Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

4. Durchbruch zum Imaginalen

Conjurers Count · 5/15

Der Gegenpol des Chakras des Sprechens ist der Mensch im All, der mir über seine Stimme begegnete. Hier ist die falsche Besessenheit jegliche Art von Gemeinschaft, die sich für auserwählt hält und andere ausschließt, jeder Versuch, in einem Bekenntnis oder einer Partei die Menschheit gleichsam zu vertreten; eine der heute häufigsten Verfallenheiten, deren Gefahr heute offensichtlich geworden ist.

Parteien können nur entstehen, wenn das Jenseits von unserer Welt durch einen verbalen Wall abgetrennt ist, jene Buchhütler, die keine Vision annehmen, die sich nicht in ihr Glaubenssystem eingliedert, und damit die Reflexion — die Blase der Selbstwahrnehmung, wie Don Juan sie beschreibt — nicht durchstoßen können. Ein Ritual ist nun imstande, diese Blase auf immer zu durchstoßen und der Ideologie existentiell den Garaus zu machen.

Jene, die das Ritual erleben wollen, legen sich hin, genau so wie bei dem Ritual der Tierunterwelt. Der Schamane sagt: Dein Leib wird schwer, deine Augenlider sind geschlossen, du fühlst dich wohl, alles ist gut. Du bist heute hier, du fühlst dich wohl.

Diese Suggestion — es ist eine hypnotische Technik — dient dazu, allen Traumas aus dem Weg zu gehen. Wo immer ein schmerzhaftes Erlebnis gewesen ist, wurde die Entwicklung abgebrochen. Um diese wieder zu beginnen, braucht es einen anderen Zugang, der, wie wir sehen werden, zum vierten Chakra gehört. Hier handelt es sich darum, den augenblicklichen Körperzustand mit dem Anfang zurückzuverbinden, und nur über solche Augenblicke, in denen man sich wohlgefühlt hat, die ja bei jedem immer wieder kommen, wenn auch viele Menschen den Anschein geben wollen, ernst und im Leiden zu sein, weil sie sich dann aufgrund unserer lokalen Kultureinstellung bedeutend und wichtig vorkommen.

Nun geht man im Leben zurück. Bei einem 40jährigen: Du bist 30 Jahre alt — ein Augenblick, da du dich wohl fühlst.

Du bist 20 Jahre alt, die gleiche Anweisung wird immer dazu gegeben. 10 Jahre. 5 Jahre. Ein Tag nach der Geburt. Ein Moment, indem du dich wohl fühlst, während der Geburt. Drei Monate vor der Geburt. Drei Monate nach der Empfängnis. Der Augenblick der Empfängnis. Der Zustand vor der Empfängnis.

Ein Tag im Jahr 1800, du fühlst dich wohl, auf der Erde oder im Raum.

Ein Tag im Jahr 1500.

Ein Tag im Jahr 1000.

Ein Tag in deiner ersten Existenz als Mensch auf der Erde.

Immer soll man sich genau veranschaulichen, was man erlebt, und wenn man das Ritual mit einem einzigen Menschen macht, was natürlich wirksamer ist, dann läßt man sich immer alles bis auf die Sinneseindrücke beschreiben, niemals aber traumatische Erlebnisse.

Nun geht es viel weiter zurück.

Ein Tag einer tierischen Existenz — wie erlebst du dich?

Ein Tag in deiner pflanzlichen Existenz, als Pflanze, als Baum oder Blume. Ein Tag deiner Existenz als Mineral, Stein oder Kristall.

Ein Tag deiner Existenz als Feuer, als Teil des Magma, oder eines brennenden Feuers.

Erleben des Feuers als Kraft. Jetzt geht es wieder vorwärts bis in die Gegenwart.

Du erlebst das Feuer in deinem ersten Chakra, als Kraft der Sexualität.

Du erlebst das Feuer in deiner mineralischen Existenz und spürst das zweite Chakra der Erde.

Du erlebst das Feuer als Lebenskraft deiner pflanzlichen Existenz, im dritten Chakra.

Du erlebst das Feuer als Lebenskraft deiner tierischen Existenz, in deinem vierten Herzchakra.

Du erlebst deine erste Existenz als Mensch, das Feuer als deine Lebenskraft im Halschakra.

Du erlebst deine Feuerkraft in deiner Existenz im Jahr 1000; im Jahr 1500. Im Jahr 1800.

Du erlebst den Zeitpunkt vor deiner Empfängnis. In diesem Augenblick fragst du dich: Wieviele menschliche Existenzen habe ich gehabt? Und du hörst als Antwort eine Zahl.

Meiner Erfahrung nach reichten keine menschlichen Entelechie weiter als ein paar Jahrtausende zurück, dies im Gegensatz zu manchen indischen Lehren. Ferner hat Jung gegenüber diesen recht: Es gibt keinen Fortschritt, keinen Weg zur Vollendung zwischen den Existenzen, sondern nur Ergänzungen, bis zur Vollständigkeit — bis alle Bereiche des Rades besiedelt sind und der Mensch durch diese Vollständigkeit imstande wird, Visionen zu verkörpern.

Du bist im Augenblick der Empfängnis. Drei Monate vor der Geburt. Im Augenblick der Geburt. Einen Tag nach der Geburt. Du bist 10 Jahre alt, 20, 30. Du bist heute hier, gehst deinen ganzen Körper durch — Füße, Beine, Oberschenkel, Hüften, Rücken, Schultern — Hände, Unterarme, Oberarme — Kopf, Gehirn, Augen, Ohren, Zunge.

Du siehst dich wie du sein möchtest mit 80 Jahren. Du siehst dich drei Tage später von heute: Wie mußt du sein, daß du jenen Zustand mit 80 Jahren erreichen kannst?

Du kehrst zurück in die Gegenwart.

Wenn man einmal das Feuer durch alle fünf Chakren erlebt hat, dann kann die bloße Erinnerung einen in Augenblicken der Depression die Lebensfreude zurückgeben, und durch die Erfahrung der tierischen, pflanzlichen und mineralischen Existenz wird das Erlebnis der Kommunion mit allen Wesen und mit dem göttlichen Ursprung tragend.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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