Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit

5. Sinn und Bedeutung

9 - Kether - Zeitwortformen

Der entscheidende Impuls der Sprache ist die neunte Wortart der Zeitwortformen. Hier bildet sich das Gedächtnis als die Fähigkeit, wissend an der Welt mitzuwirken und sowohl die Zeit als auch den Raum zu überschauen.

Gegenwart bedeutet, den Augenblick in eine Dauer zu verwandeln. Wir wissen heute, daß eine Gegenwart, eine Vergegenwärtigung, zwei bis drei Sekunden dauert, nur Erfahrungen dieser Länge, die also der Oktave und Quinte entsprechen — 2 und 3 Sekunden im Verhältnis zur Schwingung des Gewahrseins — registriert werden können. So ist die Gegenwart die Voraussetzung des Bewußtseins. Dieses seelische Bewußtsein kann aber auf andere Zeitabschnitte übertragen werden: die Vergangenheit oder die Zukunft. Perfekt bedeutet abgeschlossenen Vorgang, Plusquamperfekt setzt eine Vorvergangenheit, Imperfekt ist ein in die Vergangenheit gesetztes Präsens. Nachzukunft, zweites Futur, betrachtet die Zukunft als Ausgangspunkt, als Präsens, um mögliche Folgen einer künftigen Handlung zu bestimmen. Ohne Zeit kein Wortleib, ohne die drei Formen keine Verständigung, die eine Verantwortung der Dauer einbeziehen.

Dem Präsens entspricht der Modus des Indikativ, der Wirklichkeitsform. Um ihn zu erkennen, muß ich aber die Bedingungen verstehen, durch welche er aus der Möglichkeit in die Wirklichkeit tritt: Wirklichkeitsform, Bedingung, Möglichkeitsform.

Meistens wird die Möglichkeitsform durch eine Wandlung der Mitvergangenheit gebildet: wenn er käme, dann würde ich mit ihm abrechnen. Käme kommt von ich kam, also der in die Vergangenheit versetzten Gegenwart; ich muß den Ablauf kennen, um ihn strategisch zu meistern.

Die letzten drei Konstituenten der Formen — Aktiv, Passiv, Infinitiv — erfassen die Gedächtnisbildung in der Tätigkeit und vermeiden die falsche Verhärtung der Raumworte. Im Aktiv, der Tätigkeitsform, wirke ich mit und bin dabei. Im Passiv, der Leideform, werde ich durch das Geschehen verwandelt, lasse es über mich ergehen, steige aber als ein Verwandelter aus der Erfahrung. Im Infinitiv bin ich im All mitschwingend. Es ist einer der Mängel der deutschen Sprache, daß der Infinitiv, nicht als Prädikat des Satzes gebraucht werden kann: immer heißt es es regnet anstatt, wie auf russisch, regnen. Daher ist es auf deutsch schwer, allbezogene Vorgänge zu erfassen. Einstein erklärte, die falsche Ätherhypothese sei auf die deutsche Sprachstruktur zurückzuführen; wenn es Wellen gibt, so müsse es etwas geben, was gewellt wird, eben den Äther, dessen materielle Nichtexistenz durch den Michelson-Morley-Versuch erwiesen wurde. Er setzte an dessen Stelle, vom Hebräischen ausgehend, das Wort undulieren.

Es ist das Wesen der Sprache, daß der Gegensatz zwischen wahr und falsch nicht mit den Gegensätzen in anderen Funktionen — gut und böse, schön und häßlich — gleichgesetzt werden kann. Ich bin nicht imstande, etwas falsches zu erinnern. Ich kann über einen Witz nicht zweimal wirklich lachen, kann den pythagoräischen Lehrsatz nicht zweimal begreifen. So verlangt der plutonische, neunfältige Aspekt der Sprache dauernde Entwicklung, und in den Sefiroth ist Kether der Ursprung, der mich erst mit Gott verbindet.

Griechisch ist seine Entsprechung, Hades, ewige Wiederholung — die Qual der Hölle. Heute wird der Wissende als Experte geehrt, also jener, der aus seinem Gedächtnis lebt. Vom religiösen Gesichtspunkt aus verweilt er im geistigen Tod. Durch die Wandlung der Sprache in dauernde Kommunikation, in Entsprechung zu einatmen und ausatmen, wird die Bewußtseinsebene erreicht, die es jedem ermöglicht, von seiner Integrationsstufe aus am Strom des göttlichen Wortes teilzunehmen.

Die mannigfaltige Figur im Enneagramm zeigt die raumhaften Ergänzungen, wodurch das Bewußtsein auf die Welt wirkt. Sie sind die Bekleidung des Menschen, entstammen der Inkarnation, nicht der Bewußtwerdung. Doch der gekrönte Mensch, Kether, findet seinen Sinn auf seinem Weg zur Vollendung: er denkt in einer der Zeitwortarten des Bina, in einer Person und einem Geschlecht der Kommunikation der Chochma, und schließlich wirkt er in einer der Zeiten der Kether; er konzentriert sich auf ein wirkliches, mögliches oder notwendiges Geschehen, das er entweder lenkt, erfährt oder worin er mitschwingt, und erlebt als letztes die Freude der Teilhabe: die Unendlichkeit allein kennt keinen Schmerz.

Das Ja und Nein der Sonne, der Schritt vom Egoismus der neun Wunden zur sozialen Rolle des Schwertes, ist nur persönlich zu verwirklichen: dem All ist gleichgültig, ob man der odinschen Lichtwaltung oder der wotanschen Dunkelwaltung dient. Doch der persönliche Sinn entscheidet sich hier.

Es gibt keine Metaphysik außerhalb der Sprache. Auch Wissenschaften sind sprachliche Klärungen von Strategien. Alle Strategien sind darauf gerichtet, die Öffnung gegenüber der Offenbarung zu finden, die sowohl als Kraft als auch als Licht ohne Unterbrechung in uns einfließt und woraus wir unseren unsterblichen Wortleib erschaffen.

Alle Kraft kommt aus zerstörten Zusammenhängen, alles Licht überwindet die Einzelheit und öffnet das Bewußtsein zur Allbezogenheit. Alles Wort ermöglicht die Freundschaft, nämlich den Mitmenschen auf seinem Weg nicht nur zu achten, sondern auch zu fördern. Der Kampf zwischen der Naturbezogenheit der deutschen Philosophie und der Gottesbezogenheit der Kabbala hat zur Synthese geführt, die die einseitige patriarchalische Welt überwindet. So wird nun der zweite Teil des Buches zeigen, wie der Einzelne durch Verständnis der Offenbarung in Antwort seinen eigenen Sinn findet, um von der Grammatik und Syntax zur Dichtung seines Lebens durchzustoßen; vom Geschöpf zum Freund Gottes zu erwachsen, der allein den Überstieg zur Neuen Erde schafft und ihn auch anderen vermitteln kann.

Arnold Keyserling
Gott · Zahl · Sprache · Wirklichkeit · 1987
Die kabbalistischen Grundmächte des Seins
© 1998- Schule des Rades
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