Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

3. Integration der Motive

Psychologie

Der Schwerpunkt der menschlichen Entfremdung liegt in den Industriestaaten auf der Affektivität, den Gefühlen. Das kommt daher, daß das Kind nicht in seinen Motiven akzeptiert wird, sondern dem Bild der Eltern folgen muß, die ja nie mit ihm zufrieden sein können, da sie selbst anders sind. Das Kind hängt total von den Eltern ab, es will ihnen folgen; es kann sie nicht kritisieren, weil es aus ihrer gemeinsamen Struktur erst ein Ich bilden kann. Wenn nun seine Gefühle nicht zum Ausdruck kommen können, so bildet es bedingte Reflexe, die dann später einen Lebenssinn unmöglich machen; es fällt der Manipulation immer wieder zum Opfer, da ihm die eigenen Motive unbewußt geworden sind.

Erst im vorigen Jahr haben Grey und andere festgestellt, daß nur jene Erinnerungen leicht zurückgerufen werden können, bei denen Emotionen beteiligt waren. Wenn nun die Emotionen im averbalen Kleinkind unterdrückt werden, so ist der ganze Zusammenhang, in dem sie stattgefunden haben, verdrängt und kann erst in einer Primärerfahrung wieder unter großen Emotionen heraufgeholt werden.

Wie aber Alice Miller gezeigt hat, ist dies nicht leicht zu erreichen, weil unsere ganze Welt darauf aufgebaut ist, daß die Erwachsenen immer recht haben und das Kind in seinem Eigensinn, in seinem Willen gebrochen werden muß. Gebrochener Wille läßt sich nur mühsam wieder flicken, ganz wird er kaum mehr werden. Das Argument, daß immer wieder bedeutende Menschen durchgekommen sind — was mich nicht umbringt, macht mich härter, und daß es noch andere unsinnige Sprichworte gibt — stimmt nicht. Daß manche Menschen die Pest überlebt haben, kann nur für eingefleischte Sozialdarwinisten ein Argument für die arterhaltende Rolle der Pest sein.

Tatsächlich ist unsere vergangenheitsbezogene Zivilisation, vom menschlichen Gesichtspunkt aus gesehen, ganz schlicht ein angstgeborenes Verbrechen. Was ist, ist nicht immer gut, und es mögen sich jahrtausendealte Überlieferungen genau so irren wie augenblickliche Stilentgleisungen. Bedeutend könnte jeder werden, wenn man ihn läßt. Es hat in der Kunst Perioden gegeben, wo ganze Städte künstlerisch waren wie Köln im 12. und Florenz im 15. Jahrhundert. Die Begabung blieb etwa konstant; es läßt sich also auf die Umstände zurückführen, und diese lassen sich sehr wohl ändern.

Die Kulturfaktoren — die spätere Rolle als Arzt, Briefträger, Professor, Schuster oder Journalist — sind vital stärker als die persönlichen Gefühle bei den meisten; infolgedessen sind sie leicht zu verdrängen, und dann verliert der Mensch seine Wurzeln auf immer. Er wird ein mehr oder weniger guter Funktionär in einem vorgegebenen, fiktiven Ganzen, einer nationalen oder politischen Kultur, die sich als menschlich ausgibt. Durch mangelnde Kohäsion zwischen Affektivität und Impuls sind jene, die das Gefängnis akzeptiert haben, besonders bereit, es weiter zu festigen; Unabhängigkeit ist ihnen ein Greuel, weil sie dann überhaupt keinen Seinsgrund mehr finden.

Sinn ohne Gefühl, ohne Motiv, ohne Affektivität ist reine Mechanik, wird zum Wiederholungszwang, zur Herrschaft der Experten, die heute in greifbare Nähe gerückt ist.

Swedenborg sagte einmal, er habe nachgeschaut: die Hölle sei nirgendwo im Jenseits zu finden; aber sie sei im Diesseits, bloß das Seltsame sei, daß niemand wisse, daß er sich darinnen befinde.

Das Pariser Sprichwort für die Durchschnittsexistenz: boulot-metro-dodo, also Arbeit, Bahn, Schlaf — vielleicht durch die Zerstreuung abendlicher Television und wöchentlichem ehelichem Verkehr aufgelockert — wird von vielen Menschen als Sicherheit verstanden. Vollständig geregeltes Leben schaltet das Subjekt aus, man fühlt sich der früheren elterlichen Autorität in ihrer neuen Form eingeordnet, ohne zu wissen wie. Das Unbehagen wird immer stärker, wenn es eine Zeitlang keine zu großen Überlebens­krisen gibt. Vielleicht ist die heutige Neigung zu Krisen psychologisch auch deswegen zu erklären, weil nur äußere Katastrophenangst den Menschen von seiner inneren Sinnlosigkeit ablenken kann.

Diese Sinnlosigkeit beruht darauf, daß der Zusammenhang zwischen den effektiven Motiven und den Kulturfaktoren, wie ich sie im letzten Kapitel beschrieben habe, verloren ging, oder vielleicht in unserer elitären Tradition seit der Neusteinzeit noch nie erkannt worden ist. Vergangenheit hat keinen bildenden Wert, da Energie immer nur aus dem Geist, aus der Zukunft kommt. Elterliche Autorität muß der eigenen Entfaltung des Kindes untergeordnet werden, um biologisch-psychologische Gesundheit der Affektivität zu erreichen. Das rechte Gehirn wird nur zur Freude, wenn die Mitte des Kreises der Motive erreicht wird, wie es der Yogasutra so schön zeigt: Yoga citta vritta nirodha — Yoga bedeutet, durch Verlangsamung der Gefühlsassoziationen die ruhende Mitte des Bewußtseinskreises zu erreichen.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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