Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das große Werk der göttlichen Hände

I. Teil:Die linke Hand des Mondes

4. Mars

In der dritten Stufe des Großen Werkes begegnen Sonne und Mond, König und Königin einander nackt. In der vierten gehen sie zusammen ins Bad, wiederum in das Wasser, dessen alchemistischer Ursprung der Merkur ist und das die Einstimmung in die Triebhaftigkeit bedeutet. Der Zeigefinger entspricht der Fähigkeit des Kämpfens beim Tier, das im Fressen und Gefressenwerden zwischen Instinkt und Erfahrung im Werden und Vergehen lebt.

Das Unglück der bürgerlichen Welt war die Vergeistigung der Gesellschaft und die Unterdrückung des Tieres. Tatsächlich ist der seelische Mensch ein Tier und er kann nicht gedeihen, wenn er seine Tierhaftigkeit nicht voll akzeptiert. Diese verlangt den Kampf ums Dasein. Die vier Triebe — Sicherung, Nahrung, Aggression und Reproduktion — bestimmen die Motivation des Überlebens, aber auch des Sterbens zur rechten Zeit.

Die Ideale des Adels waren Tierideale. Es gibt kein unvornehmes Tier, weshalb man Menschen negativ nicht als Tiere, sondern als Untiere bezeichnen soll. Der Nahrungstrieb verlangt, nicht nur für sich sondern auch für seine Angehörigen das Notwendige zum essen und wohnen zu haben.

Sicherung bedeutet, daß man in seinem Heim nicht vertrieben werden kann und auf seine Feinde achtet — wach ist. Nahrung steht in Beziehung zum Fühlen, Sicherung zum Empfinden. Doch die meiste menschliche Angst ist denkgeboren; man fürchtet sich vor Neuem und Ungewohntem; man hat also Angst, aus dem Traum der dauernden Selbstrechtfertigung der Seele zwischen Selbstmitleid und Selbstkritik aufzuwachen. Ein Tier empfindet wachsam. Doch seine Empfindung ist unmittelbar an die vier Triebe gekoppelt; es ißt z. B. nur, was ihm bekommt. Den Sinnen sind die Instinkte inhärent, während Sinne und Triebe beim Menschen durch die Sprache voneinander getrennt sind. Der Aggressionstrieb verlangt die Sicherheit des Territoriums, ob es nun persönlich oder kollektiv oder beides ist, und ferner die richtige Stellung in Gruppe und Gemeinschaft, gleichsam der hierarchische Sinn. Oft geht dem Erreichen der Stellung eine Auseinandersetzung voraus. Ist sie zu hoch oder zu niedrig, kommt der Mensch nicht zu seiner Kraft. Der Reproduktionstrieb schließlich richtet sich nicht nur auf Nachkommen; er bedeutet auch Vervielfältigung seiner selbst. Wie das Genom jede Zelle nach dem gleichen Prinzip entstehen läßt, ebenso will der Mensch seinen Stempel nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und geistig der Welt aufdrücken, anerkannt sein, und nicht als eine Nummer wie im Gefängnis oder in der Massengesellschaft untergehen.

Das Bad bedeutet Rückkehr in die fließenden Triebe. Fast jedes Gedankengebäude verhärtet sich und ebenso die soziale Stellung. Denkerische Sicherheitssehnsucht bedeutet Todestrieb, Trägheit und Müdigkeit; denn der Aggressionstrieb und nicht der Sicherungstrieb gehört zum Denken. Er muß immer aktiv sein, wie wir es aus der Geschichte wissen. Sobald einer seine Macht aufgibt, sind schon andere da, um sie zu übernehmen.

Vergeistigung der Triebe ist die große Gefahr. Da der Mensch ein individuelles Bewußtsein hat, das stärker ist als sein Gattungsinstinkt — selbst Bernhardiner erkennen in Pekinesen den Artgenossen — neigt er dazu, seinen Willen — Mars als Zeigefinger gehört zum Herzchakra — in Stolz, Haß und Nichtwissen zu vereinsamen. Die neun positiven Fähigkeiten der Planeten werden dann zu Lastern:

  • Jupiter zur Eifersucht,
  • Venus zur Eitelkeit,
  • Uranus zum Ehrgeiz,
  • Mond zur Gier,
  • Merkur zur Habsucht und Geiz,
  • Neptun zum Neid,
  • Mars zur Wut,
  • Saturn zum Machttrieb und
  • Pluto zur Selbstsucht.

Wenn der Mensch dem losgelösten Egoismus folgt, dann ist er immer noch natürlich: er dient dem zerstörerischen Aspekt der Gattung, wie etwa die Lemminge sich bei zu großer Vermehrung ins Meer stürzen. Grausamkeit entsteht, wenn die Tierhaftigkeit — das Ideal des Ritters, der mit seinem Pferd verwachsen ist und aus Ritterlichkeit einen sich ergebenden Feind nicht tötet — vergessen wurde.

