Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

5. Sinn und Bedeutung

3 - Bina - Zeitwortarten

Die Zeitwortarten haben ihr Urbild auf deutsch in den Hilfszeitworten sein, haben und werden; nur eines der drei kann Prädikat sein. Eine Aussage ist entweder intransitiv, transitiv oder modal.

Intransitiv bezieht sie sich auf ein Subjekt: (ich) gehe, bleibe, aber auch stehe, liege, sitze. Hier gibt es kein Passiv sondern nur aktiv. Ich kann nicht sagen (ich) werde gegeben oder gestanden. Daher ist das Sein vom Menschen nur in der Tätigkeitsform zu erreichen, kann nicht als Zustand der Meditation von außen induziert werden: es muß ergriffen werden.

Nur wenige Sprachen kennen die prädikative Aussage, die den Satz zusammenfügt. Dies ist eine Rose — die Copula ist fügt nichts als Inhalt hinzu, läßt aber den Gedanken zum logischen Urteil werden. Nur die Sprachen, die das Sein in diesem Sinne verwenden, haben eine Philosophie entwickelt.

Intransitiv bedeutet Zustand, Wandel und Bewegung, die auf das Subjekt bezogen bleiben. Er ist Kapitän geworden; es ist geschehen — gelungen; das Schiff ist gesunken. In der Bewegung, gehen und kommen, drücke ich das Subjekt selber aus. Immer steht die Entwicklung vor Augen.

Die transitiven Zeitworte des Habens, zu denen ein Akkusativobjekt gehört, richten sich auf einen Gegenstand: ich mache eine Reise, trage den Koffer, schreibe den Brief; ich behalte das Buch, wasche mich — also meinen Körper, der als Haben erlebt wird. Oder ich selbst werde zum Objekt: mich dürstet, mich friert. ich kann zwei Gegenstände einbeziehen: ich lehre ihn die Schrift lesen, ich heiße ihn einen Schurken. Das Objekt kann auch den Dativ verlangen: er begegnet seinem Feind, antwortet dem Freund, folgt dem Beamten, erzählt seiner Frau den Tageslauf. Das Dativobjekt kann wieder er selbst sein: es geziemt mir nicht, es träumte mir. Manchmal ist es auch Genitivobjekt: ich gedenke seiner, bedarf der Nahrung oder kann ihr entraten… manche transitiven Zeitworte wechseln zwischen Akkusativ und Dativ, je nachdem sie subjekt- oder objektbezogen sind: ich hänge das Bild an die Wand — das Bild hängt an der Wand. Oder Akkusativobjekt zur Person und Genitivobjekt zur Sache: ich klage ihn der Tat an — er wird der Tat angeklagt, der Genitiv bleibt nur im Passiv. Ich enthebe ihn seines Amtes — er wird seines Amtes enthoben.

Die modalen Zeitwortarten sind auf deutsch nur wenige: können, müssen, mögen, dürfen, wollen, sollen und werden. Sie haben eine verbale Ergänzung, drücken etwas aus, was passieren kann oder auch nicht. Auf deutsch zeigt das Hilfszeitwort Werden des Futurs an, daß der Vorgang nicht in der Macht des Subjektes ist, während auf französisch j’irai — es auf den Stamm zurückbezogen ist und auf englisch immer sollen oder wollen, oder selbständige Entscheidung bedeutet: he shall come, he will come.

Zu den Verben mit Zeitwortergänzung gehören noch folgende: ich heiße ihn kommen, bleibe liegen, gehe schlafen, sehe ihn einsteigen, höre ihn schnarchen, lerne skifahren, helfe ihm tragen, lasse ihn gehen, fühle sie nahen.

Während die Raumworte als solche bestehen, also auf Erfahrung und Situation, auf Yin zu begrenzen sind, ist die Verwendung der Wandlung der Zeitworte die Grundlage aller Entfaltung und muß auf das All bezogen werden. Aus den drei Strichen als Permutationen von Yang und Yin entstehen die 64 Hexagramme des Buchs der Wandlungen, die alle möglichen Situationen des bewußten Lebens aufzeigen und den 64 Buchstaben des genetischen Alphabets entsprechen. Der Quintenzirkel als Rahmen des Hörens, der auf der Drei beruht, 3/2 : 2, umfaßt persönlich in der Astrologie den Lebenskreis und kollektiv als Weltenjahr, 4/3 als Quartenzirkel, das Weltenjahr als historischen Rahmen, dem auch der Messianismus, die Eschatologie entstammt, und schließlich der Kreis der dynamischen Zivilisation, wie wir ihn im dritten Kapitel als Grundlage der Sprachen beschrieben haben.

Bina heißt Intelligenz und Interesse, das dazwischen-Sein. Ketu ist im Schützen, weist auf die Milchstraße, woher alle Inspiration empfangen wird. Wenn ich aus meinem Sein eine Veränderung des Habens anstrebe, dann komme ich ins Werden. Doch das neue höhere Sein ist nicht das im ersten Sein offenbarte Ziel, sondern etwas anderes. Wie Hegel sagte: nur das für-sich-Sein bleibt in der Entfaltung identisch. Aber es gibt ein Ende der Entwicklung, wenn durch Erkenntnis aller systemischen und historischen Kriterien des jeweiligen Zeitgeistes das absolute Wissen erreicht wird, womit der Mensch seine Vollständigkeit erlangt.

Jede einmal bewährte Methode der dialektischen Entfaltung wirkt begrenzend, kann nicht zweimal verwendet werden, sonst wird sie zum falschen Saturn, wird als Umstand verstanden. Der mythische Saturn verschlingt seine Kinder, hat keine Nachfolger.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD