Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

VI. Meisterspiel

Vier Attraktoren

Der Urgrund der Welt ist nicht der Kosmos in seinen drei Aspekten, sondern das Chaos mit seinen vier Attraktoren. Das Gewahrsein verwendet sie, um die Vielfalt der Welt zu leben. In unserem Kartenspiel gliedern wir sie folgendermaßen:

1. Karokarte der Materie
2. Treffkarte des Bewußtsein
3. Herzkarte der Energie
4. Pikkarte der Selbstorganisation

Die Deutung der neun Ziffern als Sinnträger läßt sich in der Grammatik erweisen, dem Enneagramm als Urcode der Semiotik. Deren Begründer Charles S. Peirce unterschied wie erinnerlich drei Bedeutungen der Worte: semantisch, syntaktisch und pragmatisch.

  • Semantisch ist die Bedeutung an sich, wie etwa der Begriff Tisch einen klar bestimmbaren Inhalt hat. Für uns sind es die Kennworte der Karten als Sinnträger.
  • Syntaktisch ist die Beziehung zu anderen Worten; sie ergibt sich im Legen der Karten in bestimmten Konfigurationen.
  • Pragmatisch ist der Sinn für einen selbst. Dieser entsteht aus der existentiellen Frage, die man stellt, und der Antwort, die man annimmt.

Die neun Ziffern vereinen in der Semiotik Quantität und Qualität. Die grammatikalischen Klassifikationen, die Wortarten sind nur Sinn. Wir werden sie daher vierfältig abwandeln:

  1. Die Anerkennung der Gesetzlichkeit der Abläufe der Wirklichkeit, wie sie mathematisch durch den Torusattraktor zu veranschaulichen ist. Sie bringt die Einsicht in die Phänomenologie der Materie, so daß die Wahrnehmung keiner Täuschung unterliegt: das Gesetz der Sinne ist das Gesetz des Sinnes; die Empfindung richtet sich auf die Körperwelt, und die Kriterien sind die makrokosmischen der Astrologie.
  2. Bildung des Bewußtseins zwischen Seele und denken, des Gedächtnisses mit Hilfe des Grenzzyklusattraktors. Hiermit werden alle Zusammenhänge logisch in der Gliederung Einsichtig und operativ. Der Sinn liegt im Sein, im Urteil der prädikativen Aussage.
  3. Die Anjochung der Energie mittels der Kriterien des Mikrokosmos, des Fixpunktattraktors, der Anziehung, Abstoßung und der Sattelpunkte. In der Motivation kommt die Energie des geistigen Fühlens vom Mangel an Gleichgewicht, in der Intention über die Integration eines neuen Zusammenhangs. Das Fühlen ruht auf den Sattelpunkten des erreichten Energiepotentials, seine Qualität ist Stärke.
  4. Die Selbstorganisation — der seltsame Attraktor — wird vom Subjekt an der Nahtstelle von Wirklichkeit und Möglichkeit getragen. Das Chaos wird durch den Menschen zum Kosmos, wobei jede Entscheidung und Einsicht, wenn sie einer Zahl untergeordnet ist, sinnvoll wird. So besteht die Selbstorganisation im Weg vom Wollen zum Gewahrsein, vom Westen zum Osten, oder vom Osten zum Westen. Man wählt einen Sinn oder erlebt eine Offenbarung. Die Selbstsucht läutert sich durch Öffnung zu den jenseitigen Mächten zur Liebe, die schließlich alle Wesen umfaßt und damit ihre Heimat in der Ganzheit findet. So ermöglichen Zahlkarten, der Vorgang ihrer Auswahl, die Kosmisierung.

Die Tierkreisbilder jeder Farbe entsprechen in den traditionellen Karten, Bub, Dame und König, in der Handwerkstradition Lehrling, Geselle und Meister. Zum Beispiel: Das Inbegriffspaar Seele-wollen, Dame, Widder hat als Kennwort die Persönlichkeit, als Beifügung die Entwicklung im Lebenskreis von null bis sieben Jahren, die Ritualisierung des Alltags in der Widderzeit und schließlich die physiognomische Entsprechung als Kopf des Großen Menschen.

Das Chaos wird durch Mischen, Abheben und Legen der Karten angejocht. Es gibt eine praktische unendliche Variabilität der Kombinatorik. Das Spiel wird in der Gemeinsamkeit der Freunde ausgeführt, ohne Gewinn oder Verlust. Es erhebt das Subjekt der Beteiligten vom Bewußtsein auf die Ebene des Gewahrseins, negative Assoziations­ketten werden gesprengt.

Einen wirklichen Nutzen hat der Fragende vom Spiel nur dann, wenn er anschließend nach dem erkannten Einsichten handelt und diese seinem Dasein als neue Zukunft hinzufügt.

Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD