Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

II. Teil:Die rechte Hand der Sonne

7. Saturn

Beim Kind ist nach der Geburt die Fontanelle, der körperliche Ort des Sahasrara-Chakra noch nicht geschlossen; es hat also nach der Geburt noch am Urlicht teil. Doch erst viel später erreicht der Mensch die neue Öffnung, wenn er seine Kompetenz erreicht hat, sein Schicksal kennt und bereit ist, Verantwortung für andere in der Macht zu übernehmen.

Der Ringfinger der rechten Hand zeigt die Öffnung gegenüber den Naturgeistern. Saturn gehört zur Stickstoffgruppe, die sowohl die Grundlage der organischen Düngung ist als auch jener Gifte, die die Natur gefährden.

In der bildlichen Darstellung des Großen Werkes kehrt in der neunten Stufe das Wesen aus dem Jenseits zurück, und beide Seelenvögel tauchen aus der Erde auf. Immer noch ist der doppelköpfige Mensch leblos. Doch der Leichnam selbst ist nun gereinigt, da er aus dem Urlicht seine neue Rolle empfängt, die Verantwortung für eine Stellung, die mehrere Menschen in Richtung auf das gemeinsame Werk zusammenfaßt.

Der Sinn des Ringfingers ist das Sprechen: nur was ausgesprochen ist, wird Teil des persönlichen Gedächtnisses. Die Venus der linken Hand hat Zugang zur Ordnung der Materie, gliedert sich ihr ein. Der Saturn, wieder auf der mineralischen Stufe, erlebt seine Wortgestaltung im Sprechen, indem er den eigenen Organismus und auch die Welt als Werkzeug der starken Kräfte, also des Urlichts versteht.

Verantworten heißt nicht nur sprechen, sondern auch einstehen. Der Geist ist die oberste Linie der linken Hand, an ihr kann man das Ausmaß der Verantwortung abmessen. Aber die Macht wird falsch, wenn sie nicht das gemeinsame Ziel, sondern die egoistische Befriedigung erstrebt. Daher gilt es, falsche Macht durch Verantwortung zu überwinden, indem jener, dem man seine Stimme zur Vertretung der gemeinsamen Interessen gegeben hatte, seine Intentionen so offen erklärt, daß jeder Betroffene sie versteht und ihnen zustimmt.

Für die Griechen war die Epoche des Kronos das goldene Zeitalter, da es keine Herren und Knechte gab. Wird die Sprache zur Grundlage des öffentlichen Lebens, sodaß es keine Feindbilder und keine Geheimhaltung mehr gibt,und niemand sich eine Wahrheit als Besitz anmaßt, dann gönnt man jedem seine Funktion und Stellung ohne Neid. Alle Kompetenzen, die von einer fiktiven Gemeinschaft verliehen werden, zerstören die Verantwortung. Aber da die Funktion aus dem Urlicht kommt, das die Vision durch bloßes Verstehen zusammenfügt, gibt es keine Seinshierarchie. Im paleolithischen Sozialgefüge wurde jede Rolle bei den Jägern und Sammlern funktional verstanden, sie war austauschbar, kannte keine absolute Herrschaft. Auch das mittelalterliche Gottesgnadentum des Kaisers meinte ausdrücklich den primus inter pares, den Ersten unter Gleichgestellten — die peer group, die die einzig förderliche Gesellschaftsform darstellt und in der Geschichte nur in der Hocharistokratie verkörpert war.

Doch wenn die Menschen keinen Zugang zur Pflicht finden, müssen sie diese erst erlernen. Für viele Menschen war äußerer Druck die beste Möglichkeit, um den eigenen Willen zu entdecken. Kein Kind mag einen kameradschaftlichen Vater. Aber alle Erziehung hat ein Ende und darf nie in bedingungslose Loyalität zu anderen Menschen ausarten.

Pluto, Neptun und Uranus gehen von der Allbezogenheit aus; sind sie nicht integriert, so wird die Macht falsch. So ist das klare Denken des Uranus in Einklang mit der Offenbarung, Neptun als Befreier der Persönlichkeit und Pluto als Durchbruch zum Können, die kosmische Einstellung, die das Horoskop ermöglicht. Doch die neue Berufung des Menschen als positiver Saturnträger verlangt eine neue Gesellschaft, eine Wiedergeburt des goldenen Zeitalters auf bewußter Ebene. Sie ist durch den Weg des Wissens erkennbar, weil jeder nur über das Verstehen seine sinnvolle Stellung im Ganzen findet.

Für die unteren Stufen der Menschwerdung haben die Pioniere der Psychologie viele Hindernisse beseitigt, den Grund eingeebnet, und falsche Hierarchien auf Grund von Besitz oder Erbe sind überall auf der Welt überwunden. Wenn theokratische oder nationalistische Strukturen noch existieren, so kann man das als ein letztes Aufbäumen vor dem Tod betrachten.

Saturn verlangt das dauernde neptunische Gespräch, öffentlich im Parlament, um sich nicht zu verhärten. Es gibt kein Geheimwissen und keine Notwendigkeit einer weltanschaulichen Loyalität, all das entspringt falschem Denken.

Thomas Ring, der große Pionier der Astrologie, behauptete, bis zum Ende des zweiten Weltkrieges seien Konstellationen von Uranus, Neptun und Pluto nur als kollektive Geschehnisse zu begreifen gewesen; erst die in der Wassermannzeit aufgewachsene Generation könne diese drei — den Lichtleib, Kraftleib und Wortleib — integrieren.

Merkur ist schlau und kämpft nicht; sein Witz ist seine einzige Waffe, er ist sich seiner Gottessohnschaft bewußt und erkennt die religiösen, nationalen oder wirtschaftlichen geforderten Loyalitäten als Fangstricke solcher, die ihn in ihren geistigen Tod mitreißen wollen, und entgeht ihnen durch Schlauheit.

Doch die öffentliche Ordnung ist nicht das letzte Ziel. Chinesisch ist sie der Ort des Berufenen. Darüber hinaus geht die Vollendung des Menschen zum Heiligen Weisen, dessen Symbol der kleine Finger der rechten Hand in Entsprechung zum Jupiter ist. Immer wurde dieser als das oberste Göttliche in der manifestierten Welt verstanden; nicht als Got, sondern als Brückenbauer zwischen Diesseits und Jenseits durch Teilhabe an der Alliebe.

In der linken Hand beginnt die geistige saturnische Linie im Süden bei der voll entfalteten Seele, der erreichten Kompetenz im Leben, und hat ihren Endpunkt im Osten, der Öffnung gegenüber dem Urlicht. Der Ort des Saturn im Handteller ist aber im Südwesten, in der Öffnung zu den Naturgeistern. Der menschliche Geist entwickelt sich nur dann positiv, wenn er den Einklang mit der Natur nie verliert, also Glück und Fortuna hat, die Tugend des Staatsmannes. Sobald eine Richtung nicht klar im Sprechen zu bedenken ist, wird sie negativ und satanisch. Hier kann nur die innere Stimme des Gewissens den falschen Hochmut überwinden und die Rückkehr zur Bescheidenheit weisen.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
II. Teil:Die rechte Hand der Sonne
© 1998- Schule des Rades
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