Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

6. Das scholastische Denken

Yoga

Für die drei indischen Religionsgemeinschaften, die Yogis und Tantriker, die Shivaisten und die Vaishnavas wurde der Schritt vom mythischen zum logischen Denken durch verschiedene Philosophen vollzogen. Als erster brachte Patanjali um 300 v. Chr. die Yogalehre in eine systematische Form, in der die verschiedenen aufeinanderfolgenden Übungen und Bewußtseinsstufen methodisch dargestellt wurden. Nach dem Sieg der Mohammedaner in Nord- und Ostindien über die buddhistischen Reiche bekam der Brahmanismus neuen Auftrieb: der Philosoph Shankara brachte mit seiner Advaita-Vedantalehre die shivaistischen Auffassungen in ein System. Und als drittes interpretierte Ramanuja die Auffassung der Vaishnavas als Dvaita in einem Kommentar zu den Veden, das fortan die systematische Grundlage ihres Denkens bildete.

Auch die beiden anderen Triebziele des mythischen Denkens, Artha und Kama, erhielten eine systematische Auslegung: die Kamasutra bildet ein Kompendium der sexuellen Technik, losgelöst vom Erlösungsziel, und die Arthashastra eine praktische Staatslehre, losgelöst von aller Ethik im Sinne Machiavellis.

Die systematische Yogalehre des Patanjali ist nach acht Stufen gegliedert:

Y o g a

Die ersten vier gelten als äußerliche und die zweiten vier als innerliche Stufen.

  • Die erste äußerliche Stufe, Yama, bedeutet moralische Disziplin: die Enthaltung von Trieben und Leidenschaften. Um hierzu fähig zu sein, ist eine Periode der Abstinenz und Askese notwendig; der Adept muß verschiedenen Einstellungen entsagen, die für den Weltmenschen läßliche Sünden bedeuten. Der Übungsweg verlangt absolute Wahrhaftigkeit, kein Unrecht zu tun, nicht am Besitz zu haften und Keuschheit.
  • Wenn die Enthaltsamkeit dazu geführt hat, daß die Leidenschaften den Adepten nicht mehr bestimmen, dann kommt als nächste Stufe Niyama, die positive Disziplin. Hier nennt Patanjali körperliche Reinlichkeit, Heiterkeit des Gemüts, Studium der Metaphysik des Yoga — also Vertiefung des Weltbildes — und den Willen, alle Handlungen Ishvara, dem persönlichen Gott zu weihen, mit dessen Hilfe das letzte Ziel erreicht werden soll. Mit diesem Gottesbegriff weicht Patanjali von der Samkhya-Lehre, die nur die Zweiheit Purusha-Prakriti, Weltseele-Materie kennt, ab, weil in der Erfahrung des Übungsweges die Führung durch Gott zum Erlebnis wird.
  • Yama und Niyama sind die Vorbereitungen, der Yoga hat sie mit allen Heilswegen gemeinsam. Die nächsten beiden Stufen gehören ausschließlich zum Yogaweg: Asana bedeutet die Stillegung des Körpers in einer bestimmten Haltung, und Pranayama die bewußte Rhythmisierung des Atems.

    Es soll 84 wesentliche Asanas geben, von denen jede Schule eine bestimmte Anzahl herausgreift. Einerseits dienen sie dazu, dem Körper volle Gesundheit und Vitalität zu verleihen; andrerseits aber ihm die Ruhe zu geben, deren der Mensch zur Entfaltung der innerlichen Stufen bedarf. Viele Stellungen haben Namen von Tieren; sie sind deren Schlafstellungen nachgebildet, die von der menschlichen Horizontale abweichen, wie etwa Vögel auf einem Bein stehend schlafen oder der Hase mit ausgestreckten Vorderpfoten.

    Der Mensch ist aber nicht nur Tier, sondern auch Pflanze. Das Tier wird von Trieben und Instinkten gesteuert, die Pflanze aus den kosmischen Rhythmen, aus der Gesamtheit ihrer Umwelt. Ihr Kennzeichen ist Ruhe und aufrechter Wuchs. Ebenso heißt die Grundstellung der Meditation Padmasana, Lotushaltung, in der die Beine ruhig gekreuzt, die Wirbelsäule aufrecht ist und der Mensch, seinen Leidenschaften enthaftet, die Gedankenstille als Voraussetzung der Versenkung erreicht.

  • Pranayama - Gedankenstille setzt voraus, daß die Bewußtseinsvorgänge, die Assoziations­reihen nicht mehr beliebig verlaufen. Hier nun kommen wir zur wesentlichen Entdeckung des Yoga: die Assoziationen sind vom Atem abhängig. Die Bewußtseinsstadien — Wachen, Schlafen und Träumen — unterscheiden sich durch verschiedene Rhythmen. Wird nun der dreiphasige Atem — Einatmen, Anhalten, Ausatmen — derart harmonisiert, daß er einen freien Rhythmus erreicht, dann ist die Ruhe gewährleistet, die einen befähigt, die Aufmerksamkeit von den äußeren Erscheinungen zu befreien.
  • Dieses Lösen der Aufmerksamkeit von den Sinneseindrücken ist die fünfte Stufe, Pratyahara. Sie wird als Introversion bezeichnet; das Wort bedeutet die Schildkröte, die sich in ihr Gehäuse zurückziehen kann. Fortan gilt es, die inneren Bilder von Traum und Vorstellung in gleichem Maße zu beobachten und wahrzunehmen, wie es der Durchschnittsmensch im Wachen gegenüber der Außenwelt vermag.

Die vier unteren oder äußeren Stufen sind die Voraussetzung, damit ein Mensch überhaupt zur fünften vordringen kann. Denn wenn Körperhaltung und Atemruhe nicht gemeistert sind, dann tauchen die Triebe in den letzten drei Stufen in dämonisierter Form in ihrer ursprünglichen Mächtigkeit auf und können die Struktur der Persönlichkeit in gleicher Weise zerstören wie das Einfließen mythischer Inhalte in das Bewußtsein des Schizophrenen. Ist aber Pratyahara in legitimer Weise erreicht, dann gewinnt der Mensch ohne Gefährdung Zugang zu den drei höchsten Stufen: Konzentration-Dharana, Meditation-Dhyana und Enstase, wie Mircea Eliade in glücklicher Formulierung den Samadhi im Gegensatz zur schamanistischen und plotinischen Ekstase bezeichnet hat.

Dharana, Dhyana und Samadhi gelten als drei Glieder eines einzigen Vorgangs, der als Samyama bezeichnet wird.

  • Dharana ist die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Punkt zu fixieren, ohne daß sie abschweift; aber nicht im Sinne einer bloßen Ruhigstellung der Augen, sondern gleichzeitig verbunden mit der Konzentration auf den Sinn des Wahrgenommenen. Dharana auf eine brennende Kohle gerichtet führt, wie es heißt, zur Erkenntnis des Feuers als alldurchdringenden Elements sowohl außerhalb als auch innerhalb des Leibes.
  • Dhyana, Meditation, ist sich nicht nur des Gegenstandes bewußt, sondern gleichzeitig auch des beobachtenden Subjekts und des Vorgangs der Betrachtung. Sie überwindet in europäischer Terminologie die Subjekt-Objekt-Spaltung in dialektischer Weise, bedeutet also keine Tätigkeit, sondern einen Zustand.
  • Im Samadhi, der Enstase, wird das Wesen der Dinge selbst klar; und zwar nicht nur in ihrer Erscheinungsform, wie sie sich den Sinnen darbietet, sondern in ihrem Sein, also dem, was sie zusammenhält. Im Samadhi geschieht dem Menschen eine Bewußtseinswandlung. Er erreicht das vorgeburtliche oder nachtodliche Sein, das als Ursprung nicht nur seinem Leib, sondern dem ganzen Kosmos zugrundeliegt. Je nach der Richtung, wie dieser Zustand erreicht wird, hat er verschiedene Bestimmungen: einmal wird er als inhaltsleer bezeichnet, einmal als Wahrnehmung aller Wesenheiten, einmal als Macht über die Gesamtwirklichkeit, einmal als Gewahrwerden der eigenen Vergangenheit durch alle Inkarnationen bis zum Beginn und als Schau aller zukünftigen Entwicklung, und schließlich als der vierte Zustand Turiya jenseits von schlafen, wachen und träumen, bei welchem der Adept für den Beschauer in kataleptischer Starre verharrt, selbst aber die Seligkeit jenseits von Raum und Zeit im Sat-Chit-Ananda erfährt.

