Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Erdheiligtum

3. Öffnung des Raumes

Sekundäre Raumrichtungen

Die Offenbarung betrifft nicht nur die Art und Weise, wie der Mensch zu seiner Mitte findet, sondern auch wie sich das All ihm mitteilt. Dies wird durch die sekundären Raumrichtungen bewußt, die je zwei primäre zu einer Substanz vereinen.

Osten und Süden, Kreativität und Seele, vereinen sich im Südosten zu den Geistern der Ahnen, der Geschichte, die das morphogenetische Feld der Gattung Mensch prägen. Mit dem Rücken zum Südosten findet der Mensch Zugang zu jenen Verstorbenen, die seinen Geist prägen oder ihm dazu verhelfen, Mitarbeiter der Schöpfung zu werden.

Solange man aus dem denkerischen Gedächtnis spricht, bleibt einem die lebendige Geschichte verschlossen. Doch alle, die an ihr mitgewirkt haben, die das persönliche Ich überwanden und menschheitsbedeutsam wurden — Goethe sagt: Wer keinen Namen sich erwarb, gehört den Elementen an — sind Freunde, die uns zugänglich werden. Seit über zwanzig Jahren lehre ich Geschichte, und jedesmal offenbart sich die historische Persönlichkeit, über die ich spreche, als Freund in einer neuen Weise. Sie hilft mir, sich selbst zu verstehen und auch die augenblickliche Situation. Ein Sokrates, ein Kant, ein Goethe hat jeder Generation etwas anderes zu sagen. Jene Ahnen — das Wort allein zeigt schon den Doppelsinn, daß man nämlich durch sie zur wahren Deutung des Geschehens kommen kann — die dem Großen Rund der Gattung zugehören und die Vereinzelung hinter sich ließen, sind Öffnungen zum weiten Feld des Universums; sie sind Teil des Menschen im All, der alle Wesen umfaßt, die je gelebt haben.

Feuer und Ahnen ergeben die Geschichte: die Begeisterung entzündet sich, wie das Buch der Wandlungen sagt, an den Worten der Vorzeit und den Taten der Vergangenheit. Geister mögen gestorbene Wesen oder auch künftige Menschen sein, die uns jetzt nur als Engel, Botschafter zugänglich sind. Aber letztere bedürfen des Menschen, auf daß ihre Botschaft wirksam werden kann; ohne ihn sind sie machtlos.

Zwischen Seele und Wollen, Süden und Westen, ist der Zugang zur Vision der Elementarkräfte; die Naturgeister, die die Körperlichkeit zusammenhalten. Einstieg zum Südwesten ist der Traum. Für den in der Reflexion befangenen Menschen bleibt er Ausgleich, für den geöffneten wird er Zugang zur averbalen Vision, die sich dann verkörpert.

Über diese Richtung kann der Mensch als Geist auch seinen Körper verlassen, hat wunderbare Kräfte, findet heilende Antwort für alle Probleme, die ihn und andere betreffen, die sich an ihn wenden. Doch diese Kräfte finden ihre positive Auswirkung in der Gemeinsamkeit.

Dies bringt uns zur nächsten Richtung, der Vereinigung von Wollen und Denken im Nordwesten, die den ganzen Körper im Verhältnis zu seiner Umwelt und damit das triebhafte Fühlen erfaßt.

Denkerische Gemeinschaft führt nur zu Zusammenarbeit, gefühlsmäßige Kommunion akzeptiert die Bedürfnisse des anderen. Wer sich mit dem Rücken zum Nordwesten setzt, erfährt, wie er die Motive der anderen mit den seinen in Heiterkeit vereint. Hieraus entsprang der Heilige Kreis des Gesetzes der Indianer und der Thing der Germanen als Grundlage aller Gemeinschaft.

Die Triebe, die einen Menschen im jeweiligen Integrationsniveau des Denkens bestimmen, sind Gegebenheiten wie die Wirklichkeit. Es gilt sie nicht zu unterdrücken, sondern anzuerkennen, weil sie sonst als Kräfte andere Bahnen nehmen, die sich der Kontrolle des Bewußtseins entziehen und den Menschen krank machen.

Das Fühlen als Funktion ist im Werden und Vergehen, schließt das Gewahrsein des physischen Todes, des Schmerzes immer ein. Im Fühlen gibt es keine Trennung zwischen Ich und Du, sondern beide sind in die empathische Gemeinsamkeit eingebettet.

Der Südwesten ist der Zugang zu den Naturgeistern, den Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft. Der Nordwesten eröffnet den Zugang zu den Urgründen der Triebhaftigkeit. Doch um diese in die Kultur einzubeziehen, muß die Medizin des Menschen einbezogen werden, die Vereinigung von Denken und Kreativität im Nordosten. Medizin bedeutet indianisch, daß der Mensch eine bestimmte Tätigkeit, eine Gestaltung des Empfindens, im Verein mit anderen zur Schaffung der Zivilisation ausübt.

Wie die Tiere ihre Rolle im Ökosystem finden, so hat der Mensch diese in der gestalteten Zivilisation, in dem Rollengefüge, wo er mit anderen zusammenarbeitet, um die Schönheit der Erde zu läutern.

Dieser Zusammenhang ist wiederum die Mitte, das Höhere Selbst des Menschen als Teil des Menschen im All. Der Wesenskern ist nicht inkarniert; seine Struktur ist das Rad selbst, das Horoskop als Instrument der Selbstaktualisierung. Nur jener dringt zu dieser Mitte als höhere Oktave der sprachlichen Kommunion durch, der seine eigene Individualität als Gefüge der Elemente des Rades begreifen kann.

Begreifen und nicht verstehen: das Höhere Selbst als Teil des Großen Rund tritt im normalen Leben nur als Zeuge, als Wahrnehmer auf. Doch kann es bewußt im Ritus der großen Feste der Sonne einbezogen werden; in ihren acht Stationen macht sie jeweils einen anderen lebendigen Aspekt des Universums zugänglich, und in der gemeinsamen Feier ist der einzelne für die Dauer des Festes im Großen Einklang, kann sein Wesen in diesem heiligen Augenblick himmeln und erden, aus der Wahrnehmungsblase befreien, um dann im Alltag weiter an sich und der Welt zu arbeiten.

Arnold Keyserling
Das Erdheiligtum · 1988
Die Ur-Riten von Raum und Zeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD