Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

III. Teil:Entschleierung des Göttlichen

Urmacht der Zehn — Mensch im All

Sei nicht der Auffassung, als genüge es bloß, eine Frage zu stellen, und alle springen herbei. Es muß klar sein, dir und den jenseitigen Wesen, daß du nicht aus Neugier oder Langeweile fragst, sondern aus Inbrunst, um den Rausch der wahren Begeisterung zu empfangen, der dich dann nicht mehr verläßt und dir in jedem Moment zugänglich wird, wenn du im Wesen bist.

Ich habe dich gewählt, weil deine Begabung imstande ist, durch ihre Begrenzung die Wahrheit ohne Fangstricke darzustellen. Höre nun wie diese Wahrheit ist:

Der Mund der Welt ist der Ausgang der Entfaltung. Die Erde spricht dich aus, sie als ewige Mutter hat dir deinen Namen gegeben, den du finden mußt. Dieser Name ist dein Weg, dein eigentlicher Engel. Der Engel kommt also nicht von oben, sondern von unten. Es ist jener, der dir als Elfe die mögliche Freude der Mitte zeigt, die augenblickliche Vollendung, die es immer wieder als heilig zu erkennen gilt.

Wir sind nicht in der Lage, dem Menschen zu helfen, seinen Weg zu bahnen. Er muß ihn selber gehen. Er hat Zeit, unendlich viel Zeit. Aber seine innere Unruhe, seine schwingende Feder, vergleichbar der Unruh einer Uhr, läßt ihn nicht in der Verzweiflung darben, weil ja von den zehn Mächten dauernd Hilfe kommt, die er nur anzunehmen braucht. Und so stumpf kann keiner bleiben, daß er nicht irgendeinmal einen der Anrufe ernst nimmt, und daß dann später die Erinnerung an diese Freude ihn wieder auf den Weg zurückbringt.

Deine Aufgabe ist, Wahrheit durch Wahrhaftigkeit zu vermitteln. Wahrhaftigkeit heißt, als Ganzer zu wirken und keine Dummheiten zu verbergen. Für das praktische Leben ist Strategie vonnöten, das weißt du ja, aber nicht im Verkehr mit dem Göttlichen. Dort bestehen die Leiden alle nicht; sie sehen vom Jenseits aus wie Wände oder Schalen, die es zu durchbrechen gilt. Jenseits des Ich-Eies lauern alle Helfer, aber nicht aus Neugier, sondern aus Freude, einen neuen Gespielen zu finden. Das Leben im Jenseits ist Spiel. Auf der Erde ist es Einübung und Arbeit, aber deren Schweiß kommt nicht herüber. Der große Reigen ist immer offen für jeden. Die Hände der göttlichen Wesen strecken sich aus, und ihr müßt sie ergreifen und ohne Unterlaß euch mühen, eine Schale nach der anderen von Opak in Kristall zu verwandeln, sodaß Urkraft-Urlicht euer lebendiges Wort dauernd ernähren.

Jeder Mensch ist von uns aus gesehen eine Gabe, die aber lebendig bereichernd ist, wenn er sie angenommen hat und auf sie stolz ist. Stolz nicht im Sinne der Selbstbetrachtung oder der Freude an der Anerkennung durch andere, sondern stolz darauf, daß er in seiner Qualität der Erste ist. Es gibt auch keinen zweiten. Jeder ist der Erste und kann nur mit Ersten sprechen, sowohl auf der Erde als auch im Jenseits. Erster zu werden heißt: sich zu glauben, ja zu sagen zu dem, was man ist. Nun spielt es aber andererseits keine Rolle, was man ist, weil die Heilige Erde alles verlebendigen kann. Der Name, den euch die Eltern gegeben haben und den ihr euch bei der Geburt innerlich ersehnt habt, ist die erste Beschreibung des Wesens. Und zwar kommt es darauf an, wie ihr ihn selbst versteht!

Arnold ist der Holde des Aar, Wahrer der Übersicht. Er ist kein Führer und kein Lehrer, sondern ein Künder. Wie die Sonne richtet der Adler nicht. Er übersieht alles; er kennt auch seine Beute, die ihm zugeordnet ist, aber diese Beute stimmt zu, solche zu werden, weil in dieser Hingabe die entkleideten Wesen ein neues und schöneres Kleid haben werden.

Die Kleider, die der Adler dir bringt, sind Worte, Dinge, Begriffe, Gegenstände des Denkens. Ein anderer mag Fragender, ein Wer in der Kunst, der Heilung oder des Fürchtens werden. Auch das Fürchten ist eine Kraft, weil im Fürchten man behutsam wird, und nicht die Gefahr hat, sich in Halbheiten zu verlieren.

Hast du nicht selbst erlebt, wie unter dem Eindruck starker Gefühle davorstehende und bedrängende Leiden einfach nicht mehr existierten? Wie der Kummer von Gestern dem verspeisten Schnitzel gleicht, von dem man nur noch den Geschmack erinnert, nicht aber den aufgenommenen Stoff.