Dieser Zustand ist weder mit der hypnotischen Trance noch mit der schamanischen Ekstase zu vergleichen. Die Ekstase führt in Bereiche des Himmels und der Unterwelt, der Toten und Ungeborenen, die sich in einem energetischen Zustand befinden, welcher der Schau ortbar ist; also in einem mikrokosmisch-atomaren oder makrokosmisch-stellaren Bereich. Samadhi hingegen erhebt das Bewußtsein zum Angelpunkt der Weltachse Skambha, Ort des Brahman, dem Urpfeiler der Wirklichkeit, aus dem das Universum entstand und in den es wieder eingehen wird. Manche Yogis erreichen Samadhi auf magische Weise aus eigener Kraft, andere verlassen sich auf die Hilfe Ishvaras, des Lehrmeisters aller Yogis. Der Zustand ist kein Außer-Sich-Sein, er bedeutet Bewußtsein der Weltmitte und damit jenes Gewahrsein, zu dem der Mensch auf Erden berufen ist.

Ekstase schamanischer Art ist ein Außer-dem-Körper-Verweilen, das teils durch Askese, teils über Narkotika erreicht werden kann. Enstase-Samadhi bedeutet dagegen, daß alle Erkenntnis Fleisch geworden ist, daß der Mensch die ratio essendi und die ratio cognoscendi in der Identität mit dem Ursein vereint. Sie ist jenseits der drei Welten, der körperlich-mikrokosmischen, seelisch-irdischen und geistig-stellaren. Doch ist sie diesen Welten nicht fremd: sie erkennt deren Komponenten gleichsam als Werkzeuge, deren sie sich fortan in einer höheren nachtodlichen Bestimmung bedienen wird.

Samadhi, das achte Glied des Yogaweges, bedeutet die Erreichung der menschlichen Norm, die das mythische Denken mit den Begriffen Heiligkeit und Weisheit umschrieb. Dieses Ideal ist in verschiedener Formulierung allen Erlösungswegen gemeinsam. Doch wie wäre nun das Verhältnis des erlösten Menschen, des Jivan-Mukta, zur raumzeitlichen Wirklichkeit? Wie verhält sich das errungene kosmische Bewußtsein zur Welt? Hierauf hat der Yoga zusammen mit dem Tantra als einziger Übungsweg die Antwort gefunden: sie liegt in der Lehre von den sieben Chakras, den möglichen Bewußtseinsschwerpunkten des Energieleibes — des sogenannten Geistleibes.

C h a k r a s

Die Schamanen erlebten die sieben Stufen außer sich, in der Ekstase; die Christen als geistige Einstellung im Vater-Unser; der Yogi erfährt sie in sich, als verschiedene Schwerpunkte seines Bewußtseins, die sich in folgende Ordnung gliedern:

7  Sahasrara
6  Ajna
4  Vishuddha
4  Anahata
3  Manipura
2  Swaddhistana
1  Muladhara
Scheitel
Stirnauge
Hals
Herz
Nabel
Sacrum
Damm
Geist
Seele
Körper
Wollen
Fühlen
Denken
Empfinden
Großhirn
Kleinhirn
Rückenmark
Blutkreislauf
Stoffwechsel
Atmung
Ausscheidung
Wissen
Erinnerung
Gedächtnis
Rhythmus
Triebe
Sprache
Sinnesdaten

Jede Bewußtheit wird auf andere Weise aktiviert. Das unterste Zentrum lenkt die Aufmerksamkeit etwa auf ein bestimmtes Organ. Das zweite, mit dem Denken verknüpft, steuert Bewegung und Atem, das dritte in Nabelhöhe führt zur Ruhe des Fühlens. Im lautlosen mittleren Zentrum des Wollens transzendiert der Mensch den Herzschlag und erreicht das Unbewußte — bei den Schamanen die Kristallsphäre. Das Halschakra gilt als Schwerpunkt allen körperlichen Ausdrucks, besonders der neun Grundstimmungen, der Rasas, die der Schauspieler als Ausdrucksweisen stilisiert erlernt. Das innere Auge heißt Befehlszentrum; hier sollen unter Anleitung des Guru die Bewußtseinsinhalte um die Nabe des Rades (im Yantra) integriert werden. Der tausendblättrige Scheitellotus als höchstes Zentrum eröffnet den Weg zum Urlicht und bedeutet den Zugang zum kosmischen Bewußtsein.

