Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das magische Rad Zentralasiens

VI. Meisterspiel

Das Spiel

Das Spiel ist ein Sinnorakel. Es verlegt das Bewußtsein an die Nahtstelle zwischen Raumzeit und Null, von wo aus es sich vierfältig zu einer ganzheitlichen Schau entfaltet. Es verlangt ein keimhaftes Denken, das über die Karten Einblick gewinnt, wie eine Situation auf das innere Selbst, den Wesenskern und damit auf die Beziehung zum Göttlichen abgestimmt werden kann.

Beispiel einer Situation: Eine selbständige junge Frau — sie hat eine Arbeit, die den Lebensunterhalt gewährleistet — hat beschlossen, eine Kunstausbildung zu beginnen. Ein Lehrerwechsel macht die Studenten unglücklich. Die Frage ist: kann sie Widerstand leisten, aussteigen oder mitmachen, ohne ihre Einstellung zur Kunst zu verraten? Es beschäftigt sie seit Tagen.

Der Freundeskreis versucht erst einmal herauszufinden: ist diese Ausbildung eine Initiative, die auf einen weiteren Schritt im Wirkfeld gerichtet ist? Das wäre die Sieben. Die Teilnehmer gehen alle Karten durch.

  1. Eine einzige Karte wird man nur ziehen oder auflegen um zu sehen: was fördert derzeit meine ganzheitliche Einstellung.
  2. in der Partnerfrage: ich links, du rechts.
  3. Wie kann ich ein bestimmtes Ziel erreichen? Senkrecht übereinander gelegt: Ansatz — Methode — Ziel
  4. Wie kann ich meine Mitte finden zwischen empfinden, denken, fühlen, wollen?
  5. betrifft Selbstverwirklichung.
  6. betrifft das Wirken in Gemeinschaft, Kommunikation.
  7. betrifft Initiative und dynamischen Fortschritt.
  8. werde ich auflegen, wenn ich mich in gegebenen oder bevorstehenden Umständen, die mich überfordern, den Kräften des Raumes öffnen will, um mit ihrer Hilfe harmonisch zu wirken.
  9. ist der Lebensentwurf. Die Figur werde ich auflegen, wenn ein neuer Abschnitt des Lebens eine Umordnung oder Neuordnung all meiner Kräfte verlangt.

Nun gehen wir zurück zu unserem Beispiel. Die Teilnehmer, die die Struktur kennen, werden sie nur im Flug durchgehen und bloß bei der einen anderen Zahl länger beraten. In diesem Fall kommen die Teilnehmer zur Übereinstimmung, daß die Ausbildung der Freundin in erster Linie auf Selbstverwirklichung zielt. Es ist die 5.

Einer mischt die Karten. Sie hebt dreimal ab (fügt die Karten wieder zu einem Stoß zusammen, so daß das vormals unterste Drittel jetzt zu oberst liegt), und legt die Karten ohne Vorgegebene Reihenfolge verdeckt im Fünfstern auf. Nachdem es ein Fünfstern ist, wird er mit dem Bild des Menschen in Entsprechung gesetzt.

P e n t a g r a m m

Dann dreht sie nach ihrem Gutdünken (keine Reihenfolge) eine Karte nach der anderen auf. Alle versuchen die Karte — nach ihrer Zugehörigkeit zur jeweiligen Reihe — zu deuten.

Das Verständnis entsteht durch den Zusammenhang von Raum und Zeit. Räumlich ist die Struktur des Fünfsterns; die Karten sind der zeitliche Faktor. Sie zeigen die derzeitige Möglichkeit der Einstellung auf den Sinn,

Auch das Aufdecken der Karten ist ein Frage-Antwort-Spiel.

In diesem Fall:

  • Linke Hand: Worauf kann ich mich im Tun gründen?
  • Rechte Hand: Was ist das primäre Handeln?
  • Linker Fuß: Was gibt mir Stand?
  • Rechter Fuß: Was ist der nächste Schritt?
  • Kopf: Was führt mich in die Selbstverwirklichung?

Am Ende ist der Fragenden aus den Karten klar geworden, daß die unliebsamen Umstände für ihre Bestrebungen nach Selbstfindung über die Malerei kein unüberwindliches Hindernis bieten.

Aus dem Hinundher der Überlegungen ist eine ganzheitliche Schau geworden, die wie eine kraftvolle Ahnung in die Tiefe des Wollens dringt. Die einzelnen Worte der Suche nach Erläuterung sind wie weggelöscht; was bleibt, ist die dynamische Einstellung auf den Sinn im Tun.