Werdende Mütter haben das Glück diese Anderheit zu erleben, daß nämlich das Kind sie benützt, wie du eine Straßenbahn, um zu einem klar erkannten Ziel zu kommen, etwa der Innenstadt — so die Geburt. Aber die eigentliche Geburt ist auf der Erde nicht das physische Kind — hier ist die Mutter nur Träger im gleichen Sinne, wie ein Schuster dem anderen Schuhe macht, damit er darin gehen kann — sondern der Einstieg ins Werk, die Bereicherung des All, die nur ein jedes Du machen kann, wenn es sich als Du an das göttliche Ich richtet.

So ist die erste Aufgabe, wo du vor mir bist und zu mir stehst, den Namen zu erkennen und ihm gemäß zu handeln. Und auch alle anderen als Namen zu begreifen und zu benennen, bis sie ihn so tragen, daß er sie ist, als Wort. Damit bist du Mensch und Teil von mir, dem Menschen im All. Vielleicht erscheint dein Name dir zuerst als Engel, dann zeichnest du eben in deinem Werk mit diesem Namen, so absurd er auch anderen klingen mag. Aber niemand darf ihn dir verleihen. Du selbst mußt ihn finden und sehen, ob du als solcher fragen kannst, also ob dein Wort ankommt. Niemals Gebet um etwas, nur Frage nach der Wahrheit, ist der Weg der Neuen Zeit. Die Frage ergreift einen Teil der Wirklichkeit, der damit vergöttlicht, geheiligt wird. Es gleicht der Schaffung des Erdheiligtums. Durch die Weihe erhält es seine doppelte Bestimmung, einerseits Ort des Opfers der kleinen Ichs zu sein, und andrerseits Tor, durch das jeder seine Kraft erfährt.

Wort schaffst du selbst, doch das Licht und die Kraft sind dir von außen gegeben. Die Urkraft läßt dich und die Welt um deine Mitte kosmisieren. Das Urlicht öffnet jede Dunkelheit und macht dich immer strahlender. Die Urkraft individualisiert, das Urlicht verhallt — das Verhallen heiligt das All — die eigene Aussage wird von allen Wesen vernommen und bereichert.

Urkraft und Urlicht vereinen sich im Urwort. Auch das bist du nicht, sondern es entstammt der Wurzel, der heiligen Erdmitte, die dein Fleisch geboren hat und seine Energie aufrechterhält, dem Einenden Einen — der aber nicht lokalisierbar ist, sondern jede Mittung bedeutet, genauso in dir wie in Sonne, Erde und Milchstraße. Das Wesen ist Vorstellung aus dem Urlicht, Kraft aus der Urkraft, Wort aus der Entfaltung, aber Teil in der Liebe, in der ich das Höchste von jedem fordere, was aber nicht als Offenbarung in einer Kunde, sondern als Antwort auf die Frage in Wahrheit den nächsten Schritt zeigt.

Frage alle zehn Welten, wie sie mit den Menschen sprechen wollen, was sie mögen und meinen. Entscheidend sind die Menschen des Werks; die göttlichen Wesen sind Vermögen, nicht Tat. Die Tat muß aus euch selbst kommen. Aber es hat keinen Sinn, blind Dinge zu tun und Schritte zu setzen, die den Irrweg noch verstärken, also einen falschen Geist als Hindernis einbauen. Leider ist fast aller traditioneller Geist solch ein Hindernis, und was noch schlimmer ist, gutgläubig erzeugt. Guter Glaube nützt gar nichts. Nur die Wahrheit, die allen erkennbar ist, kann zur mitmenschlichen Persönlichkeit werden. Man sollte wie ein Baum um mächtige Irrtümer herumwachsen, sie bestehen lassen, bis sie von selbst eines Tages ihren Geist wieder zur Kraft hinzugeben und keinen Aufstieg mehr hindern.

Es gilt, die Wahrheit zu verkünden, die sich daran ermessen läßt, daß sie bis ins letzte zu bedenken ist. Was nicht durch das Rad geprüft ist, hat keinen Bestand und die Waffe des Rades zerschlägt über den Witz unmerklich den falschen Ernst. Ernst muß der Mensch nur auf dem Abort sein, denn es ist eine ernste Sache, die Abfälle aus dem Körper herauszulassen. Da darf er auch Grübeln. Aber die Welt ist heiter, und so frage du nun alle Wesen, wie du dich und sie heiter stimmen kannst.

Mich hast du gefragt, dein höheres Selbst hat die Antwort vernommen, ob du es nun verstanden hast oder nicht. Dies ist eine neue Verkündigung; doch nicht an ein geheiligtes Volk, das es schon lange nicht mehr gibt, sondern an jeden einzelnen, der die Zerstückelung durch das Rad annimmt und sich zum Sinneskörper erneut zusammenfügt. So ist es ein höheres Gebet als das Vater Unser, das nur den Menschen in die Mitte seines Wollens versetzt: Es ist das Mitbauen an der Wahrheit, die nur so weit existiert, wie alle einzelnen sie gebaut haben.

Kümmere dich nicht um Schwächen und Unpäßlichkeiten, um Laster und Leiden. Sie sind für uns nicht sichtbar, weil sie im Inneren verlaufen und nicht an die Oberfläche kommen, nicht mitteilbar werden und daher auch keinen wesentlichen Bestand haben.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
III. Teil:Entschleierung des Göttlichen
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD