Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

Voraussetzung

Zur Kabbala und ihrer Symbolik

Wenden wir uns der kabbalistischen Rede von Gott zu, so tritt deren mythischer Charakter in der Lehre von den zehn Sefiroth, den Potenzen und Wirkungsweisen des lebendigen Gottes, am deutlichsten zutage. Die kabbalistische Lehre von der dynamischen Einheit Gottes, wie sie bei den spanischen Kabbalisten erscheint, ist die von einem theogonischen Prozeß, in dem Gott aus seiner Verborgenheit und dem Unnennbaren seines Wesens heraustritt und sich als Schöpfer darstellt. Die Stadien dieses Prozesses sind in einer unendlichen Fülle von Bildern und Symbolen erfaßbar, deren jedes einen Aspekt der Gottheit in ihrer besonderen Manifestation anvisiert. Diese Bilder aber, unter denen Gott erscheint, sind nichts anderes als die Urbilder allen Seins. Was nun die besondere mythische Struktur des kabbalistischen Symbolkomplexes ausmacht, ist die Beschränkung der unendlichen Fülle der Aspekte, unter denen Gott visiert werden kann, auf zehn Urkategorien oder wie immer wir die Konzeption umschreiben wollen, die dem Begriff der Sefiroth zugrunde liegt. Im Buch der Schöpfung aus welchem der Terminus stammt, bedeutet er die zehn archetypischen Zahlen (von safar = zählen), als Grundmächte allen Seins…
Der Inbegriff dieser Potenzen, die in der Urdekas vereinigt sind, bildet die Welt der Sefiroth, der sich entfaltenden göttlichen Einheit, die die Archetypen allen Seins in sich beschließt. Diese Welt, die, wie nicht stark genug betont werden kann, eine Welt innergöttlichen Seins ist, strömt aber ohne Bruch und ohne Neuanfang in die geheimen und sichtbaren Welten der Schöpfung über, die alle in ihrer Struktur jene innergöttliche Struktur wiederholen und in sich abspiegeln.
Gershom Scholem, Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Zürich 1960
Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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