Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

5. Das theokratische Denken

Islamische Esoterik

Die islamische Philosophie bedeutet etwas wesentlich anderes als die griechische und spätere westliche: sie stellt die bewußte Vermittlung zwischen der Esoterik, die auf die Bruderschaften beschränkt war, und der exoterischen Öffentlichkeit dar. Die Esoterik gilt es daher zu verstehen, wenn wir die wesentliche Bedeutung des Islam erkennen wollen; sie gründet sich auf die Lehre der Lauteren Brüder von Basra im 8. Jahrhundert, welche die neun Ziffern in neuer Form zur Grundlage des Denkens erhoben.

Die Lauteren Brüder leiten sich (nach den Forschungen J. G. Bennetts) von der Bruderschaft Sarmoun her, den Honigsammlern, welche die Aufgabe haben, in Zeiten den Niedergangs das Wissen über die menschliche Evolution zu sammeln und es später, wenn eine Aufbauzeit beginnt, wieder der Menschheit zur Verfügung zu stellen. Der Sage nach wurde diese Bruderschaft vor 4500 Jahren in Babylon gegründet. Historisch wird sie das erste Mal in den Annalen von Alexanders Eroberungszug als die Gruppe der Weisen in Trans- und Cisoxanien erwähnt. Sie existiert auch heute noch in Afghanistan. Im 9. Jahrhundert teilte sie sich nun in die Lauteren Brüder von Basra, welche die Theorie der neun Ziffern und ihre Bedeutung studierten und die dann ihren Niederschlag in der Philosophie hatte, und in die berühmten Hacegan, die für die Bekehrung der Mongolen zum Islam verantwortlich waren und sich rein praktisch dem Läuterungsweg widmeten. Die letzteren erscheinen historisch das erste Mal in der Person des Yusuf von Hamadan in Verbindung mit der Seldschukendynastie und dem berühmten Vesir Nizam al-Mulk, 1018-1092.

Yusuf wanderte nach Samarkand aus, wo er die Bruderschaft der Meister Hadje begründete, die die Grundlage der späteren Lehre der Theosophen von den Meistern bildete und die bis ins 16. Jahrhundert aktiv war. Die Hadjes und ihre Nachfolger Naqshbendi, die bis heute aktiv geblieben sind, lehrten den später beschriebenen Läuterungsweg der bewußten Arbeit und des absichtlichen Leidens, während die Lauteren Brüder sich der theoretischen Synthese chinesischer, indischer, persischer, jüdischer, pythagoräischer, aristotelischer und theosophischer Traditionen zuwandten.

Das Grundsymbol dieser Lehre bildet das Enneagramm, dessen musikalische Struktur wir bei Pythagoras besprachen. Von diesem Enneagramm ist nur die Gestalt intakt überliefert worden; durch Jahrhunderte geheimgehalten, wurde sie vom kaukasischen Philosophen Gurdjieff um 1900 in einem bucharischen Kloster entdeckt, wo sie einerseits als Tanzschema gebraucht wurde, andrerseits aber den Schlüssel zur Geheimlehre bildete. Auch heute noch ist sie das Grundsymbol der Bruderschaft Sarmoun No-Kunja wie D. R. Martin sich 1962 überzeugen konnte.

E n n e a g r a m m

Die Figur hat der Tradition nach vier Bedeutungen:

  • sie galt als Gesetz der Materie im mikrokosmischen Bereich, als System der Elemente;
  • als Gesetz der Sprache im menschlichen Bereich;
  • als Ordnung der Planeten und der Sonne im Tierkreis im makrokosmischen Bereich,
  • und schließlich als Schema des Weges zur Vereinigung des menschlichen Wollens mit dem Willen Gottes, welcher die drei Bedeutungen,
    • die alchemistisch-elementare,
    • die kabbalistisch-sprachliche,
    • und die astrologisch-makrokosmische als Vierter Weg vereint.

Wir erwähnten diesen vierten Weg schon bei der Besprechung des byzantinischen Gemäldes, wo rechts die Hierarchie von Gott und den Engeln bis zum letzten Beamten dargestellt war und links ein Mensch auf seinem eigenen Weg der negativen Theologie in den Himmel aufstieg. Im Islam hat dieser Weg eine tiefere Bedeutung gefunden. Während die Esoterik im östlichen Christentum unterschwellig geduldet war, herrschte im mohammedanischen Bereich eine vollständige Trennung zwischen der exoterischen fünffältigen Lebensordnung und dem esoterischen Weg. Die äußere Ordnung beschränkte sich auf Wahrung der Pflichten und der Moral. Die meisten ihrer Vertreter hatten überhaupt nichts mit den geheimen Bruderschaften zu tun. Doch oft lenkten diese aus ihrem Wissen heraus die öffentliche Entwicklung in ihrem Sinn: wer einen gnostischen Weg im Islam wählte, lebte fortan eine doppelte Existenz, zu der nicht nur Mohammedaner, sondern später auch Christen und Hindus Zugang hatten. Der Weg galt als die wiederhergestellte Urreligion, zu der die anderen Religionen die exoterischen Stufen bildeten.

