit auseinanderzuklauben, ein müßiges Unterfangen. Sicher hat sie viele Wurzeln; doch nur in ihrer Gesamtheit kann sie dem Menschen jenen Dienst erweisen, für den sie entdeckt und entwickelt wurde: nämlich dem Einzelnen seinen persönlichen Weg zur Vollendung zu zeigen. Die Grundzüge dieses Denkens haben sich bis heute nur wenig gewandelt; sie gelten jedem Inder als selbstverständliche Wahrheit.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
2. Das mythische Denken
© 1998- Schule des Rades
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