Schule des Rades

Arnold Keyserling

Geschichte der Denkstile

8. Das rationalistische Denken

Galileo Galilei - Johannes Kepler

Bis vor kurzem war es üblich, die Nachfolger des Nikolaus Kopernikus als Begründer des wissenschaftlichen Denkens zu bezeichnen: Galileo Galilei und Johannes Kepler, die ihre Entdeckungen dem Teleskop verdankten, Antonie van Leeuwenhoek, der als erster mit dem Mikroskop die Spermatozoen erkannte, William Gilbert, den ersten Darsteller des Magnetismus, William Harvey, den Entdecker des Blutkreislaufes und schließlich Robert Boyle, den Vater der Chemie. Doch ging es allen diesen Denkern nicht um Ausweitung des Weltbildes, so wie wir heute die wissenschaftliche Forschung verstehen, sondern um Erringung sicherer Kriterien des Denkens, dessen systematischen Zusammenhang sie zu erkennen suchten. Daher bezeichnen wir sie als Begründer des rationalistischen Denkens.

Die entscheidende Rolle in der Wandlung des Denkstils ist Galilei zuzuschreiben. Dieser wurde 1564 zu Pisa geboren und starb 1642. Seit 1592 war er Professor der Mathematik in Padua und machte eine Reihe glänzender mathematischer Entdeckungen, durch welche die kopernikanische Lehre bestätigt wurde, zu der sich Galilei bald auch öffentlich bekannte. Das tragische Schicksal BRUNOS blieb ihm dadurch erspart, daß er sich schließlich zur Ableugnung seiner Lehre bereiterklärte. Wesentlich ist aber weniger seine Stellung zu Kopernikus als seine Wiederbelebung des pythagoräischen Denkens, das in seiner Unterscheidung der primären und sekundären Qualitäten zum Ausdruck kam. Als primäre galten ihm Zahl, Größe, Figur, Bewegung und Ruhe; als sekundäre die sinnlichen Qualitäten wie Farbe, Geruch und Geschmack.

Mit dieser Unterscheidung wurde die Logik als Kriterium der Philosophie verlassen und durch die Mathematik ersetzt. Galilei erklärte:

Das Buch der Natur ist in mathematischer Sprache geschrieben und die Schriftzüge sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne deren Hilfe es unmöglich ist, auch nur ein Wort zu verstehen.

Das Organ des Denkens ist der Verstand. Dieser dringt weiter als die Sinneswahrnehmung, er ergänzt den Mangel der Erfahrung. Die Sinneswahrnehmung allein ohne Kontrolle des Denkens kann trügen; erst der Verstand kann die Realität der Erscheinung feststellen. Daher ist das höchste Ziel der Philosophie die Einheit des Gesichtspunktes, und die mathematische Durchdringung der Erfahrungstatsachen.

  • Überall seien die verwickelten Erscheinungen der sinnlichen Beobachtungen über die metodo risolutivo in ihre einfachsten Komponenten zu zerlegen,
  • um dann aus ihnen die Vorgänge über die metodo compositivo, die synthetische Methode, zu erklären.

Die Vereinigung von analytischer und synthetischer Methode verwendete Galilei zur Begründung seiner neuen Theorie der Bewegung, einer ganz neuen Wissenschaft von einem sehr alten Gegenstand. Die Ableitung seiner Fallgesetze geschah durch Zurückführung der zusammengesetzten Wirkungen auf einfache, unzerstörbare, beständig und gleichförmig wirkende Ursachen. Damit wurde die mechanische Bewegung zur berechenbaren Größe und der Gegenstand der Forschung war fortan das mathematisch Bestimmbare, die Quantität.

Im gleichen Sinne wie Galilei wandte sich auch Kepler, 1571-1630, gegen die Erklärung durch Substanzen. Einfachheit und geordnete Regelmäßigkeit seien die ewigen Prinzipien der Natur: Nichts als Größen, oder durch Größen vermag der Mensch vollkommen zu erkennen. Im Unterschied zu Galilei wollte Kepler aber nicht die Ursachen der Planetenumläufe ergründen, sondern ihre Gesetze. Diese Gesetze erklären sich einerseits aus der Mathematik, andrerseits aus der musikalischen Harmonik. So erweiterte Johannes Kepler die himmlische Physik zur harmonice mundi im pythagoräischen Sinn. Harmonie durchdringe das gesamte Weltall von den kleinsten Kristallbildungen über das Reich der Töne bis zu den Planeten, deren wahre Umlaufsgesetze er als erster ermittelte.

Galilei und Kepler waren rationalistische Denker, beschränkten sich jedoch in ihren Folgerungen auf die Naturforschung, da das tragische Schicksal Brunos allen noch in Erinnerung war. Den nächsten Schritt der Entfaltung fand die rationalistische Philosophie im freieren England, wo politische und denkerische Begabung seit jeher zusammenfielen und wo der inhärente Gemeinschaftssinn auch nie das zulässige Maß etwa in der Art Machiavellis oder der deutschen Theosophen gesprengt hat.

Arnold Keyserling
Geschichte der Denkstile · 1968
8. Das rationalistische Denken
© 1998- Schule des Rades
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