Aber wenn der Mensch im Aufsteigen der Kraft durch die sieben Zentren das volle Bewußtsein erreicht hat, stellt sich die Frage, wie dieses sich durch ihn in der Welt verwirklicht. Die Antwort des Yoga liegt in den vier Wegen, die nach dem Radkreuz gegliedert sind:

Raja
Karma
·
  ·  
Yoga
  ·  
·
Bhakti
Jnana
  • Raja-Yoga als höhere Ebene des Hatha-Yoga, der Körperbeherrschung, ist der eigentliche Weg der Übung, die bewußte Überwindung der Tiefschlaf- und Todesschwelle, wie wir sie im Vohergehenden dargestellt haben.
  • Karma-Yoga ist der Weg des selbstlosen Handelns und entspricht der Ebene des Wachbewußtseins. Er bedeutet, bei aller Tat bewußt auf deren Früchte zu verzichten, das Leben als Opfer darzubringen.
  • Bhakti-Yoga ist der Weg der Devotion in Entsprechung zum Fühlen der Traumsphäre: die Triebe können dann zum Läuterungsweg beitragen, wenn sie in der Liebe auf ein Ideal, ein Gottesbild oder die Gestalt des Guru angejocht werden.
  • Jnana-Yoga, der Weg der Erkenntnis, bedeutet die Klärung der Vorstellungstätigkeit selbst; die Verwendung der Denkfunktion zur Zerstörung aller Bewußtseinsinhalte, die sich zwischen das Wesen und seinen Ursprung stellen können.
  • Rajayoga und Tantra waren im selben Sinne Gegensätze wie Hinayana und Mahayana. Die Lehre des Patanjali als Grundlage des Rajayoga war eng mit der Samkhya-Philosophie verknüpft. Ihr zufolge bestehen die Materie und das menschliche Wesen aus den drei Gunas. Es gilt, dieses aus der Verhaftung an Tamas und Rajas, an Trägheit und Leidenschaft zu befreien und ganz Sattwa, Klarheit und Freude, werden zu lassen. Im Gegensatz zu diesem asketischen Weg wählt der Tantriker den orgiastischen; nicht Sattwa, sondern Rajas ist sein Ausgangspunkt. Im Tantra sind alle Dinge heilig. Geschlechtliche Vereinigung, fleischliche Nahrung und Wein, sonst im Hinduismus verboten, werden in seinen Riten das bevorzugte Mittel zur Kommunion mit der Gottheit.

Der Gegensatz von Yoga und Tantra, von denen der letztere seinen Ausdruck hauptsächlich in der bildenden Kunst gefunden hat, bildete den Hintergrund der hinduistischen Scholastik, die auch die anderen Traditionen in der Synthese der sechs Darshanas vereinte, die in Gegensatz zu den sechs Irrlehren gestellt wurden:

Lehren
Yogasutra
Mimamsa (Mantras)
Samkhya
Advaita-Vedanta
Vaisheshika (Atomismus)
Nyaya (Logik)
Irrlehren
Ajivika (Determinismus)
Ajnanika (agnostisch)
Carvaka (Materialismus)
Jaina
Mahayana
Hinayana

Jedes der brahmanischen Systeme konzentriert sich auf einen Erlösungsweg. Der Advaita-Vedanta wurde von Shankara, 788-820, formuliert; sein zentraler Begriff ist die Nichtzweiheit, Weltengrund und Seelengrund sind jenseits der Einheit. Ramanuja, 1050-1137, hatte die Lehre der Vaishnavas als Kommentar zu den Veden in ein System gebracht. Vaisheshika und Nyaya bilden als einzige Lehren philosophische Systeme im Sinne der Neuplatoniker, wobei die Nyayalogiker allerdings nicht bis zum reinen Syllogismus vorgedrungen sind. Seit dem 9. Jahrhundert muß jeder Pandit diese sechs Systeme kennen. In der weiteren Folge der hinduistischen Entwicklung sind sie in immer neue Verquickungen miteinander getreten und zu bloßer Disputation, also der Scholastik im schlechten Sinne erstarrt. Die echten philosophischen Denker wirkten seit dieser Zeit wieder außerhalb der Systeme im Verborgenen als Einsiedler, oft im Einklang mit den esoterischen Moslem-Bruderschaften, die sich ebenfalls jenseits der Bekenntnisse hielten; ihre Rolle ist erst vom Indien der Gegenwart integriert worden.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
6. Das scholastische Denken
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD