Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

I. Teil:Die linke Hand des Mondes

2. Venus

Feuer und Licht sind überall, Urkraft und Urlicht bestimmen das ganze Universum. In vielen Übungswegen wird ihre Wechselwirkung erfahren. Mit dem zweiten Schritt des Großen Werkes, dem Ringfinger der linken Hand kommen wir nun an das Denken und Wissen selbst. Die Lust des Riechens bedeutet, im Erleben zu atmen und nicht im Geruch der Verwesung zu existieren. Doch das Mineral als Ursprung des Denkens — im Hara, dem Swaddhistana-Chakra der Ichbildung, ist der Schwerpunkt der materiellen Existenz muß in seiner Gänze verstanden werden.

Das Mineral als bestimmte Kombination chemischer Elemente verfällt nach dem Tode wieder in seine Komponenten, die als solche nicht sterben, sondern in andere Kombinationen eingehen werden. Die Materie ist nur bewußt, wenn sie über das Wort — als Salz, als Metall oder Kristall — zugänglich wird. Zahl und Wort sind die Mittel des Denkens, das nur wirksam wird, wenn die Kraft auf den Stoff gerichtet ist und nicht wie im Traum versucht, eine Materie aus der Vorstellung zu schaffen. Im Großen Werk wird diese Stufe als erstes Treffen von König und Königin bezeichnet, wobei Venus das Urbild der Königin ist.

Der Mann muß seine Stellung erobern, die Frau diese verlebendigen und mit der bergenden Kraft verbinden. Der Ringfinger wurde das Zeichen der Ehe. Im bürgerlichen Leben Voraussetzung zur Kindererzeugung, ist die Begegnung von Mann und Frau im Großen Werk das Bekenntnis zur Materie, die wir zu erlösen berufen sind. Hier finden wir den Unterschied zwischen kirchlichem Christentum und alchemistischem Weg. Nicht der Mensch ist zu erlösen in seiner seelischen Persönlichkeit, sondern das Mineral in ihm, der Stein seines Wesens muß in buddhistischer Sprache vom Kohlenstoff zum Diamantleib werden. Hermes ist dreimal groß: er ist im Mikrokosmos, im Kosmos und im Makrokosmos zu Hause.

Betrachten wir die Materie im Zusammenhang des All, so zeigt sie folgende Ordnung:

K o s m o s

Das Urlicht ist bestimmt durch die Ausdehnung des All, die Lichtgeschwindigkeit, worüber alle Wesen in Resonanz stehen, und die Unendlichkeit, die denknotwendig ist; denn wenn man fragt, was besteht hinter unserem als endlich vorgestelltem Universum in seinem Wechselspiel von ausdehnen und zusammenziehen, so sprengt die Antwort das Denken.

Das Urlicht offenbart sich im Mikrokosmos als Elektromagnetismus, dem kontinuierlichen Spektrum zwischen Gammastrahlen und Radiowellen, und im Makrokosmos als Beziehung der Himmelskörper zueinander, welche bis in den Mikrokosmos reicht. Hier ist der entscheidende Unterschied zwischen bürgerlicher und hermetischer Physik: Während die erstere bei den vier Wechselwirkungen stehen bleibt — Elektromagnetismus, Gravitation, starke und schwache Wechselwirkung, ist für die hermetische Philosophie das entscheidende Kriterium, daß der Elektromagnetismus ein Ausfluß des Urlichts ist, sich also in Bewußtsein verwandeln kann, während die Gravitation einen Ausfluß der Urkraft darstellt. Auch auf Erden ist alle Kraft, die wir verwenden, ein Ausdruck der Schwerkraft, ob es sich um Muskelanstrengung oder um Maschinen handelt.

Das Denken vermag Materie dem Bewußtsein anzujochen. Das Werkzeug ist das Differentialkennzeichen des Menschentiers. Aber erst heute hat sich das Werkzeug auf die kosmische Ebene erhoben und damit ist die Sprache, die dem Atem und dem Riechen entstammt, der Zugang zu einer Ichfindung — Swaddhistana — die nicht im Gegensatz zur Welt und ihrem Sinn steht.

Das Gewahrsein schafft die Möglichkeit der starken Kräfte, die die Atome zusammenhalten. Für die Alchemie ist der Wandelnde das Gewahrsein, dadurch entsteht die bleibende und beharrende Struktur der Information, worin allein Aufstieg möglich ist.

Die Quantas, reine Zahlen, haben unendliche kosmische Energie; das Wirkungsquant ist die subjektschaffende kleinste Einheit des All, die Zahl 1 des Universums. Während die Lichtgeschwindigkeit als Resonanzmöglichkeit das All zusammenhält, bildet das Quant zufolge der Einstein’schen Formel E = mc² die Berechnungsgrundlage des Energiegehalts des Universums.

Als Denker steht der Mensch zwischen zwei absteigenden und einer aufsteigenden Ordnung, wobei die vierte Koordinate des Gewahrseins die horizontale Beziehung zu anderen Wesen darstellt.

Mikrokosmos — linke Reihe.

Das Quanta wird zum Photon, der Lichteinheit. Diese ist der Lichtgeschwindigkeit unterworfen und ohne Masse, doch hat bereits eine meßbare Energie. Das Photon ist der Sinneswahrnehmung zugänglich, schafft im Empfinden den kosmischen Zusammenhang, ist also Erbe des Hermes aus der ersten Stufe des Großen Werks.

Das Photon erzeugt Elektron und Proton sowie die anderen Kernbestandteile, Quarks und Leptonen, die im Verhältnis von Anziehung und Abstoßung stehen und im Universum den Plasmazustand bestimmen. Laut Charon hat jedes Elektron in seinem Inneren mehr Photonen als es Sterne im Universum gibt und bildet daher die Grundlage des Gedächtnisses in der Materie; die Photonen können unendlich viele Konfigurationen annehmen und als Information bewahren; sie enthalten sogar notwendigerweise die gesamte Information des Weltalls seit dem Urknall aus ihrer speziellen Sicht, welche uns zugänglich wird, wenn wir an das Elektronenbewußtsein herankommen. So wäre dies vielleicht die Grundlage der Akasha-Chronik von Rudolf Steiner.

Im Salz als gesättigter Verbindung ist die Information fixiert, im Metall und bei der Ionisierung frei in Bewegung, im Kristall erzeugt sie die Kraftlinien des Wachstums. Was die menschliche materielle Gestalt zusammenhält, ist eben diese Fähigkeit der Kristallisation, die als Kraftlinien den harmonischen Körperbau bestimmt.

Doch zwischen den drei molekularen Zuständen und den Elektronen stehen die Atome, die im Uratom veranschaulicht sind. Jedwedes Atom im gasförmigen Zustand hat den gleichen Umfang. Es gibt 92 natürliche Atome, die nach dem Multiplikationsfeld im Rad gegliedert sind. Jedes hat einen Kern mit sieben Schalen, die kosmisch den Chakras entsprechen. Die Elektronen kreisen in diesen Schalen und deren Bahnen. Sie können beliebige Konstellationen annehmen, welche die jeweilige qualitative Wirkweise bestimmen.

Die Reihe Quanta, Photon, Elektron, Atom und Molekül bedeutet einen Abstieg der Freiheit, das Molekül ist symmetrisch und hat die geringste Energie. Sie entspricht der makrokosmischen Reihe.

Makrokosmo — rechte Reihe:

Das All umfaßt die Milchstraßen, die sich um ein schwarzes Loch als Mitte drehen.

In der Milchstraße kreist die Sonne mit ihren Planeten, deren Strahlung durch die Verwandlung von Wasserstoff in Helium aufrechterhalten wird. Sie ist in einem Arm der Milchstraße, deren Form als Hakenkreuz erscheint.

Um die Sonne kreist die Erde mit den anderen Planeten.

Um die Erde kreist der Mond, der aber keine Eigendrehung hat und seinen Schwerpunkt in der Wirkung auf das Leben der Erdoberfläche — einem schmalen Film von ca. 12 km — hat und die Ebben und Fluten der Meere ebenso wie das Wachstum regelt.

Mitte.

Zwischen diesen beiden Bereichen, die an beiden Enden in die Unendlichkeit verschwinden, nach dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen zu, entfalten sich die Wesen, Moleküle unter dem Einfluß des Strebens nach Sättigung wie bei Wasser und Salz vereinen sich zum DNS, dem genetischen Code.

Aus der Wechselwirkung von Atom, unverwechselbarer Einheit und der Erde entstehen die Pflanzen zwischen Keim oder Same und Gestalt wie Baum und Blume. Während das Kristall symmetrisch ist, die Kraft potenziert und das Licht prismatisch bricht, zeigt die Pflanze die Verschiedenheit von oben und unten, beim Baum Krone und Wurzel, nimmt das Sonnenlicht über das Grün des Chlorophyll auf und erzeugt damit die Synthese der Kohlenwasserstoffe. Ihr Atemrhythmus ist auf die Erde, auf Tag und Nacht gerichtet, einatmen der Kohlensäure und Ausatmen des Sauerstoffes, der die Grundlage der Tierwelt bietet.

Die Tiere sind durch das limbische System — Anziehung und Abstoßung, Vermeidung von Schmerz und Wiederholung von Lust — gelenkt. Sie stehen in Entsprechung zur Sonne mit ihrem Wechsel von Tag und Nacht. Tagwelt ist die Erfahrung und das Lernen, Nachtwelt der Zugang zur Motivation der Instinkte. Sie leben in der Einordnung in Merkwelt und Wirkwelt im kosmischen Stoffwechsel des Fressens und Gefressenwerdens, haben aber in den vier Urtrieben die Ausrichtung auf Aufrechterhaltung des lebendigen Gleichgewichts. Ihr Organismus fügt zur Unterscheidung von oben und unten der Pflanze jene von vorne und hinten hinzu.

Der Mensch als nächste Stufe hat durch das Wort, die Sprache, die Fähigkeit der denkerischen Assoziation die Möglichkeit, Motive und Intentionen links und rechts in den Großhirnhemisphären zu unterscheiden. Seine Sinne nehmen Photonen wahr, und seine Motive lassen sich astrologisch aus den neun Planeten ablesen; sein Bewußtsein ist also auf die Milchstraße geeicht.

Oberhalb des galaktischen Bewußtseins ist das Allbewußtsein, die Einstimmung in die Gattung, die beim Menschen über den Tod hinausreicht und Traum und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits als zwei Modalitäten betrachtet, die es im Wort zu vereinen gilt. So ist die Teilhabe am Urlicht gleichzeitig Teilhabe an der Urkraft, die aber physikalisch nicht den schwachen Wechselwirkungen entspricht, sondern der Selbstorganisation des Lebens, welche am besten durch den Reich’schen Ausdruck des Orgon bezeichnet wird; jener Kraft, die im Orgasmus die höchste Lust des Tastsinnes mit einer Transzendierung der individuellen Vereinsamung verbindet.

Venus ist der einzige Planet, der in allen drei Ordnungen der mikrokosmischen des periodischen Systems bei den Erdalkalimetallen, der kosmischen, die ihren Ausdruck in der Sprache hat — im Enneagramm — und schließlich in der Ordnung der Chakras und Planeten von der Sonne her die gleiche Zahl 2 ist. Die Zweiheit bedeutet Kraft und Stoff, Materie und Energie, Form und Inhalt. Die Vereinigung von König und Königin im Bewußtsein bedeutet, daß die Kraft von der tatsächlichen Materie ausgeht und die irdische Möglichkeit vollendet, also kein Wolkenkuckucksheim baut.

Jedes Denken, das kleiner ist als der universale Zusammenhang, zerstört den Sinn der Wesen, was wir heute auf allen Gebieten erleben. Daher kann nur der Einzelne die Venus wirklich integrieren. Diese Integration zeigt sich in den Händen an den Zeichen des Westberges und in der rechten Hand in der Kopflinie des Denkens. Selten reicht diese rechts bis zur äußersten Grenze, die Strategien des Denkens sollten mit sechzig vollendet sein, sonst wird die Einstellung auf eine nächste Existenz verschoben. So ist der Ringfinger der zweite Schritt des Werks: erst jener, der das All materiell versteht, als mineralische Voraussetzung des Großen Werkes, kann die Schwelle überwinden, um in die höheren Stufen von Pflanze, Tier und Mensch der linken Hand einzudringen. Der Weg des naturwissenschaftlichen Wissens ist daher die unbedingte Voraussetzung.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
I. Teil:Die linke Hand des Mondes
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD