Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

5. Sinn und Bedeutung

Qualität und Quantität

In den Gesetzesreligionen der Juden, der Brahmanen und der Chinesen war die Welt der Traumvision geordnet. Der Mensch erreichte sein Heil als Gerechter, als einer, der die Sitten und Gesetze befolgt. Die Gemeinschaft war begrenzt. Mit den Weltreligionen wurde die Eigenmächtigkeit der Gesetzesreligionen überwunden. Der Buddhist sieht sein Ziel darin, jedem Wesen zu helfen, seine eigene befreite Buddhanatur zu erringen; die brahmanischen Gesetze treten als sittliche Maximen in den Hintergrund. Der Christ erkennt das Schicksal als Kreuz. Jegliche Situation kann zur Bewährung dienen. Für den gläubigen Moslem ist jedes Ereignis und jede Vision eine Aufforderung Allahs, auf die er antwortet. Der Koran ist eine Dichtung. Daher kann kein System wichtiger sein als diese lebendige Offenbarung Gottes.

Für Christus ist nicht der Mensch Diener des Gesetzes, sondern der Sabbat ist für den Menschen gemacht. Nicht das, was in ihn als Nahrung hineingeht, macht ihn unrein wie bei den jüdischen Speisevorschriften, sondern was aus ihm herauskommt als Wort und Tat. Da sich die Gesetzesreligionen gegen den Durchbruch vom Menschen zur Mitmenschlichkeit wehrten — Bodhisattva, Nächstenliebe, Freund Gottes als eine höhere Stufe als der Prophet — wurde die esoterische Tradition zu Sitten veroberflächlicht.

Der mythische Bereich ist sowohl im jüdischen als auch im christlichen und islamischen Denken zur mystischen Bemühung des Einsamen geworden, oder er wurde als historisches Drama wie im Messianismus in die Öffentlichkeit projiziert. Erst seit der Jahrhundertwende ist mit der Tiefenpsychologie seine Eigenwirklichkeit erkannt worden, und das Problem der Vereinigung von Motivation und Intention wird als persönliche Anstrengung begriffen, als Anliegen der Therapie. Die einzelnen religiösen und politischen Weltgedichte erwiesen sich als zu einseitig. Mit der Technologie und der Revolution der Kommunikationsmittel ist anstelle der Ideologie die Sprachebene selbst zur Grundlage des zwischenmenschlichen Verkehrs und Verhaltens geworden. Mit den Computern wurde diese Entwicklung vollendet und damit stellt sich die Frage, wie man die dritte der sprachlichen Philosophien des Mittelalters, den Konzeptualismus des Abaelard, die Ars Magna des Ramon Lull und die Erkenntnis der Wiener Schule, daß sämtliche philosophischen Probleme durch Klärung der Sprache gelöst werden könnten, als Hilfe zur Erkenntnis des Sinnes des Daseins verwenden könnte.

Eine einzige historische Richtung hat sich dieses Problems angenommen. Mit dem Sieg des Islam wurde die dogmatische Philosophie des Christentums verneint und bekämpft, da der Prophet die Worte Gottes nicht als System, sondern als Dichtung empfangen hatte. Er hatte aber nichts über die Bedeutung der Zahlen als Ordnungsprinzipien geäußert, und so unternahmen um 800 nach Christus die Lauteren Brüder von Basra eine zahlenmäßige Klassifikation allen Wissens, die in der Hauptsache von neun Philosophen von Al Kindi bis Averroës durchgeführt wurde, wie ich es in meiner Geschichte der Denkstile dargestellt habe.

Desgleichen versuchten sie, die Grammatik aus den Zahlen abzuleiten. Schon die Pythagoreer hatten die Bedeutung des Dezimalsystems betont, aber dieses noch mythisch verstanden. Mit den Kategorien des Aristoteles waren die Zehn teils grammatikalische, teils philosophische Grundbegriffe.

Diese Überlieferung regte mich dazu an, die Grammatik nach den natürlichen Zahlen zu ordnen. Das Enneagramm zeigt die Einheit von Qualität und Quantität, und ist das Urbild der Grammatik. Gurdjieff, der dessen Bedeutung zum Ansatz seine Lehre nahm, behauptete, das grammatikalische Wissen sei vollendet worden. Ausgehend von dieser Behauptung und kabbalistischen Vorstellungen von der Eigenbedeutung der Ziffern gelang es mir 1956, diesen Ansatz zu vollenden und tatsächlich die Gültigkeit dieses Symbols als genetische Grammatik nachzuweisen (A Synopsis of German Grammar, Calcutta 1958).

Ich glaube nicht, daß die Artikulation vor mir durchgeführt worden ist, denn echtes Wissen kann nie verloren gehen. Tatsächlich verwandte Gurdjieff das Enneagramm als Schema zur Bewältigung der Visionswelt und der Bewußtseinsstruktur, nicht aber zur Klärung der Kommunikation. Deren Wichtigkeit ist erst durch das Anbrechen des planetarischen Bewußtseins der Wassermannzeit vorstellbar und notwendig geworden.

Ich nahm die Grammatik so, wie sie ist, und entwickelte sie hauptsächlich als Sprachlehrer, später als Hilfe zum Verständnis der Astrologie. Im Lauf der Jahrzehnte wurden mir die Entsprechungen immer klarer. Doch erst in der jetzigen Auseinandersetzung mit der kabbalistischen Tradition beginne ich sie tatsächlich als Ebene eines Bewußtseins zu begreifen, das die Unbewußtheit des Wollens aus dem Tiefschlaf befreit und damit den Sprecher vom Zeugen in einen Täter verwandelt.

In den bisherigen Kapiteln haben wir den Unterbau beschrieben: die Eigenmächtigkeit der Ziffern, die Welt des Wachens mit Empfinden und Geist, des REM-Traumes mit denken und Seele und des Visionstraumes mit Körper und fühlen. Doch das wahre Bewußtsein des Herzens ist das Ja und das Nein, die Fähigkeit zum Entscheiden und zur Wahl, welche nur vom Nichts, der inneren Leere, der Aufmerksamkeit ansetzen kann.

Gurdjieff hatte erklärt, daß das Enneagramm der geheime Ursprung aller Überlieferung sei. In der Konstruktion des Rades sind wir ebenfalls vom Enneagramm ausgegangen, der Nullpunkt des Zahlenkreuzes, der Aszendent des Tierkreises entsteht durch ein gefälltes Lot, und der Punkt 10 der rechten Achse fällt mit dem Punkt 9 des Enneagramm zusammen. Die Metaphysiken der Religionen unterscheiden sich exoterisch durch die Wahl des Gottesprinzips der eine Gott des Islam, die Zweiheit Persiens, die Dreifaltigkeit der Christen, die Vierfältigkeit der Afrikaner usw. Die drei Gruppen der Sefiroth entsprechen genau der Linienführung des Enneagramms, und die Null oder Zehn ist mikrokosmisch wie kosmisch im Löwen im Rad. Die Vereinigung aller drei Interpretationen — der physiologischen, der psychologischen, und der sprachlichen — ist nun der Ansatz, aus dem wir die Grammatik von der Kommunikation in das zeugende Wort verwandeln wollen, was das ausdrückliche Ziel der Kabbala immer gewesen ist.

Damit erweist sich die Grammatik als eine Struktur des Bewußtseins und löst sich aus ihrer Verquickung mit den historisch gewachsenen Sprachen.

Betrachten wir zuerst die Grammatik rein formal mit ihren 45 Kategorien, wie ich sie verschiedentlich dargestellt habe.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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