Die Ordnung der Elemente nach den neun Gruppen begreift auch unsere heutige Kenntnis ein: das periodische System ließe sich ohne Vergewaltigung im Enneagramm darstellen. Hier greift die Lehre aber auf ältere Wurzeln zurück, die selbst nicht mehr festzustellen sind. Die Ordnung der Planeten im Kreis — das Enneagramm ordnet sich dem Tierkreis ein — entstammt dem kosmischen Denken.

Das Enneagramm zeigt die Gesetze der neun Ziffern, wie sie sich in der Division darstellen. Die neun Ziffern sind im Kreis angeordnet, sodaß die Neun den Scheitelpunkt einnimmt. Aus der Division ergeben sich folgende Verbindungslinien:

E n n e a g r a m m · i m · T i e r k r e i s

  1. Die Ziffern 3, 6 und 9 zeichnen sich in der Division dadurch aus, daß jede Zahl, deren Quersumme durch eine dieser drei teilbar ist, auch selbst durch sie geteilt werden kann. Sie werden miteinander zum Dreieck verbunden. Diese Divisionen ergeben unendliche Brüche mit der wiederkehrenden Ziffer 3 oder 6.
    • 1 : 3 = 0,3333333……
    • 1 : 6 = 0,1666666……
  2. Als einzige der übrigen Ziffern ergibt die Division durch die Zahl 7 einen unendlichen periodischen Bruch, der die übrigen Ziffern des Enneagramms miteinander verbindet und je nach dem Dividend mit einer anderen Ziffer beginnt, aber immer die gleiche Ziffernfolge aufweist:
    • 1 : 7 = 0,142857 142857……
    • 2 : 7 = 0,285714 285714……
    • 3 : 7 = 0,428571 428571……

Die neun Zahlenkategorien der Lauteren Brüder von Basra und der Hacegan vereinten die jüdische, chinesische, pythagoräische und aristotelische Deutung:

  1. bedeutet Vereinigung, Integration; der entsprechende Planet ist Jupiter mit seinem zwölfjährigen Umlauf im Zeichen Fische, Geist-fühlen.
  2. ist die Fähigkeit des Gestaltens nach einer Idee, aber auch der Gegensatz von Licht und Finsternis, gut und böse, in Entsprechung zur doppelten Erscheinung der Venus als Morgenstern und Abendstern, als Eva und Lilith, Erlöser und Versucher; das entsprechende Tierkreiszeichen ist Stier, Körper-empfinden.
  3. bedeutet die Dialektik, die logische Erkenntnisfähigkeit im Zeichen Zwillinge, Geist-denken.
  4. bezeichnet die Vorstellung oder Einbildungskraft in Entsprechung zum Mond mit seinen vier Phasen im Zeichen Krebs, Seele-fühlen.
  5. kennzeichnet die Unterscheidung von Quantität und Qualität, die merkurische Urteilskraft im Zeichen Jungfrau, Geist-empfinden.
  6. bedeutet die menschlichen Beziehungen in Ethik und Recht im Zeichen Waage, Seele-denken.
  7. bedeutet Initiative und Läuterung in Entsprechung zum Mars im Zeichen Skorpion, Körper-fühlen.
  8. ist die Verantwortung und Meisterung der Umstände im Sinne der chinesischen Wandlungen in Entsprechung zum Saturn im Zeichen Steinbock, Seele-empfinden.
  9. bedeutet die Erfindungsgabe und das systematische Denken im Zeichen des Menschen Wassermann, Körper-denken.
  10. oder 0 bedeutet die Sonne, kategorial die Substanz, psychologisch den Wesenskern und die Willenskraft im Zeichen Löwe, Körper-wollen, die sich außerhalb der Figur befindet.

Die Figur des Enneagramms zeigt gleichzeitig die natürliche Oktavordnung: die zwei Richtungsänderungen des Halbtonschrittes zwischen (in unserer Notation) as und g, oder f und e, bestimmen den Ort, wo das aktive Denken ansetzen soll. Ihre Bedeutung wird dahingehend erklärt, daß jede Tätigkeit, sich selbst überlassen, ihre Richtung automatisch verändert und schließlich in ihr Gegenteil umschlägt. Um nicht von dieser natürlichen Gegenläufigkeit mitgerissen zu werden und den Willen zu wahren, gilt es daher die beiden Arten der Impulse, das aktive Denken und das passive planetarische Fühlen und Empfinden voneinander in der Assoziations­tätigkeit zu trennen. Nur so kann der Wille befreit werden. Der Weg der Bruderschaft hatte somit zwei Aspekte: erstens die Meisterung der äußeren Erfahrung und der inneren Triebhaftigkeit, die den Namen absichtliches Leiden hatte, und zweitens die Klärung des Denkens unter der Bezeichnung bewußtes Tun. Die Zahlenkategorien waren immer noch mythisch, das heißt, es fehlte die logische Begründung, warum der Ziffer gerade diese und keine andere Bedeutung zukommt; erst am Ende des Buches werden wir zeigen, daß es auch eine logische Ableitung gibt, die im wesentlichen mit der mythischen Intuition übereinstimmt.

Die Folge der Übungen ergibt sich aus den Linien des Enneagramms. Der erste Weg hat die Reihenfolge:

7
Überwindung der Aggressivität, Entscheidung gegen das Böse, nicht-Ausdrücken negativer Emotionen.
1
Feststellen der vielen Personen, deren Rollen der Mensch im Laufe des Tages übernimmt, und Versuch ihrer Integration.
4
Erkenntnis und Ordnung der Vorstellung und ihre Unterscheidung vom Wesenskern.

Diese drei Übungen beziehen sich auf die Triebe des Fühlens; die drei weiteren ordnen die Sinnesdaten des Empfindens:

2
Selbstbeobachtung und Selbsterinnerung. In der Vorstellung wird der Wesenskern bewußt; in den beiden Unterscheidungsübungen gilt es, die Verbindung zwischen Vorstellung und Wesenskern zu festigen. In der Selbstbeobachtung werden sonst mechanische Handlungen bis ins letzte bewußt gemacht; und in der Selbsterinnerung soll das geistige Ziel, die Vereinigung mit dem Willen Gottes, keinen Augenblick aus dem Auge verloren werden.
8
Die gefährlichste Identifikation ist jene mit Amt und Stellung, auf statische Weise mit dem Anspruch auf Anerkennung; sie gilt es in Meisterung der Vorgänge, der Tätigkeiten zu verwandeln, die im Bewußtsein aufeinander abgestimmt werden.
5
Als letztes muß die Tätigkeit auf ein konkretes Arbeitsgebiet konzentriert werden, auf daß sich der innere Fortschritt an einer äußeren Leistung abmessen lasse.

Das absichtliche Leiden bezieht sich auf die Überwindung der Triebhaftigkeit; das bewußte Tun, das sich über das Denken verwirklicht, auf das Wachstum des Geistes.

3
Die Erkenntnis der Lage nach ihrer Substanz, ihren Eigenschaften und ihren Wandlungsmöglichkeiten.
6
Die Erkenntnis des Gegensatzes, der Antithese: sie ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen dem erkennenden Menschen und den Anderen, sowie der Umwelt. Es handelt sich im Denken nicht darum, vorgestellte Ziele aus der Sphäre des vierten Impulses zu verwirklichen, sondern die Handlung aus der klaren geistigen Erkenntnis der Lage und der sich ergebenden Spannung zu Welt und Mitmensch durchzuführen.
9
Die Verwirklichung des Möglichen im Rahmen der gegebenen Bedingungen, die Synthese, die als verkörpertes Werk sowohl das Wissen vermehrt als auch den erkennenden Menschen wandelt, sofern er das einheitliche Bewußtsein über Zerstörung der vielen Ichs des ersten Impulses erreicht hat, und die damit zu einem neuen Ausgangspunkt, einer neuen These gelangt, von der aus der dialektische Prozeß in einer höheren Ebene wieder anhebt.

Durch Trennung von Körper und Geist, von der Läuterung der Trieb- und Empfindungssphäre und dem bewußten Denken wird der Wille befreit und die Seele zum Einsatz fähig. Doch dieser Einsatz darf nur auf die Verwirklichung des Gottesreiches gerichtet sein. Wer immer diesen Weg begeht, wird eine Stärkung seines Willenspotentials erfahren, die ihn anderen Menschen überlegen macht; somit verstehen wir, warum die Lehre bis auf die heutige Zeit geheimgehalten wurde. Wir haben auch nur den theoretischen Aspekt besprochen, wie er sich aus dem Enneagramm ergibt; der praktische besteht aus Übungen, die nur in einer Gruppe zu lernen sind. Auch der letzte Lehrer dieser Tradition, der schon zitierte Gurdjieff, dessen Formulierungen wir im wesentlichen gefolgt sind, übermittelte sie nur einem Schülerkreis und gab sie erst nach seinem Tod zur Veröffentlichung frei.

Die Trennung des praktischen vom theoretischen Weg, die sich im 9. Jahrhundert in der Spaltung von Hacegan und Lauteren Brüdern ausgedrückt hatte, war infolge der mythischen Zuordnung der Qualitäten zu den Ziffern unausweichlich. So bildete das theoretische System der Lauteren Brüder auch nur den Ansatz einer philosophischen Entwicklung, welche die neun Impulse bis ins einzelne geklärt hat. Sie ist das Werk der im folgenden geschilderten Philosophen:

1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
Al Kindi
Ibn Masarra
Al Farabi
Alhazen
Avicenna
Al Gazali
Avempace
Ibn Tufail
Averroës
Basra
Córdoba
Turkestan
Basra
Basra
Persien
Saragossa
Andalusien
Córdoba
800-873
883-931
872-950
965-1039
980-1037
1058-1114
1095~1138
1100-1185
1126-1198
Mathematik
Dualismus
Logik
Apperzeption
Medizin
Recht
Läuterungsweg
natürliche Religion
doppelte Wahrheit

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
5. Das theokratische Denken
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