Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

7. Das humanistische Denken

Rechtsphilosophie

Mit dem humanistischen Denken war auch die antike Skepsis wieder zur Geltung gekommen; so suchten verschiedene Denker im Recht eine einsichtige und unparteiische Grundlage, um eine dauerhafte Gesellschaftsordnung zu begründen. Johannes Althus, 1557-1638, suchte diese Grundlage in der Idee der Volkssouveränität; als Quelle des Rechts betrachtete er den Gesellschaftsvertrag. Jean Bodin, 1530-1596, forderte die Toleranz, die Anerkennung einer relativen Wahrheit in den Bekenntnissen. Während die lutherische Orthodoxie nur über das Gebet die Obrigkeit zu beeinflussen trachtete und die katholische Rechtsphilosophie im Aristotelismus verharrte, prägte Huig de Groot, 1583-1645, in Holland eine neue Anschauung, die sich einerseits als Naturrecht, andrerseits als Völkerrecht verwirklichte.

Völkerrecht und Seerecht entstanden aus der Notwendigkeit, für die seefahrenden Holländer den Handel mit Ostindien zu schützen. Doch die entscheidende Schöpfung von Grotius war der Begriff des Naturrechts, der eine neue Stufe des Rechtsdenkens eröffnete.

Die Römer hatten das Jus, die Rechtswissenschaft, aus dem Fas herausgezogen. Unter Justinian war es in einem Rechtskodex, dem Corpus Juris zusammengefaßt worden, der nach oben, der Kirche zu, durch das Jus Divinum ergänzt wurde. Grotius ging nun im Anschluß an Althus von der Vorstellung aus, daß das menschliche Zusammenleben und damit auch die Staatsgemeinschaft auf freiem Vertrag beruhe; da sie aus dem Menschen erfließe, habe sie ihre Kriterien in der menschlichen Natur. Aus diesem Ansatz entwickelte er das Naturrecht, welches dem geltenden Recht zugrundezulegen sei. Das Jus Divinum beschränkte Grotius auf das Neue und Alte Testament; ihnen gegenüber bildet das Naturrecht das Jus Humanum. Aus letzterem solle alles Strafrecht erfließen, das nicht als Vergeltung aufzufassen sei, sondern nur dem Schutze der Gesellschaft zu dienen habe.

Die grotiussche Rechtsreform kam erst mit dem rationalistischen Denkstil zum Durchbruch, da sie dessen Begriff voraussetzt, während das humanistische Denken unsystematisch, oft sogar aphoristisch war. Doch fand es auch seinen philosophischen Abschluß im Werke des Neapolitaners Giordano Bruno, der die neuen Wissenschaften und Erkenntnisse des Kopernikus mit neuplatonischen Gedanken in einer dichterischen Form vereinte und als erster Denker der Neuzeit den Gegensatz zur Kirche bis zu seinem Märtyrertod durchhielt.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
7. Das humanistische Denken
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