Je länger eine Gesellschaft friedlich existiert, desto mehr ähnelt sie einer Tierart. Der sogenannte Totemismus der Stammeskulturen, die sich mit einem Tier identifizieren, entstammt der Erkenntnis, daß die Tierhaftigkeit höher steht als die selbstbezogene Pflanzenhaftigkeit. Wenn einer sein Tier als Name annimmt, hat er die Beziehung zum Geist der entsprechenden Gattung und versteht dadurch besser seine Rolle in Natur und Kultur.

Kampf bedeutete für die Stammeskulturen nicht die Vernichtung des Gegners wie bei den Ideologien, die die eigene Partei als gut und die andere als böse im Sinne des limbischen Systems betrachten, sondern das Finden des Standorts. Richtige Bescheidenheit ist für den Löwen Löwe zu sein und für die Maus als solche zu leben, nicht aber als Löwe Angst und als Maus Größenwahn zu haben. Die Stellung in der Welt auf Grund des Aggressionstriebes ist vital, aber geistig irrelevant. Man muß sie nur kennen. Und um sie zu kennen, muß man seine Tierheit wiedergewinnen, indem man nach der Lehre der australischen Ureinwohner fünfzig Prozent allen Geschehens nicht dem Ich, sondern den Instinkten zurechnet.

Die Entfaltung der Pflanzlichkeit des Menschen haben die Inder im Yoga zur Vollendung gebracht, die Entfaltung der tierischen Bewußtheit die Chinesen im Buch der Wandlungen. Ich habe Struktur und Methodik des chinesischen Denkens in anderen Büchern geschildert, hier will ich mich darauf beschränken, was sie für die vierte Stufe des Werkes bedeuten.

Wie wir schon bei Merkur verstanden, gibt es letztlich im All nur Urlicht und Urkraft, die sich im Menschen zum Urwort vereinen.

  • Urlicht ist die Richtung von oben nach unten
    und im Uhrzeigersinn des Tageslaufes,
  • Urkraft die Richtung von unten nach oben
    und im Laufe des Jahres, der Sonne und Planeten.

So ist der Tageslauf Yang, der Jahreslauf Yin.

Yin wird veranschaulicht als gebrochene Linie, Yang als ungebrochene. So gibt es vier Richtungen von Yang und Yin, denen bestimmte Zahlenwerte zugeordnet sind:

kleines Yin
kleines Yang
=
=
8
7

großes Yin
großes Yang
=
=
6
9

wird 7
wird 8

Diese vier Bewegungen bedeuten:

  • Kleines Yin oder Yang, der Weg bleibt gleich, keine Veränderung.
  • Großes Yin oder Yang: 6 verwandelt sich in 7, 9 in 8:
    Veränderung der Lage durch Hingabe oder Entscheidung.

Jedes Wesen ist durch drei Kriterien bestimmt, die Erde, Wesen und Himmel heißen. Daher ergeben sich als Bewußtseinskomponenten die Konfigurationen der acht Trigramme, wobei man von unten nach oben liest:

Schwache Linie unter zwei starken ist Empfinden
Schwache Linie zwischen zwei starken ist Denken
Schwache Linie über zwei starken ist Fühlen
Alle drei Linien schwach ist Wollen
Starke Linie unter zwei schwachen ist Geist
Starke Linie zwischen zwei schwachen ist Seele
Starke Linie über zwei schwachen ist Körper
Drei starke Linien ist Gewahrsein

Diese Darstellung ist nicht nur schematisch; die erste Photographie eines Gens im Buch von Watson über den Doppelhelix zeigt das Zeichen 42 des I Ging. Jeder Mensch ist immer zwischen rechts und links, wobei rechts als der Welt zugekehrt, sich in der rechten Hand zeigt und links, sich selbst zugekehrt, in der linken Hand.

Die acht Urzeichen gliedern sich in den Bergen der Hand nach den Himmelsrichtungen, wobei sie links ein Motiv und rechts ein Bild der Funktionen und Bereiche veranschaulichen. Die Mitte der linken Hand ist Te, der rechten Tao. Hierdurch kann man erkennen, wie man zum Akzeptieren seiner Anlage und Aufgabe kommen kann, zu Karma und Dharma. Die traditionelle chinesische Zuordnung hat sich im Laufe der Geschichte verändert, doch heute in der Wassermannzeit kehrt die ursprüngliche Ordnung zurück:

  • Osten, Südosten, Süden und Südwesten sind Yang,
  • Westen, Nordwesten, Norden und Nordosten sind Yin.
0
7
6
5
4
3
2
1
O
SO
W
SW
W
NW
N
NO
linke Hand:







Das Schöpferische
Das Erregende
Das Abgründige
Das Stillehalten
Das Empfangende
Das Heitere
Das Haftende
Das Sanfte
Gewahrsein
Geist
Seele
Körper
wollen
fühlen
denken
empfinden
rechte Hand:
Himmel
Blitz und Donner
Fluß
Berg
Erde
See
Feuer und Holz
Wind und Gras

Für das Gewahrsein erscheinen die Motive und Intentionen als Bilder der Bereitschaftswelle. Es gilt als Tier die Eigenmächtigkeit aufzugeben und sich der Situation anzuvertrauen. Die Sprache des Wollens ist eine andere als die des Denkens; sie ist bildhaft, führt sofort zur Wahl und Entscheidung.

Die Finger haben chinesisch eine zusätzliche Bedeutung:

linke Hand:
Holz
Feuer
Erde
Metall
Wasser

kleiner Finger
Ringfinger
Mittelfinger
Zeigefinger
Daumen
rechte Hand:
Heiliger Weiser
Berufener
Edler
Würdiger
Gemeiner

Das Holz ist im Wachstum, kann krumm und gerade, Yang und Yin werden. Das Feuer entsteht aus dem Holz, erkennt den Gegensatz. Die Erde empfängt den Samen und bringt tausendfältige Frucht. Das Metall entsteht in der Erde und kann durch Schmelzen jede Form annehmen, und das Wasser fließt zum Ausgleich und befruchtet damit das Holz.

Der Gemeine unterscheidet Nutzen und Schaden für das Überleben, steht zu seiner Motivation. Der Würdige weiß, daß das Leben einen Sinn haben kann und versucht von Menschen zu lernen, die ihn verwirklicht haben. Der Edle schafft diesen Sinn zwischen Te und Tao, Anlage und Weg. Mehr als ein Edler, ein normaler Mensch, kann niemand werden. Doch manchmal sind die gesellschaftlichen Umstände so, daß der Einzelne nicht edel handeln kann, weil falsche Mächtige herrschen. Da greift der Berufene ein: er ordnet die Gesellschaft im Einklang mit dem Sinn, und der Heilige Weise in seiner absoluten Hingabe ist eins mit der Natur und allen drei Welten; durch sein Dasein verwandelt er seine Umgebung und vollendet die Natur zur Kultur.

Das Zeichen in der Mitte der linken Hand zeigt das Verhältnis zu Te, in der rechten zu Tao. Hierdurch kann man erkennen auf welche Weise man zum Akzeptieren seiner Anlage und Motivation und zum Erkennen seiner Aufgabe und Intention gelangt.

Jeder Mensch hat eine Haltung gegenüber der Innenwelt, eine andere zur Außenwelt. Als Kämpfer im Sinne der chinesischen Kriegskünste ist er immer in einer der 64 möglichen Situationen, die sich in jede andere wandeln kann. Durch das Orakel ermittelt er, in welcher er ist und worauf er achten muß. Doch hat er auch sein ganzes Leben als Wollender ein bestimmtes Zeichen, das analytisch zu ergründen ist und ihm seine Stellung in der seelischen Tierwelt zwischen Himmel und Erde vermitteln kann. Die Art und Weise wie er dieses erkennt, habe ich in anderen Büchern beschrieben. Nur jener, der seinen Mars, also sein Metall als Werkzeug zur Vereinigung von Te und Tao einsetzt, ist imstande zur wahren Menschlichkeit zu gelangen.

Die Elementegruppe des Mars schließt den Sauerstoff ein, die Verwandlung toter Materie in Kraft. In der Fischezeit war der Kämpfer und damit das Tier jener, der die Gerechtigkeit in einem Weltausschnitt wiederherstellte. Im planetarischen Bewußtsein der Wassermannzeit ist der Kampf kein Ziel mehr. Der Sinn des Wettkampfes ist auf den Sport übergegangen, wo allein Kompetition positiv ist. Wie schon in Griechenland ist der körperliche Wettstreit eine Möglichkeit, den eigenen Willen ohne Beeinträchtigung anderer durchzusetzen — als Bergsteiger, als Läufer, als Fußballspieler. Dies gibt den Zuschauern die Gelegenheit, ihre martialische Welt stellvertretend mitzuerleben. So ist die Wiederkehr des olympischen Ideals, so negativ es manchmal durch Interessen verfälscht werden kann, dennoch ein Einstieg in die neue Bewußtheit und zeigt, daß die Kompetition zum tierischen Leben gehört und daß erst jener, der seine Potenz, seine Macht ergriffen hat, die Vorstufe des eigentlichen Menschen darstellt.

Arnold Keyserling
Das große Werk der göttlichen Hände · 1986
I. Teil:Die linke Hand des Mondes
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