Ein anderes Beispiel: Wiederum hat ein Teilnehmer, Pädagoge, eine weitere Ausbildung begonnen, die mühsam ist und zeitweise sinnlos erscheint. Frage: Was kann das Weitermachen für einen Sinn haben?

Es stellt sich heraus, daß diese Ausbildung eine Initiative war und ist, die unmittelbar mit dem Beruf verknüpft eine weitgehende Auswirkung in der Arbeit bringen soll. Wir verstehen die Frage als 7. So legt er einen Siebener auf, den er mit den Tagen der Woche in Beziehung setzt. Die Planetenstruktur der Woche ihm ein Hinweis geben.

W o c h e

Hier ist es eventuell zweckmäßig, die Karten in der Reihenfolge der Woche aufzudecken.

M O N D
1 Montag
Welche Karte liegt am Platz der Vorstellung des Mondes?
M A R S
2 Dienstag
Worauf kann sich die Initiative richten, um in die Dynamik der Sieben zu gelangen?
M E R K U R
3 Mittwoch
Was muß ich unterscheiden, beurteilen, unternehmen?
J U P I T E R
4 Donnerstag
Wo liegt der ganzheitliche Zusammenhang in diesem Tun, wie kann ich ihn sehen und schaffen?
V E N U S
5 Freitag
In welcher Weise kann ich kreativ sein?
S A T U R N
6 Samstag
Worin liegt meine Verantwortung?
S O N N E
7 Sonntag
Welche Bereicherung erfährt mein Wesen aus diesem Rhythmus?

Um die gewonnene Erkenntnis aus der Betrachtung der aufgelegten Karten noch wirksamer zu machen, kann man die Woche auch tatsächlich durchspielen, indem man sich jeden Tag auf dessen Eigenart besinnt.

Die Karten bergen keine negative Aussage. Wenn zum Beispiel irgendwo die 8 der  Reihe auftaucht, erklären, dann ist es eine positive Anregung, beziehungsweise Weisung, und ich werde aus Erfahrung wissen, wo mangelhaftes Erklären unangenehme Folgen zeitigte.

Um die Frage geht es in diesem Spiel. Die erste bestimmt die geometrische Figur, in der die Karten aufgelegt werden. Hier wird uns bewußt: Besinnung auf die Zahl vereint notwendig ihre arithmetische (zeitlich) und geometrische (räumlich) Eigenart. Wenn die Null die neun Schöpfungsprinzipien birgt, so sind in ihr als Einheit, Zweiheit, Drei-, Vier-, Fünfheit etc. auch die geometrischen Figuren potentiell enthalten. Die Neun sind in ihrem geometrischen Aspekt ebenfalls Schöpfungsprinzipien der Verwirklichung. Wenn sie die geometrischen Figuren betrachten, können sie bereits vieles ablesen:

E i n sZ w e iD r e i
V i e rF ü n fS e c h s
S i e b e nA c h tN e u n

Noch ein paar Beispiele:

Die Zwei, wie immer Sie sie auflegen, verbindet ein Gegenüber, verwandelt es in Komplementarität.

Geist
Körper
D r e i e c k
Seele
Die Drei könnten sie auch im Dreieck auflegen, im Urstruktur des Rades. Dann werden sie Aufschluß erhalten: Was ist derzeit meine vordringlichste Einstellung, geistig, seelisch, körperlich? Ich habe die Frage gestellt.

Geistig kann ich auf die Mantik vertrauen, den Zufall als Omen einbeziehen ( 8); seelisch sind die Situationen über das Denken zu begreifen ( 2); körperlich, also praktisch muß ich bereit sein die Öffentlichkeit, vielleicht beruflich neue Möglichkeiten einbeziehen ( Dame).

Die Karten sind nur die Mittler. Aus jeder Fragestellung wird sich die Antwort etwas anders gestalten im kreativen Verständnis des einzelnen.

Betrachten sie die Reihe der Figuren weiter. Welche führt in die Mitte? Welche verbindet die Punkte in einem Rhythmus der sich durchziehen läßt? Die 8 ist bereits recht komplex; deshalb legen wir sie im Viereck auf, wie die Himmelsrichtungen im Rad, weil das übersichtlicher ist. Das Neuneck ist so vielfältig wie die Neunheit unserer Begabungen (unsere Wirkweisen), so daß wir in Verwirrung geraten, wenn wir sie nicht über die Enneagrammfigur erfassen.

Gehen wir noch einmal die Struktur der Fragen durch.

  1. Manche Fragen sind mit einer einzigen Frage zu beantworten. Beispiel: Ich fühle mich geschwächt, müde; wo liegt der Zugang zu meiner Kraft? Oder: Wie stoße ich zu meiner Vision durch? Oder: Wo liegt mein nächster Schritt?
  2. Die Zahl des Gegensatzes, zum Beispiel Möglichkeit (links) Verwirklichung (rechts); Motivation — Intention. Beispiel einer Frage: Wie kann die Verschiedenheit zwischen mir und dem Partner zur Komplementarität werden? Ich links, Du rechts.
  3. ist Bewegung, Fortschritt, Entwicklung. Ich habe das Gefühl zu stagnieren. Hier würde ich die Karten senkrecht auflegen. Unten: wo setzt meine Entwicklung an? Mitte: Welche Mittel und Methoden kann ich einsetzen? Oben: Wohin führt mein Weg?
  4. Wenn mir scheint, daß ich mich in alles mögliche eingelassen habe, mich im Tun in einem einseitigen Wirken und Werken verliere, oder mich emotionell identifiziert habe und den Ausgleich der vier Funktionen wieder herstellen möchte, kann ich über die Vier Antwort finden und mich zentrieren.
  5. Ein Beispiel für die Fünf haben wir bereits behandelt.
  6. Eine Freundin trifft sich wöchentlich mit einer Gruppe, die sie in das Verständnis des ihr wesentlichen Wissens einführen möchte. Ihre Frage lautet: Worauf soll ich in dieser Arbeit achten, auf daß sie einführend wird?

    S o l a r e · Z e i c h e n

    Sechs ist die Zahl der Gemeinschaft. Wir sehen den Sechsstern im Tierkreis. Die Plätze Widder, Löwe, Schütze werden Aufschluß über die persönliche Einstellung, das nötige Können und das Ziel geben, das Dreieck Zwillinge, Waage, Wassermann über die Art des Lehrens, die Beziehung zu den Teilnehmern und letztlich den denkerischen Zusammenhang und Vorgang des Zusammenwirkens.

    Die Sechs gibt also Aufschluß auf die Frage: Wie kann ich mit den Menschen, mit denen ich zu tun habe (oder zu tun haben werde) richtig umgehen, so daß das Zusammenwirken allen etwas bringt?

  7. Auch die Sieben haben wir bereits erläutert.
  8. Die Strukturen bis sieben werden jedem bald einsichtig. Die Acht ist vielen noch fremd, weil die yinhafte Wesenheit des mütterlich bergenden Raumes seit Jahrtausenden der väterlich yanghaften kosmischen Macht im Bewußtsein gewichen ist. Die Ausrichtung der alten Steinkreise ist noch Zeuge dieser verschollenen Kenntnis. Nur wenige nordindianischen Stämme haben sie bis heute bewahrt.

    Wir müssen uns immer wieder bewußt machen, daß wir auf achtfältige Weise über die Himmelsrichtungen empfangen. Acht Arten der Kraft kommen uns zu, wenn wir uns öffnen, das heißt in Beziehung setzen können. Wir sind nicht abgeschlossen, sondern mit dem ganzen All verbunden, von den Raumrichtungen getragen, während wir neunfältig im Zwölferkreis der Zeit wirken.

    Wir sind Teil der Natur, haben die Wesensart des Feurigen, des Mineralischen, des Pflanzlichen und Tierhaften in uns, können uns daher mit den Wesenheiten in Beziehung setzen: 1, Macht des Feuers; des Lichts; 2, des Erdhaften, Mineralischen; 3, des pflanzlichen Wachstums; 4, der tierhaften Weisheit und Strategie. Auch 6, die Ahnen, 7, die Elementargeister, 8, die Engel und alle kosmischen Helfer und 9, die Musen, die Inspiration im Wirken und Verwirklichen sind bereit, uns ihre geistige Kraft zukommen zu lassen, wenn wir sie ansprechen.

    Wie wir uns einstimmen auf die Achse Himmel-Erde und die acht Mächte der Himmelsrichtungen, haben wir in vielen Seminaren erfahrbar gemacht. Hier wollen wir die Raumstruktur in Beziehung zum Kartenspiel klären. Die 8 werde ich auflegen, wenn ich mich in einer gegebenen Aufgabe, die mir zukommt, überfordert fühle; wenn ich mich frage, wie ich das alles mit Gelassenheit schaffen kann.

    D e r · h e i l i g e · R a u m

    Ich besinne mich kurz auf meine senkrechte Achse: Himmel-Erde. Dann wende ich eine Karte nach der anderen um und betrachte den Zusammenhang (in meinem Beispiel tue ich das der Klarheit wegen in gegebener Reihenfolge).

    T r e f f - 3H e r z - B u b eP i k - 3
    T r e f f - 4
    P i k - 9
    H e r z - 10K a r o - 8H e r z - 6
    O
    Wie kommt mir die Kraft der Erleuchtung zu? — 3, also im Lernen und Lehren kann ich von der Macht der Erleuchtung getragen sein.
    W
    Wann kann ich mich auf die Macht des Ergreifens und Einstehens stützen? — 6. Wenn es um das geht, was mir am wertvollsten erscheint.
    S
    Wie finde ich Vertrauen und Unschuld? (Unschuld bedeutet, daß ich mich heute nicht von den Schwierigkeiten der Vergangenheit beeinträchtigen lasse) — 3. Auf dem Platz des Vertrauens liegt die Karte des Vertrauens aus der Reihe der Selbstorganisation. Ich muß mich entscheiden in dieser Situation (Aufgabe), auf deren Entwicklung und Entfaltung zu vertrauen.
    N
    Wie erreiche ich Weisheit? — 10. Durch Güte.
    SO
    Wie wann und worin helfen mir die Ahnen? — Bube. Wenn ich ein Glaubender bin.
    SW
    Wann helfen mir die Elementarkräfte? — 9. Wenn ich mich den Musen — ich nenne sie Inspiration der Verwirklichung — anvertraue, entschlossen ein Mitwirkender am Werk der Erde zu sein.
    NW
    Wann kann ich Beziehungen zu den Engeln erfahren? — 8. Im Bereich meiner Verantwortung.
    NO
    Wann helfen mir die Musen, die Mächte der Verwirklichung? — 4. Wenn meine Wunschkraft des Mondes zur klaren Vorstellung wird.

    Das Aufdecken jeder Karte erweckt die kreative ganzheitliche Schau der Teilnehmer, die von einer tiefen Ahnung zur Vision werden kann.

    Mein Beispiel ist skizzenhaft, denn der Zusammenhang Person-Situation ist immer einzigartig. So ist jeder, der eine Karte aufdeckt und betrachtet, ein Entdecker. Und jeder ist schöpferisch Mitwirkender an diesem Spiel, das Sinn und Leben vereint, wenn er versucht, Person, Situation, Struktur und Zahl in der Anschauung zu verbinden und in Wort und Satz auszudrücken.

  9. Auch das Enneagramm war in Vergessenheit geraten. Es wurde von Gurdjieff wiederentdeckt und erforscht, von seinen Schülern in Übungen verwendet und getanzt, aber nicht systemisch im Tierkreis integriert. Es ist für das Verständnis der Wirkkräfte des Menschen und der Planeten unerläßlich. Ich habe es ausführlich in meiner Anlage als Weg geschildert, und Sie haben sich ja bereits mit dieser Planetenordnung beschäftigt. So will ich nur kurz wiederholen: Die neun lege ich auf, wenn ich vor einer neuen Phase des Lebens stehe, die eine Umordnung all meiner Kräfte verlangt. Ich skizziere die Fragen in der Zahlenordnung, die mir jetzt einfällt.

    E n n e a g r a m m

    7
    Worin liegt meine Initiative?
    1
    Wie schaffe und wahre ich den Zusammenhang?
    4
    Wie kann ich meine Vorstellung einsetzen?
    2
    Worin liegt meine kreative Wirkung in diesem Entwurf?
    8
    Was ist von mir zu verantworten und zu organisieren?
    5
    Wo muß ich genau unterscheiden und urteilen, um ein Resultat zu erzielen?
    3
    Wie kann ich (und wir, die Menschen, die es betrifft) im Lernen und Lehren in Erkenntnis fortschreiten?
    6
    Wie erreiche ich Kommunikation und gemeinschaftliches Wirken?
    9
    Wie kann sich mein Entwurf verwirklichen, welche Wirkung kann er zeitigen?
Arnold Keyserling
Das magische Rad Zentralasiens · 1993
Schlüssel der Urreligion
© 1998- Schule des Rades
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