Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vom Eigensinn zum Lebenssinn

1. Entfaltung der Sinnlichkeit

Brücke zwischen Wirklichkeit und Wesen

Wer nicht hinab sich vertieft, kann nicht nach oben streben. So ist der Ansatz aller Pädagogik, die im Einklang mit dem wissenschaftlich verstandenen Kosmos ist, die doppelte Ausrichtung auf beide Gegebenheiten — den göttlichen Sinn, die Potentialität, der alles entspringt, und den Eigensinn, das Möchten, die Triebrichtung. Es gilt nicht den Trieb zu vergewaltigen und umzubiegen im Sinn einer Veredlung des Apfelbaums, wie manche die Kultivierung verstehen, sondern man muß das Kind, welches der Mensch in seinem Ursprung ewig bleibt, in seinem dauernden Streben verstehen. Mineral, Zelle, Pflanze und Tier haben ihre Steuerung oberhalb des Ich’s als Richtung des Holons nach unten. Die sind statisch eingeordnet. Doch der Mensch, durch seine Fähigkeit des Denkens, hat keine statische Rolle, sondern ein dynamisches Wachstum vom Te zum Tao, wo immer neue Inhalte ihn befruchten können, und nur dann kommt er zu seiner Wesensfreude, wenn das dauernde Wagnis zum Kennzeichen seines Weges wird. Um dieses Wagnis zu verstehen, müssen wir uns mit der phänomenologischen Basis seines Bewußtseins beschäftigen, welches erst im letzten Jahrzehnt soweit entschlüsselt wurde, daß es zur Grundlage eines pädagogischen Verstehens werden kann.

Nichts kann bewußt werden, was nicht über die Sinne geht — diese Brücken zwischen Wirklichkeit und Wesen. Die Newtonsche Naturwissenschaft wollte von den Sinnen Abstand nehmen, sich beschränken auf die objektiven Daten der sogenannt primären Qualitäten, Zahl, Maß und Ordnung. Aber solange die Brücke zwischen Natur und Bewußtsein nicht untersucht ist, wird alle Formulierung Ideologie oder falsche Metaphysik.

Der Sinn eines Lebens ist in seinem Zusammenhang und seiner Selbstbestimmung zu finden; der Sinn des Satzes in seiner Logik und mathematischen Struktur. Zwischen beiden gibt es eine Brücke, da ja die Naturwissenschaftler selbst Menschen sind und ihre Erkenntnisse auch nur mittels der Sinne machen konnten. Diese sind nicht bloße Daten, sondern darüber hinaus weisen sie bestimmte Verhältnisse auf, Gesetze: Das Gesetz der Sinne ist das Gesetz möglichen Sinnes.

Betrachten wir die physikalische Wirklichkeit als gegebene Information zwischen Negentropie als aufbauender, Entropie als abbauender Energie, so haben wir zwei Erfahrungen der Zeit: die elektromagnetische Energie der transversalen Schwingung, und die materiale Energie der longitudinalen Schwingung. Bei der transversalen, die ohne materielles Medium verläuft — es sei denn, man bezeichne diese nichtvorhandene Gegebenheit als Äther — ist die Schwingung quer zur Richtung, bei der longitudinalen wie bei den Meereswellen oder den Schallschwingungen längs zur Richtung.

longitudinal
l o n g i t u d i n a l
Schwingung längs zur Richtung
transversal
t r a n s v e r s a l
Schwingung quer zur Richtung

Von den gegebenen Longitudinal- und Transversalschwingungen werden bestimmte als Schall und Licht aufgenommen und daher bewußt: die longitudinalen zwischen 16 und 20.000 Hertz als Töne, die transversalen zwischen 3800 und 7600 Ångströmeinheiten als Licht. Hier bildet sich nun das erste entscheidende Verstehen:

  • Sinn in der Zeit, als Dauer, kann nur über das Gehör bewußt werden,
  • Sinn im Raum als Verstehen — nur als Teil eines einzigen Bildes.

Im menschlichen Großhirn ist der Schwerpunkt der Zeitwahrnehmung die linke Hemisphäre, für welche die Vergangenheit nicht mehr, die Zukunft noch nicht besteht, und in der der Mensch im Augenblick während der Gegenwart lebt; wobei als Gegenwart jene Abläufe bezeichnet sind, die gleichzeitig vor sich gehen. Dieser Augenblick kann nun bewußt sein oder auch nicht. Bentov hat gezeigt, daß Bewußtwerden des Augenblicks zum Samadhi, zur Gipfelerfahrung führt — Gott ist gleichsam als Ewigkeit ewiger Augenblick, und der Mensch, wenn er hinter die Gegenwart seines Zeiterlebens tritt, wird eins mit dieser allumfassenden Aufmerksamkeit, der Liebe.

P f e i l P e n d e l P f e i l

Dies Erfassen des Augenblicks kann am leichtesten über das Pendel verstanden werden: Wenn dieses in der Umkehr ist von seinem höchsten Punkt, rechts oder links, dann ist es reine potentielle Energie, dann tritt die Information in Kraft. Bentov betreibt eine lustige Übung, um dies zu realisieren. Man stelle sich eine echte Gipfelerfahrung vor, in der Erinnerung, wie eine vollständige Vereinigung in der Liebe, im gleichsam kosmischen Orgasmus, und lasse gleichzeitig seine Augen auf der Uhr ruhen. Plötzlich kommt deren Zeiger zum Stillstand; sobald man darüber erschrickt, bewegt er sich wieder. So kann man experimentell feststellen, daß dieser Stillstand der Zeit als Dauer durchaus erreichbar ist, und daß er die erste echte Erfahrung der Seligkeit, der Freude darstellt.

Die Zeit vollzieht sich nicht in der Erfahrung als Linie, sondern als Rhythmus, als durch ein Intervall getrennte Töne. Wenn ich mich an etwas in der Vergangenheit erinnere, dann geschieht dies in einem tonal-intervallischen Verständnis. Jeder Tag läßt sich als Kreis betrachten, der Mittag kehrt nach 24 Stunden oder zwölf Doppelstunden zurück. Desgleichen läßt sich der gleiche Zusammenhang als Jahr, und als Lebenskreis von Geburt bis zum Tod, verstehen. Die Urerfahrung, die das möglich macht, ist die Struktur der Tonwelt. In der Tonwelt ist Zwei gleich Eins, die Oktave. Verdoppelung oder Halbierung einer Schwingung, desgleichen einer Maßlänge, ist Identität, der gleiche Tonwert.

Arnold Keyserling
Vom Eigensinn zum Lebenssinn · 1982
Neue Wege der ganzheitlichen Pädagogik
© 1998- Schule des Rades
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