Schule des Rades

Arnold Keyserling

Luzifers Erwachen

2. Nichts wissen

Sokrates, dem das Orakel von Delphi bestätigte, daß er der weiseste aller Griechen sei, wußte nur eines sicher: daß er nichts wisse. Wissenschaftliche Denker sehen in diesem Postulat entweder Bescheidenheit, oder die banale Feststellung (wie etwa Weizsäcker) daß er unterscheiden konnte, wo er wußte und wo nicht, daß er also seinen Wissensstand bewußt hatte. Aber Sokrates meinte etwas tieferes, das gleiche wie die Zen-Buddhisten: nur dann kann der Mensch frei sein, wenn er nicht durch Vorstellungen bestimmt wird, wenn seine Entscheidung wirklich spontan, aus dem Nichts heraus erfolgt: aus eine Leere. Das Bewußtsein muß leer sein, um einen Inhalt aufnehmen zu können. Hier zeigt die Bedeutung des Wortes den Zusammenhang: Sein ist das Zusammenfügen, wie im logischen Urteil, bewußt der Inhalt.

Die europäische Philosophie hat diesen Zusammenhang seit Aristoteles verfälscht gesehen. Deshalb stehen der wahren Erkenntnis solche Schwierigkeiten entgegen: Für Aristoteles war potentia, das Nichts, Charakteristik der Materie, des in Bewußtseinssprache inhaltlichen Pols. Die Tatsache, daß ein Holz noch nicht ein Tisch ist, befähigt den Menschen, aus dem Stoff durch Verwirklichung einer vorgegebenen Form einen solchen anzufertigen. Form, Gott und Sein hingegen galt als actualitas, als wirklich und wirkend. In den alten Philosophien dagegen war potentia der Urquell: chinesisch steht Wu Chi, die Möglichkeit, vor der Wirklichkeit Tai Chi, Brahman bei den Indern ist das Unerschöpfliche, das das Endliche gebiert. Die Null, nicht die Eins wie bei Plato oder Plotin war die Chiffre für Weltenursprung und Gottheit; wird die Eins dazu erklärt, so verdammt sich der Mensch — in hegelscher Terminologie — zum unglücklichen, entfremdeten Bewußtsein.

Das Nichts wird nicht ohne weiteres zum Träger des Wesens. Seit altersher wurde dieser Subjektwechsel mit dem Begriff Erleuchtung umschrieben. Psychologisch bedeutet dieser Vorgang, daß das inhaltsleere Licht der Aufmerksamkeit zum Subjekt erwacht, womit die denkerische Subjekt-Objekt-Spaltung überwunden erscheint. Ist nun aber Gott eine Einheit eine Person oder Persönlichkeit, wie im neueren christlichen Weltbild — dann hält natürlicherweise auch der Mensch an dieser Ichheit fest, da sie ja gottähnlich wäre, und die Befreiung wird nicht nur schwierig, sondern unmöglich; wie sollte einer etwas erreichen, wonach er sich garnicht sehnt?

Philosophie gilt heute als Wissenschaft: ein System soll der Welt zugrundeliegen, oder wenigstens den Zusammenhalt der einzelnen Wissensgebiete darlegen. Damit wird die Welt verdoppelt. Daß sie zusammenhält, wird niemand füglich bezweifeln. Aber was sie zusammenhält, kann nicht in Inhalten ausgedrückt werden. Spinoza sagt und Hegel wiederholt: omnis determinatio est negatio. Wenn jede Bestimmung eine Begrenzung ist, so kann das zusammenhaltende Sein sich in keinem Inhalt befinden. Zusammenhang bedeutet letztlich Beziehung, Beziehung wiederum läßt sich auf Zahlen oder Zahlenverhältnisse zurückführen. Es kann ein Bild des Zusammenhanges geben, sofern sich dieses auf den Elementarcharakter beschränkt. Aber wie das periodische System der Elemente in keinem Bergwerk zu finden ist, sondern die Art und Weise anzeigt, wie die Stoffe als Mischung, als Kombination einfacher Teile zu verstehen sind, ebenso bestimmt das philosophische System — soll es seinen Sinn erfüllen — nur die Art und Weise, wie dieses Wissen zustande kommt. Und Wissen, als Brücke verstanden, bedeutet einen Aspekt der Wirklichkeit, den die Funktion des Denkens in gleichem Sinne wahrnimmt — man sagt besser erkennt — wie der Gesichtssinn die Farben, der Tastsinn Druck und Härte, und der Gehörsinn Ton und Schall.

Hier sah die mittelalterliche, scholastische Philosophie klarer als die moderne Erkenntnistheorie, wenn etwa Thomas erklärte, daß philosophisches Erkennen sich auf die species beziehe: auf die Werkzeuge des Wissens und nicht auf dieses selbst. Die Grammatik stellt ein solches Wissen dar, das unbewußt werden muß, um funktionsfähig zu bleiben; man kann nicht gleichzeitig auf die syntaktische Struktur und die Botschaft einer Aussage achten. Man kann es aber hintereinander. Die Art und Weise, wie Wissen zustande kommt, gehört immer noch zur Welt und nicht zum Sein. Dieses läßt sich überhaupt nicht begrifflich bestimmen — es läßt sich nur erleben.

Aus diesem Grunde haben die meisten Mystiker den Weg des Denkens überhaupt abgelehnt, indem sie erklärten, es könne niemals aus dem Teufelskreis des Ichs hinausführen.

Aber das Denken ist nicht nur bestimmend, es hat auch eine kritische, klärende Funktion. Es kann das Bewußtsein so in die Enge treiben, daß dem Menschen nichts anderes übrig bleibt, als den Sprung in die Freiheit zu wagen: das Denken kann den Platz der Leere konstellieren. Auf paradoxe Weise tun dies die Koans der Zen-Buddhisten, etwa die Konzentration auf den Laut einer Hand beim Zusammenschlagen der beiden: das Denken wird gesprengt. Aber dann kann man gleichsam nur von drüben her andere zum gleichen Sprung anlocken, wie ja auch die Koans zum Lehrstoff bestimmter Übungsschulen wurden. Der gleiche Weg läßt sich rational begehen: es gilt nicht, wie Wittgenstein noch im Traktatus wollte, die Brücke dann abzubrechen — die Leiter wegzuwerfen, auf der er hinaufgestiegen ist — sondern sie fest im Subjekt zu verankern, auf daß sie fortan dem Verkehr zwischen Mensch und Wirklichkeit, nullhaftem Subjekt und dinghaftem oder energetischem Wirken diene.

Vom Denken her ist offensichtlich, daß das Subjekt leer sein muß, um Etwas als Inhalt zu erkennen und dem Bewußtsein einzuverleiben. Dieses Nichts, mathematisch die Null, ist unbegrenzt, unendlich, es bestimmt die Möglichkeit. Aber damit erschöpft sich sein Charakter nicht: es bedeutet ferner die Übergänge zwischen gegensätzlichen Qualitäten.

Unendlich kleine Bewegung ist Ruhe, sagt Leibniz: hier bedeutet unendlich-klein den Umschlag einer Qualität in ihr Gegenteil. Logik unterliegt dem Satz vom Widerspruch: wenn etwas wahr ist, so ist sein Gegenteil falsch. Doch die Fähigkeit, etwas und sein Gegenteil zu bestimmen, setzt deren intensiven Zusammenhang voraus: Gegensätze sind der Stoff des Wissens, ihr Gebrauch ist der Vorgang des Denkens.

Die Gebäude der Wissenschaft reichen nicht hinauf bis zu diesem Gegensatz. Ihr Ansatz ist allemal eine These, sei diese willkürliche Hypothese oder evidentesAxiom, das keiner Rückführung bedarf, wie etwa Medizin auf dem Willen zur Heilung beruht, Physik auf der Sehnsucht nach Erkenntnis der materiellen Welt. Zwischen Physik und Medizin gibt es viele Berührungspunkte, aber letztlich entstammen beide einem metalogischen, metaphysischen Zusammenhang: jenem, Thesen zu schaffen oder auch zu verwerfen. Denken gebraucht die Logik wie der Maler die Gesetze der Farben und Formen; es wird durch diese nicht erschöpft. Die logischen Prozesse sind unterhalb des Denkens, sie werden besser durch Computer ausgeführt. Diese Entdeckung ist das Verdienst der deutschen dialektischen Philosophie, insbesondere von Fichte und Hegel, der die modernen soziologischen Bewegungen entstammen. Aber wiederum hat sich in diesem Ansatz die alte Vorstellung eingeschlichen, daß auch das Bewußtsein als These, als Etwas verstanden werden müsse, und so begann die Suche nach seiner Bestimmung:

  • bei Fichte im sich selbst setzenden Ich,
  • bei Hegel im Fürsichsein,
  • bei Feuerbach im Vermögen der Produktion,
  • und bei Marx im Klassenbewußtsein des Arbeiters.

Ich, Fürsichsein, Produktivität und Arbeiter sind allesamt Inhalte: daher führt keines aus dem unglücklichen Bewußtsein hinaus; der Mensch wird selbst wiederum Objekt seines Denkens, ein Inhalt, und damit zur Endlichkeit verdammt.

Dennoch birgt die Dialektik den Schlüssel zur Wahrheit: das Sein ist das Nichts, vom Inhalt her gesehen. Gleichzeitig ist es allumfassend, wie Hegel richtig sagte, da jede Bestimmtheit schon eine Negation, eine Beschränkung darstellt. Doch dieses Sein — dem wir im Denken als der grammatikalischen Copula, der Fähigkeit des Verknüpfens begegnen — ist nicht statisch; es ist dynamisch. Die Welt bedarf keines ersten Bewegers, da jedes Atom sich bereits in ewiger Bewegung befindet; sein Sein stellt die Möglichkeit dar, in den Wandel verknüpfend und trennend einzugreifen: es entspricht somit psychologisch der Funktion des Wollens, dem Entscheiden und Entschließen, dem Ja und Nein.

Die Dialektik der deutschen Idealisten und Materialisten erschöpfte sich in der Horizontale, wenn das Schema auch kreisförmig — wie bei Schellings Erklärung der Natur — zum Ausgangspunkt zurückkehrt, bleibt es dennoch linear. Die andere Seite des Denkens ist ihm verschlossen: sie beruht auf der Tatsache, daß jedes Wesen im evolutiven Aufstieg begriffen ist, und sein Bewußtsein von weniger nach mehr strebt. Der Mensch wird als Wesen am einfachsten durch die Triade Körper-Seele-Geist bestimmt. Der Körper ist hierbei der stoffliche, die Seele der personale, und der Geist der mentale Aspekt. Die traditionelle exoterische Philosophie beschränkt diese Triade auf den Menschen; die esoterische, allen voran die Alchemie des Paracelsus, erkennt in dieser Beschränkung einen schwerwiegenden Irrtum. Für ihn gibt es keine tote Materie, die belebt oder bewegt werden müßte, sondern alles, vom Mineral und den Metallen über die Pflanzen und Tiere bis zum Menschen hat einen stofflichen, einen seelischen und einen geistigen Aspekt.

  • Der stoffliche Aspekt ist die objektiv nachweisbare chemisch-physikalische Zusammensetzung.
  • Der seelische ist die personale oder qualitative Kontinuität.
  • Doch der geistige ist der Zusammenhang der Wesenheit oder Monade mit allen anderen, welcher nur durch die vertikale Richtung der Entwicklung zum Bewußtsein hin verständlich wird.
Arnold Keyserling
Luzifers Erwachen · 1972
2. Nichts wissen
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